Die Friedrich-Ebert-Stiftung e. V. (FES) ist die älteste sogenannte parteinahe Stiftung in Deutschland und steht der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) nahe. Die Friedrich-Ebert-Stiftung war 2022 gemäß Bundesverband Deutscher Stiftungen mit 202,9 Millionen Euro Gesamtausgaben die zweitgrößte aller deutschen parteinahen Stiftungen. Sie ist wie die meisten anderen politischen Stiftungen weder rechtlich noch wirtschaftlich eine Stiftung, sondern ein eingetragener Verein. Ihr Sitz ist in Bonn und Berlin. 2024 gab es bundesweit 18 Regional- oder Landesbüros und weltweit 104 Büros.
Geschichte thumb|Logo der Stiftung bis November 2024 mini|Friedrich Ebert (1925)
Die nach dem sozialdemokratischen deutschen Reichspräsidenten Friedrich Ebert (1871–1925) benannte und von ihm selbst in seinem Testament angeregte Stiftung wurde wenige Tage nach seinem Tod am 2. März 1925 gegründet. Der SPD-Vorstand beauftragte den Parteikassierer Konrad Ludwig mit dem Aufbau der Stiftung. Ihr Startkapital kam durch Spenden von Trauergästen zusammen. Der Parteivorstand hatte „an alle Organisationen die Bitte [gerichtet], von Kranz- und Blumenspenden abzusehen und ebenso an die auswärtigen Organisationen die Bitte, von der Entsendung von Deputationen zur Leichenfeier Abstand zu nehmen und dafür die für diesen Zweck entfallenden Geldbeträge der Friedrich-Ebert-Stiftung zuzuführen“.
Hauptaufgabe sollte es sein, der Bildungsbenachteiligung der Arbeiter entgegenzuwirken: „Die Friedrich-Ebert-Stiftung verfolgt den Zweck, jungen, befähigten Proletariern Beihilfen für einen Studiengang an staatlich anerkannten Instituten zu geben. Es werden grundsätzlich nur solche Personen unterstützt, die eine Empfehlung der Parteiorganisation beibringen“ (SPD-Jahrbuch 1926). Die FES förderte bis Ende 1931 insgesamt 295 Studierende mit rund 52.000 Reichsmark. Ende 1931 waren die Gelder der Stiftung durch die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise völlig erschöpft. Das NS-Regime verbot kurz nach der Machtübernahme (30. Januar 1933) die SPD, die FES und alle anderen Einrichtungen der Partei.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die FES auf Initiative des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) wiedergegründet. Der SDS-Gründungskongress im September 1946 beschloss einen entsprechenden Appell an die SPD-Führung. Ab 1948 zahlte man aufgrund einer Absprache zwischen SDS- und SPD-Vorstand die ersten Stipendien an ausgewählte SDS-Funktionäre, darunter auch an Helmut Schmidt.Uwe Rohwedder: Helmut Schmidt und der SDS. Die Anfänge des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes nach dem Zweiten Weltkrieg (= Schriften der Helmut und Loki Schmidt-Stiftung, Bd. 2), Edition Temmen Bremen 2007, ISBN 978-3-86108-880-6.
Am 1. April 1954 erfolgte die Umwandlung in einen gemeinnützigen Verein „zur Förderung demokratischer Volkserziehung“. Seit dieser Zeit finanzierte sich die FES zunehmend aus Steuergeldern, die insbesondere in die Studienförderung flossen.
Seit den 1960er Jahren engagiert sich die FES zudem verstärkt auf dem Gebiet der Entwicklungshilfe. Dabei unterstützte sie Demokratisierungs- und Befreiungsbewegungen wie den African National Congress und spielte eine wichtige Rolle bei der Überwindung der diktatorischen Regime in Griechenland, Spanien und Portugal.Antonio Muñoz Sánchez, Hans Arpel, Dieter Koniecki (Hrsg.): Von der Franco-Diktatur zur Demokratie. Die Tätigkeit der Friedrich-Ebert-Stiftung in Spanien. Aus dem Spanischen von Friedrich Welsch, Verlag J.H.W. Dietz Nachf. Bonn 2013, ISBN 978-3-8012-0447-1.Peter Birle / Antonio Muñoz Sánchez: Partnerschaft für die Demokratie. Die Arbeit der Friedrich-Ebert-Stiftung in Brasilien und Portugal, Verlag J.H.W. Dietz Nachf. Bonn 2020, ISBN 978-3-8012-0533-1. Die Sozialistische Partei Portugals wurde 1973, ein Jahr vor der Nelkenrevolution, in einer Heimvolksschule der FES in Bad Münstereifel gegründet.
Die FES hatte als älteste parteinahe Stiftung einen Modellcharakter für die anderen, erst nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten politischen Stiftungen.Patrik von zur Mühlen: Die internationale Arbeit der Friedrich-Ebert-Stiftung. Von den Anfängen bis zum Ende des Ost-West-Konflikts. Bd. 1. Geschichte der internationalen Arbeit der Friedrich-Ebert-Stiftung. Dietz, Bonn 2007, S. 7.
Die FES in Zahlen (Ende 2022) mini|Hauptsitz der Friedrich-Ebert-Stiftung an der Godesberger Allee in Bonn mini|Zentrale der Friedrich-Ebert-Stiftung in der Hiroshimastraße in Berlin
Die FES veranstaltete im Jahr 2022 insgesamt 2.314 Bildungsveranstaltungen, Diskussionsforen, Fachtagungen und Ausstellungen, Präsenz und online, mit rund 125.252 Teilnehmenden in Deutschland. Bei der Stiftung sind derzeit (2022) an 18 Standorten in Deutschland und in 104 Auslandsbüros 1.571 Mitarbeitende beschäftigt. Die inländischen Standorte bestehen aus den beiden Niederlassungen in Bonn und Berlin, den 15 Regionalbüros (Dresden, Erfurt, Hamburg, Hannover, Leipzig, Magdeburg, Mainz, München, Regensburg, Stuttgart, Potsdam, Regensburg, Schwerin, Wiesbaden) sowie der Akademie für Soziale Demokratie in Bonn. Außerdem wird in Trier das Museum Karl-Marx-Haus betrieben.
Die FES hatte Ende 2022 eine Bilanzsumme von ca. 145 Mio. Euro, davon wurden die Immobilien und Grundstücke mit 68 Mio. Euro bewertet und die Kassenbestände beliefen sich auf ca. 19,5 Mio. Euro.
Die Stiftung verzeichnete 2022 Einnahmen in Höhe von ca. 208 Mio. Euro, davon stammte der überwiegende Teil (ca. 198 Mio. Euro; entspricht ca. 95 %) aus Steuergeldern, vor allem aus Bundes- und Landeshaushalten. Lediglich 0,19 % der Einnahmen stammen aus Teilnahmegebühren. Der größte Ausgabenblock ist die Internationale Zusammenarbeit mit 127 Mio. Euro (ca. 61 % der Einnahmen) und die Stipendien für Studierende (ca. 27 Mio. Euro; ca. 13 % der Einnahmen).
Aktivitäten Ziele Die FES orientiert sich nach wie vor an den von Friedrich Ebert vorgegebenen Aufgaben, die politische und gesellschaftliche Bildung von Menschen aus allen Lebensbereichen im Geiste von Demokratie und Pluralismus zu fördern, begabten jungen Menschen unabhängig von den materiellen Möglichkeiten der Eltern durch Stipendien den Zugang zum Hochschulstudium zu ermöglichen, zur internationalen Verständigung und Zusammenarbeit beizutragen.
Die FES nennt als ihre strategischen Ziele:Website der Friedrich-Ebert-Stiftung, Abschnitt „Über die FES“. Wirtschaftsordnung und Sozialordnung gerecht gestalten Politische Teilhabe und gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken Die Erneuerung der Sozialen Demokratie fördern Den Dialog zwischen Gewerkschaften und Politik vertiefen Die Globalisierung sozial gestalten
Studienförderung Die Abteilung Studienförderung betreute (Stand: 27. Februar 2018) über 21.000 Stipendiaten.Das FES-Ehemaligen-Netzwerk Friedrich-Ebert-Stiftung, abgerufen am 27. Februar 2018. Wichtigstes Kriterium für die Aufnahme ist neben der Qualifikation bzw. überdurchschnittlichen Studienleistungen ein überdurchschnittliches gesellschaftspolitisches Engagement. Über 90 % der Geförderten beenden ihr Studium mit einem Prädikatsexamen. 2010 waren etwa 2500 Studenten in der Förderung. Die Stipendiaten erhalten neben der materiellen auch eine sogenannte ideelle Förderung (d. h. Teilnahme an gesellschaftspolitischen Seminaren, Konferenzen und anderen Veranstaltungen, die unter anderem der Berufsqualifizierung dienen). Die FES unterhielt bis 2009 ein eigenes Tagungshaus auf dem Bonner Venusberg für diese stipendiatischen Veranstaltungen. Aufgrund der emotionalen Bindung vieler aktueller und ehemaliger Stipendiaten war die Schließung innerhalb der FES nicht unstrittig. Zudem wurde eine Petition gegen die Schließung eingerichtet. Das Tagungshaus wurde dennoch geschlossen.
Einmal jährlich wählen die Stipendiaten auf der bundesweiten Bundesvertretungskonferenz (BVK) ihre Bundesvertretung (BVS), die sich im darauffolgenden Jahr für die Belange der Geförderten und den Dialog mit der Stiftung einsetzt. Die Stipendiaten vernetzen sich untereinander und mit Ehemaligen auf der Plattform fes-social.de. Für die Dauer ihrer Förderung betreut ein Referent die Stipendiaten; diese gehören am jeweiligen Hochschulort auch einer Hochschulgruppe (HSG) an.
Seit 1971 unterstützt ein Solidaritätsfonds der FES zusätzlich bedürftige ausländische Studenten, wobei aus politischen, ethnischen oder religiösen Gründen verfolgte Menschen Vorrang haben. Der Fonds finanziert sich ausschließlich aus Spenden von ehemaligen und aktuellen Stipendiaten. Die Spenden kamen bisher über 1000 ausländischen Studenten zugute – aktuell erhalten 31 Studenten ein Stipendium des Solidaritätsfonds. Jedes Jahr wählen die Stipendiaten auf der BVK zwei stipendiatische Vertreter des Fonds in dessen Lenkungsausschuss.
Internationale Arbeit Die FES setzt sich in ihrer internationalen Entwicklungszusammenarbeit in über 100 Ländern für die Förderung von Demokratie und sozialer Gerechtigkeit, für starke und freie Gewerkschaften sowie für Menschenrechte und Geschlechtergerechtigkeit ein. Zu den Partnern der FES zählen traditionell Parteien und Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen, wissenschaftliche und politische Beratungseinrichtungen, aber auch Regierungsinstitutionen (wie Parlamente und Ministerien) oder Organisationen der UNO. Dieses weltweite Netzwerk dient auch als Forum für Erfahrungstransfer und Politikberatung und macht die FES (ähnlich wie andere parteinahe Stiftungen) zu einer „internationalen Organisation“ mit Kontakten in der ganzen Welt und zu zahlreichen gesellschaftlichen Sektoren.
Die internationale Arbeit wird von Deutschland aus durch zwei Abteilungen organisiert: Internationale Entwicklungszusammenarbeit Diese Abteilung ist in 72 Ländern mit 64 Büros in Afrika, Lateinamerika, Asien, dem Nahen Osten und an den UN-Standorten in New York und Genf vertreten. Neben regional- und landesspezifischen Projekten bearbeitet sie auf Konferenzen und in Studien kontinentübergreifende internationale Fragen wie der internationalen Parteiförderung, der globalen Gewerkschaftskooperation, der veränderten geopolitischen Rolle großer Länder in der Globalisierung und der Zukunft der deutschen Außenbeziehungen. Internationaler Dialog Diese Abteilung ist in 36 Ländern mit 41 Büros vertreten, die von den beiden Referaten Westliche Industrieländer und Mittel- und Osteuropa in Berlin betreut werden. Durch dieses Netzwerk möchte die FES einen europäischen Dialog kreieren, Gestaltungsoptionen für ein wirtschaftlich nachhaltiges und soziales Europa aufzeigen, und zu einem gemeinsamen Konsens in diesem europäischen Diskurs finden. Zusätzlich werden aktuelle außen- und sicherheitspolitische Themen behandelt, mit dem Ziel, die europäische Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik zu stärken sowie einen europäischen Dialog zu energie- und klimapolitischen Herausforderungen zu stimulieren. Das Referat Mittel- und Osteuropa fördert auf dem Balkan, im Kaukasus und in Zentralasien die Kooperation mit der Europäischen Union. Zusätzlich unterstützt es den Wandel der ehemals plansozialistisch gebauten Länder in der Region durch die Arbeitsbereiche Wahlen und Parlamente, Wirtschafts- und Sozialpolitik, Arbeitsbeziehungen und Sozialer Dialog, Bildungs- und Medienpolitik, Kommunalpolitik und Regionalentwicklung, Minderheitenschutz, Außen- und Sicherheitspolitik sowie Herausforderungen der Globalisierung.