Die Bonifatiuskirche in Schenefeld gilt in der historische Überlieferung als die Mutterkirche der Holsteiner. Ihr Mauerwerk besteht aus einem zweizonigen Aufbau, das auf das 9. und 12. Jahrhundert datiert wird, wobei der ältere Teil Spuren karolingischer Bautechnik zeigt. Somit ist in ihrer Bausubstanz Mauerwerk der ältesten Kirche Schleswig-Holsteins sichtbar erhalten. Sie ist das Gotteshaus der Kirchengemeinde Schenefeld im Kreis Steinburg in Schleswig-Holstein. 1923 wurde an die Südseite die von Jürgen Kröger entworfene Ehrenhalle für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs als Seitenportal angebautRendsburger Tageblatt vom 17. Oktober 1923. Die Kirche gehört zum Kirchenkreis Rendsburg-Eckernförde der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland. mini|Bonifatiuskirche Schenefeld

Geschichte

Die erste schriftliche Überlieferung liefert der Kleriker Adam von Bremen 1075. Er schreibt in seiner Hamburgischen Kirchengeschichte im zweiten Buch, Kap. 15: „…Die überelbischen Sachsen bestehen aus drei Völkern; die ersten am Ocean wohnenden sind die Tedmarsgoer (Ditmarscher) deren Mutterkirche zu Melindorp (Meldorf) ist; die zweiten die Holseten (Holsten) so genannt nach den Holzungen, an denen sie ihre Sitze haben. Durch das Land derselben fließt die Sturia (Stör), und ihre Kirche liegt zu Scanafeld (Schenefeld). Die dritten und angesehensten werden Sturmaren genannt…“Die Identität von Scanafeld mit Schenefeld ist nachgewiesen durch sächsische Grubenhausfunde und deren 14C-Datierung auf die Zeit kurz vor und um 800.Grabung: Archäologisches Landesamt Schl.-Holst. 2007, Grundstück: Holstenstraße 23.

Die Gründung der Bonifatiuskirche in Schenefeld lässt sich damit auf die Jahre 811/14 n. Chr. zurückführen.

Mutterkirchenzeit 804 unterwarf Karl der Große die sächsischen Gaue diesseits und jenseits der Elbe, führte zehntausend Sachsen von diesseits und jenseits der Elbe ins Frankenland und legte dessen nördlichste Grenze am Elbeverlauf fest. Nordelbien überließ er den Abodriten als Puffer zu den heidnischen Nordvölkern. Doch der gewünschte Effekt, ab jetzt Ruhe an der Nordgrenze zu erreichen, erfüllte sich nicht. Laut Einhard, Kaiser Karls Chronist, beschloss „Der Kaiser aber …, da ihm so viel von den Anmaßungen und den Übermut des Dänenkönigs gemeldet wurde, jenseits der Elbe eine Stadt zu gründen und eine fränkische Besatzung hinein zu legen…“ Um 809 schickte er Kundschafter in das Gebiet jenseits der Elbe, um einen geeigneten Ort zu suchen. In Holstein an der Stör und deren Hinterland wurden sie fündig, auf dem Breitenfelde setzten sie ein Wegezeichen: den heutigen Krinkberg (münzdatiert vor 800).

„Der Kaiser aber beauftragte, als der Ort gefunden war, den Grafen Egbert mit der Führung der Sache und hieß ihn über die Elbe ziehen und den Platz in Besitz nehmen. Es ist dieser an dem Flusse Sturia gelegen und trägt den Namen Esesfelth, um den fünfzehnten März (809) ward er von Egbert und den sächsischen Grafen in Besitz genommen und zu befestigen angefangen…“

Die Esesfelthburg ist archäologisch belegt. Auf einem Geestvorsprung an der Stör gelegen sicherte sie den Unterlauf der Bekau, den Wasserweg ins Hinterland, der zu dem Breitenfelde führte, wo Egbert im Auftrage des Kaisers eine Stadt bauen sollte. Davor, 811, hatten sächsische Grafen, darunter Egbert, Frieden mit den Dänen geschlossen und die Eider als nördliche Grenze festgelegt. Bevor die Nordelbinger Sachsen fränkische Bürger wurden, mussten sie erst Christen werden. Dafür stiftete der Kaiser für jeden Gau eine Mutterkirche, von denen Adam 1075 berichtet. Die Mutterkirche der Holsteiner steht auf dem nördlichen Teil des Breitenfeldes getrennt durch ein Fließgewässer vor der damals sächsischen Siedlung Scanafeld, das heute nur ein Teil des Kirchendorfes Schenefeld ist. Noch heute ist erkennbar, dass das aufgehende Mauerwerk der Kirchennordwand im Langhaus aus zwei zeitlich getrennten Zonen in unterschiedlicher Bautechnik besteht:

Untere Zone: in karolingischer Schichtbauweise (Anlehnung an die Antike) Anfang des 9. Jahrhunderts. Obere Zone: in Schalbautechnik (Gipsgußtechnik des Typus „Vizelins Kirchen“) aus dem 12. Jahrhundert.

Der Provinzialkonservator Richard Haupt war der erste, der dies 1888 beschrieb. Die Grabung von Alfred Kamphausen 1932 legte im Chor und Langhaus einen Gipsfußboden 0,50 m unter dem heutigen Fußboden frei. Nach heutigen Kenntnissen war es der Fußboden der zweiten Zone, der Kirche aus dem 12. Jahrhundert. In einer Notgrabung am 4. März 2020 fand Reinhard Heesch unter dem Gipsfußboden im Chorraum vor dem Altaraufgang weitere baugeschichtliche Ablagerungen. Direkt unter dem Gipsfußboden befand sich eine Schicht Bauschutt eines zerstörten Mauerwerkes, ca. 20 cm stark, darunter ein ca. 5 cm starker Brandhorizont, den Heesch als „Abluates Ruinensediment“ bezeichnete. Unter dem Brandhorizont ein weiterer Fußboden, ein Artefakt. Er besteht aus drei Lagen:

ca. 8 cm Lehm-Estrich, darunter ca. 3 cm Feinsand-Kalk-Holzasche-Estrich, darunter ca. 20 cm große, dicht an dicht ausgelegte Feldsteine, ihre Zwischenräume liegen hohl (unausgefüllt)

Die Anregung für den Aufbau des Fußbodens findet sich in der Antike. Der Architekt Vitruv beschreibt im 1. Jahrhundert v. Chr. im siebten Buch seiner zehn Büchern der Architektur, wie die Griechen billige Fußböden für im Winter benutzte Räume herstellten. Das karolingisches Handwerk griff zurück auf die Meister der Antike (Karolingische Renaissance); neben der Schichtbauweise der unteren Zone in der Nordmauer ist dieser Fußboden ein weiterer Beleg für die Annahme, dass die Erbauer der Mutterkirche in Schenefeld Karolinger waren. Dieser zusätzliche Befund sichert zweifelsfrei die geschichtliche Ansprache der Bonifatiuskirche in Schenefeld: Sie steht auf den Grundmauern der Mutterkirche der Holsteiner, von der Adam von Bremen 1075 berichtet.

Ruinenzeit Die Kirchen in Nordelbien wurden alle 1032 niedergebrannt, darunter auch die Mutterkirche der Holsteiner in Scanafeld. Der Slawenfürst Godescalk, so berichtet Helmold von Bosau in seiner Chronik der Slaven, hatte ganz Nordelbingen aus Rache für seinen ermordeten Vater überfallen und alles verwüstet bis auf die Feste in Itzehoe und die Bökelnburg. 1067 machte Kruto, Führer der slawischen Abodriten, sich ganz Nordelbingen durch einen brutalen Überfall zinspflichtig. Wann die Mutterkirche in dieser Zeitspanne niedergebrannt wurde, ist nicht überliefert. Hier bezeugt das natürlich entstandene Abluate Sediment mit dem aufliegenden Bauschutt (Trennschicht zwischen den beiden zeitversetzten Fußböden im Profil) im Baubefund, das Geschehenen in der Ruinzeit:

Zinseintreiber und slawische Räuberbanden zogen durchs Land, in Schenefeld wurde in der Ruine der Bonifatiuskirche die innere Verblendmauer der Raseneisenstein herausgebrochen und auf dem nahen Marktplatz verhüttet, bezeugt durch Funde von Raseneisensteinbruch im Bauschutt und von Eisenschmelzgruben auf den Marktplatz über die Baumeister Koch 1950 berichtet.Landesaufnahme SH/STEI,Schenefeld/LA12 In der fast 100 Jahre dauernden Ruinenzeit kehrten viele Hosteiner Gaubewohner ins Heidentum zurück.

Vizelins Kirche Am Anfang des 12. Jahrhunderts kam die Wende. Heinrich, der Sohn Godescalks, hatte die Nordelbinger von der Knechtschaft seines Vorgängers Kruto befreit und sie zu seinen Verbündeten gemacht. Hier ist es nicht die schriftliche Überlieferung, sondern der archäologische Befund an der Bonifatiuskirche, der den weiteren geschichtlichen Verlauf um den Wiederaufbau der Bonifatiuskirche klärt. Der Baubefund des Nachfolgebaues der Mutterkirche lässt sich mit einem Kirchentypus aus dem 12. Jahrhundert abgleichen, dessen Erbauung dem damaligen Priester und späteren Bischof von Oldenburg, Vizelin, zugeschrieben wird.

Anders als es in Helmold von Bosaus Slavenchronik steht, muss schon vor 1120 Erzbischof Friedrich I. und nicht sein Nachfolger Erzbischof Adelbero um 1127 den noch Priester Vizelin nach Holstein geschickt haben, um dort die niedergebrannten Kirchen wiederaufzubauen und den rechten Glauben abermals einzuführen. Nicht zuletzt war in der fast 100-jährigen Ruinenzeit der Zinsfluss aus Holstein an das Bistum Bremen-Hamburg ausgefallen.

Vizelin und sein Gefolgsmann Volkward setzten auf das aufgehende Mauerwerk und teilweise über die Ruine der karolingischen Mutterkirche hinaus den Nachfolgebau. Hieraus erklärt sich der Zweizonenaufbau, der noch heute in der Nordmauer des Langhauses sichtbar den unteren Teil mit den drei romanischen Fenstern und die mit Ziegelsteinen vorgeblendete Nordtür in karolingischer Schichtbauweise zeigt. Allerdings wurde auch sie im 20. Jahrhundert durch moderne Bestandssicherung leicht überprägt. In dem uneinsehbaren Baukörper lässt sich die Zweizonigkeit durch zwei verschiedenen mittelalterliche Mörteleintrage trennen:

karolingischer Muschelkalkmörtel aus Feinsand, Kalk und unbehandelten Muschelschalenbruch Segeberger Gipsmörtel von Vizelins Kirche

Vizelins aufgesetzte Kirche war eine Wehrkirche mit verlängertem Chorhaus; die karolingische Apsis wurde überbaut und in der Chorsüdwand ein Hochportal eingebaut, welches nur über eine Außentreppe zugänglich war. In dem erhaltenen karolingischen Mauerwerk wurden alle Fenster und Türöffnungen zugemauert und vor der Westmauer ein Rundturm mit einem lichten Durchmesser von 5,10 m und eine umlaufende Wandstärke von etwas mehr als 1,00 m gesetzt. Nach den Baubefunden gewinnt man den Eindruck, dass Vizelins Kirche zweistöckig war:

Eine Unterkirche mit zugemauerten Türen und Fenstern (Schutzraum) Eine Oberkirche mit hoch liegendem Eingangsportal und einer Fensterreihe mit schräger Laibung (umlaufender Wehrgang unter den oberen Fensterreihen innen)

Daraus ergibt sich die Frage: Wurde um 1120 in Schenefeld der Prototyp der Vicelinkirchen entwickelt, die nach der Eroberung Wagriens 1138/39 durch die Holsten errichtet wurden?

Kirchenbrand 1628