mini|St-Hymetère, Übersicht von N-W Die Kirche Saint-Hymetière liegt ein wenig außerhalb und westlich des kleinen gleichnamigen französischen Bauerndorfs Saint-Hymetière, im Revermont, in der Region Franche-Comté, im Département Jura, circa 36 km nordöstlich von Bourg-en-Bresse und circa 35 km südlich von Lons-le-Saunier. Sie beeindruckt mit ihrem urtümlichen Erscheinungsbild der Frühromanik, umgeben von einem stimmungsvollen Gräberfeld, inmitten einer reizvollen bäuerlichen Landschaft des französischen Jura, im Tal der Valouse.
Geschichtliches Ursprünge in der Vorromanik
mini|hochkant|St-Hymetère, von S-O Über die Herkunft des Patrons von Dorf und Kirche überliefert die Legende, dass im 6. Jahrhundert ein Mönch, namens Hymetière, sein Kloster Condat verließ, um sich vermutlich mit einigen seiner Gefährten und Anhänger in der Einöde des Tals der Valouse zurückzuziehen. Er gründete dort eine Einsiedelei. Nach einiger Zeit der Meditation, Predigt und kargen Lebens verstarb er dort. Der Verehrung seiner Gebeine schloss sich die Ernennung zum Heiligen an.
Aus der Einsiedelei entwickelte sich der Bau und Betrieb eines Klosters, um das sich bald schon ein kleines Dorf gruppierte. Im Jahr 875 wird das Priorat Saint-Hymetière erstmals schriftlich erwähnt, in einem Diplom, ausgestellt vom damaligen römischen Kaiser Karl II. (der Kahle). Das Priorat folgte den Regeln des heiligen Augustinus und war abhängig von der Kirche Saint-Vincent von Mâcon. Es ist zu vermuten, dass das Kloster bereits ein kleines Oratorium besaß, dessen Grundmauern vielleicht unter der heutigen Kirche ruhen.
Frühromanik Das Kirchenbauwerk, so wie es heute im Wesentlichen erscheint, ist ein Gebäude der Frühromanik, aus dem 11. Jahrhundert. In Originalsubstanz sind davon erhalten: das Querhaus mit seinen Einwölbungen, die Chorapsis mit Wölbung, die südliche Querhauskapelle mit Wölbung, das südliche Seitenschiff mit Wölbung, und der überwiegende Teil der Westfassade. Die ehemaligen Rundsäulen des Schiffs sind zwar noch vorhanden, aber wegen späterer Ummauerungen nicht mehr zu sehen. mini|St-Hymetère, von N-W Seit ihrer Erbauung war die Kirche eine Prioratskirche. Die Klostergebäude existierten noch aus früherer Zeit und wurden weiterhin unterhalten und den Bedürfnissen entsprechend angepasst, vermutlich bis zu ihrer Vernichtung im 15. Jahrhundert. Im dritten Joch des südlichen Seitenschiffs gab es eine heute vermauerte Türöffnung, die auf ehemalige Anbauten eines Klosters hindeutet.
Umfangreiche Schäden im 15. Jahrhundert mini|St-Hymetère, von Süden Den Hundertjährigen Krieg (1339–1453) hatte das Priorat wohl noch leidlich überstanden, jedenfalls geben die Quellen keine wesentlichen Kriegsschäden an. Gegen Ende der Burgunderkriege (1474–1477) entfaltete der damalige König Ludwig XI. (der Kluge) Begehrlichkeiten, unter anderen gegenüber der Grafschaft von Burgund, der Franche-Comté, die Teil des Römischen Reichs Deutscher Nation war. Im Zuge der Belagerung um Nancy zogen im Jahr 1477 Truppen Ludwigs XI. (auch L’Araigne = „Die Spinne“ genannt) hier durch, und steckten das Dorf und das Priorat Saint-Hymetière, mit seiner Kirche in Brand. Die Verwüstungen waren fürchterlich. Das Dorf wurde völlig eingeäschert, ebenfalls die Prioratsgebäude. Alle unmittelbar brennenden Bauteile der Kirche, wie zum Beispiel der gesamte Dachstuhl gingen sofort in Flammen auf. Zusätzlich aber stürzten die steinernen Gewölbe des Mittelschiffs und des nördlichen Seitenschiffs ein, durch die Schuttmassen und die Hitze auch noch die Außenwand des nördlichen Seitenschiffs und Teile der Fassade. Ebenfalls Raub der Flammen wurde die nördliche Querhauskapelle. Neben den die Bewohner unmittelbar betreffenden Schäden im Dorf und in der Priorei, konnte man die an der Kirche noch als reparabel einstufen.
Bis zu ihrer vollständigen Wiederherstellung dauerte es mindestens ein und ein halbes Jahrhundert. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass das verhältnismäßig intakt gebliebene Querhaus, mit Chor und Kapelle, schon bald von der Dorfgemeinde wieder benutzt wurde.
Renovierungen bis in das 17. Jahrhundert mini|hochkant|St-Hymetère, Westseite, Hauptportal mit Narthex Durch das riesige Trümmerfeld der Brandschatzung gingen die Dorfbewohner wahrscheinlich zuerst daran, ihre Behausungen wieder neu zu errichten. Das ging am besten ein wenig abgerückt von dem bisherigen Standort in Richtung Osten. Dort entstand das neue Dorf Saint-Hymetière. Das Priorat wurde offensichtlich damals aufgegeben.
Die Quellen geben an, dass die Wiederherstellung und generelle Renovierung der Dorfkirche, deren Ergebnis das heutige Bild der Kirche ausmacht, erst im 17. Jahrhundert stattfand. Es wurde damals schon so behutsam vorgegangen, dass man heute die neuen Bauteile kaum von den Ergänzungen unterscheiden kann.
Im nördlichen Seitenschiff wurde die Außenwand mit zwei Strebepfeilern gänzlich erneuert. Die zylindrischen Querschnitte der Pfeiler des Mittelschiffs wurden mit neuem Mauerwerk rechtwinklig vergrößert und verstärkt. Die hoch aufgehenden Wände des Mittelschiffs wurden erneuert oder aufgedickt. Auf der Südwand wurden wegen entstandener Rissbildungen drei Strebepfeiler angebaut und über dem Portal ein kleiner Narthex errichtet. Das Mittelschiff und das nördliche Seitenschiff wurden neu eingewölbt. Die nördliche Querhauskapelle hat man nicht mehr erneuert.
Neuzeit Der Anbau einer Sakristei an Stelle der zerstörten nördlichen Querhauskapelle erfolgte in jüngerer Zeit. Erst später klassifizierte der Staat das Kirchengebäude als „Monument Historique“ und stellte es unter Denkmalschutz. Unter dem Gesichtspunkt der Denkmalpflege unterzog man das Bauwerk neuzeitlicher konservatorischer Methoden, die einige Korrekturen und Maßnahmen zum Erhalt der Bausubstanz umfassten. So wurde zum Beispiel der im 17. Jahrhundert vorgenommene Verschluss der Bogenöffnung, zwischen südlichem Seitenschiff und dem Querschiff, rückgängig gemacht. So sind auch noch verschiedene vermauerte Fensteröffnungen freigelegt worden. mini|hochkant|St-Hymetère, Südportal im Narthex
Die Kirche wurde am 22. Oktober 1913 zum Monument historique erklärt.
Das Bauwerk heute Grundriss mini|hochkant=1.7|links|St-Hymetère, Grundriss mini|hochkant|St-Hymetère, südliches Seitenschiff, vom Querhausarm
Eingangs einige Abmessungen:
Langhaus: Länge × Breite (ohne Strebepfeiler) 10,10 × 14,15 m Querhaus: Länge × Breite (ohne Strebepfeiler) 16,50 × 5,90 m Gesamtlänge: Schiff + Querhaus + Chor (ohne Portalüberdachung) 20,70 m
Der Grundriss zeigt in verschiedenen Farben die Mauerwerksquerschnitte des ursprünglichen Kirchenbauwerks aus dem Querhaus, dem Chor mit seiner südlichen Seitenkapelle und das Langhaus, aus dem Mittelschiff, mit seinen runden Säulen, und aus dem südlichen Seitenschiff, alles aus dem 11. Jahrhundert.
Weiterhin sind die Rekonstruktionen und Verstärkungen des Langhauses mit seinem nördlichen Seitenschiff dargestellt, beide aus dem 17. Jahrhundert. Statt der eingestürzten nördlichen Seitenkapelle hat man in der Neuzeit eine Sakristei angebaut.
Äußeres Erscheinungsbild Das Langhaus Das Langhaus beeindruckt durch seine scheunenartige Gesamtform nach dem Prinzip „Alles unter einem Dach“. Es verzichtet fast gänzlich auf eine äußere Gliederung, bei der man die innere Aufteilung in Schiffe und Joche ablesen kann. Die großen, um etwa 40 Grad geneigten Satteldachflächen, kennen keine Unterbrechungen oder Versätze. Die Traufhöhe an den Längsseiten ist zwar gerade mal ein Geschoss hoch, die Höhe des Dachfirstes erreicht aber mehr als die doppelte Höhe.
Zu den wenigen Accessoires der Wände gehören die kleinen Rundbogenfenster auf allen Seiten, ein „Ochsenauge“ inmitten des Giebels der Fassade, und die nachträglich angebrachten Verstärkungen durch Strebepfeiler, oberseitig abgeschrägt und teilweise mit Dachsteinen abgedeckt. Die Vorderseite des Strebepfeilers auf der rechten Ecke der Fassade verläuft gänzlich schräg, am Boden fast zwei Meter ausladend und am oberen Ende auf Null auslaufend. Hinzu kommen noch die beiden Portale, die mit einfachen profilierten spitzbogigen Gewänden eingefasst sind, das Hauptportal mit abgestuften Archivolten. Beide Türen sind nachträglich mit kleinen offenen Vorhallen ausgestattet worden, beim Hauptportal spitzbogig gewölbt und mit einem Satteldach überdeckt, beim Südportal rundbogig gewölbt, und mit einem Pultdach überdeckt. Der Boden im Narthex des Hauptportals ist mit alten Grabplatten bedeckt. Im ersten „Joch“ der Südwand sind noch Reste von zwei Lisenen erhalten, die nur noch bis zur halben Wandhöhe reichen. Eine der beiden Lisenen, die auf der Gebäudeecke, wird durch den nachträglich angebrachten Strebepfeiler nicht ganz verdeckt. Im dritten Joch der Südwand erkennt man die Kontur einer zugemauerten rundbogigen Tür und eine rechtwinklige schlanke Nische, die fast bis zur Traufe reicht. Diese Unregelmäßigkeiten der Südwand zeugen von den Anbauten der ehemaligen Konventsgebäude. mini|hochkant|St-Hymetère, Vierung und Chorapsis Auf der Westfassade gibt es noch Reste von zwei breiten Lisenen, die einmal vom Boden bis unter die Giebeltraufe reichten und den großen Giebel in drei etwa gleiche Abschnitte geteilt haben. Die linke Lisene fällt besonders auf, da ihre ehemals rechtwinklige linke Kante stark „zerbröselt“ ist. Es handelt sich dabei um die „Bruchkante“, die beim Einsturz des nördlichen Seitenschiffs nach der Brandschatzung im 15. Jahrhundert willkürlich entstanden ist. Bei den vermutlich eiligen späteren Erneuerungsarbeiten hat man auf die sicherlich aufwändige Wiederherstellung der Lisenenkante verzichtet.
Bei der Fassade fällt auf, dass die beiden kleinen rundbogigen Fenster in den Seitenschiffen unterschiedlich angeordnet worden sind. Das Fenster des nördlichen Seitenschiffs liegt tiefer und weiter nach innen verschoben, als beim gegenüber liegenden. Auch das ist der späteren weniger sorgfältigen Erneuerung des nördlichen Seitenschiffs zu verdanken.
Querhaus, Chor und Kapelle Die östliche Bauteilgruppe aus Querhaus, Turm, Chorapsis und einer Kapelle wird manchen ein wenig an die so genannte „Auvergnatische Pyramide“ erinnern, typisch für die romanischen Kirchen in der Auvergne, besonders durch den aus den Dachflächen herausragenden Turmsockel der Vierung. Das hat aber nichts mit dem „Massif Barlong“ in der Auvergne zu tun. Der Anblick dieser Gruppe aus südöstlicher Richtung überzeugt besonders durch ihre klare, geradlinige Formensprache. Die Querhausarme und das Chorhaupt, alle in gleicher Breite wie die Vierung, stoßen passgenau gegen den Turmsockel und berühren sich auf einer vertikalen Linie. Die Traufen dieser drei Gebäudeteile liegen auf gleicher Höhe und stoßen dadurch ebenfalls dort zusammen. Die Kapelle des südlichen Querhausarms bleibt mit ihrem First deutlich unter der vorgenannten Traufhöhe. mini|hochkant|St-Hymetère, Trompenkuppel mit Tambour und Blendarkaden-Fries Der mit seiner Apsis weit vorspringende Chor ist konsequent vertikal gegliedert, ohne jegliche horizontale Unterbrechung. Acht bis unter die Traufe stoßende Lisenen wechseln mit kaum breiteren Wandrücksprüngen ab. Am oberen Rand der Lisenen werden deren Oberflächen untereinander verbunden. An die Verbindung sind jeweils zwei kleine Blendarkaden angehängt, und wo deren Bögen zusammenkommen, sind kleine abgeschrägte Kragsteine angebracht. In drei der Lisenen-Zwischenräume sind etwa auf halber Höhe schlanke rundbogige Fensteröffnungen ausgespart, ohne begleitende Ausschmückungen. Die Apsis der Querhauskapelle weist die gleiche Gliederung auf wie der Chor, jedoch ist dort wegen der geringeren Größe alles reduziert. Es gibt nur sechs Lisenen, aber auch drei kleinere Fenster.