mini|Illustration aus der Visio Tnugdali (Simon Marmion, um 1475)
Die Gattung der Visionsliteratur umfasst zunächst sämtliche schriftlich festgehaltenen visionären Erlebnisse. Diese Erlebnisse können auch nichtreligiös sein. Die entsprechenden Texte fallen zugleich auch immer mit anderen Literaturgattungen zusammen, je nachdem in welchem Zusammenhang sie niedergeschrieben wurden.Die sich daraus ergebende Problematik im Bezug auf die Gattung Visionsliteratur beschreibt Röckelein S. 14 So können visionäre Berichte in Autobiographien, Heiligenviten, Briefe, Chroniken oder auch medizinische Berichte eingebunden sein. Dabei lassen sich viele Texte, vor allem solche mit politischem oder literarischen Kontext, nicht eindeutig einem tatsächlichen visionären Erlebnis zuordnen.
Visionsliteratur gehört, neben den Literaturen, in die sie eingebunden sein kann, als Untergattung zu den Bereichen Legendarik und Offenbarungsliteratur. Die Gattung Legende ist nicht eindeutig festzulegen. Der Begriff wird oft sehr unterschiedlich verwendet, wobei er von der sagenhaften Erzählung im englischen Sprachraum bis hin zur liturgischen Lesung und der spezifischen Heiligenlegende im deutschsprachigen Raum alles umfassen kann. Die Visionsliteratur fällt unter diese Bezeichnung, da die vielfach instrumentalisierten Texte alle Bereiche der Legendarik abdecken.So auch in der Forschungsliteratur, zusammenfassend dazu Brigitte Pfeil: Die 'Vision des Tnugdalus' Albers von Windberg. Literatur- und Frömmigkeitsgeschichte im ausgehenden 12. Jahrhundert. Mit einer Edition der lateinischen 'Visio Tnugdali' aus Clm 22254. (Mikrokosmos, 54) Frankfurt 1999 S. 37ff
Die Offenbarungsliteratur umfasst neben Visionsberichten auch Berichte über Auditionen, Erscheinungen und Entrückungen und ist daher als Überbegriff zu verstehen. Ihre literarischen Formen reichen von autobiographischen Visionsniederschriften über oft sorgsam komponierte Offenbarungsbücher und Gnadenviten bis hin zu stilisierten brieflichen Mitteilungen.
Ihre Blüte erlebte die Visionsliteratur im Mittelalter. Niederschriften von Visionen gehören in dieser Epoche zu den beliebtesten TextenSo sind z. B. von der Visio Tnugdali 172 Handschriften erhalten., da man sie, neben dem reinen Unterhaltungswert, vielfach instrumentalisieren konnte. So wurden sie zur religiösen Belehrung, zur Ausschmückung von Predigten und auch zur Unterstützung politischer Ziele genutzt. Trotz dieser vielfältigen Verwendungszwecke muss bereits im Mittelalter das Bewusstsein dafür vorhanden gewesen sein, dass es sich um eine eigene Gattung handelt, was die Sammlungen zu diesem Thema belegen.Z. B. die Sammlung Liber visionum von Otloh, vgl. Dinzelbacher 1981 S. 1.
Einzelne Traditionen in der Visionsliteratur
Antike
In der Antike umfasst die Gattung Visionsliteratur nur sehr wenige Texte. Einige sind aus historiographischer Literatur bekannt. Berichte von Wiederbelebten (Anabioseis) sind schon in der griechischen Antike als eigene Gattung fassbar. Daneben gibt es Berichte von Abstiegen in die Unterwelt (Katabaseis). Diese Texte sind nicht überliefert, sondern nur aus Bemerkungen in anderen antiken Texte bekannt.Vgl. Dinzelbacher 1989 S. 8 Plato berichtet in der Politeia von der Jenseitsfahrt des Pamphyliers Er. Dieser erlebt nach seinem scheinbaren Tod auf dem Schlachtfeld das Totengericht mit Belohnungen und Strafen sowie die Wiedergeburt der Seelen in anderen Körpern. Er erwacht auf dem Scheiterhaufen, auf dem die Gefallenen verbrannt werden sollten. Der Bericht ist stark moralisierend, so dass vermutet wird, dass es sich um eine erfundene Jenseitsfahrt handelt.Vgl. Dinzelbacher 1989 S. 8f Weitere Sterbevisonen zeichnete Plutarch auf.
Apokalypsen und Apokryphen
In der Zeit zwischen dem 2. Jahrhundert v. Chr. und dem 3. Jahrhundert entstanden viele Texte, die Beschreibungen von Visionen und den im Jenseits geschauten Orten enthalten.Jacques Le Goff: Die Geburt des Fegefeuers. S. 44 Darunter sind auch apokalyptische Texte und Schauungen der Märtyrer. Die katholische Kirche nahm nur die Offenbarung des Johannes in den biblischen Kanon auf. Andere Texte (beispielsweise die Apokalypsen von Sophonias, Esra und Petrus) werden daher als Apokryphen (von griech. apokryhpos= versteckt, heimlich) bezeichnet, sie zirkulierten aber weiter innerhalb der Kirche.Dinzelbacher 1989 S. 9f Besonders bekannt ist die Visio Sancti Pauli, die fälschlicherweise dem Apostel Paulus zugeschrieben wurde. Diese apokryphen Visionen waren im Mittelalter beliebt und dienten als Vorbilder für spätere Texte.
Mittelalter 250px|mini|Millstätter Fastentuch (Oswalt Kreusel, 1593) Mit der Visio Baronti findet die Gattung Eingang ins Mittelalter. Dieser Text ist der erste eigenständige visionäre Text dieser Epoche. Die Vision des Mönchs Barontus soll sich am 25. März 678/679 im Kloster Longoretus (später St-Cyran, Erzbistum Bourges) ereignet haben. Inhaltlich handeln die Visionen vor dem 12. Jahrhundert überwiegend von Strafen oder Belohnungen, die die Seele im Jenseits erwarten. Die meisten Visionäre dieser Epoche waren Männer, die je nur eine Vision (Einzelvision) erlebten. Dinzelbacher stellt die These auf, dass im Mittelalter wesentlich mehr Visionen erlebt wurden als heute. Das macht er unter anderem an der Quellenlage fest.Dinzelbacher Mittelalterliche Visionsliteratur Neben den Visionsberichten, hinter denen ein tatsächliches Erlebnis vermutet wird, gibt es auch im Mittelalter schon solche, die nur zur Verbreitung von Ideen, unter anderem auch zur Propagierung theologischer Lehren oder politischer Ziele, verfasst wurden.
Zunehmend kommt den Visionären auch eine neue Rolle zu. Da nun vermehrt Personen in Erscheinung treten, die mehrere visionäre Erlebnisse haben, können die Visionäre, da sie ja offensichtlich über eine besondere Verbindung zu Gott zu verfügen scheinen, in religiösen wie weltlichen Belangen Einfluss ausüben. Schließlich wird eine visionäre Begabung für religiös bedeutende Persönlichkeiten nahezu vorausgesetzt. In den Viten heiliger Frauen, die zwischen 1300 und 1700 entstanden sind, finden sich fast immer Berichte über Visionen, Erscheinungen oder Auditionen.
Lateinische Literatur
Bis ins 12. Jahrhundert wurden Visionen fast ausschließlich in Latein aufgeschrieben. Das erklärt sich unter anderem daraus, dass Visionäre und Aufzeichnende meist Mönche oder Nonnen waren.Peter Dinzelbacher: Mittellateinische Literatur. In: Lexikon des Mittelalters, Band 8, Visio(n),-sliteratur. Vor allem aber für theologische Aussagen war grundsätzlich nur das Lateinische als lingua sacra (als heilige Sprache) prädestiniert. Es war ein kühnes Unterfangen, motiviert durch die neue Spiritualität der mittelalterlichen Armuts- und Frauenbewegung, als Mechthild von Magdeburg es wagte, ihre Visionen in der Volkssprache niederzuschreiben.Siehe bei: Hildegund Keul: Verschwiegene Gottesrede. Die Mystik der Begine Mechthild von Magdeburg. (Innsbrucker theologische Studien 69) Innsbruck, Wien 2004, bes. S. 156–162.
Volkssprachliche Literatur
Eine besonders reiche volkssprachliche Literatur bietet das Irische.D. Ó Cróinín: Alt- und Mittelirische Literatur. In: LexMa 8, Visio(n),-sliteratur. Im Englischen finden sich mit Übersetzungen der lateinischen Texte von Gregor dem Großen und Beda Venerabilis die ersten volkssprachlichen Texte gegen Ende des 9. Jahrhunderts. Die ersten deutschen Texte sind Übersetzungen der Visio Sancti Pauli und der Visio Tnugdali, die um 1190 entstanden.P. Dinzelbacher: Deutsche Literatur. In: LexMa 8, Visio(n),-sliteratur. Um 1200 wird die Visio Sancti Pauli ins Altnordische übersetzt.Rudolf Simek: Skandinavische Literatur. In: LexMa 8, Visio(n),-sliteratur. Die volkssprachliche Literatur richtet sich in dieser Epoche hauptsächlich an Kleriker.
Im Spätmittelalter wurden weitere Texte ins Deutsche übertragen. Mit Zusammenstellungen von visionären Texten, auch in Exempel- und Erbauungsbüchern, zeigt die spätmittelalterliche Visionsliteratur auch literarisch Unterschiede zu den bisherigen Texten. Die Verwendung von Allegorien nimmt zu, bis hin zu allegorischen Dichtungen. Ein wichtiges literarisches Beispiel ist die Göttliche Komödie von Dante Alighieri.
Mystische Literatur
In der Mystik entwickelte sich eine eigene Gattung innerhalb der deutschen Visionsliteratur.P. Dinzelbacher: Deutsche Literatur. In: LexMa 8, Visio(n),-sliteratur. Mystische Visionen (besonders in Art der sogenannten Erlebnismystik) kamen vor allem seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts auf. Einflussreich war nicht zuletzt das Vorbild Bernhards von Clairvaux. Dabei fällt auf, dass nun zunehmend die Geschlechterverteilung in der Visionsliteratur wechselt. Waren es bis zum 12. Jahrhundert mehr männliche Visionäre, überwiegt in der Mystik die Zahl der von Frauen erlebten Visionen. Darüber hinaus verändert sich auch der Inhalt der Visionen. Die bisher dominierenden Schauungen der jenseitigen himmlischen Regionen und Straforte werden abgelöst durch Begegnungen mit Christus oder Heiligen. Dabei spielen (in der „Passionsmystik“) die Passion Christi (Wundenschau) und (in der sogenannten „Brautmystik“) die Christusminne eine herausragende Rolle.
Rückgang des Interesses
Das Interesse an Visionsliteratur geht mit dem Ende des Mittelalters stark zurück. Das hat mehrere Ursachen: Reformierte lehnten alles, was nicht wortwörtlich der Bibel entnommen werden konnte, sowie die Heiligenverehrung und deren Viten ab. Das fünfte Laterankonzil stellte alle "Privatoffenbarungen" unter die alleinige Kontrolle des Heiligen Stuhls. Humanismus und Aufklärung bekämpften alles rational nicht Erklärbare.
Moderne
Seit den 60er Jahren wird dem Thema unter medizinisch-psychologischen Gesichtspunkten wieder verstärkte Aufmerksamkeit gewidmet. Dabei wird auch von der These ausgegangen, dass die Interpretation des in der Vision Gesehenen etwas über die Kultur des Visionärs aussagt.Vgl. Dinzelbacher 1989 S. 11f. Ein bekannter Visionär der Neuzeit war Wladimir Sergejewitsch Solowjow (1853–1900), Religionsphilosoph und Freund Dostojevskijs, der in einer Vision den Auftrag erhielt, in die ägyptische Wüste zu gehen.Peter Dinzelbacher: Mittelalterliche Visionsliteratur. S. 4 In neuerer Zeit wurden Therese Neumann wegen ihrer Stigmata und Marthe Robin wegen ihrer Nahrungslosigkeit bekannt. In der Moderne überwiegt meist die Skepsis gegenüber Visionen.
Forschungsgeschichte
Eine vollständige Zusammenfassung der Visionsliteratur fehlt noch. Insgesamt werden visionäre Texte seltener ediert als andere mittelalterliche Texte. Viele Texte vor allem aus hoch- und spätmittelalterlichen Viten sind nur in barocken Ausgaben wie z. B. den Acta Sanctorum verfügbar. Auch in der Sekundärliteratur herrscht ein Ungleichgewicht. Zum einen gibt es insgesamt weniger Untersuchungen zur Visionsliteratur als zu anderen literarischen Gattungen, zum anderen beziehen sich die Untersuchungen zur Visionsliteratur meist auf die bekannteren Visionen.Vgl. Dinzelbacher 1981 S. 79f.
100px|mini|Das irdische Paradies (Hieronymus Bosch, um 1490)
Visionsliteratur und Kunst
In der Kunst sind Darstellungen des Jenseits vor allem im Spätmittelalter sehr beliebt. Die Motive entsprechen weitgehend den Schilderungen der Visionäre, wobei das Geschaute gängigen Topoi folgt. Neben Darstellungen in Kirchen, beispielsweise auf Triptychen, gibt es zahlreiche Buchillustrationen (z. B. Simon Marmion) und Darstellungen der bildenden Kunst (z. B. Hieronymus Bosch und Stefan Lochner).
Inhalte der Visionen
In den Texten der Visionsliteratur kommen einige Topoi und Zusammenhänge immer wieder vor. Dazu gehören auch die Inhalte, die für die Bezeichnung des Erlebten als Vision als maßgeblich gelten, wie die Entrückung in einen anderen Raum, bzw. durch Raum und Zeit. Dabei muss der geschaute Ort kein jenseitiger (wie Himmel, Hölle etc.) sein, sondern kann auch ein vollkommen irdischer sein.