mini|Der Anfang des Didaskalikos des Alkinoos in der ältesten Handschrift, Paris, Französische Nationalbibliothek, Gr. 1962, fol. 147r (9. Jahrhundert) Alkinoos ( Alkínoos) war ein antiker griechischer Philosoph. Vermutlich lebte er im 2. Jahrhundert. Er gehört zu den bekanntesten Vertretern des Mittelplatonismus, der zu seiner Zeit herrschenden Richtung im Platonismus. Da von den Werken der Mittelplatoniker nur relativ wenig erhalten ist, stellt Alkinoos’ Lehrbuch der Grundsätze Platons (Didaskalikós tōn Plátōnos dogmátōn, kurz Didaskalikos) eine der wichtigsten Quellen für das mittelplatonische Verständnis der Hinterlassenschaft des Schulgründers dar. Das Werk, eine zusammenfassende und systematische Darstellung der platonischen Philosophie, gewährt Einblicke in das Denken der Platoniker der römischen Kaiserzeit vor dem Aufkommen des Neuplatonismus im 3. Jahrhundert. In kontroversen Fragen bietet der Didaskalikos in der Regel keine Entscheidungen des Verfassers, sondern berichtet nur über unterschiedliche Lehrmeinungen.

Seit langem umstritten ist die Frage der Identität des Alkinoos. Von den verschiedenen in der Forschungsliteratur erörterten Vorschlägen, ihn mit anderweitig bezeugten Philosophen zu identifizieren, hat sich bisher keiner durchgesetzt.

Leben und Identitätsfrage Über das Leben des Alkinoos ist nichts bekannt. In Handschriften des Didaskalikos ist er als Autor genannt; nur aus der mutmaßlichen Entstehungszeit dieses Werks lässt sich erschließen, dass seine Aktivität wohl ins 2. Jahrhundert fällt. Allerdings ist nicht auszuschließen, dass der Didaskalikos schon im 1. oder erst im 3. Jahrhundert entstanden ist.Siehe zur Datierung John Whittaker: Introduction. In: John Whittaker, Pierre Louis (Hrsg.): Alcinoos: Enseignement des doctrines de Platon. 2. (unveränderte) Auflage, Paris 2002, S. VII–LXXII, hier: XIIf.; John Dillon (Hrsg.): Alcinous: The Handbook of Platonism, Oxford 1993, S. XIIf.; Tryggve Göransson: Albinus, Alcinous, Arius Didymus, Göteborg 1995, S. 133.

Da ansonsten keine Informationen über Alkinoos vorliegen, hat Jacob Freudenthal 1879 vorgeschlagen, ihn mit Albinos, einem bekannten Mittelplatoniker des 2. Jahrhunderts, zu identifizieren.Jacob Freudenthal: Der Platoniker Albinos und der falsche Alkinoos, Berlin 1879. Freudenthal meinte, bei dem handschriftlich überlieferten Namen Alkinoos handle es sich um einen Schreibfehler, im Originaltext habe „Albinos“ gestanden. Diese Hypothese untermauerte er mit Hinweisen auf inhaltliche Übereinstimmungen zwischen dem Didaskalikos und der sicher von Albinos stammenden Schrift Einführung in Platons Dialoge. Die Identifizierung von Alkinoos und Albinos fand bald Anklang; sie blieb bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts herrschende Lehrmeinung. Erst ab den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts haben Michelangelo Giusta und John Whittaker in einer Reihe von Untersuchungen gezeigt, dass die Gleichsetzung der beiden Denker irrig ist; diese Erkenntnis hat sich in der Folgezeit durchgesetzt.Die Forschungsgeschichte ist dargestellt bei Tryggve Göransson: Albinus, Alcinous, Arius Didymus, Göteborg 1995, S. 13–23.

Außerdem ist in der Forschung vorgeschlagen worden, den Verfasser des Didaskalikos mit zwei gleichnamigen Philosophen zu identifizieren, über die sehr wenig bekannt ist: In den Lebensbeschreibungen der Sophisten, die der Sophist Philostratos verfasste, wird „Alkinoos der Stoiker“ erwähnt.Philostratos, Vitae sophistarum 1,24, hrsg. Carl Ludwig Kayser, Flavii Philostrati opera, Band 2, Leipzig 1871, S. 40 Zeilen 28–32. In der Forschung wird die Hypothese erwogen, dieser ansonsten unbekannte Philosoph sei mit dem Autor des Didaskalikos gleichzusetzen.Simone Follet: Alcinoos. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Band 1, Paris 1989, S. 113f.; Harold A. S. Tarrant: Alcinous, Albinus, Nigrinus. In: Antichthon 19, 1985, S. 87–95, hier: 88f., 94; John Whittaker: Platonic Philosophy in the Early Centuries of the Empire. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, Band 36.1, Berlin 1987, S. 81–123, hier: 98–101; Tryggve Göransson: Albinus, Alcinous, Arius Didymus, Göteborg 1995, S. 133–135; strikt gegen die Hypothese ist Matthias Baltes: Muß die „Landkarte des Mittelplatonismus“ neu gezeichnet werden? In: Matthias Baltes: Dianoemata. Kleine Schriften zu Platon und zum Platonismus, Stuttgart 1999, S. 327–350, hier: 341f. Der byzantinische Gelehrte Photios berichtet, dass ein Autor namens „Josepos“ in einer Abhandlung über das Universum Lehren eines „Alkinous“, offenbar eines Platonikers, über die Seele und die Materie bekämpfte.Photios, Bibliothek cod. 48. Ob es sich bei diesem Platoniker um den Verfasser des Didaskalikos handelt, ist unklar. Jedenfalls scheint sich die Kritik des „Josepos“, eines Christen, von dessen Werk nur Fragmente erhalten sind, nicht auf den Didaskalikos zu beziehen. Nach einer verbreiteten Forschungsmeinung ist „Josepos“ mit Hippolyt von Rom zu identifizieren.Marie-Luise Lakmann (Hrsg.): Platonici minores. 1. Jh. v. Chr. – 2. Jh. n. Chr. Leiden/Boston 2017, S. 41f., 274f.; Simone Follet: Alcinous. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Band 1, Paris 1989, S. 114f.; Tryggve Göransson: Albinus, Alcinous, Arius Didymus, Göteborg 1995, S. 135f.

Eine neuartige, spekulative Variante der Gleichsetzungshypothesen hat 1985 Harold Tarrant vorgeschlagen. Er meint, der Platoniker Albinos, dessen Name lateinischen Ursprungs war (Albinus), habe in einer späten Phase seines Lebens seine Zugehörigkeit zur griechischen Kultur und sein Bekenntnis zu einer griechischen philosophischen Tradition durch eine Namensänderung betonen wollen. Daher habe er beschlossen, sich fortan Alkinoos zu nennen. Aus diesem zweiten Lebensabschnitt stamme der Didaskalikos. Dieser Philosoph Albinos/Alkinoos sei auch der von Philostratos erwähnte und als Stoiker bezeichnete Alkinous.Harold A. S. Tarrant: Alcinous, Albinus, Nigrinus. In: Antichthon 19, 1985, S. 87–95, hier: 88–95.

Didaskalikos Das Werk des Alkinoos trägt den Titel Lehrbuch der Grundsätze Platons (Didaskalikós tōn Plátōnos dogmátōn); der ebenfalls handschriftlich bezeugte Titel Auszug aus den Lehren Platons (Epitomḗ tōn Plátōnos dogmátōn) ist wohl nicht authentisch. Möglicherweise ist der Didaskalikos eine Kurzfassung einer verlorenen umfangreicheren Schrift. Er bietet eine einführende systematische Darstellung des Platonismus, die stark von aristotelischem und stellenweise auch von stoischem Gedankengut beeinflusst ist, in der aber auch – insbesondere in der Ethik – gegen stoische Positionen polemisiert wird. Einen Widerspruch zwischen platonischer und aristotelischer Philosophie sieht Alkinoos nicht; er will nicht Systeme vermischen, sondern nichtplatonische Literatur in den Dienst seiner Erläuterung des Platonismus stellen.Zur Rezeption aristotelischer Gedanken bei Alkinoos siehe Paul Moraux: Der Aristotelismus bei den Griechen, Band 2, Berlin 1984, S. 445–480; Lawrence P. Schrenk: The Middle Platonic Reception of Aristotelian Science. In: Rheinisches Museum für Philologie, Neue Folge Bd. 136, 1993, S. 342–359. Sein Zielpublikum sind nicht philosophische Laien, sondern Leser mit beträchtlichen Vorkenntnissen.Harold Tarrant: Instruction and Hermeneutics in the Didascalicus. In: Ada Neschke-Hentschke (Hrsg.): Argumenta in dialogos Platonis, Teil 1, Basel 2010, S. 77–100, hier: 98.

Quellen Alkinoos hat offenbar eine Vielzahl von unbekannten Quellen verarbeitet. Im Didaskalikos findet sich eine Reihe von Parallelen zu Apuleius’ Abhandlung Über Platon und seine Lehre (De Platone et eius dogmate)John Whittaker: Platonic Philosophy in the Early Centuries of the Empire. In: Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, Band 36.1, Berlin 1987, S. 81–123, hier: 102f. und am Anfang des 12. Kapitels steht eine längere Passage, die fast wörtlich mit einem Fragment aus einem Werk des Philosophen Areios Didymos übereinstimmt.Siehe die Gegenüberstellung der Texte bei Michelangelo Giusta: Due capitoli sui dossografi di fisica. In: Giuseppe Cambiano (Hrsg.): Storiografia e dossografia nella filosofia antica, Torino 1986, S. 149–201, hier: 190f. Ob Alkinoos das Werk des Areios Didymos benutzt hat oder die Verwandtschaft der beiden Schriften anders zu erklären ist, ist umstritten. Ein direktes Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Didaskalikos und der Schrift des Apuleius ist nicht anzunehmen.Siehe dazu die ausführliche Untersuchung von Tryggve Göransson: Albinus, Alcinous, Arius Didymus, Göteborg 1995, S. 137–181.

Aufbau Die Einleitung (Kapitel 1–3) behandelt die Bedeutung der Begriffe Philosophie und Philosoph, die intellektuellen und charakterlichen Voraussetzungen für das Philosophieren, die verschiedenen Lebensweisen und die Einteilung der Philosophie in Teilgebiete.

Der erste Hauptteil (Kapitel 4–6) umfasst die Darlegung der Dialektik einschließlich der zu ihr gezählten Erkenntnistheorie.Zur Erkenntnistheorie siehe George Boys-Stones: Alcinous, Didaskalikos 4: in Defence of Dogmatism. In: Mauro Bonazzi, Vincenza Celluprica (Hrsg.): L’eredità platonica. Studi sul platonismo da Arcesilao a Proclo, Napoli 2005, S. 201–234; David Sedley: Alcinous’ Epistemology. In: Keimpe A. Algra u. a. (Hrsg.): Polyhistor. Studies in the History and Historiography of Ancient Philosophy, Leiden 1996, S. 300–312. Dabei geht es um das Denken und die Vernunft, um Urteil und Meinung, Erinnerung und Vorstellung, um die Einsicht (noēsis) und deren Gegenstände, um die Sinneswahrnehmung und die Arten ihrer Objekte sowie um die Logik, die nach Aristoteles, aber mit Bezugnahme auf Platons Werke dargestellt wird; Platon erscheint als ihr eigentlicher Urheber.

Der zweite Hauptteil (Kapitel 7–26) handelt vom „Theoretischen“. Dort wird zuerst die philosophische Relevanz der Mathematik, der Astronomie und der Musiktheorie erörtert, dann wird auf Prinzipienlehre und Theologie eingegangen, wobei die Materie, die platonischen Ideen, der „erste Gott“ und die Qualitäten behandelt werden. Es folgen Naturphilosophie (Kosmologie), Anthropologie und in Kapitel 26 eine Betrachtung des Verhältnisses von Notwendigkeit und Willensfreiheit.Zur Frage von Schicksal, Determinismus und dem, was in der Macht des Menschen steht, bei Alkinoos siehe Heinrich Dörrie, Matthias Baltes: Der Platonismus in der Antike, Band 6.2, Stuttgart-Bad Cannstatt 2002, S. 64f., 258–264; Jaap Mansfeld: Alcinous on Fate and Providence. In: John J. Cleary (Hrsg.): Traditions of Platonism, Aldershot 1999, S. 139–150; Erik Eliasson: The Middle Platonist reception of the myth of Er as a theory of fate and ‘that which depends on us’: the case of Alcinous’ Didascalicus. In: Anne Sheppard (Hrsg.): Ancient approaches to Plato’s Republic, London 2013, S. 59–85, hier: 59f., 83–85.

Der dritte Hauptteil (Kapitel 27–35) ist der „praktischen“ Philosophie gewidmet. Hier erörtert Alkinoos zuerst die Ethik (Güterlehre und Eudaimonie, Angleichung an Gott als Lebensziel, Tugend und Schlechtigkeit, Affekte, Freundschaft und Liebe). Anschließend wendet er sich den Staatsformen zu. Zum Abschluss definiert er den Sophisten, indem er ihn vom Philosophen abgrenzt.

Inhalt Aufgaben und Ziele des Philosophen