mini|Harald Zimmermann, aufgenommen 2001 von Werner Maleczek auf einer Reichenau-Tagung des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte Harald Volkmar Zimmermann (* 12. September 1926 in Budapest, Ungarn; † 19. März 2020 in Tübingen) war ein deutscher Historiker siebenbürgisch-sächsischer Herkunft.

Zimmermann bekleidete Lehrstühle für mittelalterliche Geschichte an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken (1968–1978) und an der Universität Tübingen (1978–1994). Er wurde durch zahlreiche grundlegende Arbeiten einer der besten Kenner der mittelalterlichen Papstgeschichte wie der Geschichtsschreibung über die Päpste. Für die Monumenta Germaniae Historica erwarb er sich bleibende Verdienste als Editor der Werke des spätmittelalterlichen Theologen und Geschichtsschreibers Thomas Ebendorfer.

Leben Harald Zimmermanns Familie lässt sich bist in das Jahr 1563 zurückverfolgen. Sein Großvater war Kürschner in Kronstadt. Seine Eltern waren der promovierte und beamtete Jurist Rudolf Oskar Zimmermann und Alina Emilie Zimmermann, geborene Teutsch.Konrad Gündisch: Ein siebenbürgisch-sächsischer Freund. Zum 90. Geburtstag von Harald Zimmermann. In: Siebenbürgische Zeitung, 12. September 2016. Harald Zimmermann besuchte die Grundschule und das Gymnasium in Wien und wurde zwangsweise zur Wehrmacht einberufen. Kurze Zeit war er als Flakhelfer tätig. Er legte 1944 das Kriegsabitur am Gymnasium Wien III ab. Von 1946 bis 1949 studierte er Evangelische Theologie an der Universität Wien. Im Jahr 1949 legte er das theologische Examen in Wien ab. Dort wurde er 1950 zum Dr. theol. promoviert mit einem Thema zur Geschichte des Protestantismus im 16./17. Jahrhundert. Seine Ordination erfolgte 1959.

Parallel zur Theologie studierte er sechs Semester an der Philosophischen Fakultät in den Fächern Geschichte und Kunstgeschichte, vier Semester an der Juristischen Fakultät für den Rechtshistorischen Studienabschnitt. Prägend für sein weiteres Leben wurde der in den Jahren 1950 bis 1953 von ihm besuchte 46. Ausbildungskurs des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung. Seine wichtigsten akademischen Lehrer waren Leo Santifaller und Alfons Lhotsky. Sie weckten bei Zimmermann das Interesse für das Papsttum und für Thomas Ebendorfer.Werner Maleczek: Harald Zimmermann †. In: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung. 129, 2021, S. 253–256, hier: S. 253. Zu beiden Themen forschte Zimmermann bis in das hohe Alter. Im Jahr 1952 wurde er an der Universität Wien zum Dr. phil. promoviert.Harald Zimmermann: Thomas Ebendorfers Schismentraktat. Wien 1954. 1953/1954 war er Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft und Mitarbeiter der Kommission für die Bearbeitung der Regesta Imperii bei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Von 1955 bis 1962 war Zimmermann Wissenschaftlicher Assistent von Santifaller am Institut für Österreichische Geschichtsforschung in Wien. Von 1967 bis 1968 hatte er eine Lehrstuhlvertretung an der Universität Saarbrücken. Im Jahr 1961 erfolgte seine Habilitation an der Universität Wien für mittelalterliche Geschichte. Im Januar 1962 wurde er zum Universitätsdozenten ernannt. Von 1962 bis 1967 war er wissenschaftlicher Beamter der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien.

Zimmermann war von 1968 bis 1978 in Saarbrücken als ordentlicher Professor für mittelalterliche Geschichte tätig. Ab 1978 lehrte er als Nachfolger von Heinz Löwe als ordentlicher Professor bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1994 in Tübingen Mittlere und Neuere Geschichte. In seiner Tübinger Antrittsvorlesung vom 29. Januar 1980 widmete er sich den Gründen für die Beschäftigung des protestantischen Kirchenhistorikers Johann Friedrich Gaab mit der Person Papst Gregors VII.Harald Zimmermann: Von der Faszination der Papstgeschichte besonders bei Protestanten oder Gregor VII. und J. F. Gaab. In: Jahrbuch für die Geschichte des Protestantismus in Österreich. 96, 1980, S. 53–73. Bedeutende akademische Schüler Zimmermanns sind Klaus Herbers, Knut Görich, Achim Thomas Hack und Hans-Henning Kortüm. Von 1980 bis 1982 war er Dekan der Geschichtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Tübingen. Noch als Tübinger Professor nahm er auch Amtshandlungen wie Trauungen oder Beerdigungen vor.

Zimmermann wurde in zahlreiche bedeutende wissenschaftliche Gremien aufgenommen, so wurde er 1949 Mitglied in der Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus in Österreich und war von 1959 bis 1965 Vorstandsmitglied. Er war ab 1968 Mitglied der Regestenkommission in Marburg, ab 1969 ordentliches Mitglied der Südostdeutschen Historischen Kommission in München, korrespondierendes Mitglied der philosophisch-historischen Klasse im Ausland der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (1971), ab 1977 ordentliches (seit 1979 korrespondierendes) Mitglied der Kommission für saarländische Landesgeschichte und Volksforschung in Saarbrücken, korrespondierendes Mitglied des Istituto Superiore di Studi Matildici (1978), korrespondierendes Mitglied der Ungarischen Akademie der Wissenschaften und ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur zu Mainz (1972). Für die Mainzer Akademie war er von 1977 bis 2001 Vorsitzender der Inschriften-Kommission, von 1995 bis 2004 der Regesten-Kommission und von 1999 bis 2004 der Historischen Kommission.

Zimmermann war seit 1957 langjähriger Teilnehmer der Tagungen und wurde im Oktober 1978 Mitglied im Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte.Traute Endemann: Geschichte des Konstanzer Arbeitskreises. Entwicklung und Strukturen 1951–2001. Stuttgart 2001, S. 177 (Volltext online). Von 1991 bis 1994 war er Vorsitzender des Arbeitskreises. Zimmermann initiierte 1986 gemeinsam mit Reinhard Schneider eine Tagung des Konstanzer Arbeitskreises auf der Reichenau zu Wahlen und Wählen im Mittelalter.Vgl. dazu die Besprechung von Bernd Schneidmüller in: Historische Zeitschrift 255, 1992, S. 450–452. Mit Alexander Patschovsky führte er im Herbst 1994 eine Tagung des Konstanzer Arbeitskreises zu „Toleranz im Mittelalter“ durch.Vgl. dazu die Besprechungen von Peter Schuster in: Historische Zeitschrift 271, 2000, S. 725–727; Rebecca Moore in: Church History 69, 2000, S. 881–883; Lenos Mavrommatis in: The Journal of Ecclesiastical History 52, 2001, S. 521–583. Er wurde 1962 Gründungsmitglied im Arbeitskreis für Siebenbürgische Landeskunde und war von 1962 bis 1991 Vorstandsmitglied. Von 1973 bis 2008 war er Mitglied der Zentraldirektion der Monumenta Germaniae Historica (MGH) in München. Zimmermann begründete nach Horst Fuhrmann eine „neue Form der Zusammenarbeit“ zwischen der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz und der MGH. Vereinbart wurde, dass an der Mainzer Akademie eine Arbeitsstelle für die Herausgabe der Concilia des 10. und 11. Jahrhunderts eingerichtet wird, jedoch das Editionsprojekt in der Gesamtplanung der MGH einbezogen bleibt.Horst Fuhrmann: Monumenta Germaniae Historica. Bericht für das Jahr 1973/74. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 30, 1974, S. I–VIII, hier: S. II (online). In den 1970er Jahren wurden weitere Akademie-Arbeitsstellen nach dem Mainzer Vorbild eingerichtet. Er wurde 1987 Gründungsdirektor des Instituts für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde in Tübingen und leitete es bis 1992.

Harald Zimmermann war evangelisch. Er war von 1958 bis zu seinem Tod verheiratet mit Gerlinde Zimmermann, geborener Wegscheidler. Aus der Ehe gingen drei Töchter hervor. Er starb im 94. Lebensjahr in Tübingen am 19. März 2020.

Forschungsschwerpunkte Seine Arbeitsschwerpunkte waren die mittelalterliche Geschichte, vor allem die Kirchen- und Papstgeschichte, die südosteuropäische Geschichte, insbesondere Ungarn und Siebenbürgen, die Geschichte des österreichischen Protestantismus. Sein wissenschaftliches Hauptwerk sind Die Papstregesten 911 bis 1024 sowie die 1984/85 erschienene dreibändige Quellenedition Papsturkunden 896 bis 1046. Zimmermann verfasste zahlreiche Artikel für die Theologische Realenzyklopädie, das Lexikon des Mittelalters und im Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikon.

Papsttum Santifaller beauftragte ihn mit der Bearbeitung der Papstregesten der ottonischen Epoche im Rahmen der an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften angesiedelten Regesta Imperii beauftragt. Der Band für die Jahre 911 bis 1024 erschien 1969 und in einer zweiten, verbesserten Auflage 1998. Er veröffentlichte 1981 einen Überblick über die Geschichte des Papsttums Mittelalter.

Thomas Ebendorfer Zu Thomas Ebendorfer hatte Zimmermann im Laufe seines Lebens wiederholt Studien veröffentlicht. Vor allem in späteren Lebensjahren lag sein Arbeitsschwerpunkt auf der Edition des historiographischen Werkes des österreichischen Theologen und Geschichtsschreibers Thomas Ebendorfer, dem schon seine zweite Dissertation über den Schismentraktat gewidmet war. Zimmermann brachte damit ein bereits von seinem akademischen Lehrer Alfons Lhotsky angefangenes Vorhaben zum Abschluss. Lhotsky hatte für die MGH 1967 Ebendorfers Chronica Austriae ediert. Zimmermann veröffentlichte 1994 die über 760 Seiten umfassende Edition Chronica pontificum Romanorum und neun Jahre später die mit 1.360 Seiten umfangreiche Chronica regum Romanorum.Vgl. dazu die Besprechungen von Heribert Müller in: Historische Zeitschrift 279, 2004, S. 461–462; Uwe Israel in: Concilium medii aevi 6, 2003, 1027–1031 (online). Der Tractatus des schismatibus wurde 2004, die Historia Jerusalemitana 2006 und der Catalogus praesulum Laureacensium et PataviensiumVgl. dazu die Besprechung von Karl Ubl in: Historische Zeitschrift 290, 2010, S. 772–773. 2008 editorisch erschlossen. Im Jahr 2010 legte er eine Edition von Ebendorfers Diarium sive Tractatus cum Boemis vor.Vgl. dazu die Besprechung von Karel Hruza in: Historische Zeitschrift 293, 2011, S. 776–777. Damit liegen die wichtigsten historiographischen Werke Ebendorfers in kritischen Ausgaben der Monumenta Germaniae Historica vor. In seiner letzten Arbeit befasste er sich mit Thomas Ebendorfer als Mediziner.Harald Zimmermann: Ebendorfer als Mediziner? In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 2018, S. 715–719 (online).

Canossa Seine zahlreichen Arbeiten zu Canossa machten Zimmermann zu einem Spezialisten der Canusiner und ihrer Geschichte. Er veröffentlichte 1975 zum Gang nach Canossa 1077 eine Darstellung, die zum Standardwerk wurde und auch ins Italienische übersetzt wurde. Darin versuchte er die Ereignisse konkret zu ermitteln und ging den Wirkungen und Wertungen der Vorgänge bis in die Gegenwart nach.Harald Zimmermann: Der Canossagang von 1077. Wirkungen und Wirklichkeit. Mainz u. a. 1975. Vgl. dazu die Besprechungen von Friedrich Kempf in: Archivum Historiae Pontificiae 14, 1976, S. 423–425; Joachim Wollasch in: Revue d'histoire ecclésiastique 73, 1978, 1978, S. 88–90; Benjamin Arnold in: The Journal of Ecclesiastical History 27, 1976, S. 328–328; K. F. Morrison in: Speculum 52, 1977, S. 1076–1079. Zur 900-Jahr-Feier des Gangs nach Canossa wurde in den Jahren 1977 bis 1979 das Istituto Superiore di Studi Matildici begründet. Beim festlichen Gründungsakt ging Zimmermann in seinem Vortrag der Frage nach, ob es eine mathildische Epoche gab. Nach einer Skizze der historischen Persönlichkeit und Rolle der Markgräfin von Mathilde von Canossa bejahte er diese Frage.Harald Zimmermann: Gibt es eine mathildische Epoche? In: Annali Canossani 1, 1981, S. 4–8. Für die Ausgabe der Urkunden Mathildes von Canossa war er als Betreuer tätig. Die Edition wurde 1998 bei den MGH in der Reihe Laienfürsten- und Dynastenurkunden von Elke und Werner Goez herausgegeben.

Siebenbürgische Geschichte mini|Harald Zimmermann bei der Tagung „Der Deutsche Orden im Burzenland (1211–1225)“ im Oktober 2010 in Bad Kissingen