Gregor Vogt-Spira (* 27. Mai 1956 in Ettenheim) ist ein deutscher Klassischer und neulateinischer Philologe.
Leben Gregor Vogt-Spira studierte als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes Latein, Griechisch und zunächst Mathematik, später Philosophie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, der Johannes Gutenberg-Universität Mainz sowie in Paris und Rom und wurde, nach dem Ersten Staatsexamen (1982), 1986 in Freiburg promoviert. Nach Vertretung einer Akademischen Ratsstelle in Trier und Freiburg (1984–1985) war er von 1985 bis 1988 Assistent an der Universität Konstanz. Von 1988 bis 1994 kehrte er an die Universität Freiburg zurück, wo er sich 1993 habilitierte und in dieser Zeit auch Mitglied des Sonderforschungsbereichs „Übergänge und Spannungsfelder zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit“ war. 1994 folgte er dem Ruf auf eine Gründungsprofessur für Klassische Philologie/Latinistik an der Universität Greifswald und trug nach der Wende zum Wiederaufbau der 1456 gegründeten Universität bei. 2006 nahm er einen Ruf an die Philipps-Universität Marburg an und führte dort in das Lateinstudium auch Neulatein ein; seit 2022 ist er emeritus.
Unter den zahlreichen Auslandsverbindungen Vogt-Spiras – darunter längere Aufenthalte in Cambridge (1999–2000) und Paris (2004 professeur invité) – kommt besonderes Gewicht dem Austausch mit Italien zu. Neben zahlreichen Vortragsreisen und Gastdozenturen im Erasmus-Programm leitete er 2008–2012 als Generalsekretär die Villa Vigoni am Comer See: ein von der deutschen und der italienischen Regierung getragenes binationales Exzellenzzentrum, das dem Austausch zwischen den beiden Ländern in europäischem Geiste dient und ein idealer Ort für eine „freiere Form der Reflexion und Auseinandersetzung“ ist. Zu den Höhepunkten seiner von vielen Initiativen geprägten Amtszeit zählt ein Besuch des italienischen Staatspräsidenten und des deutschen Bundespräsidenten.
Einen weiteren Schwerpunkt bildet der Ostseeraum. 2001 gründete Gregor Vogt-Spira, zusammen mit Jerker Blomqvist (Lund), das Netzwerk Colloquium Balticum, dem inzwischen neben den Universitäten Lund und Marburg Riga, St. Petersburg, Poznan, Tartu und Vilnius angehören und das sich zu einer wichtigen Plattform des Austauschs der Klassischen Philologie und des Neulatein in Nordosteuropa entwickelt hat.
Gregor Vogt-Spira ist Mitglied der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt und korrespondierendes Mitglied der Accademia Petrarca in Arezzo. Er war Vertrauensdozent der Studienstiftung des deutschen Volkes (2001–2006) und langjähriges Mitglied der Auswahlkommission. Seit 2022 ist er Mitglied des Stiftungsrats der Basler Stiftung Patrum Lumen Sustine (PLuS). Am 28. September 2020 wurde ihm durch die Universität Lettlands in Riga die Ehrendoktorwürde verliehen.
Gregor Vogt-Spira ist mit der Romanistin Bettina Rommel verheiratet, mit der er auch zusammen publiziert hat.
Forschungsschwerpunkte Viele Arbeiten Vogt-Spiras haben ihren Ausgang von einem Staunen über Phänomene der römischen Literatur und Kultur genommen und versuchen, diese aus den epistemologischen und pragmatischen Kontexten heraus, in die sie eingebettet sind, besser zu verstehen. Insofern leisten die Untersuchungen einen Beitrag zur römischen Anthropologie, wie der Titel eines seiner Bücher lautet.
Einen ersten thematischen Schwerpunkt bilden die Gattungen ‚Komödie‘ und ‚Satire‘, die Vogt-Spira insbesondere im Horizont kultureller Transformation in der Anfangsphase der römischen Literatur behandelt. Zur Komödie hat Vogt-Spira nach einer Arbeit zu Menander programmatische Studien zu Plautus verfasst, für den die Kriterien ‚Mündlichkeit und Schriftlichkeit‘ einen neuen, international stark rezipierten Horizont erschlossen haben. Für die Satire, die als einzige genuin römische Gattung gilt, geht er erstmals systematisch der diskursiven Verankerung in der römischen Republik nach und verfolgt zugleich die Herausforderungen der Gattungskonstitution, wie sie bei Horaz zu fassen sind – einem der Autoren, dem Vogt-Spira sich aufgrund seiner espritvollen Reflektiertheit mit besonderer Vorliebe zuwendet.
Einen zweiten Schwerpunkt stellt das hellenistisch-römische Text- und Literaturkonzept dar, bei dem ihn aufgrund der Kontinuität vieler zentraler Begriffe besonders die Abweichungen interessieren, für deren Verständnis er auf den Ansatz der historischen Epistemologie zurückgreift. Vogt-Spira verfolgt dies vom Konzept des Buchstabens über die erstaunliche Austauschbarkeit von Text und Bild bis hin zur produktionsästhetischen Leitkategorie imitatio, der zahlreiche Studien gelten. Eine Reihe von Arbeiten widmet sich dabei einem herausgehobenen Nachahmungsverhältnis, dem Homer-Vergil-Vergleich, der einen Leitfaden für die Debatte um Schlüsselkonzepte in der europäischen Ästhetikgeschichte bis ins 18. Jahrhundert darstellt. Den konzeptionellen Kern des hellenistisch-römischen Literaturkonzepts sieht Vogt-Spira in der Stellung der Sinnesorgane und dem präsenzschaffenden poietischen Vermögen der Vorstellungskraft, die erlaubt, dass etwas Vorgestelltes als ‚wirklich‘ erlebt wird, was erhebliche Folgen für das Verhältnis von Text und Wirklichkeit sowie für das Konzept von Fiktionalität hat. Auch Fragen der Literaturgeschichtsschreibung hat er sich als einer der ersten Latinisten zugewandt, darunter den Epochenbildungen ‚archaisch‘ und ‚spät‘.
Vogt-Spiras begriffs- und konzeptgeschichtliches Interesse gilt darüber hinaus Diskursen, die im Spannungsfeld von Individualethik und politisch-sozialen Normen die Lebensführung lenken. Eine frühe Studie behandelt den Zufall (Tyche, Fortuna) als zentrale Welterklärungs- und Sinndeutungsinstanz der hellenistisch-römischen Lebenswelt. Mit zwei mediävistischen Kollegen hat er eine interdisziplinäre Kolloquiumsreihe zu europäischen Grundbegriffen inauguriert, die die Trias ‚Gerechtigkeit‘, ‚Sorge‘ und ‚Freiheit‘ umfasst; speziell das Thema ‚Freiheit‘ hat er noch in weiteren Studien vertieft. Arbeiten zu Zeitkonzepten und zur römischen Villa behandeln zwei zentrale Dimensionen der Lebensführung. Der begriffsgeschichtliche Schwerpunkt hat auch zur Gründung einer eigenen Reihe im Verlag Walter De Gruyter geführt: „LUMINA. Leitbegriffe der griechischen und römischen Kultur und ihre Rezeption“. In der Einleitung zur Reihe wird das Erkenntnisinteresse hervorgehoben, das solche Leitbegriffe über die Altertumswissenschaft hinaus für andere Disziplinen haben: „Denn die bisweilen provozierende Alterität eines antiken Leitbegriffs führt aus der scheinbaren Vertrautheit, was unter einem bestimmten Konzept zu verstehen sei, heraus: Die Erkenntnis des historischen Gegenstands ermöglicht damit zugleich reflexive Distanz zu versteckten Implikationen gegenwärtigen Begriffsgebrauchs.“
Einen vierten Schwerpunkt bilden schließlich Antikerezeption und -transformation. Eine zweisprachige Edition des Waltharius bei Reclam ist vor allem durch die Einleitung zu einem Standardinstrument mittellateinischer Seminare geworden. Das Schwergewicht liegt auf der neulateinischen Literatur, die Vogt-Spira schon früh seit der Mitarbeit an der monumentalen ersten kritischen Edition der Scaliger-Poetik, bei der er die historischen Bücher vier und fünf übernommen hatte, als unverzichtbaren Teil des latinistischen Curriculum begriffen hat. Zahlreiche Arbeiten führen die literaturtheoretischen Untersuchungen zur Antike fort. In jüngerer Zeit hat er eine Anthologie zur „Neo-Latin and Humanist Greek Poetry in the Baltic Region“ initiiert, die mit einem innovativen literarhistorischen Konzept diesen weithin unbekannten Raum als integralen Teil der „Res publica Europaea“ der Frühen Neuzeit zu erweisen sucht. Sein eigenes Interesse gilt dabei insbesondere Preußen, dem er sich auch mit Arbeiten zur Antikerezeption Friedrichs des Großen zugewandt hat.
Schriften (Auswahl) I. Bücher
Dramaturgie des Zufalls. Tyche und Handeln in der Komödie Menanders, München 1992. Was ist Literatur in Rom? Eine antike Option der Schriftkultur, Hildesheim / Zürich / New York 2008. Studien zur römischen Anthropologie, Baden-Baden 2022.
Als Herausgeber:
Studien zur vorliterarischen Periode im frühen Rom (ScriptOralia 12), Tübingen 1989. Strukturen der Mündlichkeit in der römischen Literatur (ScriptOralia 19), Tübingen 1990. mit B. Rommel: Rezeption und Identität. Die kulturelle Auseinandersetzung Roms mit Griechenland als europäisches Paradigma, Stuttgart 1999. mit H. Jaumann, J. Klein u. B. Rommel: Domänen der Literaturwissenschaft, Tübingen 2001. mit L. Castagna: Pervertere: Ästhetik der Verkehrung. Literatur und Kultur neronischer Zeit und ihre Rezeption, München 2002. mit A. Beyer, L. Burkart u. A. v. Müller: Europa Arkadien. Jakob Philipp Hackert und die Imagination Europas um 1800, Göttingen 2008. mit B. Sösemann: Friedrich der Große in Europa. Geschichte einer wechselvollen Beziehung, 2 Bde., Stuttgart 2012. mit J. Starbatty u. J. Wertheimer: Kultur des Wettbewerbs – Wettbewerb der Kulturen, Stuttgart 2012. mit G. Melville u. M. Breitenstein: Gerechtigkeit. Europäische Grundbegriffe im Wandel Bd. 1, Wien u. a. 2014. Sorge. Europäische Grundbegriffe im Wandel Bd. 2, Wien u. a. 2015. Freiheit. Europäische Grundbegriffe Bd. 3, Köln 2024. mit A. Jönsson: The Classical Tradition in the Baltic Region. Perceptions and Adaptations of Greece and Rome, Hildesheim – New York 2017 (22018). mit B. Zimmermann: Plautus Revisited. Problemstellungen und Perspektiven der Plautusforschung, Göttingen 2024.
II. Aufsätze zur Antike
Vox und Littera. Der Buchstabe zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit in der grammatischen Tradition, Poetica 23 (1991), 295–327. Ars oder Ingenium? Homer und Vergil als literarische Paradigmata, Literaturwissenschaftliches Jahrbuch N.F. 35 (1994), 9–31. Traditionen improvisierten Theaters bei Plautus. Einige programmatische Überlegungen, in: B. Zimmermann (Hrsg.), Griechisch-römische Tragödie und Komödie, Stuttgart 1995, 71–93 (ital. 1998; engl. 2001). Die Kulturbegegnung Roms mit den Griechen, in: M. Schuster (Hrsg.), Begegnung mit dem Fremden. Wertungen und Wirkungen in Hochkulturen (Colloquium Rauricum Bd. 4), Stuttgart 1996, 11–33. Das satirische Lachen der Römer und die Witzkultur der Oberschicht, in: S. Jäkel / A. Timonen (Hrsg.), Laughter down the centuries, Bd. 3, Turku 1997, 117–129. Leiden an literarischer Abhängigkeit? Die Selbstwahrnehmung einer Rezeptionsliteratur am Beispiel des antiken Rom, in: U.-C. Sander / F. Paul (Hrsg.), Muster und Funktionen kultureller Selbst- und Fremdwahrnehmung, Göttingen 2000, 100–119. Gellius, die römische Komödie und die Kategorie der Imitatio, in: Dramatische Wäldchen, hrsg. v. E. Stärk und G. Vogt-Spira, Hildesheim 2000, 683–698. Rednergeschichte als Literaturgeschichte. Ciceros Brutus und die Tradition der Rede in Rom, in: C. Neumeister / W. Raeck (Hrsg.), Rede und Redner. Bewertung und Darstellung in den antiken Kulturen, Möhnesee 2000, 207–225. Literaturgeschichtsschreibung in Rom. Ein Leitkonzept neuerer Literaturwissenschaft und die Antike, in: Domänen der Literaturwissenschaft (s. o. I), Tübingen 2001, 61–83. Warum Vergil statt Homer? Der frühneuzeitliche Vorzugsstreit zwischen Homer und Vergil im Spannungsfeld von Autorität und Historisierung, Poetica 34 (2002), 323–344. Der Blick und die Stimme. Ovids Narziß- und Echomythos im Kontext römischer Anthropologie, in: A.-B. Renger (Hrsg.), Narcissus. Ein Mythos von der Antike bis zum Cyberspace, Stuttgart 2002, 27–40. Verkehrung als kulturelles Modell neronischer Zeit. Einige Überlegungen, in: Pervertere: Ästhetik der Verkehrung (s. o. I), München 2002, 305–310. Ars pervertendi. I Satyrica di Petronio e i limiti del rovesciamento, in: Pervertere: Ästhetik der Verkehrung (s. o. I), München 2002, 193–211.