mini|Zwei Tage nach dem Brand

Beim Wohnhausbrand in Ludwigshafen am Rhein am 3. Februar 2008 starben neun Menschen türkischer Herkunft, darunter fünf Kinder und vier Frauen. Sechzig Personen wurden verletzt, einige davon schwer. Das rund 100 Jahre alte Gebäude Berliner Straße 57 (in unmittelbarer Nähe zum Danziger Platz) wurde weitgehend zerstört und im August 2009 abgerissen.

Der Hausbrand war das größte Brandereignis in Ludwigshafen seit dem Zweiten Weltkrieg. Es wurde auch international beachtet. Wegen mehrerer tödlicher Brandanschläge auf Türken in Deutschland, verschiedener Zeugenaussagen und lokaler Indizien wurde auch in diesem Fall ein rassistischer Brandanschlag vermutet. Die Ermittler fanden keine Hinweise darauf und konnten die Brandursache nicht aufklären.

Verlauf mini|Einige Tage nach dem Brand Um etwa 15:50 Uhr an jenem Tag endete der Fastnachtsumzug in der Stadt Ludwigshafen, der auch am Danziger Platz vorbeigeführt hatte. Mehrere türkischstämmige Familien bewohnten das dreistöckige Eckhaus Berliner Straße 57, zusätzlich hielten sich Besucher wegen des Umzugs dort auf. Um 16:21 Uhr ging der erste Notruf zu dem Brand ein.Julia Jüttner: Wohnhausbrand in Ludwigshafen: „Pure Panik in den Gesichtern“. Spiegel Online, 4. Februar 2008 Insgesamt erhielt die Feuerwehr Ludwigshafen nur sieben Notrufe zu diesem Großbrand, obwohl tausende Fastnachtbesucher vor Ort waren und Handybilder vom Brand im Internet verbreiteten.

Nach Angaben des Einsatzleiters Stefan Bruck kamen die ersten Feuerwehrleute vom Fastnachtsumzug schon 90 Sekunden nach dem ersten Notruf zum Haus. In wenigen Minuten waren demnach 65 Helfer dort und retteten mit zwei Drehleitern und mehreren mobilen Leitern 47 Personen aus dem Haus.Ismail Kul, Michael Schmid: Ludwigshafen: „Es ist mein Schicksal“. Rheinpfalz.de, 3. Februar 2018 Um 16:25 Uhr kam der erste Krankenwagen und fuhr nahe an das Gebäude heran, um Menschen über das Pkw-Dach aus dem ersten Stock des Hauses zu retten. Ab 16:27 Uhr trafen Feuerwehrzüge ein und retteten weitere Personen aus den oberen Stockwerken. Bis dahin stand schon das ganze Haus mit dem Dachstuhl in Flammen. Das Treppenhaus brach um etwa 16:30 Uhr zusammen, so dass die Feuerwehr sich aus dem Gebäude zurückziehen musste. Im weiteren Verlauf kamen bis zu 500 Einsatzkräfte hinzu. Sie vermieden eine direkte Brandbekämpfung mit Wasser oder Löschschaum, um noch im Gebäude befindliche Menschen nicht zu verbrühen. Angehörige, die Hausbewohner retten wollten, mussten vom Eindringen in das brennende Haus abgehalten werden.

Vom dritten Stock aus ließ der gelähmte Rollstuhlfahrer Kamil Kaplan seinen wenige Monate alten Neffen Onur absichtlich nach unten fallen, wo der Polizeibeamte Uwe Reuber ihn mit seiner Jacke auffing. Onur blieb unverletzt; seine Eltern überlebten ebenfalls. Ein Foto des fallenden Babys wurde zum weithin bekannten Symbol des Ereignisses.Gerettetes Baby aus Ludwigshafen: „Ich küsste Onur, dann ließ ich ihn fallen“. Spiegel Online, 6. Februar 2008 Mehrere Personen sprangen in Panik gleichzeitig in ein Auffangluftkissen. Weil es nach jedem Sprung 15 Sekunden bis zum Wiederaufblasen gebraucht hätte, verletzten sich einige dabei. Eine Frau sprang neben das Kissen und erlag später ihren Verletzungen. Kamil Kaplans Bruder Cevdet brach sich beim Aufprall die Wirbelsäule und ist seitdem gelähmt. Cevdets Mutter Medine, seine Frau Döne und seine Söhne Kamil und Kenan Kaplan starben bei dem Brand. Kamil Kaplans Ehefrau Hülya rettete ihren gehbehinderten Mann und kehrte dann in das brennende Haus zurück, um auch ihre beiden Töchter Dilara und Karanfil zu retten. Alle drei starben.Ferda Ataman, Jörg Diehl: Brand in Ludwigshafen: Deutsche und Türken fürchten Rückkehr der Feindbilder. Spiegel Online, 6. Februar 2008 Die Feuerwehr musste die Leichen aus dem einsturzgefährdeten Brandhaus bergen. Alle acht im Haus geborgenen Toten waren an Rauchvergiftung gestorben.Cigdem Akyol: Brandkatastrophe Ludwigshafen: Das Leben danach. taz, 30. Januar 2009

Wegen der Einsturzgefahr konnten das Haus, die rasche Ausbreitung des Brandes und die Brandursache zunächst nicht untersucht werden. Man rechnete anfangs mit weiteren Toten. Noch um 17:30 Uhr wurden zwei Kinder lebend im Gebäude gefunden, die sich hinter einer Couch vor dem Feuer geschützt hatten. 40 Verletzte wurden in einer nahen Turnhalle, 20 weitere in Krankenhäusern medizinisch versorgt. Drei Schwerverletzte befanden sich bis zum Abend außer Lebensgefahr. Weitere Veranstaltungen zur Fastnacht in Ludwigshafen wurden abgesagt.

Die Todesopfer Die neun beim Brand gestorbenen Personen waren: Ilyas Calar, zwei Jahre alt; Kennan Kaplan, zwei; Kamil Kaplan, drei; Karanfil Kaplan, vier; Dilara Kaplan, elf; Döne Kaplan, 21; Hülya Kaplan, 31; Medine Kaplan, 48; Belma Özkapli, 22.Harry Waibel: Rechte Kontinuitäten: Rassismus und Neonazismus in Deutschland seit 1945. Eine Dokumentation. Marta Press, Hamburg 2022, ISBN 978-3-96837-005-7, S. 424 Die meisten Toten gehörten zur Familie Kaplan, die wegen eines Kindergeburtstags mit Verwandten im Haus versammelt war.

Die Toten wurden am 11. Februar 2008 in Gaziantep in der Türkei beigesetzt, woher die Familien stammten. Die Angehörigen wollten keine Gedenktafel am Danziger Platz. Bis heute erinnert dort nichts an die Toten.Unglück in Ludwigshafen: „Es war völlig irrational“. Rheinpfalz, 3. Februar 2018

Ermittlungen Die Staatsanwaltschaft Frankenthal unter Oberstaatsanwalt Lothar Liebig übernahm die Ermittlungen, unterstützt vom Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz (LKA) und vier Brandermittlern, die die Regierung der Türkei nach Deutschland entsandte.Katja Becher: 10 Jahre nach dem Feuer – Ludwigshafener Brandkatastrophe mit neun Toten: Ursache noch ungeklärt! Ludwigshafen24, 3. Februar 2018 Ein Team von 80 Beamten unter dem Kriminalpolizeichef Eberhard Weber ermittelte zur Brandursache.

Einige Spuren lösten Gerüchte zu einer möglichen Brandstiftung aus. An die Hausfassade hatte jemand irgendwann vor dem Brand zweimal das Graffiti „Hass“ (mit großgeschriebenem Doppel-S in Form einer SS-Rune) gesprüht.Feuerkatastrophe in Ludwigshafen: Polizei entdeckt Nazi-Parolen an Brandruine. Spiegel Online, 6. Februar 2008 Die Umgebung des Danziger Platzes war mit vielen rechtsextremen Propaganda-Aufklebern an Laternenmasten, Regenrinnen und Stromkästen beklebt. Der Neonazi-Führer Matthias H. wohnte in unmittelbarer Nachbarschaft des Hauses. In dessen Erdgeschoss hatte sich in den 1990er Jahren das von Skinheads besuchte Lokal „Crazy Corner“ befunden. Später zogen türkische Gaststätten und Kulturvereine dort ein.Klaus-Peter Klingelschmitt: Ludwigshafen nach Wohnhausbrand: Trauer und Gerüchte. taz, 7. Februar 2008 Im August 2006 wurden zwei Molotowcocktails durch Fenster des türkischen Lokals im Erdgeschoss in das Gebäude geschleudert. Täter wurden nicht gefunden, das Verfahren wurde eingestellt. Die Polizei wollte diesen Fall von 2006 in ihre aktuellen Ermittlungen von 2008 einbeziehen.Frank Jansen: Brandkatastrophe: Schrecklicher Verdacht in Ludwigshafen. Tagesspiegel, 6. Februar 2008

Eine der Familien, die im Haus gewohnt hatte, berichtete dem Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde Rheinland-Pfalz Bayram Türkoğlu, sie habe drei Tage vor dem Brand einen Drohanruf erhalten. Auch die türkische Zeitung Zaman berichtete von fremdenfeindlichen Drohungen gegen Hausbewohner vor dem Brand. Zudem sei ein türkenfeindlicher Spruch in der Nähe des Hauses an eine Wand gesprüht worden. Dies bestätigten weitere Berichte türkischer Zeitungen.Harry Waibel: Rechte Kontinuitäten, Hamburg 2022, S. 425 Eine Nachbarin sagte Journalisten, eine Polizeistreife habe die ganze Zeit vor dem Haus gestanden: „Da konnte doch gar keiner rein, ohne gesehen zu werden.“

Zwei etwa achtjährige, miteinander befreundete Mädchen sagten nach ihrer Rettung aus dem Haus übereinstimmend zuerst im Krankenhaus, dann gegenüber Journalisten: Sie hätten einen Mann im Hauseingang beobachtet. Er habe schwarze Kleidung getragen und ausgesehen wie ein Deutscher, nicht wie ein Türke. Er habe mit einem Feuerzeug, Papier, einem Stück Holz und einer Flasche im Treppenhaus gestanden, das Papier angezündet und hingeworfen. Das Treppenhaus habe sofort angefangen zu brennen. Daraufhin seien sie die Treppe hoch geflohen. Laut einem Mädchen sagte der Mann nichts, das andere hörte ihn „wer wohnt da?“ fragen. Am 5. Februar 2008 wiederholten die beiden ihre Aussagen gegenüber Bayram Türkoğlu, der sie der Polizei mitteilte. Danach befragte die Polizei die Mädchen im Beisein von Eltern, Psychologen und Dolmetschern. Die Polizei wollte aus ihren Beobachtungen ein Phantombild des Mannes erstellen, sobald die traumatisierten Mädchen dazu in der Lage sein würden.

Am 22. Februar 2008 berichtete der Südwestrundfunk (SWR), laut Ermittlern hätten die beiden Mädchen ihre Aussagen nacheinander zurückgezogen. Staatsanwalt Lothar Liebig bestätigte dies nicht, erklärte aber, sonst habe niemand direkt eine Brandstiftung bezeugt. Ein Psychologe solle die Aussagen der Mädchen bewerten.Ludwigshafen Mädchen ziehen Brandstifter-Aussage zurück. Spiegel Online, 22. Februar 2008 Der Vater eines der Mädchen widersprach dem SWR-Bericht in einem Interview: Sie hätten beide ihre Aussage nicht zurückgezogen.Ermittlungen in Ludwigshafen: Unklarheit über Aussagen von Mädchen zu Brandstiftern. FAZ, 22. Februar 2008 (kostenpflichtig) Laut dem Historiker Harry Waibel brachten psychologische Gutachter die beiden Mädchen dazu, ihre Aussagen zurückzuziehen.

Während der Ermittlungen erhielt die Tageszeitung Mannheimer Morgen einen Brief einer bis dahin unbekannten Gruppe „Deutscher Widerstand“: Türken hätten in Deutschland kein Aufenthaltsrecht, darum hätten die Absender dieses Haus „abgefackelt“. Nach einer Analyse erklärten das Bundeskriminalamt (BKA) und das LKA, das vermeintliche Bekennerschreiben stamme von Trittbrettfahrern, die Unruhe zu stiften und eine fremdenfeindliche Stimmung zu schüren versuchten.Ludwigshafen: Trittbrettfahrer versenden Bekennerschreiben. Focus, 13. November 2013 (Originaldatum von 2008 nicht angegeben)

Nach Medienberichten vom 28. Februar 2008Ludwigshafen: Schwelbrand entfachte Feuer. Der Stern, 28. Februar 2008 bestätigte Staatsanwalt Lothar Liebig am 4. März 2008, vorsätzliche Brandstiftung sei „äußerst unwahrscheinlich“. Man habe keine Spuren von Brandbeschleunigern und keine Hinweise auf Anschlagspläne in der rechtsextremen Szene gefunden. Auch die langsame Brandentwicklung spreche gegen Brandstiftung. Die beiden Mädchen hätten ihre Aussage geändert: Sie hielten fest, dass sie einen Mann im Haus gesehen hätten, der aber kein Feuer gelegt habe. Die Mädchen hätten kein eigenes Fehlverhalten verdecken wollen, seien aber laut einem Psychologen stark traumatisiert. Vermutlich sei das Feuer durch irgendein fahrlässiges Verhalten entstanden. Auch der türkische Ermittler Mehmet Tüzel sah keinen Hinweis auf einen Anschlag, schloss diesen jedoch weiterhin nicht völlig aus. Nach Abreise der türkischen Ermittler sollte eine etwa zehnköpfige Gruppe die Ermittlungen fortsetzen.Ermittler schließen Anschlag in Ludwigshafen praktisch aus. Merkur, 4. März 2008