mini|Aussprache des Wortes
Das arabische Wort Ḫarǧa (Der arabischer Plural lautet ḫaraǧat. Ein arabisches Synonym für Ḫarǧa ist markaz, und ; ; .) bezeichnet in der romanistischen, arabistischen und hebraistischen Literaturwissenschaft die Schlussverse, das letzte « qufl », eines arabischen oder hebräischen Muwaschschah-Gedichtes aus al-Andalus.
Für die romanistische Sprach- und Literaturwissenschaft stellte im Jahre 1948 die VeröffentlichungSamuel Miklos Stern: Les vers finaux en espagnol dans les Muwaššaḥs hispano-hébraïques. Une contribution à l’histoire du Muwaššaḥ et à l’étude du vieux dialecte espagnol «mozarabe». In: Al-Andalus. Revista de las escuelas de estudios árabes de Madrid y Granada. Band XII, 1948, , S. 330–332, . Volltext der frühesten, auf ca. 1024 datierten Ḫarǧa auf jarchas.net. zwanzig „romanischer“ Ḫarǧas in hebräischen Muwaschschah-Gedichten durch den Hebraisten Samuel Miklas Stern eine Sensation dar, die bis heute kontrovers diskutiert wird. So zum Beispiel der spanische Arabist Federico Corriente: By No Means “jarchas mozárabes” in seiner Rezension des Buches von Álvaro Galmés de Fuentes Las jarchas mozárabes: Forma y significado. In: Romance Philology. August 1996, Band 50, n° 1, S. 46–61, .
Die älteste romanische Ḫarǧa, „H18“ nach der Klassifikation von S. M. Stern, tnt 'm'ry tnt 'mry () wird auf vor 1042 datiert.Demetrio Gazdaru: La más antigua jarya mozárabe. Nueva transcripción e interpretación. In: Filología. Vol. 9, Buenos Aires 1963, , S. 69–77 (uba.ar [PDF; 22,1 MB]). Es handelt sich um die altspanischen Schlussverse eines panegyrischen Muwaschschah-Gedichtes, die in hebräischen Schriftzeichen geschrieben sind. Im zitierten Artikel von Stern (1948) ist das hebräische Konsonanten-Schriftbild abgedruckt, während spätere Autoren, die sich mit dem Thema beschäftigt haben, in der Regel nur im lateinische Alphabet edierten. So auch der spanische Arabist Emilio García Gómez in seinem Werk Las jarchas de la serie árabe en su marco mit dem Untertitel Edition in lateinischen Buchstaben.Emilio García Gómez: Las jarchas de la serie árabe en su marco. Ed. en caracteres latinos, versión española en calco rítmico y estudio de 43 moaxajas andaluzas. Sociedad de Estudios y Publicaciones, Madrid 1965, (). Inzwischen sind ca. 70 romanische Ḫarǧas gefunden worden.
Hier, linear angeordnet, 1) der Originaltext in hebräischen Schriftzeichen Hier der Link zur hebräischen Original-Handschrift Oxford: MS heb. e.100/40b (Fragment 1v, FGP No. C 466877) – Kharja 18, die letzten beiden Verse In: bodleian.ox.ac.uk, University of Oxford, Bodleian Library, abgerufen am 22. August 2023.Siehe auch S. 287 im Buch von Anne Cenname, , das ein Foto des Originalmanuskripts von Ḫarǧa H18 enthält., 2) die Transliteration der hebräischen Konsonantenschrift ins lateinische Alphabet In: jarchas.net. Der dortige Kommentar „Transliteración de caracteres Árabes a grafías latinas“ ist fehlerhaft. Es handelt sich um hebräische Buchstaben, also caracteres hebreos., 3) eine mögliche Vokalisierung, d. h. Transkription, 4) Übersetzung ins heutige Spanisch, 5) Übersetzung ins Deutsche:
1 2 3 4 tnt 'm'ry tnt 'mry hbyb tnt 'm'ry 'nfrmyrwn wlywš gydš ydwln tn m'ly. ¡Tant' amare, tant' amare,Vokalisierung nach Álvaro Galmés de Fuentes: Las jarchas mozárabes. Forma y significado. Crítica, Barcelona 1994, ISBN 84-7423-667-3, S. 192. habibi, tant' amare! enfermeron welyoš gayados ya duolen tan male. ¡Tanto amar, tanto amar, amigo mío, tanto amar!, [que] enfermaron los ojos llorosos, ya duelen mucho. Soviel lieben, soviel lieben, mein Freund, soviel lieben, krank wurden [meine] verweinte[n] Augen, sie schmerzen schon so sehr.
Diese romanische Ḫarǧa, „H18“ der Klassifikation von S. M. Stern folgend, bildet die beiden Schlussversen der letzten, der sechsten StropheJosep Maria Solà-Solé: Las jarchas romances y sus moaxajas. Taurus, Madrid 1990, ISBN 84-306-0173-2, S. 57/59 (). eines panegyrischen Muwaššaḥ, das der jüdische Dichters Yosef al-Katib vor dem Jahre 1042 gedichtet hat. Somit ist erwiesen, dass romanische Ḫarǧas um ein halbes Jahrhundert älter sind als die altprovenzalischen cansos des ersten bekannten Trobadors, des Herzogs von Aquitanien und Grafen von Poitiers Wilhelm IX.: )
Die „romanischen“ Ḫarǧas sind zwar wie der übrige Muwaschschah-Text in semitischen Zeichen gehalten, in arabischer oder hebräischer Schrift. Aber sie enthalten einen altspanischen Text in mozarabischem Dialekt. Der mozarabische Dialekt ist zwar romanisch, aber stark arabisiert. Es handelt sich um eine Mischsprache. Werden altspanische Texte mit semitischen Zeichen geschrieben, so spricht man von Aljamiado-Schreibweise.
So sind in den Ḫarǧas romanische Vokabeln mit arabisch-andalusischen Dialektwörtern und Neubildungen zu einer Art makkaronischen Dichtung vermengt. Inwieweit es sich bei diesen „romanischen“ Ḫarǧas um präexistente romanische Volkslyrik handelt oder ob sie von dem jeweiligen Muwaschschah-Dichtern erfunden wurden, ist nach wie vor unter den Gelehrten umstritten.
Die Ḫarǧa – ein Gedicht im Gedicht Das Muwaschschah ist eine im maurischen al-Ándalus entstandene Strophen-Gedichtart mit festem Reimschema, die in arabischer oder hebräischer Hochsprache gehalten ist. Die Ḫarǧa, die Schlussverse der letzten Strophe, weicht indes von der sprachlichen Norm der übrigen Gedichtszeilen ab. Sie ist entweder in arabisch-andalusischer Umgangssprache, in mozarabischer Mischsprache oder – was seltener ist – vollständig auf Altspanisch gedichtet. Dieses Code-Switching, der plötzliche Wechsel von einer Sprache oder Sprachebene in eine andere, bildet eine Diskontinuität, einen Bruch im Gesamtgedicht, was der Ḫarǧa einen besonderen Stellenwert innerhalb eines Muwaschschahs verleiht.
Der mittelalterliche ägyptische Literaturtheoretiker Ibn Sana al-Mulk (1155–1211) rühmt im Vorwort (Über die Technik des Muwaššaḥ) seiner Muwaschschah-Anthologie, Dar al-ṭirāz,Emilio García Gómez: Estudio del 'Dār aṭ -ṭirāz'. Preceptiva egipcia de la Muwaššaḥa. In: Al-Andalus. Revista de las Escuelas de Estudios Arabes de Madrid y Granada. Vol. 27, 1962, Nº 1, , S. 21–104 (bedingter Zugriff über ProQuest). diese eigentümlichen Schlussverse, die Ḫarǧa, in den höchsten Tönen:
Der umgangssprachliche oder – wie im Falle der altspanischen Ḫarǧas – gemischtsprachige oder gar fremdsprachige Charakter der Ḫarǧa verleiht der Dichtung besonderes Lokalkolorit. So formt die Ḫarǧa einen Fremdkörper, sie ist sozusagen ein Gedicht im Gedicht, meistens in Form eines klagenden Frauenliedes.Theodor Frings: Altspanische Mädchenlieder aus des Minnesangs Frühlings. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur. 1951, Heft 73, , S. 176–196, doi:10.1515/bgsl.1951.1951.73.176.
Die ersten Verse der letzten Strophe eines Muwaschschah-Gedichtes (arabisch tamhid, Worte des ÜbergangsOtto Zwartjes: Love Songs from al-Andalus. History, Structure and Meaning of the Kharja (= Medieval Iberian Peninsula. Texts and Studies. Vol. 11). Brill, Leiden 1997, ISBN 90-04-10694-4, S. 75 ()) leiten – in arabischer oder hebräischer Hochsprache – die Ḫarǧa ein, sowohl thematisch als auch durch eine Inquit-Formel, ein verbum dicendi. Es spricht oft ein verliebtes Mädchen, das sich an den Geliebten wendet oder eine Vertraute anredet, die Mutter, eine Freundin oder Schwester: und das verliebte Mädchen "sagte/malte/klagte/sang" – in der Sprache der Christen (um das Code-Switching einzuleiten). Das Mädchen ist von Liebe überwältigt, ratlos. Es besingt die Schönheit des Geliebten, lockt ihn zur Liebe:gemäß der Transkription von Emilio García Gómez, 1952. Siehe: Alma Wood Rivera: Las jarchas mozárabes: Una compilación de lecturas. Monterrey (México) 1969. – In: jarchas.net. 1 Non t'amaréy, illa kon al-šarti 2 'an tayma` jalja'li ma`a qurti Ich werde dich lieben unter der Bedingung, Dass du meine Fußreifen mit meinen Ohrringen vereinigst.
Motivgleiche volkstümliche Lieder, in denen verliebte Mädchen die Sehnsucht nach ihrem Geliebten besingen, finden sich auch in alt-galicisch-portugiesischen Cantigas de amigo wieder. Deshalb wurde seit der Entdeckung (1948) der altspanischen Ḫarǧas oft angenommen, dass die arabischen und hebräischen Dichter aus al-Ándalus sich bei der Gestaltung ihrer Ḫarǧas von eigenständigen romanischen Volksliedchen inspirieren ließen. Die altspanische Ḫarǧa wäre demnach ein zitiertes romanisches Gedicht im orientalischen Gedicht. Diese Auffassung wird als Beleg für die These herangezogen, es habe bereits lange vor der ersten bekannten Trobadorlyrik eines Wilhelm IX. von Poitiers (um 1100) eine eigenständige romanische Volksyrik auf der Iberischen Halbinsel gegeben. Die früheste altspanische Ḫarǧa wird auf vor 1042 datiert. Somit wären die mozarabischen Ḫarǧas nicht nur die ältesten vollständig erhaltenen Texte iberoromanischer Sprachformen, sondern auch die frühesten Zeugnisse lyrischer Dichtung in romanischer Sprache schlechthin. Der Romanist und Aljamiadoforscher Reinhold Kontzi vertritt in einem Aufsatz aus dem Jahre 1980 diese romanische Ursprungstheorie:
Schwierigkeiten bei der Entzifferung der Aljamiado-Verse Die Überlieferung andalusischer Mädchenlieder, frühester Fragmente romanischer Lyrik aus dem 11. Jh., erreichte die Romanistik erst im Jahre 1948, also mit 900 Jahren Verspätung. Der Entdecker dieser altspanischen Ḫarǧas, der ungarische Hebraist Samuel Miklos Stern (1920–1969), interessierte sich für die in orientalischer Literatur selten anzutreffende Strophengedicht-Gattung Muwaššaḥ. Er war in den Werken der Arabisten Martin Hartmann und Julián RiberaMartin Hartmann: Das Muwaššaḥ, das arabische Strophengedicht. Nebst: Metrum und Rhythmus, die Entstehung der arabischen Versmaße (= Semitische Studien. Band 13/14). APA Philo Press, Amsterdam 1981, ISBN 90-6022-713-1 (Nachdruck der Ausgabe [Felber,] Weimar 1897 und [Ricker,] Giessen 1896). auf die Muwaschschah-Anthologie Dar al-tiraz des arabischen Dichters Ibn Sana al-Mulk (1155–1211) aufmerksam gemacht worden. In deren Vorwort, einer Poetik Über die Technik des Muwaššaḥ, stellt Ibn Sana al-Mulk die Theorie auf, dass die Dichtungsgattung des Muwaschschah im maurischen al-Ándalus erfunden worden sei. Zudem seien manche ihrer Ḫarǧas sogar in romanischer Volkssprache gehalten. Bisher hatte man aber noch nirgendwo ein Muwaschschah-Manuskript mit solchen romanischen Ḫarǧas gefunden. Als S. M. Stern bei der Lektüre von Muwaššaḥas des mittelalterlichen sephardischen Dichters Jehuda ha-Levi auf rätselhafte Ḫarǧas stieß, deren konsonantische Reihenfolge im Hebräischen keinerlei Sinn ergab, kam er auf den Gedanken, dass es sich hier eventuell um diese vermuteten Schlussverse in andalusisch-romanischer Umgangssprache handeln könnte.Samuel Miklos Stern: Les vers finaux en espagnol dans les Muwaššaḥs hispano-hébraïques. Une contribution à l’histoire du Muwaššaḥ et à l’étude du vieux dialecte espagnol ‚mozarabe‘. In: Al-Andalus. Revista de las escuelas de estudios árabes de Madrid y Granada. Band XII, 1948, , S. 299–346 (bedingter Zugriff über ProQuest). Die ältesten hebräischen Manuskripte mit Muwaschschah-Gedichten stammen aus Funden, die Ende des 19. Jh. in der Geniza der Ben-Esra-Synagoge zu Fostat (Alt-Kairo) gemacht worden waren.