mini|240px|Lebendes Schachspiel in Monselice (Italien) Lebendschach ist eine seit Jahrhunderten anzutreffende Schachform, bei der Schach mit lebenden Figuren gespielt wird beziehungsweise Schachfiguren durch Menschen in Kostümen dargestellt werden. Lebendschach wird häufig im Freien ausgeübt. Partien mit offenem Ausgang sind eher die Ausnahme, meist werden einstudierte Partien aufgeführt. Lebendschach kann im Schachballett eine unmittelbare Verbindung mit dem Tanz eingehen. Als Motiv findet es in vielfältigen Formen u. a. in Literatur, Theater, Film und modernen Rollenspielen Verwendung.
Einleitung Das Schachspiel als Abbild einer Auseinandersetzung zwischen zwei Heeren, als Entscheidung eines Konflikts zweier Gegner im Kampf verknüpfte seit den Anfängen der Schachgeschichte den abstrakten Begriff der leblosen Schachfiguren mit Menschen- und Tiergestalten.
Das Lebendschach hat durch verschiedene Zeiten hinweg Reiz ausgeübt und ist oft auch bei Nichtschachspielern auf Interesse gestoßen. Es verbindet das Schach, das sonst spezielle Kenntnis voraussetzt, mit anderen populären kulturellen Ausdrucksformen wie Schauspiel oder Tanz. Neben Lebendschach sind andere Bezeichnungen wie Lebendes Schachspiel, Lebende Schachpartie usw. gebräuchlich. Bei einigen Ausprägungen, etwa als Ballett oder Rollenspiel, ist eine Beschränkung des Lebendschachs auf die Abbildung einer konkreten Partie und die korrekte Befolgung der Zugregeln nicht zwingend.
Von dem Begriff zu unterscheiden ist die verbreitete Vorstellung, machtpolitische Vorgänge mit einer Schachpartie zu vergleichen, bei der Staaten oder Individuen „wie Schachfiguren“ auf einem imaginären Brett hin- und hergeschoben werden. Die Ausstattung der Kostüme und der Ablauf einer Lebendschachpartie ermöglichen es jedoch, dass auf konkrete historisch-politische oder gesellschaftliche Zustände angespielt wird.
Lebende Schachpartie mini|180px|Lebendschach in Ströbeck (Aufnahme von 1932) Im engeren Sinne wird Lebendschach als eine reguläre Schachpartie verstanden, die mit „menschlichen Figuren“ ausgetragen wird.
Partieablauf Lebendschach kann in geschlossenen Räumen bzw. Sälen aufgeführt werden. Meistens wird jedoch im Freien gespielt, also in einem Sportstadion oder auf städtischen Plätzen. Das Spielfeld, das dem Schachbrett entspricht, wird auf dem Boden, auf Gras oder Pflaster, markiert (Schachquadrate); anderenfalls wird eine mitgebrachte Unterlage, Plane oder ein Teppich entrollt. In selteneren Fällen wird auch von in Schachbrettmuster eingelegten Stein- oder Parkettfußböden berichtet. Die modernen Aufführungen tragen einen Volksfestcharakter, und sie werden oftmals in größere Veranstaltungen schachlicher oder kultureller Art wie etwa Mittelaltermärkte eingebunden.
Ernsthafte Partien sind beim Lebendschach selten. Meist werden bekannte Schachpartien, wie etwa die Unsterbliche Partie, in choreografierter Form nachgespielt. Die Darstellenden, unter denen auch Kinder sein können, müssen von Trainern gezielt vorbereitet werden. Bei aufwendiger gestalteten Aufführungen wurden in Verbindung mit der Springerfigur früher in manchen Fällen wirkliche Pferde eingesetzt. Deren Ausbildung für das lange Ruhigstehen und die Zugbewegungen ist mit besonderen Schwierigkeiten behaftet. Der Aufmarsch der Figuren und das Einnehmen der Ausgangsposition sind gewöhnlich bereits Teil der Darbietung. Ein besonderes Augenmerk gilt dem Schlagen von Figuren und dem fast regelmäßig vorgesehenen Mattschluss. Hierbei müssen die Akteure genau einstudierte Bewegungen vollziehen, um die erwünschte Wirkung beim Betrachter hervorzurufen.
Neben einstudierten Partien kommen auch reale Partien in Betracht, bei denen möglichst bekannte Spieler herangezogen werden. Unter den früheren Weltmeistern beteiligte sich etwa José Raúl Capablanca mehrfach an solchen Schaukämpfen.Edward Winter: Capablanca and living chess, Chess Notes, Nr. 4092 u. a. mit Fotografien einer Berliner Veranstaltung (1930) mit Capablanca Im Jahr 1933 spielte Capablanca in Los Angeles eine Lebendschachpartie gegen Herman Steiner, die er brillant gewann.Partie Capablanca – Steiner, Los Angeles 1933 (Java) Der Verlierer behauptete jedoch später, der Partieverlauf sei im Voraus abgesprochen gewesen.
Weitere Optionen können den Ablauf attraktiv gestalten. So traten die Großmeister Lothar Schmid und Helmut Pfleger 2004 im Rahmen einer größeren Veranstaltung in Bamberg zu einer Schachpartie gegeneinander an, bei der sich prominente Bürger der Stadt als „Schachfiguren“ zur Verfügung stellten.Lebendschach in der Alten Hofhaltung in Bamberg
Beispiele: Ströbeck, Marostica und Jávea Ein häufig erwähntes Beispiel betrifft das Schachdorf Ströbeck. Das bereits seit 1688 nachgewiesene Spiel mit lebenden Figuren in Kostümen bildet bis heute einen Höhepunkt bei Schach- und Heimatfesten. In historischer Zeit trugen die Teilnehmer Bauerntrachten – die Königsfigur war als Dorfschulze gekleidet – und Kostüme, die an die Zeit der Kreuzritter erinnerten.Renate Krosch: 1000 Jahre Schachdorf Ströbeck. Ströbeck 1994, S. 37; Zudem wurde eine Schachpartie ursprünglich nur zur Begrüßung eines herausgehobenen Gastes in Ströbeck vorgeführt. Bis heute wird die Tradition von einem Jugend-Schachensemble fortgesetzt, das auf dem Platz am Schachspiel in Ströbeck oder auf Gasttourneen auftritt.Zum Ströbecker Ensemble siehe die Website der ; Bilder der aktuellen Schachkostüme (Privatseite von R. Grosche)
Einige andere europäische Orte pflegen ebenfalls das Lebendschach. International bekannt gemacht hat sich in dieser Hinsicht besonders die norditalienische Stadt Marostica. In zweijährlichem Abstand wird dort auf dem Schlossplatz eine musikalisch begleitete Schachpartie mit lebenden Personen in mittelalterlichen Kostümen aufgeführt.Die Aufführung findet jeweils am zweiten September-Wochenende in den geraden Jahren statt. Es handelt sich um eine moderne Tradition, die im Jahr 1923 begründet wurde. Angeknüpft wird dabei an einen auf das 15. Jahrhundert zurückgeführten, anscheinend fiktiven Schachkampf, den zwei männliche Rivalen um die Hand der Tochter des Stadtvogts austragen mussten.
Seit 1996 wird in der spanischen Stadt Jávea in der Region Valencia ebenfalls alljährlich ein farbenfrohes Lebendschach-Schauspiel dargeboten. Wie in Marostica werden beachtliche Zuschauerzahlen erreicht. Als Veranstaltung, die sich bewusst an auswärtige Besucher richtet, erfüllt Lebendschach damit in den genannten Fällen den Zweck einer touristischen Attraktion. In Jávea wurde das Lebendschach-Festival im November 2007 darüber hinaus mit einem konventionell ausgetragenen Meisterturnier verbunden.
Lebendschach in Asien mini|Lebendes Shōgi-Spiel in Tendō Auch im asiatischen Raum fand Lebendschach Eingang, wobei auf einheimische Schachvarianten zurückgegriffen wird. Das chinesische Schachspiel (Xiangqi) wie das japanische Shōgi benutzen anstelle von Figuren beschriftete Spielsteine. Deshalb tragen die Teilnehmer am Lebendschach in der Regel Plakate oder Stangen mit Schildern, damit die Bezeichnungen sichtbar sind. In der Stadt Tendō, die in Japan für ihre Shōgi-Spielsteine berühmt ist, gibt es alljährlich zum Kirschblütenfest eine Lebende Schachpartie in festlichem Rahmen.
Eine besondere Tradition existiert in Vietnam, wo auf größeren Dorffesten häufig Lebendschach-Veranstaltungen organisiert werden. Das vietnamesische Lebendschach ist den Regeln des chinesischen Xiangqi angepasst. Die Schachgegner sitzen auf erhöhten Podesten hinter dem Spielfeld, während die Teammitglieder Gelegenheit erhalten, bei den Zugbewegungen und speziell beim Schlagen von gegnerischen Steinen ihre Kampfkunst-Techniken zu demonstrieren.Das Lebendschach wird als touristische Attraktion beworben, „Human Chess in Vietnam“
Geschichtliche Entwicklung Von Schach als dem Abbild des Kampfes ist es kein weiter gedanklicher Sprung zu der Idee, Schachfiguren zu personifizieren. Historisch gesehen steht das Lebendschach bereits auf dem Boden des mittelalterlichen europäischen Schachspiels. Im Mittelalter war der allegorische Bezug des Schachs zur gesellschaftlichen Realität stets gegenwärtig. So werden in vielen Texten, angeführt von der verbreiteten Schrift des Jacobus de Cessolis, Schachfiguren menschliche Eigenschaften zuerkannt. In der Ordnung des Schachs schien sich zudem die ständische Ordnung der Gesellschaft widerzuspiegeln.
Ob Lebende Schachpartien vor dem 15. Jahrhundert veranstaltet wurden, ist ungewiss. Eine Überlieferung besagt, ein türkischer Sultan habe so gespielt, dass jede geschlagene Figur den Händen des Henkers überantwortet worden sei.Hans Ferdinand Maßmann: Geschichte des mittelalterlichen, vorzugsweise des deutschen Schachspieles, Quedlinburg 1839, S. 84f. Wohl ebenso ins Reich der Legende gehören Geschichten, grausame spanische Inquisitoren oder Zar Iwan der Schreckliche hätten um das Leben von wirklichen Menschen spielen lassen.Jerzy Giżycki: Schach zu allen Zeiten, Stauffacher-Verlag, Zürich 1967, S. 205–220. Soviel steht fest, dass in Verbindung mit dem Schach das Todesmotiv, das „Spiel um Leben oder Tod“, seit jeher eine Faszination auf die menschliche Vorstellungskraft ausgeübt hat.
Die Idee lebendiger Schachfiguren geht außerdem auf den mittelalterlichen Mythos zurück. In den Artus-Erzählungen kommen Zauberschachspiele vor, deren Figuren wie von Geisterhand bewegt werden. Der Schachhistoriker Murray leitet diese Textstellen von einem keltischen Vorläufer ab. In der Erzählung um Peredur aus dem Umkreis des Mabinogion schaut der Held einer Partie des (vielleicht mit Hnefatafl identischen) Brettspiels gwyddbwyll zu, dessen Spielsteine von selbst ziehen. Nach dem Ende stoßen die Figuren der siegreichen Seite einen Schrei aus, als wären sie Menschen.H. J. R. Murray: A History of Chess, Oxford University Press, 1913 (Reprint-Ausgabe 2002), S. 745ff. ISBN 0-19-827403-3.
Lebendschach als Traum: Hypnerotomachia Poliphili Der älteste schriftliche Bericht zum Lebendschach datiert auf das Jahr 1467, als Francesco Colonna (dahinter verbarg sich möglicherweise ein Pseudonym) eine mystische Erzählung verfasste. Eine Passage des Werkes schildert einen Traum, in dem eine Partie mit lebendigen Gestalten unter Musikbegleitung auf einem großen Schachbrett ausgetragen wird. Darin werden teilweise die Spielzüge und regelrechte taktische und strategische Überlegungen der Gegner beschrieben. Der Text wurde 1499 in einem latinisierten Italienisch unter dem Titel Hypnerotomachia Poliphili (wörtlich: Traumliebeskampf des Poliphilus) veröffentlicht und ins Französische und Englische übersetzt.
Im Original werden noch die mittelalterlichen Zugregeln zugrunde gelegt – so springt der als Secretario bezeichnete Läufer diagonal ins übernächste Feld,; van der Linde wie es der Zugweise des ursprünglichen Alfil entsprach –, während in den Übersetzungen die Bewegungen von Dame und Läufer nach den in der Zwischenzeit reformierten Schachregeln beschrieben werden.
Colonnas Schrift trägt rätselhafte und phantastische Züge. Diesem bedeutenden Text der Renaissance wird eine große Wirkung im Bereich der bildenden Künste und der Literatur zugeschrieben. Bezogen auf das Schach hat der „Traum des Poliphilus“ das Konzept des Lebenden Schachspiels in mehrfacher Hinsicht entscheidend geprägt. Hierzu gehört an erster Stelle die Verbindung des Lebendschach-Gedankens mit Schauspiel, Musik und Tanz, die sich als ungewöhnlich lebenskräftig erwies.
Tradition der Schachschauspiele mini|240px|Aufführung eines Schachproblems von Alexander Petrow in München (1899)