Bei Post-SSRI sexual dysfunction (PSSD) (zu deut. persistierende sexuelle Funktionsstörung nach Absetzen von SSRI/SNRI) handelt es sich um eine behandlungsverursachte Art von sexueller Funktionsstörung. Sie wird durch die Einnahme von Antidepressiva ausgelöst, die zur Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer oder selektiven Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer zählen. PSSD gilt als wissenschaftlich strittige Hypothese.
Die Störung kann nach Absetzen des SSRI noch Monate bis Jahre andauern; in manchen Fällen bleibt sie permanent bestehen. Bereits eine Einnahmedauer von nur wenigen Tagen kann zu diesem Syndrom führen.M. D. Waldinger: Treatment of Premature Ejaculation. In: Waguih Ishak (Hrsg.): The Textbook of Clinical Sexual Medicine 2017, S. 283–288. M. D. Waldinger: Pharmacotherapy for premature ejaculation. In: Expert Opin Pharmacother. 2015, 16(17), S. 2615–2624. PMID 26579971C. Hogan, J. Le Noury, D. Healy, D. Mangin: One hundred and twenty cases of enduring sexual dysfunction following treatment In: The International Journal of Risk & Safety in Medicine 2014, 26(2), S. 109–116. PMID 24902508 Mittlerweile ist das mögliche Bestehenbleiben der SSRI-induzierten sexuellen Dysfunktion nach Behandlungsabbruch in der Fachinformation des SSRI FluoxetinEli Lilly and Company: Full Prescribing Information. 2014, S. 14. Abgerufen am 1. Juli 2016, im DSM-5American Psychiatric Association: Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen DSM-5. Deutsche Ausgabe herausgegeben von Peter Falkai und Hans-Ulrich Wittchen 2015, ISBN 978-3-8409-2599-3, S. 616.D. Healy, J. Le Noury, D. Mangin: Enduring sexual dysfunction after treatment with antidepressants, 5α-reductase inhibitors and isotretinoin: 300 cases. In: The International Journal of Risk & Safety in Medicine 2018. PMID 29733030 sowie von der Europäischen Arzneimittel-Agentur anerkannt.EMA/PRAC: PRAC recommendations on signals adopted at the 13-16 May 2019 PRAC meeting. 2019, abgerufen am 24. Juni 2019Die PSSD ist in manchen Fällen möglicherweise eine spezifische Unterform des SSRI-Absetzsyndroms.
Symptome Eines oder mehrere der folgenden sexuellen Symptome können bei PSSD auftreten. Sie beginnen entweder mit dem Absetzen des SSRI oder bleiben über das Absetzen hinaus bestehen. Die Symptomatik kann sich nach dem Absetzen verschlechtern.
verminderte oder nicht vorhandene Libido Impotenz oder reduzierte Vaginalbefeuchtung Schwierigkeiten, eine Erektion oder sexuelle Erregung hervorzurufen oder aufrechtzuerhalten andauernde genitale Erregungsstörung (PGAD) trotz fehlender sexueller Erregtheit schwacher, verspäteter oder fehlender Orgasmus (Anorgasmie)T. R. Saitz, E. C. Serefoglu: Advances in understanding and treating premature ejaculation. In: Nat Rev Urol. 2015, 12(11), S. 629–640. PMID 26502991 Orgasmus ist weniger oder überhaupt nicht befriedigend (ejakulatorische Anhedonie) vorzeitiger Orgasmus verminderte Empfindlichkeit des Penis, der Vagina oder der Klitoris genitale Gefühlstaubheit keine oder verminderte Reaktion auf sexuelle Reize vermindertes Sperma-Volumen Dauererektion (Priapismus) Emotionale AbstumpfungR. D. Stinson: The impact of persistent sexual side effects of selective serotonin reuptake inhibitors after discontinuing treatment: a qualitative study 2013, S. 1–153, insbesondere 105 ff. & 139, University of Iowa.Emotional blunting associated with SSRI-induced sexual dysfunction. Do SSRIs inhibit emotional responses? In: Int J Neuropsychopharmacol. 2002 Dec, 5(4), S. 415–416, author reply 417, Department of Psychiatry, University of Arizona Health Sciences Center, USA.
Ein häufiges PSSD-Symptom ist genitale Taubheit bzw. eine geringere genitale Sensitivität.M. D. Waldinger: Psychiatric disorders and sexual dysfunction. In: David B. Vodušek, François Boller (Hrsg.): Handbook of Clinical Neurology 2015, 130, S. 480–481. PMID 26003261J. Ben-Sheetrit, D. Aizenberg, A.B. Csoka, A. Weizman, H. Hermesh: Post-SSRI Sexual Dysfunction: Clinical Characterization and Preliminary Assessment of Contributory Factors and Dose-Response Relationship. In: J Clin Psychopharmacol. 2015, 35(3), S. 273–278. PMID 25815755
Häufigkeit In der Mehrheit der Fälle kommt es nicht zu PSSD, das heißt, die SSRI-induzierte sexuelle Funktionsstörung verschwindet nach dem Absetzen. Über die Häufigkeit von PSSD besteht jedoch Unklarheit. In der Wissenschaft werden epidemiologische Studien gefordert.R. P. Kauffman: Persistent Sexual Side Effects after Discontinuation of Psychotropic Medications. In: Primary Psychiatry. 2008, 15, S. 24.K. D. Farnsworth, W. W. Dinsmore: In: Int J STD AIDS. 2009, 20, S. 68–69. PMID 19103903
Anfängliches Unterschätzen der Häufigkeit sexueller Nebenwirkungen während der Einnahme Es ist bekannt, dass SSRI zahlreiche sexuelle Funktionsstörungen während der Einnahme bewirken können. Frühe Studien kamen zum Schluss, weniger als 10 % der Patienten litten unter solchen Nebenwirkungen. Weil diese Studien aber nur unaufgeforderte Meldungen berücksichtigten, unterschätzten sie die Häufigkeit sexueller Beeinträchtigungen. In neueren Studien erkundigten sich die Ärzte gezielt nach aufgetauchten sexuellen Problemen; einige gelangten so zu einer Betroffenenquote von bis zu 60 %.J. Zajecka, S. Mitchell, J. Fawcett: Treatment-emergent changes in sexual function with selective serotonin reuptake inhibitors as measured with the rush sexual inventory. In: Psychopharmacol Bull. 1997, 33, S. 755–760. PMID 9493488. Eine große Studie, die zwischen verschiedenen SSRIs differenzierte, ergab bei den SSRIs Citalopram und Paroxetin eine Inzidenz von über 70 %, sowie 67,3 % bei dem SNRI Venlafaxin.A. L. Montejo, G. Llorca, J. A. Izquierdo, F. Rico-Villademoros: Incidence of sexual dysfunction associated with antidepressant agents: a prospective multicenter study of 1022 outpatients. Spanish Working Group for the Study of Psychotropic-Related Sexual Dysfunction. In: J Clin Psychiatry. 2001, 62 Suppl 3, S. 10–21. PMID 11229449. Vergleicht man Studien, die nur auf Spontanmeldungen basieren, mit solchen, welche auf eine systematische Befragung abstellen, resultiert ein Unterschied von bis zu 60 % was die festgestellte Häufigkeit sexueller Nebenwirkungen betrifft.R. Balon; SSRI-associated sexual dysfunction. In: Am J Psychiatry. 2006, 163, S. 1504–1509. PMID 16946173. Folglich werden SSRIs wie Dapoxetin auch für die Behandlung der vorzeitigen Ejakulation eingesetzt. Die Wirkung der verzögerten Ejakulation tritt bei 70–80 % der Männer ein und geht einer Fluoxetin-Studie zufolge mit einer Erhöhung der penilen Empfindungsschwelle einher. Die Autoren der Studie schlussfolgerten, dass dieser Effekt wahrscheinlich ursächlich für die verzögerte Ejakulation ist.U. Yilmaz, A. Tatlişen, H. Turan, F. Arman, O. Ekmekçioğlu: The effects of fluoxetine on several neurophysiological variables in patients with premature ejaculation. In: J Urol. 1999, 161(1), S. 107–111. PMID 10037380 Eine verringerte genitale Sensitivität bzw. genitale Taubheit wird von Bahrick als eine charakteristische Nebenwirkung von SSRIs während der Einnahme vermutet, obwohl neben der oben erwähnten Studie zur penilen Empfindungsschwelle nur wenige Studien diese Nebenwirkung bislang erwähnen. Dabei kommen die von Bahrick erwähnten Studien zu dem Ergebnis, dass SSRIs diese Nebenwirkung während der Behandlungszeit tatsächlich verursachen können; schon innerhalb der ersten Tage. Bahrick führt als einen möglichen Grund für das seltene Erfassen an, dass die primären Instrumente zur Beurteilung von Psychopharmaka-induzierter sexueller Funktionsstörung, der CSFQ (The Changes in Sexual Functioning Questionnaire) und der ASEX (Arizona Sexual Experiences Scale), Fragen zur Veränderung der genitalen Sensitivität nicht beinhalten. Selbst dann, wenn die genitale Sensitivität miteinbezogen wurde, ist vom Symptom nicht transparent berichtet worden.A. S. Bahrick: Persistence of Sexual Dysfunction Side Effects after Discontinuation of Antidepressant Medications: Emerging Evidence In: The Open Psychology Journal 2008, 1, S. 42–50.
Studien-Daten Das niederländische Pharmakovigilanz-Zentrum LAREB schreibt Folgendes:
PSSD gilt bis heute als wissenschaftlich noch nicht bewiesene Hypothese. Dennoch gibt es Hinweise, dass dieses Phänomen existieren könnte, es aber weniger häufig vorzukommen scheint als die verbreiteten sexuellen Funktionsstörungen während der Einnahme von SSRI. Jedenfalls ist PSSD weniger bekannt und schlechter erforscht. Augenscheinlich verschwinden die sexuellen Probleme in der Mehrheit der Fälle mit Absetzen des SSRI; einige Patienten erholen sich aber nicht und leiden fortan an PSSD. In einer Studie wurden die von SSRI-verursachten Sexualstörungen betroffenen Patienten auf Amineptin, ein dopaminwirksames trizyklisches Antidepressivum, gesetzt und die Einnahme des SSRI wurde gestoppt: 55 % von ihnen litten auch noch sechs Monate später unter sexuellen Problemen. In der Kontrollgruppe, die ausschließlich Amineptin einnahm, lagen nur bei 4 % Störungen der Sexualfunktion vor:A. L. Montejo, G. Llorca, J. A. Izquierdo, J. L. Carrasco, E. Daniel, Perez-V Sola, E. Vicens, M. Bousono, Sanchez-S Iglesias, M. Franco, A. Cabezudo, V. Rubio, M. A. Ortega, M. Puigdellivol, J. R. Domenech, B. Allue, C. Saez, B. Mezquita, I. Galvez, L. Pacheco, E. de Miguel: Sexual dysfunction with antidepressive agents. Effect of the change to amineptine in patients with sexual dysfunction secondary to SSRI. In: Actas Esp Psiquiatr. 1999, 27, S. 23–34. PMID 10380144. Aktuelle placebo-kontrollierte Doppelblindstudien, welche die Tauglichkeit von SSRI zur Behandlung vorzeitiger Ejakulation analysierten, hielten fest, dass die ejakulationsverzögernde Wirkung von SSRI bei einem hohen Prozentsatz der Versuchspatienten wohl nach Absetzen des SSRI lange fortbestehen kann.M. R. Safarinejad, S. Y. Hosseini: Safety and efficacy of citalopram in the treatment of premature ejaculation: a double-blind placebo-controlled, fixed dose, randomized study. In: Int J Impot Res. 2006, 18, S. 164–169. PMID 16107866.M. Arafa, R. Shamloul: Efficacy of sertraline hydrochloride in treatment of premature ejaculation: a placebo-controlled study using a validated questionnaire. In: Int J Impot Res. 2006, 18, S. 534–538. PMID 16554853.M. R. Safarinejad: Safety and efficacy of escitalopram in the treatment of premature ejaculation: a double-blind, placebo-controlled, fixed-dose, randomized study. In: J Clin Psychopharmacol. 2007, 27, S. 444–450. PMID 17873675
Etwas sollte im Zusammenhang mit Studien noch beachtet werden: Klinische Studien decken nur selten bleibende Nebenwirkungen auf. Dies könnte daran liegen, dass solche Untersuchungen normalerweise bereits während der Behandlung beendet werden, was die Gefahr von Verzerrungen in sich birgt. Laut Eli Lilly and Company gibt es keine adäquaten und gut-kontrollierten Studien zur Untersuchung der sexuellen Dysfunktion bei der Behandlung mit dem SSRI Fluoxetin.
Fallberichte Publizierte Fälle