mini|Ausschlag bei einem Mann mit epidemischem Fleckfieber in Burundi
Fleckfieber oder Flecktyphus, auch Typhus exanthemicus, Kriegspest, Läusefieber, Läusefleckfieber, Lazarettfieber oder Faulfieber, ist eine Infektion mit Bakterien der Gattung Rickettsien (Rickettsia prowazekii oder Rickettsia prowazeki), die durch Läuse, vor allem die Kleiderlaus, übertragen wird. In Österreich ist die Erkrankung meldepflichtig, in Deutschland bereits der Nachweis des Erregers.
Die Bezeichnung Fleckfieber ist abgeleitet von dem dabei auftretenden charakteristischen Fieberverlauf und einem Symptom der Erkrankung, einem rotfleckigen Hautausschlag, der unter anderem Gesicht („Fleckfiebergesicht“) und Extremitäten befallen kann.
Neben dem klassischen epidemischen Fleckfieber und dem Mittelmeer-Fleckfieber (Erreger: Rickettsia conorii) gibt es durch weitere Rickettsien (etwa aus der Zecken-Fleckfieber-Gruppe) verursachte, ebenfalls „Fleckfieber“ genannte Erkrankungen (Rickettsiosen), die durch Milben, Zecken oder Flöhe (Floh-Fleckfieber, Murine-Fleckfieber) übertragen werden können.
Verwechslung mit Typhus Früher wurde das Fleckfieber, auch epidemisches Fleckfieber genannt, wegen des dabei auftretenden Ausschlags auch als Typhus exanthemicus sowie als Typhus levissimus, Typhus ambulatorius, Typhus carcerum, Hungertyphus, Kriegstyphus und Typhus bellicus bezeichnet, da es sich unter schlechten hygienischen Bedingungen in Kriegszeiten mitunter epidemieartig ausbreitete und die Symptome von Typhus und Fleckfieber einander ähneln. Das Fleckfieber ist aber nicht mit der im deutschen Sprachgebrauch als Typhus bezeichneten Krankheit gleichzusetzen, die durch Salmonellen verursacht wird. Ohne Wissen um den potentiellen Erreger, allein aufgrund der klinischen Symptomatik, plädierte William Jenner bereits 1849 für die Unterscheidung von Fleckfieber, Typhus und Rückfallfieber.William Jenner: On the Identity or Non-identity of the specific cause of Typhoid, Typhus, and Relapsing Fever. In: Med Chir Trans., 1850, 33, S. 23–42.1 . Zuvor hatte man als „Typhus“Joh. Claudius Renard: Ein Beitrag zur Geschichte von dem ansteckenden Typhus der Jahre 1813 und 1814. In: Hufelands Journal 6, 1815, S. 3–46. auch das Fleckfieber bezeichnet, wie beispielsweise in Rudolf Virchows Bericht über die Hungertyphus-Epidemie in Oberschlesien aus dem Jahr 1848 an die preußischen Medizinalbehörden.
Im Englischen wird die hier beschriebene Krankheit als typhus oder gelegentlich als typhus fever bezeichnet. Die durch Salmonellen verursachte Krankheit wird englisch typhoid fever genannt.Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, Englische version.
Verlauf
Die direkte Infektion erfolgt über lebende Läuse; aber auch getrocknete Läusekadaver und Läuse-Exkremente sind noch mehrere Monate infektiös.John D. C. Bennett, Lydia Tyszczuk: Deception by immunisation, revisited British Medical Journal 1990, Band 301, Ausgabe vom 22.–29. Dezember 1990, Seiten 1471–1472. Die Inkubationszeit beträgt 10–14 Tage. Dann kann es zu einem Prodromalstadium mit Schüttelfrost, zunehmend hohem Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen und Bewusstseinsstörungen (wenn das Gehirn mit betroffen ist) kommen. Später ist ein blau- bis (durch petechiale Einblutungen) rotfleckiger Hautausschlag typisch.
Charakteristisch beim Fieberverlauf ist ein zwei- bis dreitägiger Temperaturanstieg (Stadium incrementi), gefolgt von einem etwa zehntägigen kontinuierlichen Fieber und anschließender Entfieberung über mehrere Tage.Karl Wurm, A. M. Walter: Infektionskrankheiten. In: Ludwig Heilmeyer (Hrsg.): Lehrbuch der Inneren Medizin. 1961, S. 156.
Das Fleckfieber begünstigt weitere Infektionen durch andere Bakterien, sogenannte Sekundärinfektionen. Dazu zählen unter anderem: Hirnhautentzündung (Meningitis) Lungenentzündung (Pneumonie) Herzmuskelentzündung (Myokarditis).
Seit den 1950er Jahren tritt die Krankheit noch vorwiegend in den Subtropen und Tropen auf. Eine eventuelle Zweitinfektion verläuft aufgrund der aktiven Immunisierung mit abgeschwächten Symptomen.
Diagnostik Die Diagnose kann klinisch oder serologisch gestellt werden. Das Serum eines Patienten, der Antikörper gegen Rickettsien besitzt, kreuzreagiert mit dem Erreger Proteus OX19 (auch Proteus X-19Ludwik Fleck: Versuche über eine lokale Hautreaktion mit Proteus X-19 Extrakten (Die Exanthinreaktion). In: Zeitschrift für Immunitätsforschung und experimentelle Therapie. Band 72, 1931, S. 282–300.) und flockt aus (Agglutination, Weil-Felix-Reaktion). Ludwik Fleck entwickelte einen Hauttest zur Diagnose des Fleckfiebers.Ludwik Fleck, I. Hescheles: Über eine Fleckfieber-Hautreaktion (die Exanthinreaktion) und ihre Ähnlichkeit mit dem Dicktest. In: Klinische Wochenschrift. Band 10, 1931, S. 1075 f.
Behandlung Bei Rickettsieninfektionen sind vor allem Tetracycline oder Chloramphenicol wirksam, Standardbehandlung ist Doxycyclin. Es stehen derzeit nur deutlich eingegrenzt wirksame Fleckfieberimpfstoffe zur Verfügung.
Beim Fleckfieber sollte die antibiotische Behandlung so früh wie möglich anfangen, dann zeigt sie gute Heilungschancen. Bereits ein bis zwei Tage nach Therapiebeginn kommt es zum Abfall des Fiebers.
Prognose Das Fleckfieber kann unbehandelt in bis zu 40 Prozent der Fälle tödlich enden. Wird es rechtzeitig therapiert, ist die Prognose gut: Normalerweise heilt das Fleckfieber nach einer antibiotischen Behandlung vollständig und folgenlos ab.
Manchmal verbleiben die Fleckfieber-Erreger bis zu 30 Jahre im Körper. Normalerweise lösen sie in dieser Zeit keine neue Erkrankung aus, da sie vom körpereigenen Abwehrsystem in Schach gehalten werden. Kommt es dennoch zum Ausbruch von Symptomen, wird das als Brill-Zinsser-Krankheit bezeichnet. Sie verläuft deutlich kürzer und milder als das Fleckfieber.Gerhard Dobler, Roman Wölfel: Typhus and Other Rickettsioses. In: Deutsches Aerzteblatt Online. 2009, doi:10.3238/arztebl.2009.0348. Es sind allerdings auch Fleckfieber-Spätrezidive mit gravierenden Folgen bekannt.Werner Mohr: Zur Frage der Spätrezidive bei Rickettsiosen. In: Mitteilungen der Österreichischen Ges. für Tropenmedizin und Parasitologie. Band 7, 1985, S. 41–46, (PDF)
Geschichte Bis 1938 Das wohl schon im Altertum existente,Vgl. auch Georg Sticker: Hippokrates: Der Volkskrankheiten erstes und drittes Buch (um das Jahr 434–430 v. Chr.). Aus dem Griechischen übersetzt, eingeleitet und erläutert. Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1923 (= Klassiker der Medizin. Band 29); unveränderter Nachdruck: Zentralantiquariat der Deutschen Demokratischen Republik, Leipzig 1968, S. 91 f., Anm. 4 (zum Brennfieber und zum Rückfallfieber) und 104–106 (zum Fleckfieber) sowie S. 109, Anm. 13, und S. 118, Anm. 22.Hermann Frölich, Militärmedicin; kurze Darstellung des gesamten Militär-Sanitätswesens, aber erst im 16. Jahrhundert zuverlässig geschilderte Fleckfieber trat in Europa vor allem als „typische Kriegs- und Elendsseuche“ auf.Karl Wurm, A. M. Walter: Infektionskrankheiten. 1961, S. 154 f. Für Napoleons Armee wurde das Fleckfieber während des Russlandfeldzugs zu einem ernsten Problem. Die bittere Winterkälte zwang die Soldaten, ihre Kleidung durchgehend zu tragen, ohne sie wechseln oder säubern zu können. Außerdem nutzten sie Kleidungsstücke Gefallener, um sich notdürftig warm zu halten. Die mit Rickettsien infizierten Kleiderläuse konnten sich daher sehr gut vermehren und ausbreiten. Beim Rückzug der im Juni 1812Manfred Vasold: Die Fleckfieberepidemie von 1813/14 im mainfränkischen Raum. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 23, 2004, S. 217–232, hier: 217. nach Russland gezogenen „Grande Armée“ im Herbst 1813 war Mainz die erste Rast auf französischem Boden. Dort starben 15.000–17.000 Mann der französischen Besatzung und ebenso viele Zivilisten. Die Krankheit, welche damals wegen der dabei auftretenden neurologischen Symptome auch als „Nervenfieber“Manfred Vasold: Die Fleckfieberepidemie von 1813/14 im mainfränkischen Raum. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 23, 2004, S. 217–232, hier: S. 218–224.Wilhelm Christoph Hufeland: Erster Bericht über das epidemische und ansteckende Nervenfieber und dessen Behandlung im Kg. Charitékrankenhaus zu Berlin. In: Hufelands Journal 1, 1813, S. 1–40. bezeichnet wurde, blieb als Typhus de Mayence (nach dem französischen Namen für Mainz) in der französischen Sprache erhalten.Alfred Hartmann: Fleckfieberepidemie in Mainz und Umgebung in den Jahren 1813/14, genannt „Typhus de Mayence“. Dissertation. Hygiene Institut der Stadt und Universität Frankfurt, Frankfurt am Main 1949. Im fränkischen Raum um das Großherzogtum Würzburg waren bis Ende Oktober 1814 14.000 Krankheitsfälle von Fleckfieber zu verzeichnen, wovon 2500 einen tödlichen Verlauf genommen hatten.Anton Chroust: Geschichte des Großherzogtums Würzburg (1806–1814). Die äußere Politik des Großherzogtums Würzburg. Würzburg 1932, S. 442. Eine weitere Epidemie mit etwa zweieinhalb Millionen Todesopfern ereignete sich in Folge von Krieg und BürgerkriegManfred Vasold: Die Fleckfieberepidemie von 1813/14 im mainfränkischen Raum. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 23, 2004, S. 217–232, hier: S. 230. zwischen 1918 und 1922 in Russland.P. Mühlens: Die russische Hunger- und Seuchenkatastrophe in den Jahren 1921–22. In: Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten, 99, 1923, S. 1–45.
Dass Läusebisse (Läusestiche) die Erkrankung verursachen, erkannte Osip Osipovič Močutkovsij (1845–1903), der Leiter der Infektionsabteilung am Städtischen Krankenhaus von Odessa.Joachim Stahnke: Ludwik Teichmann (1823–1895). Anatom in Krakau. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 2, 1984, S. 205–267, hier: S. 216. Im Jahr 1909 war Charles Jules Henri Nicolle der experimentelle Nachweis der Übertragung des Flecktyphus durch Läuse gelungen.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 61. Die Erstbeschreibung des Erregers erfolgte 1916 durch den am Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten in Hamburg tätigen brasilianischen Mikrobiologen Henrique da Rocha Lima (1879–1956).Horst Kremling: Historische Betrachtungen zur präventiven Heilkunde. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 24, 2005, S. 222–260, hier S. 231. Er wies die zuvor von dem amerikanischen Mikrobiologen Howard T. Ricketts und dem Hamburger Bakteriologen Stanislaus von Prowazek, die beide bei ihren Fleckfieberforschungen starben, in Fleckfieberläusen gesehenen Organismen und deren Vermehrung im Darm der Läuse nach.Karl Wurm, A. M. Walter: Infektionskrankheiten. 1961, S. 155. Weitere Forschungen zum Fleckfieber folgten unter anderem am Georg-Speyer-Haus in Frankfurt am Main.Richard Otto: Zur Bakteriologie des Fleckfiebers. In: Wilhelm Kolle zum 60. Geburtstage. Arbeiten aus dem Staatsinstitut für experimentelle Therapie und dem Georg Speyer Hause zu Frankfurt a. M., begründet von Paul Ehrlich. Heft 21, Jena 1928, S. 123–132.
Gleichfalls noch während des Ersten Weltkriegs wurde der polnische Biologe Rudolf Weigl als Wissenschaftler in das Sanitätswesen der österreichisch-ungarischen Armee einberufen, wo er bei der Erforschung des Fleckfiebers einen Fleckfieberimpfstoff fand. Nach Kriegsende als Professor für Biologie an die Lemberger Universität berufen, führte er dort seine Forschungen und die darauf fußende Impfstoffproduktion fort.
Der Völkerbund setzte 1920 eine Fleckfieberkommission ein, die eine in Osteuropa ausgebrochene Fleckfieberepidemie abwehren sollte.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 67.
Zweiter Weltkrieg mini|Nationalsozialistisches Propagandaplakat aus dem Generalgouvernement mit der Aufschrift: „Żydzi – wszy – tyfus plamisty“ (), 1942