Finnegans Wake ist das letzte Werk des irischen Autors James Joyce. Der Roman entstand in den Jahren 1923 bis 1939. Das Werk wurde lange Zeit von Joyce als „Work in Progress“ bezeichnet und in Teilen veröffentlicht. Die kompilierte Erstausgabe erschien 1939 unter dem Titel Finnegans Wake im Verlag Faber & Faber in London.

Das Magazin Der Spiegel zählt den Roman zu den besten 100 zwischen 1925 und 2025.

Bedeutung und Interpretation Finnegans Wake gilt als eines der bemerkenswertesten, aber auch der am schwersten verständlichen Werke der Literatur des 20. Jahrhunderts, wozu unter anderem seine ungewöhnliche Sprache beiträgt: Joyce prägt eine eigene Sprache, indem er englische Wörter neu zusammenfügt, umbaut, trennt, oder auch mit Wörtern aus Dutzenden anderen Sprachen mischt (Portmanteaux). Das Ergebnis entzieht sich einem linearen Verständnis und wurde sehr unterschiedlich interpretiert.

Dem Leser enthüllen sich bei mehrmaligem Lesen immer neue Bedeutungen. Roland McHugh hat mit seinem Standardwerk Annotations to Finnegans WakeRoland McHugh: Annotations to Finnegans Wake. Baltimore: Johns Hopkins University Press 1980. knappe Anmerkungen zu Finnegans Wake herausgegeben, wobei seitengleich zu vielen der im Wake verwendeten Wörter Erklärungen in Form etwa geographischer Hinweise oder Hinweise auf Sprachen, denen das jeweilige Wort oder Varianten davon entlehnt sein könnten, angegeben werden.

Der Titel, Finnegans Wake, stammt von dem amerikanisch-irischen LiedFrank McNally, 'Manhattan Transfer', An Irishman's Diary, The Irish Times, 5 November 2019 Finnegan’s Wake über den Baumeister Tim Finnegan, der betrunken bei einem Sturz von einer Leiter starb, aber bei seiner feuchtfröhlichen Totenwache (englisch wake), bei der eine Flasche Whisky auf seinem Sarg zerbrach, wieder zum Leben erwachte.

Tim Finnegans Aufstieg (auf die Leiter) und Fall sowie seine Auferstehung sind eine Metapher für Aufstieg und Fall der Menschheit. Finnegans Wake handelt so von den Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens, dargestellt durch den Dubliner Kneipenwirt Humphrey Chimpden EarwickerVgl. Humphrey Chimpden Earwicker in Wikidata. (HCE), seine Frau Anna Livia Plurabelle (ALP), seine Söhnen Shem und Shaun und seine Tochter Isabel/Isolde. Die Protagonisten treten uns allerdings in unterschiedlichen Personifizierungen entgegen, so HCE als Adam, Christus, Wellington … bzw. als Mensch schlechthin (Here Comes Everybody). Eine der Erklärungen für die ungewöhnliche Struktur und Sprache des Wake ist die Interpretation als (HCEs?) Traum, in dem sich auch unterschiedliche Handlungsstränge mischen, Dinge verdrängt werden und in verschiedenster Form zu Tage treten.

Eine (erste) Hilfe für das Verständnis bieten u. a. Reicherts Vielfacher Schriftsinn sowie Tindalls A Reader’s Guide to Finnegans Wake.

In seinen Radioessays deutete Arno Schmidt dieses Spätwerk von Joyce als Schmähschrift auf dessen Bruder Stanislaus. Er will zahlreiche der eigenwilligen Neologismen des Werkes dechiffriert haben. Zudem spricht er dem Werk seinen hohen Rang ab, da Joyce zwar seine Schmähungen gut verschlüsselte (auch um vor gerichtlichen Anfechtungen gefeit zu sein), es aber trotzdem nicht mehr sei als eine Schimpftirade, voll von üblen Beleidigungen. Schmidt ist der Übersetzer des Buches „Meines Bruders Hüter“, dem unvollendeten Werk von Stanislaus Joyce, das Schmidt als Gegenschrift zu Finnegans Wake deutet.

Der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan nannte die teils überlangen Kofferwörter in Finnegans Wake „Ten Thunders“ („Zehndonner“, nach dem im Finnegans Wake vorkommenden Wort „bababadalgharaghtakamminarronnkonnbronntonnerronntuonnthuuntrovarrhounawnskawntoohoohoordenenthurnuk“, das aus den Wörtern für „Donner“ in zehn verschiedenen Sprachen zusammengesetzt ist, von Madagassisch bis Gotisch) und verficht, unter anderem darauf basierend, die These, dass Finnegans Wake ein gewaltiges Rätsel darstellt, welches die gesamte Menschheitsgeschichte erzählen soll.

Inhalt Es ist unter Literaturwissenschaftlern strittig, ob Finnegans Wake eine Geschichte erzählt oder nicht.Catrin Siedenbiedel: Metafiktionalität in Finnegans Wake. In: text & theorie Band 4, S. 29. Königshausen & Neumann. M. H. Begnal fasste die verschiedenen Meinungen wie folgt zusammen: „Nowhere is a plot as we conventionally know it […] Yet still there is a plot to Finnegans Wake, but it is a plot which is being told in a completely new and experimental way.“ Es gibt jedenfalls keinen kohärenten Handlungsfortgang, sondern eine Unzahl miteinander teils intensiv verwobener, teils lose verknüpfter Einzelgeschichten. Diese Einzelgeschichten strotzen vor Anspielungen auf literarische Werke und historische Geschichten und benutzen Bruchstücke des gesamten westlichen und teils auch außerwestlichen Bildungskanons. Die Schwierigkeit der Entzifferung wird gesteigert durch eine Sprache, die ebenfalls aus Bruchstücken jeder Art besteht und diese Bruchstücke auf kreative Weise so zusammenfügt, dass der Eindruck einer lesbaren Sprache gerade noch erhalten bleibt, deren Entschlüsselung jedoch die größte Mühe bereitet. Die sprachlichen Bausteine stammen nicht nur aus dem Englischen, wiewohl das Englische die Grundsprache bildet, sondern aus etwa vierzig weiteren Sprachen. Zum scheinbaren Chaos trägt außerdem bei, dass die Namen der handelnden Personen immer wieder verändert werden.

T.S. Eliot schrieb 1951: „Ulysses war so epochemachend und endgültig, daß die Leute sich fragten, ob Joyce danach fähig sein würde, irgendetwas anderes zu schreiben … Und als 1927 Teile aus ‚Finnegans Wake‘ in einer Zeitschrift in Paris veröffentlicht wurden, schienen diese so verrückt und unverständlich, daß alle außer seine glühendsten Bewunderer sagten, Joyce sei zu weit gegangen“.Nach Jean Paris: James Joyce in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt 1960, S. 169. Allgemein anerkannt ist mittlerweile, dass der Text wenig Zufälliges enthält, im Gegenteil sehr stark durchkonstruiert ist. Eine große Anzahl von Themen, Gegenständen, Namen und Personen kommt immer wieder vor, und gewisse Strukturen ziehen sich wie ein roter Faden durch das Werk. In einem Interview mit dem ORF erzählte der Philosoph und Kommunikationswissenschaftler Ernst von Glasersfeld folgende Geschichte:

Stellung im Gesamtwerk von J. Joyce Finnegans Wake bildet nicht nur zeitlich, sondern auch inhaltlich, stilistisch und in der Form den Endpunkt einer Entwicklungslinie im literarischen Schaffen von James Joyce, deren hauptsächliche Eckpfeiler die Werke Dubliners, Ulysses und Finnegans Wake darstellen. Dabei ist eine ständige Weiterentwicklung und Steigerung zu beobachten, die vom Konkreten zum Symbolischen, vom Anschaulichen zum Unanschaulichen, vom Konventionellen zum Unkonventionellen, vom Persönlichen zum Unpersönlichen, vom logisch Zusammenhängenden zum äußerlich Zusammenhängenden (Assoziativen) und von der regelhaften Standardsprache zu einer fließenden Kunstsprache führt. Auch wird das Œuvre von Joyce der sogenannten Bewusstseinsstromliteratur zugerechnet, wobei auch hier in der Abfolge der Werke eine Entwicklung von ständig abnehmender Filterung der Gedanken festzustellen ist. Joyce’ Biograph Jean Paris postuliert außerdem für das Gesamtwerk eine dreiteilige Epiphanie der Gattungen „von der Lyrik in Chamber Music bis zum Epos Ulysses und dem kosmischen Drama Finnegans Wake“, wobei etwa Portrait zur gleichen Gattung gehört wie Ulysses.Jean Paris: James Joyce in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt 1960.

Übersetzungen Finnegans Wake galt vielfach als unübersetzbar, zumindest aber als eines der am schwersten zu übersetzenden Werke der Literaturgeschichte. Ein Werk, das, wie etwa Jacques Aubert behauptete, „unlesbar“Catrin Siedenbiedel: Metafiktionalität in Finnegans Wake. In: text & theorie Band 4, S. 9. Königshausen & Neumann. ist, müsste natürlich auch unverständlich und damit unübersetzbar bleiben. Übersetzungen in andere Sprachen tragen bei diesem Werk daher noch mehr als bei jedem anderen zwangsläufig den Charakter schöpferischer Nachdichtung. Da der Text Elemente aus 40 verschiedenen Sprachen enthält, unter anderem auch 80 Wörter aus dem Japanischen, kann sowieso nicht von der Sprache, sondern nur von der „Grundsprache“ gesprochen werden, die im Original zweifellos Englisch ist.

An Übersetzungen ins Deutsche sind zu nennen: (Teil-)Übersetzungen von Georg Goyert (Anna Livia Plurabelle in der Zeitschrift Die Fähre, 1946), Hans Wollschläger (Kapitel Anna Livia Plurabelle, erschienen unter diesem Titel bei Suhrkamp, Frankfurt), Wolfgang Hildesheimer sowie Dieter H. Stündels Finnegans Wehg. Kainnäh ÜbelSätzZung des Wehrkess fun Schämes Scheuss (erschienen bei Jürgen Häusser, Siegen 1993, und Zweitausendeins, Frankfurt a. M. 1993). Teilübersetzungen wurden außerdem von Reinhard Markner, Harald Beck, Kurt Jauslin, Friedhelm Rathjen, Helmut Stoltefuß, Ingeborg Horn, Robert Weninger, Klaus Hofmann, Birgit König, Peter Otto, Klaus Reichert, Ulrich Blumenbach und Wolfgang Schrödter angefertigt (siehe dazu James Joyce: Finnegans Wake. Gesammelte Annäherungen Deutsch, Frankfurt 1989). Von Arno Schmidt, der sich sehr ernsthaft um eine Übersetzung des Buchs bemüht hat, aber an finanziellen Überlegungen der Verleger scheiterte, liegt das entsprechende Arbeitsexemplar in Faksimile vor (Haffmans Verlag, Zürich 1984). Seit 2018 arbeitet Ulrich Blumenbach zudem im Auftrag des Suhrkamp-Verlags an einer vollständigen Übersetzung, die voraussichtlich 2027 erscheinen soll.

Komplettübersetzungen liegen in folgenden Sprachen vor (in Klammern Übersetzer und Erscheinungsjahr):

Französisch (Philippe Lavergne 1975/1982, Hervé Michel 2007.). Deutsch (Dieter H. Stündel 1993). Japanisch (Naoki Yanase 1993). Koreanisch (Chong-keon Kim 1998). Portugiesisch (Donaldo Schüler 1999–2003). Niederländisch (Erik Bindervoet und Robbert-Jan Henkes 2002). Polnisch (Krzysztof Bartnicki 2012). Griechisch (Eleftherios Anevlavis 2013) Spanisch (Marcelo Zabaloy 2016). Türkisch (Fuat Sevimay 2016). Italienisch (Fabio Pedone und Enrico Terrinoni 2019). Schwedisch (Bertil Falk 2021)

Umfangreiche Teilübersetzungen gibt es in folgenden Sprachen:

Italienisch (Luigi Schenoni 1982). Ungarisch (Endre Bíró 1992). Spanisch (Alberte Pagán 1997). Polnisch (Maciej Słomczyński 1998). Russisch (Anri Volokhonsky 2000, Andrey Rene 2017). Japanisch (Kyoto Miyata 2004). Chinesisch (Dai Congrong 2013). Türkisch (Umur Çelikyay 2015).

Adaptionen

Film Mary Ellen Bute verfilmte Ausschnitte aus Finnegans Wake unter dem Titel Passages from Finnegans Wake. Der Film wurde 1965 bei den Filmfestspielen von Cannes als bester Debütfilm ausgezeichnet.

Comic Der österreichische Zeichner Nicolas Mahler hat Motive des umfangreichen Romans auf 24 Seiten im Format DIN A6 als Comic adaptiert und darin die Comicfiguren Mutt und Jeff auftreten lassen. Das Heft erschien am 27. Oktober 2020 als Nummer 92 der Reihe „mini kuš!“ im lettischen Kleinverlag Grafiskie stāsti.

Skulptur Die 1988 geschaffene Anna-Livia-Skulptur von Éamonn O’Doherty ist eine Adaption der Figur Anna Livia Plurabelle aus Finnegans Wake.

Wirkung Schon bei Erscheinen der Teile als „Work in Progress“ löste der Text in der literarischen Welt, wie zuvor schon Ulysses, heftige, meist negative Reaktionen aus. Mit der Zeit wurden beide Werke zunehmend häufiger positiv bewertet. Viele zeitgenössische Schriftsteller waren von beiden Werken fasziniert und wurden dadurch teils zu eigenen Sprachexperimenten und Romanen angeregt, darunter so verschiedenartige Autoren wie T.S. Eliot, Virginia Woolf, William Faulkner, Dos Passos, Hemingway, Hermann Broch und Italo Svevo. Obwohl vor allem Finnegans Wake einem breiten literarischen Publikum immer verschlossen blieb, strahlte das Werk bis in die heutige Zeit in verschiedene Bereiche bis hin in die Populärliteratur aus.