Fritz Gottlieb Karl LenzVollständiger Name in: Alfons Labisch / Florian Tennstedt: Der Weg zum "Gesetz über die Vereinheitlichung des Gesundheitswesens" vom 3. Juli 1934. Entwicklungslinien und -momente des staatlichen und kommunalen Gesundheitswesens in Deutschland, Teil 2, Akademie für öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf 1985, S. 453 (* 9. März 1887 in Pflugrade; Kreis Naugard, Pommern; † 6. Juli 1976 in Göttingen) war ein deutscher Mediziner und Hygieniker, Anthropologe, Humangenetiker und Eugeniker. In der Zeit der Weimarer Republik und im nationalsozialistischen Deutschen Reich war er einer der führenden Rassenhygieniker.

Leben Fritz Lenz entstammte einer Familie mit einer langen landwirtschaftlichen Tradition in Pommern. Im Alter von sieben Jahren zog er zu Verwandten nach Stettin. Am dortigen Schiller-Realgymnasium legte er 1905 das Abitur ab.

Lenz nahm ein Medizinstudium an der Universität Berlin auf, nach einem Semester wechselte er an die Universität Freiburg. Über sein Studienfach hinaus beschäftigte er sich mit Fragen der Anthropologie und Philosophie. In Freiburg wurde Lenz ein Schüler Eugen Fischers. Zusammen mit seinem Lehrer trat er 1909 als cand. med. und als Schriftführer der Ortsgruppe der Internationalen Gesellschaft für Rassenhygiene bei. Dort lernte er Alfred Ploetz kennen und wurde sein Schüler. In Freiburg legte er 1912 das medizinische Staatsexamen ab. Im gleichen Jahr wurde er bei Ludwig Aschoff mit der Arbeit Über die krankhaften Erbanlagen des Mannes und die Bestimmung des Geschlechts beim Menschen promoviert.

Über die rassenhygienische Gesellschaft lernte Lenz neben Alfred Ploetz auch Max von Gruber, den Direktor des Hygienischen Instituts in München, kennen. Ploetz und Gruber überzeugten Lenz, nach München umzusiedeln. Von Gruber bot ihm 1913 eine Gastassistentenstelle an seinem Institut an, und von Ploetz übernahm er 1913 (bis 1933) die Herausgabe der Zeitschrift Archiv für Rassen- und Gesellschafts-Biologie (ARGB). Während des Ersten Weltkrieges arbeitete Lenz als Hygieniker im Gefangenenlager Puchheim und wohnte in Eichenau. Im Jahre 1919 wurde Lenz im Fach Hygiene bei Max von Gruber an der Universität München habilitiert mit der Arbeit Erfahrungen über Erblichkeit und Entartung an Schmetterlingen. Die Schmetterlinge dafür fand er in der Umgebung von Eichenau.

In einem Chemiekurs in München lernte er seine erste Frau Emmy Weitz kennen, die Schwester des Internisten und Rassenhygienikers Wilhelm Weitz. Nach der Heirat 1915 zog die Familie 1919 nach Herrsching am Ammersee. Aus dieser Ehe gingen drei Söhne hervor. Hanfried (1916–2013) wurde Professor für Mathematik an der Freien Universität in Berlin. Widukind (1919–1995) war ebenfalls Humangenetiker; er formulierte als Erster öffentlich den Zusammenhang zwischen dem Wirkstoff Thalidomid im Medikament Contergan und den Missbildungen nach Einnahme des Mittels durch Schwangere und wurde durch sein Engagement bei der Aufklärung des Contergan-Skandals bekannt. Friedrich (1922–2014) wurde Professor für Angewandte Physik an der Universität Tübingen.

1928 starb seine Frau Emmy an einer Blutvergiftung. 1929 heiratete Fritz Lenz seine zweite Frau Kara, geborene von Borries (1901–2006). Aus dieser Ehe stammen zwei weitere Kinder: Reimar (1931–2014) und Uta (* 1934).

1921 veröffentlichte er zusammen mit Eugen Fischer und Erwin Baur „das einflussreiche, von Hitler in der Festungshaft in Landsberg in Mein Kampf eingearbeitete Standardwerk“ (Brocke) Grundriss der menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhygiene.vom Brocke: Bevölkerungswissenschaft, S. 429. Lenz, Baur und Fischer lagen mit dieser Schrift durchaus im Trend einer bereits bestehenden eugenischen Bewegung, die Resonanz in allen politischen Lagern der Weimarer Republik von der Linken bis zur extremen Rechten fand. Das Menetekel des durch Kriegsverlust und Geburtenrückgang drohenden Aussterben des deutschen Volkes sowie das Schreckgespenst drohender Entartung durch die Zunahme sogenannter Keimgifte wie Alkohol, durch Tuberkulose und Syphilis als Folgen zunehmender Verelendung durch Krieg und Wirtschaftskrisen wurde allgemein anerkannt.Wolfgang U. Eckart: Machtergreifung und Sterilisationsgesetz, in: Christoph Gradmann und Oliver von Mengersen: Das Ende der Weimarer Republik und die Nationalsozialistische Machtergreifung. Vorträge Heidelberger Historiker in der Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte, Manutius Verlag Heidelberg 1994, S. 158–159. 1923 wurde Fritz Lenz als Extraordinarius und Institutsleiter auf den ersten Lehrstuhl für Rassenhygiene in Deutschland an der Universität München berufen. 1931 forderte er, das „untüchtigste Drittel der Bevölkerung“ zu sterilisieren.

Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten gehörte er zu den Unterzeichnern eines Aufrufs im Völkischen Beobachter vom 3. Mai 1933: „Elf Münchner Hochschullehrer stellen sich hinter Adolf Hitler“. Im selben Jahr übernahm Lenz an der Universität Berlin den von Alfred Grotjahn begründeten Lehrstuhl für Sozialhygiene. Im Oktober 1933 wurde er Direktor der Abteilung Eugenik am Dahlemer Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie als Nachfolger von Hermann Muckermann, der sein Amt aus politischen Gründen verlor, und gleichzeitig Ordinarius für Rassenhygiene und Leiter des Instituts für Rassenhygiene an der Universität Berlin. 1942 wurde ein Schüler seines Schwagers Wilhelm Weitz, Otmar von Verschuer, Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts; ab dieser Zeit war die Abteilung von Lenz weitgehend unabhängig im Institutsverband.Hans-Peter Kröner: Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie menschliche Erblehre und Eugenik und die Humangenetik in der Bundesrepublik Deutschland, S. 652–666 in Doris Kaufmann (Hrsg.): Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus. Bestandsaufnahme und Perspektiven der Forschung, Bd. 2. Wallstein, Göttingen 2000. ISBN 978-3-89244-423-7; Bernd Gausemeier: Natürliche Ordnungen und politische Allianzen. Biologische und biochemische Forschung an Kaiser-Wilhelm-Instituten 1933–1945. Wallstein, Göttingen 2005. ISBN 978-3-89244-954-6 Horst Geyer wurde 1935 einziger Assistent von Lenz.Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2007, S. 182 Im Jahr 1934 wurde er zum Mitglied der Leopoldina gewählt.

Ab Mai 1933 war Lenz Mitglied im „Sachverständigenbeirat für Bevölkerungs- und Rassenpolitik beim Reichsinnenminister“.Weingart, Kroll, Bayertz: Rasse, S. 407, 460. Der Sachverständigenbeirat war 1933 an der Formulierung des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ beteiligt, das Zwangssterilisationen vorsah. Ab 1935 wurde im Sachverständigenbeirat die Sterilisation der sogenannten „Rheinlandbastarde“ diskutiert und organisiert; eine Maßnahme, die auch nach damaliger Rechtslage illegal war.Weingart, Kroll, Bayertz: Rasse, S. 463f. Zum 1. Mai 1937 trat Lenz der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 3.933.993);Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/25511357 am 20. Februar 1940 dem Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebund.Klaus_Dörner (Hrsg.): Der Nürnberger Ärzteprozeß 1946/47. Wortprotokolle, Anklage- und Verteidigungsmaterial, Quellen zum Umfeld. Beiband. Saur, München 1999, ISBN 3-598-32020-5, S. 117. 1939 wurde er Mitglied der American Eugenics Society. Im Oktober 1940 war Lenz an den Beratungen zu einem „Euthanasiegesetz“ beteiligt.Karl Heinz Roth, Götz_Aly: Das „Gesetz über die Sterbehilfe bei unheilbar Kranken“ Protokolle der Diskussion über die Legalisierung der nationalsozialistischen Anstaltsmorde in den Jahren 1938–1941. in: Karl Heinz Roth (Hrsg.): Erfassung zur Vernichtung. Von der Sozialhygiene zum „Gesetz über Sterbehilfe“. Verlagsgesellschaft Gesundheit, Berlin 1984, ISBN 3-922866-16-6Ernst Klee: „Euthanasie“ im NS-Staat. (Seite 242) Fischer, 12. Auflage, Mai 2009. ISBN 978-3-596-24326-6 Das Gesetz war eine Initiative von Ärzten, die zeitgleich an den Krankenmorden in der Zeit des Nationalsozialismus, nach 1945 als Aktion T4 bekannt, beteiligt waren. Diesen Ärzten reichte die bisherige Ermächtigung durch Hitler nicht aus. Hitler lehnte es jedoch aus außenpolitischen Gründen ab, vor Kriegsende ein entsprechendes Gesetz zu erlassen. Lenz war zudem der Autor zweier Denkschriften, über die sich Himmler im Frühjahr 1941 zwar positiv äußerte, aber erklärte, sie ließen sich im Krieg nicht realisieren.Kröner: Rassenhygiene, S. 36. Titel der Denkschriften: Bemerkungen zur Umsiedlung unter dem Gesichtspunkt der Rassenpflege. und Wege weiteren Vormarsches der Bevölkerungspolitik.

Nach Informationen von Sohn Reimar versuchte Fritz ihn von den Aufmärschen der Pimpfe des Deutschen Jungvolks freistellen zu lassen. Als Reimar wegen seiner guten Schulleistungen in eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt eintreten sollte, besorgten die Eltern Atteste, mit denen dies verhindert wurde. Reimar durfte im nahegelegenen Haus seines Freundes Justus Alenfeld verkehren, einem Kind aus einer „privilegierten Mischehe“, und Mutter Kara lud den Freund ebenfalls ein. Mit Frau Alenfeld besuchte sie auch die Paulus-Gemeinde in Berlin-Zehlendorf, wo der antinazistische Pfarrer Dilschneider predigte.

In den letzten Kriegsjahren zog Lenz sich zunehmend zurück, wurde aber 1944 wissenschaftlicher Beirat des Generalkommissars für das Sanitäts- und Gesundheitswesen Karl Brandt. Im Winter 1944 ließ sich Lenz wegen depressiver Verstimmung beurlauben. Zur „Erholung“ setzte er sich aus Berlin nach Westfalen zu Verwandten seiner Frau ab; eine Rückkehr nach Berlin hatte er offenbar nicht mehr geplant.Kröner: Rassenhygiene, S. 63. Von dort aus nahm er noch im Winter 1944/45 Kontakt zur Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster auf und hielt dort im März 1945 eine Vorlesung. Weil sich die Hoffnungen auf Übernahme in die Medizinische Fakultät in Münster und einen Lehrstuhl nicht zu erfüllen schienen, bemühte er sich schließlich um eine Professur an der Universität Göttingen. In seinem Entnazifizierungsbescheid von 1949 wurde er als „entlastet“ eingestuft.

Lenz wurde hinsichtlich seines Verhaltens im Nationalsozialismus zugutegehalten, dass er sich „nicht offen politisch geäußert hätte“. Er sagte auf Nachfragen, dass ihm das Schicksal der ermordeten Juden sehr leid tue. Die Möglichkeit einer Höherselektierung der menschlichen Rassen hielt er dessen ungeachtet auch nach 1945 für wissenschaftlich erwiesen. So schrieb er 1951 an Hans Nachtsheim: „Ich habe Sympathie auch für die Schimpansen und Gorillas, und es tut mir sehr leid, daß sie dem Aussterben entgegensehen wie so viele andere Tierarten und auch sogenannte Naturvölker. Mir ist auch das Schicksal, das Millionen von Juden betroffen hat, sehr schmerzlich; aber das alles darf uns doch nicht bestimmen, biologische Fragen anders als rein sachlich zu betrachten“.

Ab 1946 war Lenz außerordentlicher, ab 1952 ordentlicher Professor für „Menschliche Erblehre“ in Göttingen. Schwerpunkte seines wissenschaftlichen Interesses waren hier die Methodik erbbiologischer Vaterschaftsgutachten sowie die Physiologie und Genetik der Farbwahrnehmung. 1955 erfolgte die Pensionierung, 1961 die nachträgliche Emeritierung. Lenz lebte bis zu seinem Tode zurückgezogen in Göttingen. Er starb im Alter von 89 Jahren an Herzversagen.

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