Die Queer-Theorie (englisch queer theory) bezeichnet ein interdisziplinäres Forschungsfeld, das sich ab Anfang der 1990er Jahre in den USA entwickelte und sich mit kulturellen, sozialen und politischen Konstruktionen von Sexualität und geschlechtlicher Identität beschäftigt. Der Begriff queer, der ursprünglich als abwertende Bezeichnung für Homosexualität verwendet wurde, wird in der Queer Theorie meist als offener Sammelbegriff für marginalisierte geschlechtliche Identitäten sowie als Ansatz zur Kritik normativer Ordnungen von Sexualität verwandt. Zentrale Theorien der Queer Theorie stammen von Eve Kosovsky Sedgwick, Judith Butler, Jack Halberstam, José Esteban Munoz und Teresa de Lauretis.

Überblick Die Queer-Theorie geht davon aus, dass Geschlechtsidentitäten und sexuelle Identitäten sozial konstruiert sind und in sozialen Praktiken und Diskursen hervorgebracht und reguliert werden (Doing Gender / Undoing Gender). Identität ist so verstanden nicht natürlich gegeben, sondern etwas Veränderbares, das sich ständig neu formt.

Unter Rückgriff auf die Methoden und Erkenntnisse der Dekonstruktion, des Poststrukturalismus, der Diskursanalyse, Kritischer Theorie und den Gay-, Lesbian und Gender Studies, verbindet die Queer-Theorie analytische Perspektiven mit einer transformierenden Praxis, die bestehende Kategorien von Heteronormativität irritiert oder neu formiert. Damit macht sie die Vielfalt geschlechtlicher und sexueller Ausdrucksformen sichtbar.

Die neuere Queer-Theorie beschäftigt sich allgemein mit der Dekonstruktion von Sexualität, auch in Bezug auf kulturelle Phänomene und daraus resultierenden Diskriminierungs- und Ausbeutungsverhältnissen. Als einer der wichtigsten Punkte wird dabei die radikale Offenheit des Begriffes queer genannt, der in zahlreichen Debatten immer wieder durch Gruppen neu angeeignet werden müsse, die inkludiert werden wollen (z. B. schwarze Lesben, die aus dem Landproletariat kommen; heterosexuelle Verbündete usw.). Diese Definition von queer als „radikale Offenheit durch immer wiederkehrende Reinterpretation des Begriffes“ ist nur eine mögliche Definition von queer. Sara Ahmed beispielsweise nutzt queer in ihrem Buch What’s the Use? als Konzept für Begriffe wie außergewöhnlich, seltsam, abweichend, merkwürdig, unangepasst. Dieser Definition ist immanent, missbraucht werden zu können; zum Beispiel von politischen Gruppen, die ihre Offenheit einzuschränken versuchen (z. B. queer als Synonym für LesBiSchwul und Transgender-Menschen usw.).

Eines der zentralen Themen der Queer-Theorie ist die Sprachphilosophie bzw. Sprechakttheorie, die schon bei der Bezeichnung „Queer-Theorie“ eine Rolle spielt, nämlich in der Wiederaneignung der ursprünglich abwertenden Bezeichnung queer und dem revolutionären Praxisanspruch, diese in einen neuen Kontext zu setzen.

Die Queer Studies sind ein interdisziplinäres kulturwissenschaftliches Fachgebiet, das auf der Grundlage queerer Theorien arbeitet.

Vorgeschichte Als erster Vordenker der Queer-Theorie gilt Magnus Hirschfeld, der um 1900 herum noch von einem biologisch-medizinischen Standpunkt aus versuchte, die Dichotomie, also die Zweigliedrigkeit der Geschlechter, zu widerlegen. Die Anthropologin Margaret Mead zeigt ab 1931 die kulturelle Variabilität der Geschlechterrollen. In seiner Geschichte der Sexualität (Sexualität und Wahrheit, Bd. 1–3) behauptet der Philosoph Michel Foucault, dass die Auffassungen über Sexualität und Homosexualität nicht auf natürlichen Gegebenheiten beruhten, sondern durch soziale und historische Gegebenheiten entstanden seien.

Zentral für die Entstehung der Queer-Theorie ist die Geschichte der queeren Bewegung. So zeigte sich bereits in den Kämpfen um das Stonewall Inn in den 1960er Jahren, dass in der Bar Stonewall Inn diejenigen verkehrten, die aus den Bars der Mittelklasse-Schwulen und -Lesben ausgeschlossen waren: obdachlose Jugendliche, „Trans*-Personen“, insbesondere of color.Jin Haritaworn: Am Anfang war Audre Lorde. Weißsein und Machtvermeidung in der queeren Ursprungsgeschichte. In: Femina politica. Band 14, Nr. 1, 2005, S. 23–36.Salih Alexander Wolter: Stonewall revisited: Eine kleine Bewegungsgeschichte. In: Heinz-Jürgen Voß, Salih Alexander Wolter: Queer und (Anti-)Kapitalismus. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2013, ISBN 3-89657-668-2, S. 28 ff. Sie waren es, die die Kämpfe mit der Polizei (Stichwort: Stonewall) trugen.

In den schwulen (und lesbischen) Kämpfen wurde es seit den 1970er Jahren wichtig, dass Menschen sich eindeutig geschlechtlich identifizierten – Transpersonen wurden z. B. aus der Gay Activists Alliance 1973 ausgeschlossen, weil die Mainstream-Schwulen und -Lesben fanden, dass sie, eindeutig geschlechtlich und sexuell identifiziert, bessere Chancen zur Durchsetzung eines Antidiskriminierungsgesetzes hätten.

In den 1980er Jahren versammelten sich in der Queer-Bewegung Menschen, die vom lesbischen und schwulen Mainstream ausgeschlossen waren, der sich auf Lobbyarbeit fokussierte und Lesben und Schwule als quasi „ethnische Entitäten“ in die amerikanische Verteilungspolitik integrieren wollte.Steven Epstein: Gay Politics, Ethnic Identity: The Limits of Social Constructionism. In: Socialist Review 17 (1987) 3/4, S. 9–54. Diejenigen, die sich von diesen Bewegungen nicht mehr repräsentiert fühlten, nannten sich „in Abgrenzung zu weißen Mittelklasse-Schwulen und [-]Lesben ‹queer› […], lange bevor deren akademische Nachfahren sich diese Identität aneigneten“.

Dekonstruktion und Selbstdefinition Das bevorzugte methodische Werkzeug innerhalb der Queer-Theorie ist die Dekonstruktion von vergegenständlichten Kategorien, die Auflösung der Fixierung auf machtasymmetrische Binaritäten wie Weiß/Schwarz oder männlich/weiblich. Die Offenheit des Begriffs queer wurzelt in der dekonstruktivistischen Praxis, nach dem Ausgeschlossenen zu fragen und sich selbst durch Inklusion des Außenstehenden zu erweitern. Dem universalistischen Anspruch von queer sind trotzdem Grenzen gesetzt. Queer-Theorien gehen davon aus, dass Menschen sich selbst definieren sollen und dass diese Selbstdefinition die einzig gültige „Identitätserklärung“ ist.Salih Alexander Wolter: Marx’ Gespenster. In: Heinz-Jürgen Voß, Salih Alexander Wolter: Queer und (Anti-)Kapitalismus. Schmetterling Verlag, Stuttgart 2013, ISBN 3-89657-668-2, S. 45 ff. Das bedeutet, dass jeder Mensch den Begriff queer auf seine sexuelle Orientierung anwenden könne, um sich so zu inkludieren. Damit wird die Queer-Theorie immer weiterentwickelt und bleibt endlos.

Richtungen Im deutschsprachigen Raum werden innerhalb der Queer-Theorie drei verschiedene Richtungen unterschieden: die (feministisch)lesbisch-schwul queere Richtung, die lesbisch-bi-schwul-transgender queere Richtung und die plural-queere Richtung. Diese Unterscheidung spiegelt sich in der Queer-Theorie, aber auch in Initiativen und Projekten wider. Es gibt zahlreiche inhaltliche Überschneidungen zwischen den drei Varianten, zum Beispiel in Bezug auf die Kritik an Heteronormativität, Heterosexismus, die intersektionale Arbeitsweise und den Versuch, nicht-normative Lebensweisen zu etablieren. Allerdings fassen die drei Varianten den Begriff queer unterschiedlich auf.

Die (feministisch)lesbisch-schwul queere Richtung begreift queer als Synonym zu lesbisch-schwul. Queer Studies gelten in dieser Variante als Feminist Studies oder Lesbian bzw. Gay Studies. Hervorgehoben wird in dieser Richtung auch die Verbindung zum Feminismus, wobei mit „queerfeministisch“ jene feministischen Ansätze bezeichnet werden, die sich auf feministische Theorie und Queer-Theorie bzw. Queer Studies beziehen. Als Erklärung für diese Interpretation von queer wird angeführt, dass queer in der BRD zu einem Zeitpunkt diskutiert wurde, als die schwul-lesbische Identitätspolitik in der Entstehung begriffen war.

Die zweite Variante sieht queer als Synonym für schwul, lesbisch, bisexuell und transgender an. Diese Auffassung findet sich häufig in studentischen Referaten an Hochschulen und in sozialpädagogischen Projekten. Indem Bisexuelle und Transgender einbezogen werden, werden „Denk- und Lebensräume für Menschen“ eröffnet, denen der „Zutritt nicht nur in heterosexuellen, sondern auch in lesbischen oder schwulen Communities lange verwehrt blieb und heute zuweilen noch verwehrt ist“.

Der dritte, plural-queere Ansatz, welchen Butler (1995), Sedgwick (1992) und Perko (2006) vertreten, übt queere Kritik an Konzepten wie Heterosexualität, Heteronormativität, einer Begrenzung der Analysen auf Sex/Gender, an einer Beschränkung auf eindeutige Identitäten sowie einer Bildung von abgeschlossenen Gruppen sowie Identitätspolitiken. Dagegen setzt der plural-queere Ansatz Geschlechtervielfalt, Antinormativität, eine intersektionale Verknüpfung von Sex/Gender mit Bereichen wie Race, Kultur, Herkunft etc. sowie Unbestimmtheit, Unabgeschlossenheit, Nicht-Identität, Gruppen ohne kollektiven Identitätsbegriff und Pluralität.

Hauptthemen der Queer-Theorie Identitätspolitik Eine der Wurzeln moderner Queer-Theorien liegt in den AIDS-Kampagnen der 1980er Jahre. Die bis dahin von lesbischwulen Organisationen (z. B. der Gay Liberation Front) vertretene Politik von Identität erwies sich im Zuge der Ausbreitung der Krankheit als inadäquat: Nicht „der Schwule“ und „die Lesbe“ (sofern sich in Bezug auf AIDS-Kampagnen Schwule und Lesben überhaupt zusammenfassen lassen können) sind von AIDS gefährdet, sondern auch andere, marginalisierte Sexualitäten, wie z. B. MSM (Männer, die Sex mit Männern haben). Eine identitätspolitische AIDS-Aufklärungskampagne würde diese heterogenen und sich selbst oft (noch) nicht einmal als „Gruppe“ bezeichnenden Gruppen nicht erreichen.

Im Zuge des Essentialismus-Konstruktivismus-Streits der 1980er und frühen 1990er Jahre wurde der Standpunkt, Identitätspolitik als veraltet zu sehen, dadurch erweitert, dass der Konstruktivismus auch von naturwissenschaftlicher (neurologischer) Seite Unterstützung erhielt: Wenn es keine Essenz, kein Wesen von Subjekten gibt, dann gibt es auch nicht die typische Lesbe bzw. den typischen Schwulen. Diese Entwicklung innerhalb der bis dahin als homogen aufgetretenen Gruppe der Schwulen und der der Lesben (oder auch der der Homosexuellen) kann dadurch erklärt werden, dass andere Faktoren, wie ethnische Zugehörigkeit, Klasse oder Religion als identitätsverwirrend bzw. -erweiternd hinzukamen und die Menschen sich dank der neuen Situation einer freundlicheren Umgebung (mehr gesellschaftliche Toleranz, beginnende Gleichstellung vor dem Gesetz) nicht mehr in (vermeintlich) einheitlichen Gruppen zusammenfinden mussten. Die widersprüchlichen Ansichten, Weltanschauungen und Einstellungen innerhalb der Lesben- und Schwulenbewegung kamen also zum Vorschein und destabilisierten sie – ein neues Konzept wurde erforderlich.