mini|Volker Gerhardt, Berlin 2014 Volker Gerhardt (* 21. Juli 1944 in Guben/Brandenburg) ist ein deutscher Philosoph.

Gerhardt war von 1992 bis 2012 Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin, wo er weiter als Seniorprofessor lehrt. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Ethik, der Politischen Philosophie, der Ästhetik, der Metaphysik und der Theologie. Seine historischen Arbeiten sind auf den Vergleich des modernen Denkens mit der Antike gerichtet und haben vornehmlich zu Arbeiten über Platon, Immanuel Kant und Friedrich Nietzsche, aber auch zu Studien über Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Karl Marx, Karl Jaspers, Eric Voegelin, Hannah Arendt, Carl Schmitt und manche andere geführt. Seine systematischen Untersuchungen richten sich auf den Zusammenhang von lebendiger Natur und produktiver Kultur in den epistemischen, moralischen, politischen und ästhetischen Leistungen des Menschen.

Werdegang Volker Gerhardt wuchs nach der Flucht mit seiner Mutter aus Guben als Halbwaise in Hagen/Westfalen auf. Er legte 1965 auf dem Gymnasium Hohenlimburg das Abitur ab und studierte Philosophie, Soziologie, Psychologie und Rechtswissenschaft in Frankfurt und Münster; 1974 promovierte er in Münster zum Dr. phil., worauf 1984 die Habilitation folgte. 1968/69 war er Vorstandsmitglied des Verbandes Deutscher Studentenschaften (VDS). Auch war er ab 1971 stellvertretender Vorsitzender der „Hochschulvereinigung für das Fernstudium“ und wirkte 1975 an der Gründung der Fernuniversität Hagen mit.

1975 begann er als Assistent von Friedrich Kaulbach an der Universität Münster/Westfalen. Als weitere Lehrer nennt er Helmut Schelsky und Gerold Prauss. 1985 wurde er Professor für Philosophie in Münster, 1986 nahm er eine Gastprofessur an der Universität Zürich wahr. Von 1988 bis 1992 leitete er das Institut für Philosophie an der Deutschen Sporthochschule in Köln. 1992 erhielt er den Ruf auf die Gründungsprofessur für Praktische Philosophie in Halle, folgte im Oktober 1992 jedoch dem Ruf auf den Lehrstuhl für Praktische Philosophie (Schwerpunkt: Rechts- und Sozialphilosophie) an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach der deutschen Wiedervereinigung war er der erste Direktor des neugegründeten Instituts für Philosophie, wo er bis zur Emeritierung 2014 lehrte. Nach einer Unterbrechung von einem Jahr lehrt er seit dem Wintersemester 2015/16 als Seniorprofessor an der Humboldt-Universität. Von ihr verabschiedete er sich am 23. Oktober 2024 mit einer Vorlesung über „Die Soziomorphie des Bewusstseins“.

Gerhardt, der als junger Mann aus der Kirche ausgetreten war, ist seit 2000 wieder Mitglied der evangelischen Kirche.

Ehrungen, Mitgliedschaften 1998 wurde er Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, war 2001 bis 2007 deren Vizepräsident mit der Zuständigkeit für die Forschungsvorhaben und übernahm 2001 die Leitung der zentralen Wissenschaftskommission der deutschen Akademien mit der Zuständigkeit für die Koordination sämtlicher Forschungsvorhaben; 2005 und 2009 wurde er wiedergewählt. Von 2001 bis 2023 war er Vorsitzender der Nietzsche-Kommission der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, für die er die Kritische Gesamtausgabe der Werke Friedrich Nietzsches (KGW) bis zum Abschluss der IX, Abtlg. betreute. 2001 begann die von ihm initiierte Neuedition der Akademie-Ausgabe der Werke Kants, die 2026 zum Abschluss kommen soll, Er war Vorsitzender der Kant-Kommission und Projektleiter; seit 2018 teilt er sich die Verantwortung mit Marcus Willaschek. Er war Mitglied in Beratungskommissionen der Bayerischen und der Heidelberger Akademie sowie der Leopoldina. Von 1998 und 2012 war er Mitglied des Senats der Deutschen Nationalstiftung.

Von 2001 bis 2007 war er als Mitglied im Nationalen Ethikrat tätig und von 2008 bis 2012 in dessen Nachfolgeeinrichtung, dem Deutschen Ethikrat.

Zwischen 1997 und 2002 war er Vorsitzender der Kommission für die Förderinitiative Bioethik der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Seit 2002 ist er für das Philosophische Jahrbuch als Herausgeber tätig. Von 2004 bis 2007 war er Mitglied der Preiskommission der Alexander von Humboldt-Stiftung; 2005 leitete er die Kernkommission Ethik bei der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport des Landes Berlin und zeichnete verantwortlich für die Rahmenrichtlinien für den Ethikunterricht an den Berliner Schulen.

Im Oktober 2006 wurde er in den Hochschulbeirat der Evangelischen Kirche in Deutschland berufen, wurde zugleich Mitglied der Kammer für Theologie und war für fünf Jahre Mitglied des Hochschulrates der Philipps-Universität Marburg.

2007 wurde er zum Honorarprofessor der Universität von Wuhan in Hubei, Volksrepublik China, ernannt. 2008 wurde ihm der Titel eines Ehrendoktors der Universität Debrecen (Dr. phil. h. c.) verliehen. 2017 erhielt er den Ehrendoktor der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig (Dr. theol. h. c.). 2022 erhielt Gerhardt den Karl-Jaspers-Preis der Universität Heidelberg.

Von 2005 bis 2009 übernahm er die Leitung des zusammen mit Detlev Ganten und Julian Nida-Rümelin durchgeführten Humanprojekts, das nach den Folgen des „Humangenomprojekts“ für das Selbstverständnis des Menschen fragt. Angeschlossen war das von der Bundesregierung geförderte Nachwuchsprogramm über Funktionen des Bewusstseins. Die Initiative wird in freier Kooperation unter dem Dach der BBAW und weiterhin unter der Verantwortung von D. Ganten, V. Gerhardt, Jan-Chr. Heilinger und J. Nida-Rümelin (koordiniert durch Jan-Chr. Heilinger) fortgeführt. Die Ergebnisse sind in der inzwischen auf zweiundzwanzig Bände angewachsenen Reihe der 'Reihe Humanprojekt' dokumentiert.

Seit 2010 ist Volker Gerhardt Mitglied der Grundwertekommission der SPD; in den Jahren 2011 und 2012 war er Vorsitzender des Konzils der Humboldt-Universität zu Berlin, der er nach seiner Emeritierung im Herbst 2012 weiterhin als Seniorprofessor angehört. Die im Juli 2014 gehaltene Abschiedsvorlesung „Zur Theorie der Humanität“ hat den mit der Selbstbestimmung (1999), der Individualität (2000) über Vernunft und Leben (2002), Partizipation (2007), Öffentlichkeit (2012) und Sinn des Sinns (2014) systematisch beschrittenen Weg bilanziert und dessen Abschluss umrissen. Das vorläufige Ergebnis liegt in der Studie Humanität. Über den Geist der Menschheit (2019) vor. Deren historische und systematische Verbindungen zur Politik werden in Individuum und Menschheit. Eine Philosophie der Demokratie (2023) aufgewiesen. Zum Kant-Jubiläumsjahr 2024 erschien in 2. Auflage die Neubearbeitung von Immanuel Kants Entwurf 'Zum ewigen Frieden'. Eine Theorie der Politik (2023).

Werk Überblick Wer den philosophischen Ansatz Gerhardts unter einen Titel bringen will, könnte von einem rationalen Existenzialismus sprechen, der sich ausdrücklich nicht als modern versteht, sondern sich ebenso gut von Sokrates wie von Seneca, Michel de Montaigne, Jean-Jacques Rousseau, Kant, Hegel oder Nietzsche her begründen ließe.

Seine politische Philosophie hat er selbst in einem Sammelband unter den Titel des existenziellen Liberalismus gestellt. Die zugehörige Methode ist die des exemplarischen Denkens, die zu einer exemplarischen Ethik führt, in der jeder selbst ein Beispiel für die Menschheit in seiner Person zu geben hat.

In seiner Kritik an der Modernitätsversessenheit des neuzeitlichen Denkens warnt er vor der geschichtsphilosophischen Verblendung der zeitgenössischen Philosophie, der nichts wichtiger geworden ist, als in ein neues Zeitalter einzutreten, weil sie die Geschichte für die ungelösten Probleme der Gegenwart verantwortlich macht. Demgegenüber beharrt Gerhardt auf dem sachlichen Gewicht der klassischen Fragen des Erkennens und Handelns, stellt die Bedeutung von Natur und Leben für das Selbstverständnis des Geistes heraus, hält die Frage nach dem göttlichen Grund von Welt und Selbst für unverzichtbar und führt in seinen Arbeiten vor, dass gerade unter den Bedingungen globaler Individualisierung systematisches Denken zu den vorrangigen Aufgaben einer Philosophie gehört, die sich als Wissenschaft versteht.

In seinem jüngsten Werk bezeichnet er seinen Ansatz als einen weder reduktionistisch verfahrenden noch dualistisch endenden humanitären Naturalismus, der die logisch zwingende Verbindung von Individualität und Universalität zum Ausgangspunkt eines empirisch ansetzenden existenziellen Rationalismus nimmt.

Frühe Werke Die ersten philosophischen Arbeiten Gerhardts zwischen 1974 und 1981 befassen sich mit der kritischen Philosophie Immanuel Kants und fragen nach dem Zusammenhang von individuellen Motiven, gesellschaftlichen Antrieben und vernünftigen Ansprüchen. Nach der Dissertation über Vernunft und Interesse folgten ein (mit Friedrich Kaulbach verfasster) Forschungsbericht zur Kant-Rezeption sowie eine Untersuchung über Recht und Herrschaft, in der es bereits um die Beziehung zwischen Macht und Wirklichkeit geht.

Mit dem Problem der Macht rückte Friedrich Nietzsche ins Blickfeld, dem Gerhardt zahlreiche Aufsätze (gesammelt in Pathos und Distanz) und zwei Monographien widmete. In der 1984 vorgelegten (1995 publizierten) Studie Vom Willen zur Macht wird das Machtproblem als die zentrale Frage Nietzsches ausgewiesen, die eng mit dessen Wertlehre sowie mit den erstmals von Nietzsche gestellten Fragen nach dem Sinn des Lebens, dem Sinn der Kultur, der Moral und der Wahrheit zusammenhänge. In der 1992 publizierten und mehrfach wieder aufgelegten Gesamtdarstellung wird Nietzsches Denken aus dem Zusammenhang seiner Abwehr der Überlieferung gedeutet, der er dennoch in allen seinen philosophischen Oppositionen zugehöre. Das gilt insbesondere für seine Beziehung zu Kant, Platon und Sokrates. In einem Rückblick zum 100. Todestag im Jahr 2000 deutet Gerhardt Nietzsches Denken als eine tragische Philosophie der Existenz, die der Verführung durch den Selbstüberbietungsprozess der Moderne nicht entgeht. Folglich steht der „exaltierte Renaissancismus“ Nietzsches unter den Titelbegriffen Sensation und Existenz. V. Gerhardt, Sensation und Existenz. Nietzsche nach hundert Jahren, in: Nietzsche-Studien 29, 2000, 102–135. Die darin enthaltene Kritik hat Gerhardt später in seiner Auseinandersetzung mit Nietzsches Philosophie des Leibes vertieft: So wichtig es sei, vom Leib auszugehen, so entscheidend sei die Einsicht in die über den einzelnen Leib hinausgehende Organisation der Vernunft. Sie sei nicht, wie Nietzsche nahelegt, an das „Gängelband“ des einzelnen Leibes gebunden, sondern ermögliche eine soziale Verbindung durch wechselseitige Mitteilung und Bewertung aus einem Individuen umfassenden, letztlich öffentlich angelegten Bewusstsein. Einen Schritt weiter geht die Kritik, wenn er Nietzsche vorhält, seine ohnehin auf einem Missverständnis beruhende Wahrheitskritik verlange in Konsequenz des dogmatisch behaupteten Amoralismus die Suspension der Wahrheit gegenüber sich selbst. Damit stelle Nietzsche die Authentizität seines eigenen Denkens in Frage. V. Gerhardt, Der Sinn des Sinns. Versuch über das Göttliche, München 2013, 2.10.

Politische Theorie