Der Lateinunterricht ist Teil des Unterrichts vieler Schulen und Studiengänge an Hochschulen. Er wird in Deutschland meistens an Gymnasien oder seltener auch an Gesamtschulen erteilt. Latein kann dabei die erste, zweite (am häufigsten), dritte oder in Ausnahmen vierte Fremdsprache sein. Das Ziel des Unterrichts liegt vorrangig im Erwerb der Fähigkeit, lateinische Texte in die eigene Sprache zu übersetzen, nicht jedoch darin, lateinisch zu sprechen oder selbst lateinische Texte zu schreiben.

Seine pädagogische Legitimation beansprucht der Lateinunterricht als universelles Grundlagenfach für eine studienorientierte Bildungsrichtung, die über das Abitur an die Hochschule führt. Da das Latinum (höchster Nachweis lateinischer Sprachkenntnisse) als Zugangsberechtigung für manche Studiengänge in Deutschland, Österreich und der Schweiz gefordert wird, unterstützen ihn die Kultus- und Bildungsministerien.

Situation in Deutschland – Österreich – Schweiz (deutschsprachig) Deutschland Latein wird in den meisten deutschen Gymnasien ab der 6. Klasse (Typ Latein II) als Wahlpflichtfach angeboten (bzw. ab der 7. in der längeren Form (G9)). Die zweite Fremdsprache darf meistens bis zur 10. Klasse nicht abgebrochen werden. Es folgt das Angebot ab der 8. (bzw. 9.) Klasse (Typ Latein III). Einige GymnasienVgl. Liste altsprachlicher Gymnasien  – häufig mit einer alten Tradition – beginnen bereits in der 5. Klasse mit „grundständigem Latein“ (Typ Latein I mit 15 370 Schülern 2016). Der Lateinunterricht wird hier teilweise bereits parallel mit dem Englischunterricht erteilt (zum Beispiel beim „Biberacher Modell“ in Baden-Württemberg), um das zuvor bereits in der Grundschule erworbene Englisch nicht verkümmern zu lassen. Solche Klassen sind in anderen Ländern (Berlin, Mecklenburg-Vorpommern) politisch umstritten bzw. untersagt, weil in der Wahl von Latein eine Vorentscheidung für das Gymnasium bereits in der Orientierungsstufe (Klassen 5 und 6) gesehen wird. In den meisten Fällen muss Latein bis zum Ende der Sekundarstufe I, der 10. Klasse, belegt werden. In Baden-Württemberg, Hamburg, Rheinland-Pfalz, Sachsen und im Saarland wird das Latinum nach Beginn der 5. Klasse bereits Ende Klasse 9 erworben (mindestens Note 4 („ausreichend“)).SOGYA 2012, zu § 66 Anlage 4. Ab Klasse 10 findet dann anstatt Latein der Unterricht in einer weiteren, meist modernen Fremdsprache statt.

In der Oberstufe bzw. Qualifikationsstufe kann Latein weiter belegt werden, wenn genügend Schüler es wählen. Es kann Prüfungsfach des schriftlichen oder mündlichen Abiturs sein. Dazu hat die Kultusministerkonferenz (KMK) „Einheitliche Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung Latein“ vorgelegt. Für diese anspruchsvolle Prüfung mit einer längeren Übersetzung und Aufgaben zur Interpretation lateinischer Texte entscheidet sich nur eine kleine Zahl von Schülern. Manche Schulen bieten Latein nur in den letzten drei Schuljahren ab der 11. Klasse (bzw. 10.) an (Typ Latein IV), um über den Weg der Ergänzungsprüfung (siehe unten) noch die Chance zum Latinum zu geben. Je nach dem Typ I bis IV sind unterschiedliche Lehrbücher erforderlich, um altersgerecht und mit angemessener Lernprogression vorzugehen.

Latinum

In Deutschland wird die Kompetenz, lateinische Texte zu übersetzen und zu verstehen, durch das Latinum nachgewiesen. Wird es in der Schule erreicht, so erfolgt die Beurkundung auf dem Abiturzeugnis. Nach der Vereinbarung der Kultusministerkonferenz in der Neufassung von 2005KMK-Vereinbarung über das Latinum und das Graecum ist dafür mindestens vier Jahre am Lateinunterricht in aufsteigender Form teilzunehmen oder eine schriftliche und mündliche Prüfung (juristisch korrekte Bezeichnung: Ergänzungsprüfung, das heißt eine Prüfung, die das Abitur ergänzt) abzulegen. Teilweise verlangen die Länder noch längere Teilnahmezeiten, damit die Schüler das geforderte Kompetenzniveau auch tatsächlich erreichen. Das Latinum muss für einige Studienfächer an einigen Studienorten in Geisteswissenschaften vorgelegt werden, darunter für Geschichte, Theologie und einige Fremdsprachen. Die Bestimmungen sind im Einzelnen je nach Land und Universität sehr unterschiedlich. Wer das Latinum nicht in der Schule erworben hat, muss es unter Umständen an der Universität nachholen, wodurch sich die Studienzeit verlängern kann.

Der Vorstoß, in Deutschland nur noch einheitlich vom Latinum auszugehen und den Unterschied von kleinem und großem Latinum aufzuheben, ist vorerst noch nicht erfolgreich gewesen. Es gibt zurzeit in Deutschland je nach Land sogar drei Formen: das kleine Latinum, das Latinum (KMK-Latinum) und das große Latinum, deren Unterschiede in der erreichten Sprachkompetenz liegen. Für das Latinum muss ein einfacher Originaltext (zum Beispiel ein historischer Text von Cäsar) übersetzt werden, für das große Latinum ein abstrakter, zum Beispiel philosophischer Text von Cicero. Als Rechtsgrundlage gibt es dazu die genannte Vereinbarung der Kultusministerkonferenz (2005) sowie die weiteren Bestimmungen zur Umsetzung in den Bundesländern.

Alle 16 Länder kennen das Latinum, das in Berlin, Brandenburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen (s. o.) und in Thüringen als einzige Form bescheinigt wird.

In Baden-Württemberg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz und dem Saarland gibt es neben dem Latinum auch das große Latinum.

In Bayern gibt es als zweite Variante das kleine Latinum.

In weiteren vier Ländern (Bremen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein) gibt es nach wie vor alle drei Varianten.

Allerdings begnügen sich einige Studienfächer mit dem Nachweis von funktionalen Lateinkenntnissen unter dem Niveau des Latinums, die durch den Besuch von entsprechenden Kursen oder durch Schulzeugnisse nachgewiesen werden.

Die Rechtsgrundlage gilt auch für die Latinumsprüfungen, die in der Studienzeit abgelegt werden.

Unterrichtspraxis und Inhalte des Faches Das Erlernen der lateinischen Sprache, ihrer Grammatik und eines Grund- sowie Erweiterungswortschatzes nimmt in der Regel mindestens zweieinhalb Jahre in Anspruch und dauert eher noch länger. Die heutigen Lehrbücher bieten schon in der Phase des Sprachunterrichts einen tiefen Einblick in die antike Kultur. Die Unterrichtsmethodik hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. So werden die früher selbstverständlichen Übersetzungsübungen in die lateinische Sprache kaum noch durchgeführt und sind oft sogar als bildungspolitische Vorgabe untersagt.

Danach kann mit der Lektüre lateinischer Originaltexte begonnen werden, zunächst mit einer geeigneten Anfangslektüre. Übliche Werke der Lektürephase sind Caesars De bello Gallico, Ciceros Reden oder Briefe, Nepos, Plinius der Jüngere und verschiedene römische Dichter wie Catull, Martial oder Ovid. Als schwieriger gelten Ciceros philosophische und rhetorisch-theoretische Werke, Horaz, Sallust, Seneca, Livius, Tacitus oder Vergil. Außer den römischen Klassikern kommen auch spätantike (zum Beispiel Augustinus von Hippo), mittellateinische oder neulateinische Texte in Betracht. Über die Fremdsprache hinaus werden viele Kenntnisse aus der Mythologie, Geschichte, Philosophie und Literatur aus der römischen und griechischen Antike und auch aus späteren Epochen erworben.

Zu den fachdidaktischen Herausforderungen gehört die Umstellung auf Kompetenzen und Bildungsstandards, die Sicherung eines sprachlichen Grundwissens in verkürzter Zeit, die Festigung von Übersetzungsmethoden, die Integration von Schülern, die nicht Deutsch als Muttersprache haben, das veränderte Lernverhalten im Zeitalter der Neuen Medien sowie der Anteil kulturkundlicher Inhalte neben den sprachlichen im Unterricht.

Eine fachdidaktische Institutionalisierung besteht über pädagogische Fachzeitschriften (Der Altsprachliche Unterricht; Pegasus-Onlinezeitschrift;http://www.pegasus-onlinezeitschrift.de/ Forum Classicum), zurzeit vier fachdidaktische Lehrstühle (in Berlin, Göttingen, Kiel und München: Stefan Kipf, Peter Kuhlmann, Katharina Wesselmann und Markus Janka) sowie den alle zwei Jahre stattfindenden Bundeskongress, den der Deutsche Altphilologenverband (DAV) ausrichtet.

Geschichte des Lateinunterrichts im deutschen Raum Der Lateinunterricht begann im heutigen deutschen Sprachgebiet im frühen Mittelalter, als irische Mönche die Germanen missionierten und die ersten Schulen gründeten. Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit blieb Latein, das primär an KlösternFriedrich Winterhager: Lateinunterricht für Nonnen im Kloster Ebstorf um 1490 unter dem Einfluß der Bursfelder Reformbewegung. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 34, 2015, S. 79–85. unterrichtet wurde, die Sprache des Klerus und der Gebildeten, die die Sprache aktiv und passiv beherrschen mussten. So wurden in einer der Unterstufe vergleichbaren Phase die Grundbegriffe der Sprache gelehrt und die Lektüre klassischer Autoren betrieben, während in der der Oberstufe vergleichbaren Phase das Übersetzen deutscher Texte ins Lateinische im Mittelpunkt stand.

Seit Anfang des 19. Jahrhunderts herrschte das humanistische Gymnasium mit Latein und Griechisch vor. Jeder, der die Universität besuchen wollte, musste beide Sprachen gelernt haben. Konkurrenz erwuchs in der realistischen Bildung. Erst 1900 erklärte die Preußische Schulkonferenz die Gleichberechtigung von Realgymnasium und Oberrealschule. Der Lateinunterricht konnte sich aber weiter an vielen Gymnasien bis in die Zeit der „Weimarer Republik“ behaupten. Durch die nationalsozialistische Erziehung wurden die alten Sprachen zunächst stark in Frage gestellt. Die Kulturhoheit der einzelnen Länder wurde abgeschafft, das Schulwesen zentralisiert. Die Zukunft der höheren Schule und des altsprachlichen Unterrichts war bis 1938 unsicher. Schließlich wurde das (humanistische) Gymnasium (mit Latein und Griechisch) als „Sonderform“ der Oberschule (nur für Jungen) zugelassen, daneben aber Latein an der Hauptform der Oberschule (für Jungen) wieder verbindlich, und zwar als zweite Fremdsprache vom 7. Schuljahr an (nach Englisch als erster Fremdsprache).

Nach 1945 erlangten in den Westzonen die einzelnen Länder wieder ihre Kulturhoheit zurück. Im östlichen Teil, der späteren DDR, wurde das Schulwesen weiterhin zentralistisch geleitet. Während im Westen der altsprachliche Unterricht wieder auflebte und der allgemeinbildende Charakter dieser Fächer betont wurde, schränkte die DDR ihn stark ein.