mini|Nicolaikirche um 1872 St. Nicolai ist die ältere der beiden evangelisch-lutherischen Stadtpfarrkirchen in der lippischen Stadt Lemgo in Nordrhein-Westfalen. Sie befindet sich unweit des Marktplatzes an der Ostseite des Rathauses und südlich der Mittelstraße, welche die Altstadt Lemgo von West nach Ost durchquert. Im Norden und Süden ist die Kirche von baumbestandenen Grünflächen umgeben.

Bau und Baugeschichte Wenige Jahre nach der Stadtgründung (um 1190) begann man mit dem Bau der ersten Kirche, die zunächst als kreuzförmige Basilika im romanischen Stil entstand. Sie wurde, wie das in einer Hansestadt üblich war, dem Patrozinium des Nikolaus von Myra unterstellt, der als der Schutzpatron der Seefahrer und Fernhandelskaufleute gilt. Nach etwa 50 Jahren Bauzeit war die romanische Kirche fertig. Sie war wesentlich kleiner als die heutige Kirche: Wie niedrig und schmal ihre Seitenschiffe waren, kann man noch im Turmbereich erkennen, und der Länge nach reichte sie bis zu der Stufe, die heute noch hinter dem Altar erhalten ist. Um 1300 entschloss man sich, die schmalen Seitenschiffe abzureißen und neue Seitenschiffe fast so hoch und so breit wie das Mittelschiff zu bauen. Dadurch entstand eine Hallenkirche, und zwar im gotischen Stil; lediglich im Bereich der Türme blieb der romanische Teil erhalten. Vom spätromanischen Vorgängerbau ist außerdem ein sehr schönes Querhaus-Portal übrig geblieben, an dem erkennbar ist, dass der romanische Rundbogen in den gotischen Spitzbogen übergeht. Die Stilelemente des gotischen Baus wie z. B. das Domikalgewölbe stammen aus dem Anjou, einem Herzogtum mit dem Zentrum Angers an der Loire. Offensichtlich hatte Bernhard II. zur Lippe, der Gründer der Stadt Lemgo, eine Bauhütte von dort mitgebracht; man vermutet, dass er sich einige Zeit dort aufhielt. Im Jahr 1375 hat die Kirche die heutige Form erreicht. Der Chorraum sollte zwar noch größer werden, aber dieses Vorhaben kam nicht zur Ausführung, weil eine Pestepidemie der Bautätigkeit ein Ende setzte.

Die für eine Stadtkirche ungewöhnliche Doppelturmfront zeigt, dass die Herren zur Lippe mit dieser Kirche ihren Machtanspruch dokumentieren wollten. Allerdings ist nur der südliche Turm, in dem die Glocken hängen, Eigentum der Kirche. Der Turmhelm wurde 1660 von einem Sturm abgeweht und zerstörte damals auch Teile des Daches. Man entschloss sich drei Jahre später, dem Turm einen in sich verdrehten Helm zu geben, der weniger windempfindlich ist. Der Turmhelm wurde von Salomon Möller aus Hildesheim gefertigt und mit 17 Tonnen Blei gedeckt. Solche in sich verdrehten Turmhelme sind vor allem in Frankreich häufig, sie werden dort clocher tors genannt. In Lippe gibt es in Heiden (Lage) und Alverdissen ebenfalls gedrehte Turmhelme; in Deutschland existieren weitere sechzehn. Der Nordturm ist Eigentum der Stadt; er enthält die bis 1854 bewohnte Wächterstube mit Kamin, Wohnraum und Ausguck. Das Glockenspiel ertönt tagsüber alle zwei Stunden.

Ausstattung Ausstattung aus vorreformatorischer Zeit Das älteste Ausstattungsstück ist ein Altarretabel etwa aus dem Jahr 1280, das in die Nordwand eingemauert ist. Es zeigt in drei Bildern die Verkündigung an Maria, die Geburt Christi und die Auferstehung Christi mit den Grabeswächtern. Bemerkenswert ist, dass Joseph mit dem Judenhut – im 4. Laterankonzil 1215 war beschlossen worden, dass Juden sich durch eine abweichende Kleidung kenntlich machen müssen – sich unter dem Bett versteckt; denn er gilt nach christlicher Auffassung nicht als der leibliche Vater Jesu Christi. Etwa aus der gleichen Zeit stammt das Tympanon in der West-Hochwand des südlichen Seitenschiffes: Es zeigt Christus erhöht zwischen Maria und Johannes. Aus der Zeit nach 1300 stammen die Engel am Sims der Nordwand und die Christophorusfigur an der Säule gegenüber dem Nordportal. Wer auf diese Figur blickte und sich dabei bekreuzigte, galt für den betreffenden Tag als gesegnet. Um 1370 entstanden die Fresken an der Ost- und Südwand. An der Ostwand stehen links Jakobus der Ältere und Johannes, rechts Paulus und Petrus; die Kreuze in den Kreisen darunter sind die Weihekreuze. An der Südwand stehen Jakobus und Johannes, Bartholomäus und Thomas einzeln in hohen, schmalen Gehäusen unter Türmen; in den Händen halten sie Spruchbänder mit dem lateinischen Text des Glaubensbekenntnisses.

Das große Kruzifix über dem Altar entstand zwischen 1470 und 1480; es hängt dort, wo bis 1853 der Lettner den Chorraum, den bis zur Reformation nur die Priester betreten durften, vom Kirchenraum für die Gemeinde trennte. An der Nordwand steht ein bedeutendes Werk der Steinmetzkunst, das Sakramentshaus aus dem Jahr 1477. Die Bilderstürmer der Reformationszeit haben im Jahr 1531 von diesem kostbaren Gebilde die Figuren abgeschlagen; nur der Pelikan an der Spitze, das Sinnbild der aufopfernden Liebe Christi, blieb erhalten.

Ausstattung nach der Reformation mini|Innenraum von St. Nicolai Im Jahr 1533 führte der Magistrat der Stadt Lemgo die Braunschweiger Kirchenordnung von Johannes Bugenhagen ein: Lemgo wurde lutherisch und blieb es auch, als Graf Simon VI. im Jahr 1605 reformiert (calvinistisch) wurde, ausschließlich calvinistische Pastoren berief und in der übrigen Grafschaft alle Pfarrstellen mit calvinistischen Pfarrern besetzte. Diese widerspenstige Haltung der Lemgoer verärgerte den Grafen; sein Sohn verlegte deswegen den Regierungssitz von Lemgo nach Detmold. Der im Augsburger Religionsfrieden festgelegte Grundsatz, dass der Landesherr die Konfession des Landes bestimmen konnte (cuius regio, eius religio), galt zunächst nur für Katholiken und Lutheraner; erst der Westfälische Friede bezog 1648 auch die reformierte (calvinistische) Konfession ein.

Kanzel mini|Kanzel Die Kanzel, die kurz nach 1600 entstand, ist besonders reich dekoriert; dies zeigt, dass der Predigt im lutherischen Gottesdienst eine besondere Bedeutung zukommt. Außer Bildern sind auch Schriften in deutscher Sprache an der Kanzel angebracht. Die beiden ineinander verschlungenen griechischen Buchstaben X (Chi) und P (Rho) an der Tür sind die Anfangsbuchstaben des griechischen Wortes ΧPHΣTOΣ (Christus). Der ebenfalls reich dekorierte Kanzeldeckel mit der Taube, die den Heiligen Geist symbolisch darstellt, stammt etwa aus dem Jahr 1630. In den Figurennischen stehen die fünf Kardinaltugenden. Am Geländer der Treppe steht: „Das Evangelium von Christo ist eine Kraft Gottes, die da selig machet alle, die daran glauben.“ Darunter sind die vier Evangelisten abgebildet: Matthäus mit dem Engel, Markus mit dem Löwen, Lukas mit dem Stier und Johannes mit dem Adler. An der Kanzel selbst steht in niederdeutscher Sprache ein Text aus dem Römerbrief: DE GELOVE KVMBT // VON DER PREDIGT // DAT PREDIGEN ABER IST // DORCH DAS WORT GODES.

Taufe mini|Taufe Die Taufanlage im Osten des südlichen Seitenschiffes wurde 1597 von dem Lemgoer Bildhauer Georg Crossmann geschaffen. Er hat damit einen Auftrag der „Templierer“ (d. h. Pfarrer) Johan Cothman und Hans Seiler ausgeführt „zu Gottes Ehr und der Kirchen Zier“, wie es auf der Innenseite des Türrahmens heißt. Der Taufstein mit reicher Dekoration trägt eine lateinische Inschrift (Markus 16,16); übersetzt lautet sie: „Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubet, der wird verdammt werden.“ Auf dem beweglichen Deckel, der an einer Kette aufgehängt ist, wird gezeigt, wie Christus von Johannes dem Täufer getauft wird. In den Ecken des Baldachins stehen die vier Evangelisten. Die Brüstung mit Beschlagwerk, Löwenköpfen, Diamantquadern und Fruchtgehängen ist ein typisches Werk der Weserrenaissance. Die Giebelaufsätze enthalten Sprüche aus dem Neuen Testament, die sich auf die Taufe beziehen. Die Tür ist seitlich mit Säulen verziert und trägt oben zwei Hochrelieffiguren: links steht Christus als Herrscher der Welt und rechts Johannes der Täufer mit dem Lamm Gottes. Am Portalaufsatz sieht man Petrus und Paulus, dazwischen auf der Spitze Christus mit zwei Kindern und dem Hinweis auf Markus 10,14: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solcher ist das Himmelreich.“

1863 wurde die Taufanlage vor das Kerssenbrock-Epitaph im Südost-Chor versetzt und verlor dabei eine Seite der Einfassung. Das große Bild mit der Gestalt Johannes des Täufers, 1598 gemalt, das früher zur Taufanlage gehörte, hängt jetzt im Nordwesten der Kirche.

Hochaltar Die Entstehung des frühbarocken Hochaltars im Chorraum der Kirche ist mit einer Vorgeschichte verbunden: Im Dreißigjährigen Krieg gelang es am 12. September 1636 einer Gruppe schwedischer Soldaten, in die Stadt einzudringen, wonach ein großes Besatzungskommando einrückte und die Stadt zwei Tage lang gründlich plünderte. Nach dem Abzug der Schweden sollte die Besatzung des Turmes zur Verantwortung gezogen werden, bei dem die Schweden eingedrungen waren. Dem Bildschnitzer Hermann Voß gelang jedoch vor der Verhaftung die Flucht nach Hameln. Dort und in der Umgebung arbeitete er als Bildschnitzer (dazu sagte man damals: Schattilier) und verdiente so viel Geld, dass er auch das Strafgeld der Stadt Lemgo für sein Fehlverhalten bezahlen konnte. Am 24. September 1641 richtete Voß ein Gesuch an den Rat der Stadt, man möge ihm und seiner Ehefrau die Aufnahme in das „Brüderkloster vor St. Johannispforten“ gewähren, denn sein Vaterhaus in Lemgo war durch die Kriegseinwirkungen so stark beschädigt, dass es erheblicher Mittel bedurft hätte, es wieder instand zu setzen. In diesem Brief bot Voß an, sein Vaterhaus an die Stadt abzutreten und „ein schönes altar 32 fuß hoch vndt 12 fuß breitt … in hiesige alten Stadt Kirchen zu verehren“. Der Rat der Stadt ging auf dieses Angebot ein und so entstand im Jahr 1643 der Hochaltar mit den Ohrmuschel- und Knorpelformen. Die Bilder malte Berent Woltemate: Das obere Bild zeigt die Himmelfahrt Christi und das untere das letzte Abendmahl im Kreis der Jünger. Diese Darstellung ist im evangelischen Verständnis besonders wichtig, da die Austeilung des Abendmahls „unter beiderlei Gestalt“, also mit Brot und Wein, zu den zentralen Forderungen und Errungenschaften der Reformation gehörte.

Epitaphien Franz von Kerssenbrock Hinter der Taufanlage befindet sich das Epitaph für den Ritter Franz von Kerssenbrock († 1576). Das Werk des Lemgoer Architekten und Bildhauers Hermann Wulff aus dem Jahr 1578 zeigt den Verstorbenen in voller Rüstung vor dem Kruzifix, umrahmt von einem Säulengehäuse mit Wappen. Im aufgesetzten Teil erscheint die Halbfigur des segnenden Gottvaters, umgeben von Fides, Spes und Caritas (Glaube, Hoffnung und Liebe).

Übersetzung der lateinischen Inschrift: Hier ruhe ich, Franz, nach meinem Tode, ein Ritter geboren aus dem Blut des berühmten Kerssenbrockschen Geschlechts. Ich bin edel durch die Herkunft aus einer adligen und alten Familie, edler aber werde ich durch meine aufrichtige Frömmigkeit genannt. Mit reinem Geist habe ich Gott verehrt, das Gemeinwohl gefördert, das übrige Leben war den Bemühungen um die Meinigen gewidmet. Und doch bin ich mir deswegen nicht etwa meiner guten Werke bewusst und freue mich ihrer, so dass ich Armseliger deswegen verdiente, in einem geringeren Maße ein schuldiger Sünder zu sein. Nichts auf dem Gewissen zu haben, sich wegen keiner Schuld fürchten zu müssen, das ist allein Christi Ruhm, nicht der der Menschen. Allein der Glaube, das Kreuz Jesu allein schützt die Menschen. Solange die lechzende Seele dieses anschaut, hat sie nichts zu fürchten. Unter seiner Führung habe ich jetzt die hartnäckigen Qualen des Todes besiegt und wohne mit meinem besseren Teil im Himmel. Aber geht auch ihr die Wege eures Vaters, ihr Kinder von meinem Fleisch. Eure erste Sorge sei Gott, die zweite eure Mutter, die dritte – wichtiger als Privatangelegenheiten – das Gemeinwesen, dies soll das Ziel eures ritterlichen Standes sein. Und ich weiß, dass mein Erlöser Jesus selbst lebt, und auferstehend werde ich mit diesem meinem Fleisch umgeben werden.

Moritz Piderit