Ein Schloß in New York (Originaltitel: Man’s Castle) ist ein US-amerikanischer Spielfilm mit Spencer Tracy und Loretta Young unter der Regie von Frank Borzage aus dem Jahr 1933. Das Liebesdrama handelt von einem jungen Paar am unteren Rand der Gesellschaft in New York während der Great Depression; als Vorlage für das Drehbuch von Jo Swerling diente ein Theaterstück von Lawrence Hazard.

Handlung Die junge Trina ist obdachlos, hat seit Tagen nichts mehr gegessen und schaut deshalb so sehnsüchtig auf die Tüte Popcorn, die ein elegant gekleideter Mann gerade an die Tauben verfüttert. Der Mann namens Bill bemerkt die Situation und lädt sie spontan zum Essen ein. Erst nachdem sie gegessen hat, enthüllt er, dass er in dieser eleganten Aufmachung als lebende Reklamefigur Werbung für eine Kaffeemarke macht, also selbst keineswegs reich ist. Nach dem fürstlichen Essen bietet Bill Trina Obdach in seiner bescheidenen Hütte in „Hooverville“, einer Slumsiedlung in der Nähe des Hafens. Trina ist überwältigt von so viel Hilfsbereitschaft und versucht alles, was in ihrer Macht steht, um Bill ein schönes und gemütliches Zuhause zu bieten. Bill seinerseits verdient genug Geld, einen Herd anzuschaffen.

Jedoch gibt es bald Probleme im Zusammenleben: Der bisherige Einzelgänger Bill will um nichts auf der Welt seine Unabhängigkeit aufgeben, deshalb schläft er stets bei offenem Fenster, um immer den Mond und die Sterne sehen zu können. Er ist hin- und hergerissen zwischen Zuneigung für Trina und dem Gefühl, sich an die junge Frau festzuketten. Das schlägt sich in oft rüdem und abweisendem Verhalten nieder. Er beginnt zudem nebenbei ein Verhältnis mit der Tingeltangelsängerin Fay La Rue, die ihn gerne an sich binden möchte. Eines Tages wird Trina von Bill schwanger. Bills erste Reaktion ist es, zu flüchten. Er kehrt jedoch wenig später zurück, beendet sein Verhältnis mit Fay und verspricht Trina, sich um sie und das Kind zu kümmern. Sie lassen sich von einem Nachbarn im Slum – dem ehemaligen Priester Ira – in einer kleinen, nicht rechtskräftigen Zeremonie trauen.

Um an wegen des Babys dringend benötigtes Geld zu kommen, geht Bill auf ein Angebot des zwielichtigen Slum-Nachbarn Bragg ein, zusammen einen Einbruch in einer Spielzeugfabrik zu begehen. Bill ist jedoch nicht recht mit Überzeugung dabei und eher an den Spielzeugen als an dem Safe interessiert. Ira, der in der Fabrik als Nachtwächter arbeitet, verletzt Bill mit einem Schuss leicht, bevor er ihn erkennt und ihm ins Gewissen redet. Bragg, der Trina schon länger für sich haben will, löst den Einbruchalarm aus, doch Bill kann mithilfe von Ira entkommen. Zu Hause versorgt Trina die Wunde. Flossie, eine alternde Prostituierte und Trinkerin aus der Nachbarschaft, schlägt Bill vor, er solle gemeinsam mit Trina flüchten. Nachdem die beiden gegangen sind, droht Bragg damit, die Polizei auf ihre Spur zu setzen, doch Flossie bringt ihn mit Iras Pistole zum Schweigen. Bill und Trina springen auf einen vorbeifahrenden Zug, um an einem anderen Ort ein neues Leben zu beginnen.

Produktionsgeschichte Weder Loretta Young noch Spencer Tracy hatte im Verlauf ihrer bisherigen Karriere Rollen gespielt, die ihrem Talent und ihrer Ausstrahlung wirklich entsprachen. Young hatte zwar in über 40 Filmen mitgewirkt, jedoch setzte sie ihr Studio Warner Brothers meist in kostengünstig produzierten Romanzen und sozialkritischen Dramen ein. Für beide Schauspieler war es daher ein Glücksfall, als der Regisseur Frank Borzage sie für die Hauptrollen in Man’s Castle einsetzte. Spencer Tracy, der zu dem Zeitpunkt bereits verheiratet war, und Loretta Young, deren erste Ehe annulliert wurde, verliebten sich während der Dreharbeiten und hatten eine Affäre, die die Klatschzeitungen weidlich ausschlachteten. Ende 1934 veröffentlichte Loretta Young dann eine Verlautbarung, wonach sie und Tracy, die beide katholisch waren, ihre Beziehung beendet hätten, da ihr Glaube ihnen die Scheidung verbieten würde und daher keine gemeinsame Zukunft möglich sei.

Das Szenenbild schuf Stephen Goosson, die Kostüme verantwortete Robert Kalloch, Regieassistent war Frank Borzages jüngerer Bruder Lew Borzage. Der Songschreiber Harry Akst hat einen kleinen Auftritt als Pianist von Fay La Rue. Die Dreharbeiten fanden zwischen dem 28. Juli und dem 6. September 1933 statt, seine Premiere hatte er am 4. November desselben Jahres. Das Einspielergebnis des Films fiel schlecht aus.

Man’s Castle enthält einige für den Pre-Code-Film typische Darstellungen von unehelichen Beziehungen und Nacktheit. 1938 wurde der Film für Wiederaufführungen um 12 Minuten auf 66 Minuten gekürzt, um etwa anzügliche Szenen und sexuell zweideutige Dialoge herauszuschneiden, da diese nach Durchsetzung des Hays Codes ab 1934 inzwischen unerwünscht waren. Unter anderem wurden die meisten der Szenen mit Glenda Farrell als Fay herausgekürzt, weil diese Untreue von Bill andeuten. Die gekürzte Fassung war über viele Jahrzehnte die typischerweise im Umlauf befindliche. 2024 wurde restaurierte Originalfassung mit 78 Minuten Länge im Museum of Modern Art gezeigt und wenig später in den USA auf Blu-ray veröffentlicht. Die Restaurierung hatte die Firma Cineric im Auftrag von Sony Pictures Entertainment durchgeführt.

Analyse Der Film gilt als Musterbeispiel für die Mischung aus Realismus und Romantik in den Werken von Bozarge. Dabei diente ihm die teilweise drastische Schilderung der Armut während der Weltwirtschaftskrise als Hintergrund für die Liebesgeschichte, in der sich die beiden Helden beweisen müssen. Seine Charaktere sind dabei losgelöst von der teilweise brutalen Realität. Für Borzage ist die Armut weniger eine tatsächliche als eine spirituelle Bedrohung für die Liebe zwischen Bill und Trina. Sie werden mithin nicht so sehr durch Hunger und Elend bedroht, denn durch den um sich greifenden Geist von Dekadenz und Hoffnungslosigkeit. Für die New York Times (2024) greifen seelische und wirtschaftliche Krise ineinander. Die Entwicklung von Bill ist exemplarisch für viele Helden bei Borzage: Unabhängigkeit und Selbstgenügsamkeit sind Ausdruck von Schwäche, nicht von Stärke. Erst durch den Glauben an etwas, das außerhalb des Tatsächlichen, auf einer metaphysischen Ebene liegt, schafft es Bill, sich aus Zynismus und Verzweiflung zu befreien. Indem er schließlich die Liebe von Trina anerkennt und sich ihrer annimmt, befreien sich beide am Ende von ihren Ängsten um die Zukunft.

Die letzte Einstellung des Films, wenn Trina und Bill sich auf dem vorbeifahrenden Zug befinden und in ihre Zukunft fahren, spiegelt diese Entscheidung, sich durch die gegenseitige Verantwortung gleichsam von den alltäglichen Gefahren zu befreien. Die Kamera schwenkt nach oben, weg von den beiden Liebenden, die eng umschlungen auf dem strohbedeckten Waggonboden liegen. Die Kamera löst sich aus der beengten Umgebung und scheint, wie es John Belton in einem Essay über den Film ausdrückte:

Der Filmhistoriker Hervé Dumont fasste die Botschaft des Regisseurs wie folgt zusammen.

Kritiken Mordaunt Hall schrieb im Dezember 1933 in der New York Times, Borzages neuer Film erinnere gelegentlich an dessen erfolgreichen Stummfilm Seventh Heaven, die Handlung sei jedoch bei weitem nicht so glaubhaft und poetisch wie jenes denkwürdige ältere Werk. Dem Film kämen aber die durchweg überzeugenden Darstellungen von Spencer Tracy und Loretta Young zugute, insbesondere die Tracys, als auch die der Nebendarsteller. Durch sie werde ein großer Teil des Filmes recht interessant, und mehrere Szenen wiesen originelle Züge auf.

In späteren Jahrzehnten fand eine Aufwertung statt und Man’s Castle gilt vielen Kritikern als zu wenig bekannter Klassiker. 1998 nahm Jonathan Rosenbaum vom Chicago Reader den Film in seine ungeordnete Liste der besten 100 amerikanischen Filme auf, die nicht in der Liste der besten 100 amerikanischen Filme des American Film Institutes vertreten sind. Richard Brody würdigte Man’s Castle nach seiner Restaurierung 2024 in The New Yorker als „Meisterwerk der Depressions-Ära“, das Borzages gleichzeitig „kraftvolle als auch geistige“ Kunst zeige. Glenn Erickson schrieb im selben Jahr in Trailers from Hell, der Film von Borzage – dem „Meister der Romanze“ – sei ein berührendes romantisches Märchen über Liebe und Hoffnung in der Depression, obwohl die dargestellten Geschlechterrollen heute veraltet wirkten. Besonders lobt er die Chemie von Spencer Tracy und Loretta Young und geht zudem positiv auf die Leistung der Filmrestauratoren ein.

Weblinks

Englischsprachiges Essay über die Arbeit von Frank Borzage Essay von Hervé Dumont über Borzage in der NZZ

theoretische Analyse von Borzage

Einzelnachweise

Kategorie:Filmtitel 1933 Kategorie:US-amerikanischer Film Kategorie:Schwarzweißfilm Kategorie:Filmdrama Kategorie:Frank Borzage