Die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen ist eine Organisation der deutschen Friedensbewegung. Sie ist eine Vereinigung politischer Pazifisten und Kriegsdienstverweigerer.
Gegründet 1892 als Deutsche Friedensgesellschaft (DFG), ist sie die älteste Organisation dieser Art. Nach dem Zusammenschluss der Deutschen Friedensgesellschaft 1968 mit der Internationale der Kriegsdienstgegner zur DFG/IdK (außer in West-BerlinDie DFG schloss sich 1968 mit der Mehrheit der IdK in Westdeutschland zusammen. Eine Ausnahme bildete die IdK in West-Berlin. Diese blieb weiterhin bestehen und ist bis heute als Internationale der Kriegsdienstgegner/innen eine weiterhin bestehende pazifistisch-antimilitaristische Organisation in Deutschland; wie die DFG-VK eine der deutschen Mitgliedsorganisationen der War Resisters’ International) und der fünf Jahre darauf folgenden Fusion mit dem Verband der Kriegsdienstverweigerer (VK) „firmiert“ die Organisation seit 1974 unter dem Namen Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (abgekürzt: DFG-VK).
Auf nationaler, europäischer und weltweiter Ebene ist der Verband in verschiedene pazifistische und antimilitaristische Bündnisorganisationen eingebunden und ist der größte deutsche Mitgliedsverband der War Resisters’ International.
Geschichte Die Friedensbewegung entstand in der Folge des Britisch-Amerikanischen Krieges 1812–1814 zuerst in den Vereinigten Staaten von Amerika und im Vereinigten Königreich. Der erste internationale Friedenskongress fand 1848 in Brüssel ohne Beteiligung von Deutschen statt, neben Briten und Amerikanern erschienen lediglich französische, niederländische und belgische Teilnehmer. Die erste deutsche Friedensgesellschaft entstand am 20. September 1850 in Königsberg – sie wurde allerdings bereits im März 1851 verboten. In der Folgezeit bis zur Reichsgründung 1871 standen die Chancen für pazifistische Organisationen schlecht, da sich das Interesse des liberalen deutschen Bürgertums als des einzigen möglichen Trägers derartiger Vereine auf die Erringung der nationalen Einheit Deutschlands konzentrierte. Die nationale Begeisterung verhinderte nach den Einigungskriegen zunächst auch weiterhin ein Aufkommen des Pazifismus in Deutschland aus Mangel an Interesse. Erst die Gründung des Frankfurter Friedensvereins 1886 zeigte erste Ansätze zu einer Veränderung, wenn auch die Mitgliederzahl, die 1890 lediglich etwa 70 betrug, weiterhin geringes Interesse signalisierte.Karl Holl: Pazifismus in Deutschland. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 20–41.
Bis zum Ersten Weltkrieg mini|hochkant=2.5|Führende DFG-Mitglieder auf dem Weltfriedenskongress 1907 in München: (sitzende Reihe von links) Eduard de Neufville, Bertha von Suttner, Ludwig Quidde, Frédéric Passy; (zwei weitere nicht bekannt, dann) Edwin Doak Mead, Lucia Ames Mead, Benjamin J. Trueblood, Anna B. Eckstein, Robert Treat Paine; (stehende Reihe) Mathilde Bajer (hinter Eduard de Neufville), Frederik Bajer (hinter Bertha von Suttner), Margarethe Quidde (hinter Ludwig Quidde), Henri La Fontaine (rechts neben ihr), Therese Vollandt (hinter Edwin D. Mead), A. H. Fried (hinter Lucia Ames Mead). Im November 1892 konnte Alfred Hermann Fried mit Unterstützung Bertha von Suttners, einer der bekanntesten Frauen dieser Zeit, einen Vorbereitungsausschuss zur Gründung einer deutschen Friedensgesellschaft in Berlin ins Leben rufen. Die Gründung der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG) fand am 21. Dezember 1892 statt,Karl Holl: Pazifismus in Deutschland. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 44. sie war die erste Vereinigung mit dem Anspruch, die Pazifisten im gesamten Deutschen Kaiserreich zu repräsentieren. Zunächst war es in der Berliner Vereinigung jedoch umstritten, ob man ein exklusiver Club sein wollte, der lediglich den Reichstag im Sinne einer internationalen Schiedsgerichtsbarkeit zu beeinflussen versuchte, oder ob man die öffentliche Meinung für solche Ideen gewinnen wollte. Unter diesem Widerspruch litt in den ersten Jahren jede nationale Wirksamkeit der DFG. Auch das Ende der Deutschfreisinnigen Partei, zu der Förderer der DFG gehört hatten, beeinträchtigte die DFG. Der Erfolg der deutschen Friedensbewegung seit Mitte der 1890er Jahre – neugegründete lokale Friedensvereine in zahlreichen Städten – spiegelte vor allem die wachsenden internationalen Spannungen, die Hochrüstung, repräsentiert durch die deutsche Flottenpolitik, und den Imperialismus. Sie wandten sich gegen den Imperialismus und Militarismus, die Unterdrückung nationaler Minderheiten, und die chauvinistische Erziehung der Jugend. Die DFG versuchte eine Organisationsreform, bei der der Hauptvorstand unter dem neuen Präsidenten Adolf Richter 1899 nach Stuttgart umzog.Karl Holl: Pazifismus in Deutschland. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 50 f. Da der Pforzheimer Industrielle Richter, der bis 1914 DFG-Präsident blieb, zunehmend unter Krankheit litt, pflegte der Historiker Ludwig Quidde, der seit 1899 stets die deutsche Delegation auf den Weltfriedenskongressen anführte, die Kontakte zu den Friedensvereinigungen in anderen Ländern.
Der Verband, für dessen Finanzierung maßgeblich Mäzene wie Georg Arnhold, Eduard de Neufville und Heinrich Roessler sorgten, war in den ersten beiden Jahrzehnten seines Bestehens stark bürgerlich geprägt. Dies äußerte sich auch darin, dass ein erheblicher Teil der Mitglieder der Deutschen Volkspartei nahestand, außerdem der Freisinnigen Volkspartei und der Freisinnigen Vereinigung. Für 1902 gab die DFG bereits 6.000 Mitglieder in 60 Ortsgruppen an. Bis Mai 1914, als Ludwig Quidde auch offiziell Adolf Richter nachfolgte, stieg die Mitgliederzahl auf bis zu 10.000 in fast 100 Ortsgruppen. Während die Führungsschicht der DFG in der Wilhelminischen Epoche durchaus ein großbürgerliches Gepräge aufwies, zeigte sich die Mitgliederbasis deutlich kleinbürgerlich: Kleinunternehmer und kleine Kaufleute, Intellektuelle sowie Ärzte, Anwälte und Apotheker bildeten die größten Mitgliedergruppen, Angehörige des öffentlichen Dienstes, Arbeiter und Bauern waren hingegen kaum bis gar nicht vertreten.Karl Holl: Pazifismus in Deutschland. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 50–54. Im Mai 1914 gründete die Frauenrechtlerin Frida Perlen, seit 1913 Mitglied in der DFG, mit der Unterstützung von Mathilde Planck und weiteren Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung einen Frauenverband innerhalb der DFG, der sich nur kurzzeitig etablieren konnte.
Der Beginn des Ersten Weltkriegs zerschlug die optimistischen Vorstellungen der deutschen Pazifisten. Über die propagandistische Darstellung des Weltkrieges als „Verteidigungskrieg“ durch die Reichsleitung zerbrachen die mühsam aufgebauten Verbindungen zu den Friedensgesellschaften der Entente-Staaten. Viele wandten sich durch die Ideen von 1914 vom Pazifismus ab, andere gingen ins Exil, um der Unterdrückung jeglicher pazifistischer Agitation zu entgehen, die die deutschen Militärbehörden ab Herbst 1915 durch eine umfassende Überwachung der Pazifisten intensivierten.J. D. Shand: Doves among the Eagles. German Pacifists and their Government during World War I. In: Journal of Contemporary History. Band 10, 1975, S. 95–108.
Weimarer Republik Seit der Endphase des Ersten Weltkriegs gewann die DFG verstärkt Sympathien im sozialdemokratischen Lager, woraus sich neue Mitgliederschichten während der Weimarer Republik ergaben. Auch der Einfluss von Pazifisten auf die Politik verstärkte sich zunächst, symbolisiert in den Ämtern des DFG-Vorsitzenden Quidde als Vizepräsident des Provisorischen Bayerischen Nationalrates 1918 und Abgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) in der Weimarer Nationalversammlung 1919. Der Völkerbund erfüllte in seiner Konzeption frühere pazifistische Forderungen, in der Nachkriegszeit von der DFG unterstützt durch Bemühungen um die Völkerverständigung.
Die Dolchstoßlegende zielte jedoch auch auf die Pazifisten, die für die deutsche Niederlage verantwortlich gemacht wurden. Auch im weiteren Verlauf der Entwicklung der Forderung nach einer Revision des Friedensvertrags von Versailles mit militärischen Mitteln sah sich die DFG scharfen Angriffen von rechts ausgesetzt. Mit der Parole „Stahlhelm und Hakenkreuz sind Deutschlands Untergang“ wandte sie sich gegen den neuen Militarismus und den aufkommenden Nationalsozialismus.
Bis 1927 stieg die Mitgliederzahl, nach Einbrüchen während des Ersten Weltkrieges, auf etwa 30.000 an. Doch die Veränderung der Mitgliederstruktur stellte die DFG vor neue Herausforderungen. Richtungskämpfe zwischen dem traditionellen bürgerlichen, gemäßigten Pazifismus (der durchaus Verteidigungskriege befürwortete) und dem neu aufkommenden radikalen, weitgehend von der Arbeiterbewegung getragenen Pazifismus (der etwa für die Kriegsdienstverweigerung eintrat) schwächten die Bewegung. Mit dem Rücktritt von elf Vorstandsmitgliedern um Ludwig Quidde 1929 setzte sich der radikale Flügel um den neuen DFG-Vorsitzenden Paul von Schoenaich durch.
1933, nach der Übernahme der Regierung durch die NSDAP wurde die Organisation zerschlagen, viele führende Pazifisten flohen ins Exil oder wurden in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet.
Nach dem Zweiten Weltkrieg Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gründete sich die DFG 1946 als eine der ersten pazifistischen Organisationen neu; zuerst wurde sie in der britischen Besatzungszone, zuletzt in der französischen Besatzungszone zugelassen. Paul von Schoenaich, der bereits 1929–1933 ihr Präsident war, übernahm bis 1951 erneut das Präsidium, womit eine Kontinuität mit der Weimarer Zeit hergestellt werden sollte. Schon Mitte 1946 hatte die DFG fünf funktionierende Landesverbände, bis Herbst 1948 wuchs die Mitgliederzahl auf über 10.000 an. Die DFG forderte in den ersten Jahren die Aufnahme von Artikeln über die Kriegsächtung in die Landesverfassungen, ihrer Forderung nach einem Recht auf Kriegsdienstverweigerung kamen vier Landesverfassungen nach, vor allem aber das 1949 verabschiedete Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland.Karl Holl: Pazifismus in Deutschland. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 221 f. Darin erhielt dieses Recht mit dem Abs. 3 GG zum ersten Mal den Status eines Grundrechts in Deutschland, womit die Bundesrepublik diesbezüglich auch in der internationalen Verfassungsgeschichte eine Vorreiterrolle einnahm. mini|„Kein Werben fürs Töten und Sterben“; Informationsstand während des Ostermarschs 2013 am Kröpcke in Hannover Mit der Entfaltung des Kalten Krieges erlitt die DFG deutliche Rückschläge, etwa einen starken Rückgang der Mitgliederzahlen, das Verbot in der sowjetischen Besatzungszone 1949 und zugleich in Westdeutschland die häufige Verdächtigung, kommunistisch unterwandert zu sein.Karl Holl: Pazifismus in Deutschland. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 222. Dennoch spielte die DFG eine wichtige Rolle beim Protest gegen die Wiederbewaffnung und in der Ostermarschbewegung, wobei diese eine enge Anbindung an irgendeine Organisation vermied.Karl Holl: Pazifismus in Deutschland. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 229. In den 1950er Jahren lag der programmatische Schwerpunkt der DFG auf der friedlichen Koexistenz und der Abrüstung in Ost und West, verbunden mit dem Vorschlag eines entmilitarisierten Gesamtdeutschlands.Karl Holl: Pazifismus in Deutschland. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988, S. 228. Zur Praxis der Kriegsdienstverweigerung bekannte sich der Verband 1960 ausdrücklich.