Im Rahmen der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ im nationalsozialistischen Deutschen Reich einschließlich des kurz zuvor angeschlossenen Österreichs wurden im April und im Juni 1938 bei zwei Verhaftungswellen mehr als 10.000 Männer als sogenannte Asoziale in Konzentrationslager (Deutschland) oder Anhaltelager (Österreich) verschleppt. Während der sogenannten Juni-Aktion wurden dabei auch rund 2300 Juden inhaftiert, die aus mannigfaltigen Gründen Vorstrafen erhalten hatten.

Bezeichnungen Die Bezeichnung „Aktion ‚Arbeitsscheu Reich’“ lässt sich im dienstlichen Schriftverkehr, der im Zusammenhang mit der Massenverhaftung geführt wurde, nicht nachweisen. Im KZ Buchenwald wurden die Inhaftierten zunächst als „Arbeitszwangshäftlinge Reich“ (AZR), kurze Zeit später als „Arbeitsscheue Reich“ (ASR) bezeichnet.Wolfgang Ayaß: „Asoziale“ im Nationalsozialismus. Klett-Cotta, Stuttgart 1995, ISBN 3-608-91704-7, S. 165. Diese Bezeichnung wurde von Hans Buchheim aufgegriffen, von Wolfgang Ayaß für beide Verhaftungsaktionen übernommen und hat sich etabliert.Hans-Dieter Schmid: Die Aktion ‚Arbeitsscheu Reich‘ 1938. In: Herbert Diercks (Red.): Ausgegrenzt. ‘Asoziale und Kriminelle‘ im nationalsozialistischen Lagersystem, Bremen 2009, ISBN 978-3-8378-4005-6, S. 33.

Die Bezeichnung „Juni-Aktion“ für die zweite Verhaftungswelle, die auch vorbestrafte Juden einbezog, ist jedoch zeitgenössisch.z. B. Heydrichs an die Kriminalpolizeileitstellen vom 18.6.1940, abgedruckt bei Wolfgang Ayaß, „Gemeinschaftsfremde“. Quellen zur Verfolgung von „Asozialen“, Koblenz 1998, Nr. 102. Sie wird, teils mit der Jahreszahl 1938, häufig – jedoch keineswegs durchgängig – verwendet, wenn die Judenverfolgung im Vordergrund der Darstellung steht.Das Stichwort fehlt bei Wolfgang Benz u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. München 1997, ISBN 3-423-33007-4 und Israel Gutman u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie des Holocaust.München und Zürich 1995, ISBN 3-492-22700-7.; dort in Bd. IV, S. 1679 unter Datum erwähnt als „Asozialen-Aktion“.

Vorgeschichte Bereits kurz nach der nationalsozialistischen „Machtübernahme“ im Jahr 1933 begannen Polizei- und Fürsorgebehörden, gegen als „arbeitsscheu“ oder „asozial“ bezeichnete Personen vorzugehen. Eine der ersten groß angelegten Maßnahmen war die sogenannte „Bettlerrazzia“ im September 1933, bei der mehrere Tausend Wohnungslose, ambulante Händler und Schausteller festgenommen und einige davon in frühe Konzentrationslager eingewiesen wurden.https://encyclopaedia-gsr.eu/lemma/aktion-arbeitsscheu-reich-de-1-0/

Aktion im April 1938 Die Verhaftung und Verschleppung von „Asozialen“ geht auf den „Grundlegenden über die vorbeugende Verbrechensbekämpfung durch die Polizei“ des Reichsinnenministeriums vom 14. Dezember 1937 zurück. Damit wurde die Vorbeugungshaft für sogenannte Berufs- oder Gewohnheitsverbrecher reichsweit vereinheitlicht und auf Personen erweitert, die durch ihr „asoziales“ Verhalten die Allgemeinheit gefährden würden.Wolfgang Ayaß: „Asoziale“ im Nationalsozialismus. Klett-Cotta, Stuttgart 1995, ISBN 3-608-91704-7, S. 139. Ulrich Greifelt vom Stab des Reichsführers SS rühmte sich der Ideengeber gewesen zu sein.Alexa Stiller: Völkische Politik – Praktiken der Exklusion und Inklusion in polnischen, französischen und slowenischen Annexionsgebieten 1939-1945. Band 1, Wallstein, 2022, ISBN 978-3-8353-1985-1, S. 110. Ein Haftprüfungstermin war erst binnen des zweiten Haftjahres vorgesehen, danach jährlich neu und nach vier Jahren vom Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei Heinrich Himmler vorzunehmen.

Nach Himmlers Plan vom 26. Januar 1938 sollte zunächst ein „einmaliger, umfassender und überraschender Zugriff“ auf die „Arbeitsscheuen“ erfolgen. Dies seien Männer im arbeitsfähigen Alter, die zweimal einen ihnen angebotenen Arbeitsplatz abgelehnt oder nach kurzer Zeit aufgegeben hätten. Mit der Durchführung dieser Aktion wurde die Gestapo beauftragt, welche die nötigen Informationen im Zusammenwirken mit den Arbeitsämtern besorgte.

Die Durchführung der Aktion war für den März vorgesehen, wurde aber durch den Anschluss Österreichs verschoben.Christian Faludi (Hrsg.): Die „Juni-Aktion“ 1938. Eine Dokumentation zur Radikalisierung der Judenverfolgung. Campus, Frankfurt a. M. / New York 2013, ISBN 978-3-593-39823-5, S. 34. Die Verhaftungsaktion lief reichsweit im Zeitraum vom 21. bis 30. April ab. Insgesamt wurden dabei zwischen 1500 und 2000 männliche „Arbeitsscheue“ in das Konzentrationslager Buchenwald verschleppt.Stefanie Schüler-Springorum: Masseneinweisungen in Konzentrationslager. Aktion „Arbeitsscheu Reich“, Novemberpogrom, Aktion „Gewitter“. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. München 2005, Band 1, S. 158.

Aktionen im Mai und Juni 1938 miniatur|Fünf behinderte Juden im KZ Buchenwald, Juni-Aktion, Propagandaaufnahme, 1938

Der Personenkreis, der im Sinne der „Vorbeugenden Verbrechensbekämpfung“ inhaftiert werden sollte, war nicht auf die „Arbeitsscheuen“ beschränkt, sondern wesentlich weiter gefasst. Eine Durchführungsrichtlinie der Kriminalpolizei vom April 1938 definierte als „asozial“ eine Person, die durch gemeinschaftswidriges Verhalten oder geringfügige, aber wiederholte Gesetzesübertretungen zeigt, dass sie sich nicht in die Gemeinschaft einfügen und der „selbstverständlichen Ordnung“ eines nationalsozialistischen Staates unterwerfen will.Zitiert nach Wolfgang Ayaß: „Asoziale“ im Nationalsozialismus. Klett-Cotta, Stuttgart 1995, ISBN 3-608-91704-7, S. 147/148. Dies waren namentlich Landstreicher, Bettler, Prostituierte, Zigeuner und Trunksüchtige. Auch Personen mit unbehandelten Geschlechtskrankheiten wurden dazugerechnet.

Auf Hitlers persönliche AnordnungStefanie Schüler-Springorum: Masseneinweisungen in Konzentrationslager … In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors … München 2005, Bd. 1, S. 159. wurden auch Juden einbezogen. Wolf Gruner zitiert die Anweisung Hitlers aus der letzten Maiwoche 1938 in folgender Schreibweise, nämlich dass „zur Erledigung von wichtigen Erdbewegungsarbeiten im gesamten Reichsgebiet asoziale und kriminelle Juden festgenommen werden sollen.“Wolf Gruner: Zwangsarbeit und Verfolgung – Österreichische Juden im NS-Staat 1938–1945, Innsbruck u. a. 2000, ISBN 3-7065-1396-X, S. 33. Wenn die Anordnung mündlich weitergegeben wurde, war sie missverständlich, weil sich der Sinn durch Groß- oder Kleinschreibung des Wortes „asoziale“ entscheidend ändert. Tatsächlich ergriff die Staatspolizeileitstelle Wien „blitzartig“ die Initiative und wies die Bezirkspolizeikommissariate am 24. Mai 1938 an, „unverzüglich unliebsame, insbesondere kriminell vorbelastete Juden festzunehmen und in das Konzentrationslager Dachau zu überführen.“Zitiert nach Wolf Gruner: Zwangsarbeit und Verfolgung … Innsbruck u. a. 2000, ISBN 3-7065-1396-X, S. 34. Die ersten beiden Transporte vom 31. Mai und vom 3. Juni umfassten annähernd 1200 Juden und werden von Wolf Gruner als „österreichische Sonderaktion“ bezeichnet.

Erst mit den nächsten Transporten wurden auch dort überwiegend „Asoziale“ verschleppt. Die allgemein für das Reich geltende und umgesetzte Maßnahme betraf ausschließlich Juden, deren Strafregister Vorstrafen von mehr als vier Wochen enthielten. Bei dieser Verhaftungswelle, in der Literatur auch als Juni-Aktion bezeichnet, wurden von der Kriminalpolizei zwischen dem 13. und 18. Juni 1938 mehr als 9000 MännerStefanie Schüler-Springorum: Masseneinweisungen in Konzentrationslager.... In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors... München 2005, Bd. 1, S. 156 / Genaue Zahl 9497 angegeben bei Hans-Dieter Schmid: Die Aktion ‚Arbeitsscheu Reich‘ 1938. In: Herbert Diercks (Red.): Ausgegrenzt. ‘Asoziale und Kriminelle‘ im nationalsozialistischen Lagersystem, Bremen 2009, ISBN 978-3-8378-4005-6, S. 36. verhaftet.

Bei der „Juni-Aktion“ wurden mit rund 2300 Personen überproportional viele Juden inhaftiert. Ihre Vorstrafen gingen nicht allein auf „normale Delinquenz“ zurück, sondern beruhten oftmals auf verfolgungsspezifischen Delikten wie zum Beispiel Devisenvergehen oder gingen auf marginale Delikte wie Übertretung von Verkehrsvorschriften zurück.Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung) Band 2: Deutsches Reich 1938 – August 1939 (hrsg. von Susanne Heim), München 2009, ISBN 978-3-486-58523-0, S. 188. Ins KZ Dachau wurden 211 jüdische Häftlinge eingeliefert.Hans-Dieter Schmid: Die Aktion ‚Arbeitsscheu Reich‘ 1938. In: Herbert Diercks (Red.): Ausgegrenzt. ‘Asoziale und Kriminelle‘ im nationalsozialistischen Lagersystem, Bremen 2009, ISBN 978-3-8378-4005-6, S. 37. 1256 jüdische Männer kamen ins KZ Buchenwald und 824 ins KZ Sachsenhausen, wo sie brutalen Schikanen ausgesetzt waren.

Einordnung Spätestens mit diesen Aktionen hatte sich der Schwerpunkt der sicherheitspolizeilichen Tätigkeit von der Bekämpfung politischer Gegner auf die Aussonderung von „Asozialen“ verlagert, die aufgrund vermeintlich erblicher Veranlagung zu gesellschaftlich schädlichem Verhalten neigten.Ulrich Herbert: Von der Gegnerbekämpfung zur „rassischen Generalprävention“. In: Ulrich Herbert u. a. (Hrsg.): Die nationalsozialistischen Konzentrationslager.Frankfurt/M. 2002, ISBN 3-596-15516-9, Bd. 1, S. 81. Heydrich begründete die Aktion in einem SchnellbriefDokument VEJ 2/39 = Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945 (Quellensammlung) Band 2: Deutsches Reich 1938 – August 1939 (hrsg. von Susanne Heim), München 2009, ISBN 978-3-486-58523-0, S. 160f. an die Kriminalpolizeileitstellen: Es sei nicht zu dulden, dass asoziale Menschen sich der Arbeit entziehen und somit den Vierjahresplan sabotieren.zitiert nach Wolfgang Ayaß: „Asoziale“ im Nationalsozialismus. Stuttgart 1995, ISBN 3-608-91704-7, S. 149. Wolfgang Ayaß zufolge war nicht die angebliche Gefährlichkeit des einzelnen „Asozialen“, sondern dessen Arbeitsfähigkeit das ausschlaggebende Verhaftungskriterium. In vielen Konzentrationslagern bildete die mit einem Schwarzen Winkel gekennzeichnete Häftlingsgruppe der „Asozialen“ bis Kriegsbeginn die Mehrheit. Martin Broszat weist darauf hin, dass zu dieser Zeit die SS-eigene Baustoffproduktion in und bei Konzentrationslagern einsetzte und dafür größere Häftlingskontingente benötigt wurden.Martin Broszat: Nationalsozialistische Konzentrationslager 1933-1945. In: Anatomie des SS-Staates. München 1967, Bd. 2, S. 77. Wesentlicher als die Arbeitsleistung dieser inhaftierten „Arbeitsscheuen“ dürfte jedoch der abschreckende Effekt auf andere „Arbeitsbummelanten“ gewesen sein.Wolfgang Ayaß: „Asoziale“ im Nationalsozialismus. Stuttgart 1995, ISBN 3-608-91704-7, S. 164.