Die Geisteswissenschaftliche Pädagogik ist eine theoretische Ausrichtung der deutschsprachigen Pädagogik, die Erziehung und Bildung als geistig-kulturelles und geschichtliches Phänomen betrachtet. Die Erziehungswirklichkeit ist dabei immer das Ergebnis einer geschichtlichen und biographischen Entwicklung, was bedeutet, dass man die Bedeutung einer Erziehungssituation nur dann verstehen kann, wenn man die Geschichte des Zöglings und die Geschichte seines Umfeldes mit einbezieht. Die Geisteswissenschaftliche Pädagogik grenzt sich dabei von der Naturwissenschaft ab, wobei die grundlegende Erkenntnismethode der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik die Hermeneutik ist, um die psychischen Zustände eines Menschen in ihrer Bedeutung zu verstehen und ihrem Sinn nach zu deuten. Des Weiteren postuliert die Geisteswissenschaftliche Pädagogik eine relative Autonomie der Pädagogik.

Auch das heute in der Sozialen Arbeit führende Konzept der Lebensweltorientierung bezieht sich in seiner Betonung der Bedeutung des Alltags für die Klienten auf die geisteswissenschaftliche Pädagogik.

Entwicklung Die Geisteswissenschaftliche Pädagogik entwickelte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts, im Zeichen zunehmender pädagogischer Spezialisierung. Zu dieser Zeit gab es eine Erweiterung pädagogischer Arbeitsfelder, welche auf Einsichten über die Wichtigkeit von Erziehung und Bildung beruhten. Damit eröffneten sich Möglichkeiten für institutionalisierte und professionelle Pädagogik, mit einer neuen Art der wissenschaftlichen Herangehensweise, welche der veränderten Praxis angemessen war. Dabei verstand sich die Geisteswissenschaftliche Pädagogik als theoretischer Unterbau dieser besonderen historischen Situation.Vgl. Thiersch In: Lenzen, Enzyklopädie Erziehungswissenschaft. Bd. 1, 1983, S. 81. Sie interpretierte die neue gesellschaftliche Situation in der Absicht, ein durchgängiges Verständnis für das pädagogische Handeln plausibel und verbindlich zu machen.

Die Pädagogik wurde erst spät als eigenständiger Forschungs- und Lehrbereich an den Universitäten eingerichtet. Die ersten reinen Pädagogiklehrstühle wurden in den 1920er Jahren besetzt. Davor waren sie mit anderen Aufgaben gekoppelt oder an andere Lehrstühle angegliedert, wie beispielsweise Philosophie und Psychologie in Verbindung mit Pädagogik. Geisteswissenschaftliche Pädagogik ist ein Sammelbegriff für die vorherrschende Richtung, die sich an den Universitäten verankern konnte und in dieser Hinsicht erheblichen Einfluss gewann.

mini|Ideen, wie sie beispielsweise von Rousseau propagiert wurden, sollten kritisch-konstruktiv hinterfragt und methodisch konsequent weiterentwickelt werden Die Geisteswissenschaftliche Pädagogik hatte sich das Verstehen der Erziehungswirklichkeit, ihrer Entwicklung und ihrer Prinzipien zur Aufgabe gemacht. Sie strebte dabei an, eine theoretische Fundierung der Erziehungswirklichkeit zu leisten, die von der Praxis ausgeht und diese reflektiert. Diese Theorie wiederum sollte, wissenschaftlich abgeklärt, dann den pädagogischen Praktikern als Orientierung und Vergewisserung dienen. Mit diesem Konzept einer Theorie von der Praxis für die Praxis sollte die pädagogische Dimension in der historischen Entwicklung aufgezeigt werden. Diese historisch pädagogische Praxis, die hier interpretiert und reflektiert wurde, waren vor allem reformpädagogische Ansätze, welche dann als wissenschaftlich fundierte Theorien in der gegenwärtigen praktischen Tätigkeit als Orientierung dienen sollten.

Der Begriff Erziehungswirklichkeit deutete das kulturelle System Erziehung dabei als historische Realität, die zwar innerhalb der Gesellschaft, aber dennoch nach eigener Idee wirkt.Vgl. Nohl: Die Pädagogische Bewegung und ihre Theorie. Als Zweck dieser Erziehungswirklichkeit wurde die Realisierung von Bildung begriffen, die in der Mündigkeit der Subjekte resultiert, welche nach den eigenen Möglichkeiten und den gesellschaftlichen Herausforderungen der jeweiligen Zeit erreicht werden soll. Im zentralen Organ dieser Bewegung, der Zeitschrift Die Erziehung, wurde dies 1926 folgendermaßen formuliert:Vgl. dazu Tenorth: Geschichte der Erziehung. S. 226.

Hauptvertreter dieser Richtung der Erziehungswissenschaft waren, in der ersten Generation: Herman Nohl, Theodor Litt, Eduard Spranger, Max Frischeisen-Köhler und in der schulpolitischen Umsetzung Georg Kerschensteiner. In der zweiten Generation sind hervorzuheben: Wilhelm Flitner, Erich Weniger, Otto Friedrich Bollnow und Fritz Blättner.

Ihre Bedeutung verlor die Geisteswissenschaftliche Pädagogik weitgehend durch die von Heinrich Roth propagierte Realistische Wendung der 1960er Jahre, die im Zeichen der Orientierung auf Empirie und Ideologiekritik stand. Sie wurde abgelöst von einer deutlich sozialwissenschaftlich orientierten Erziehungswissenschaft. Pädagogen, die in der Tradition der geisteswissenschaftlichen Pädagogik ihren Ausgang genommen und sie in den 1970ern als kritische Pädagogik beziehungsweise Kritische Erziehungswissenschaft weiterentwickelt haben, sind Herwig Blankertz, Wolfgang Klafki und Klaus Mollenhauer.

Wesentliche Merkmale mini|Wilhelm Dilthey strebte eine einheitliche Begründung der Geisteswissenschaften an und gilt somit als Wegbereiter der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik

Geschichtlichkeit Als Grundcharakteristikum der Erziehungswirklichkeit wird in der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik die Geschichtlichkeit betrachtet. Damit ist gemeint, dass jeder in seinem Denken und Handeln durch seine Vergangenheit bestimmt wird. Außerdem ist der Mensch auch verantwortlich für seine Geschichte, wobei sowohl Tun als auch Unterlassen Folgen hat.Vgl. Danner 1989, S. 22. Der Mensch gestaltet demnach seine Geschichte, wobei das rationale Durchdringen der Geschichte Grundstrukturen aufzeigt, die auch in der jeweiligen Gegenwart noch wirksam sind.

Die Geisteswissenschaftliche Pädagogik hat auch eine Vielzahl historisch-systematischer Untersuchungen der Erziehungswirklichkeit unternommen. Der Grund dafür findet sich in der Annahme der fortwirkenden Bedeutsamkeit von Quellen und Texten auch längst vergangener Epochen, wobei jedes aktuelle pädagogische Problem auf seine historischen Hintergründe zu untersuchen sei.Wolfgang Klafki: Erziehungswissenschaft als kritisch-konstruktive Theorie: Hermeneutik – Empirie – Ideologiekritik. In: Zeitschrift für Pädagogik. 17. Jg. 1971, Nr. 3, S. 361. Dabei sollte die Text- und Quellenforschung der Aufklärung über die geschichtliche Entwicklung der vorgegebenen Erziehungs- und Bildungsvorstellungen dienen,Benner 1991, S. 199. um schließlich mit ihrer Hilfe eben die Strukturelemente herauszuarbeiten, die möglicherweise zur Lösung aktueller Probleme beitragen könnten.

Bei Geschichtlichkeit wird auch die Vorläufigkeit betont, da alle pädagogischen Theorien als dem historischen Wandel unterliegend zu behandeln sind. Nach Auffassung der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik kann es kein zeitlos gültiges System von Erziehungsstilen, Erziehungsinstitutionen oder Erziehungsmethoden geben.Wolfgang Klafki: Erziehungswissenschaft als kritisch-konstruktive Theorie: Hermeneutik – Empirie – Ideologiekritik. In: Zeitschrift für Pädagogik. 17. Jg. 1971, Nr. 3, S. 360.

Hermeneutik mini|Hermes der Götterbote als Grundlage der Hermeneutik? In der griechischen Mythologie jedenfalls war Hermes nicht nur der Überbringer von Nachrichten der Götter, sondern auch der Übersetzer dieser Botschaften. Ohne seine Interpretation könnte man sie nicht verstehen. In der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik steht in methodologischer Hinsicht eine historisch-verstehende Vorgehensweise im Zentrum – die Hermeneutik. Diese wird in Anlehnung an Wilhelm Dilthey als die vorrangige Methode der Geisteswissenschaften allgemein angesehen.

Dilthey war, durch Immanuel Kant und Friedrich Schleiermacher beeinflusst, vor allem der Lebensphilosophie verpflichtet. So betrachtete auch Dilthey das Leben als einheitliche[n], nicht mehr hinterfragbaren Grund,Danner 1989, S. 20. der aus sich selbst heraus verstanden werden soll. Dabei rückt der ganze Mensch in all seinen Lebensbezügen in den Mittelpunkt.Vgl. Gudjons 1995, S. 31. Dabei geht Dilthey vom Verstehen im Gegensatz zum Erklären aus. Das Erklären hat, nach Dilthey, seinen Platz in den Naturwissenschaften. Demgegenüber ist das Verstehen das methodologische Grundmuster der mit historisch-geistigen Dingen befassten Wissenschaften

Das Verstehen ist demnach das Erkenntnisziel der hermeneutischen Methode der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik, deren Gegenstand das Menschliche in seiner Gesamtheit sein soll. Das hermeneutische Verstehen soll bei jedem Kontakt mit Menschen oder menschlichen Produkten stattfinden, bezieht sich also in erster Linie auf Texte, wie Schulordnungen und Gesetze, Biographien und pädagogische Programme sowie pädagogische Theorien der Vergangenheit und Gegenwart.Wolfgang Klafki: Erziehungswissenschaft als kritisch-konstruktive Theorie: Hermeneutik – Empirie – Ideologiekritik. In: Zeitschrift für Pädagogik. 17. Jg. 1971, Nr. 3, S. 362. Dabei sollte sich die hermeneutische Methode in der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik allerdings nicht auf die Interpretation von Texten beschränken, sondern vielmehr pädagogische Zusammenhänge allgemein mit einbeziehen. Dabei ist besonders die Erfassung und Deutung der vorgegebenen Erziehungswirklichkeit relevant, welche dabei wie jede Lebenswirklichkeit verstanden werden sollte, als interpretativ zu erschließender Seinszusammenhang.Keckeisen in Lenzen 1983, S. 128. Dies sollte gewissermaßen den Text darstellen, um dessen Auslegung man sich bemühen wollte. Doch tatsächlich wurden vorrangig Texte interpretiert und die Deutung der jeweils gegebenen pädagogischen WirklichkeitWolfgang Klafki: Erziehungswissenschaft als kritisch-konstruktive Theorie: Hermeneutik – Empirie – Ideologiekritik. In: Zeitschrift für Pädagogik. 17. Jg. 1971, Nr. 3, S. 363. stellte eher eine Randerscheinung dar.

Verhältnis von Theorie und Praxis Grundlegend ist in der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik die Einsicht, dass Erziehung eine Lebenswirklichkeit darstellt, die schon immer gegeben war. Die Praxis der Erziehung ist demnach älter als die wissenschaftliche Reflexion derselben und besitzt demnach eine eigene Wertigkeit. Sie ist aber genau genommen nie ausschließlich Praxis, weil sie schon immer auch eine theoretische Ebene einschließt. Selbst dort, wo der Praktiker jedwede Theorie ablehnt und auf seine persönliche Erziehungserfahrung pocht, ist Theorie am Werk.Benner 1991, S. 211. Denn auch die Erziehungserfahrung ist das Ergebnis einer möglicherweise unbewussten, aber jeweils ganz bestimmten Fragestellung.

Die Theorie ist in diesem Sinne die Bedingung des Handelns in der Praxis. Einzelne pädagogische Erfahrungen können verallgemeinert werden, sich zu Lehrsätzen, Lebensregeln, Sprichwörtern usw. verdichten und so als Anleitungen für die Praxis dienen. Die Theorie im engeren Sinne bleibt allerdings nicht bei Erfahrungssätzen und Lebensweisheiten stehen.

Im Prozess der geschichtlichen Entwicklung nennt Klafki pädagogische Ideen, wie sie beispielsweise im Erziehungsroman Emile oder über die Erziehung von Jean-Jacques Rousseau propagiert werden, die Begründungs- und Rechtfertigungsversuche des humanistischen Gymnasiums im 19. Jahrhundert und das pädagogische Ideengut der Jugendbewegung.Wolfgang Klafki: Erziehungswissenschaft als kritisch-konstruktive Theorie: Hermeneutik – Empirie – Ideologiekritik. In: Zeitschrift für Pädagogik. 17. Jg. 1971, Nr. 3, S. 356. Diese Ideen sind in mehr oder weniger starkem Ausmaß in die Praxis der Pädagogik eingegangen und wirksam geworden.