mini|Das jüdische Gemeindehaus in der Steinstraße. In seinem Innenhof befindet sich seit Dezember 2006 die neue Braunschweiger Synagoge. Die Geschichte der Juden in Braunschweig begann im Jahre 1282.Hans-Heinrich Ebeling in: Camerer, Garzmann, Schuegraf, Pingel (Hrsg.): Braunschweiger Stadtlexikon, Braunschweig 1992, S. 118 Nach der Vertreibung 1546 bildete sich erst im 18. Jahrhundert wieder eine jüdische Gemeinde in der Stadt. Aus dieser gingen in der Zeit bis 1933 unter anderem bedeutende Gelehrte und Unternehmer hervor. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden mindestens 196 Braunschweiger Juden Opfer des Holocaust.Hans-Ulrich Ludewig: Das Land Braunschweig im Dritten Reich (1933–1945). In Horst-Rüdiger Jarck, Gerhard Schildt (Hrsg.): Braunschweigische Landesgeschichte. Jahrtausendrückblick einer Region. Appelhans Verlag, Braunschweig 2000, ISBN 3-930292-28-9. S. 1004–1007. Die neue Jüdische Gemeinde entstand 1946 und zählte 2020 265 Mitglieder.Jüdische Gemeinde Braunschweig K.d.ö.R. auf .zentralratderjuden.de.

Geschichte Mittelalter Die Braunschweiger Neustadt (gelb dargestellt) um 1400. Die „Jodenstrate“ befindet sich am unteren rechten Bildrand. Der erste Jude in der Stadt Braunschweig ist für das Jahr 1282 urkundlich nachgewiesen. Ab 1296 standen Juden unter dem Schutz Herzog Albrechts, wofür sie Schutzgelder entrichteten. Im Jahr 1320 sind 22 hauszinszahlende jüdische Familien, eine jüdische Schule und ein Fleischscharren in der Jodhen strate, der heutigen Jöddenstraße, im Weichbild Neustadt, neben dem Neustadtrathaus urkundlich genannt. Die Herkunft dieser Familien lässt sich aus den Namen erschließen: Helmstedt, Magdeburg, Goslar, Hildesheim, Prenzlau, Stendal und Meißen. Jede Familie zahlte dem Rat der Neustadt einen Zins für die überlassenen Wohnungen. Am 15. Mai 1345 gewährte Herzog Magnus dem Juden Jordan von Helmstedt und dessen Erben befriedeten Aufenthalt in der Stadt und setzte ihre zu Michaelis und Ostern fälligen Zinszahlungen fest. In einer Urkunde vom 6. Dezember 1346 nahm der Herzog die Juden unter seinen Schutz. Die gerichtliche Zuständigkeit wurde am 23. März 1349 geregelt. Neben den Schutzgeldern an den Herzog oder die Stadt hatten die Juden als „des Kaisers und des Reiches Kammerknechte“ auch an den Kaiser Zahlungen in Form des „goldenen Opferpfennigs“ oder „Kronengeldes“ (aurum coronarium) zu entrichten. Die Erhebung dieser Gelder übertrug König Ruprecht 1403 an die Braunschweiger Herzöge.Hermann Dürre: Geschichte der Stadt Braunschweig im Mittelalter, Braunschweig 1861, S. 639

Die Juden siedelten hauptsächlich im nördlichen Teil der Altstadt und in der Neustadt in der Nähe der Märkte, wobei ihre Wohnquartiere durch Tore von der umliegenden Stadt abgetrennt waren. Ihre Haupterwerbsquelle waren Geldverleih und Pfandgeschäfte, da einerseits die christlichen Kaufleute dem Zinsverbot unterworfen waren und andererseits die christlichen Zünfte keine Juden zuließen. Beispiel für eine überregional tätige Unternehmerpersönlichkeit ist der aus Halle stammende und seit den 1450er Jahren in Braunschweig tätige Israhel von Halle († um 1480).Horst-Rüdiger Jarck (Hrsg.): Braunschweigisches Biographisches Lexikon 8. bis 18. Jahrhundert, Braunschweig 2006, S. 371–72 Er verlieh Geld an Erzbischöfe, Adlige und Städte und stand in Prozessangelegenheiten unter dem Schutz des Braunschweiger Rates.

Antijudaismus im Mittelalter Im Zuge der großen Pest von 1350 kam es in Braunschweig zu Pogromen gegen Juden als vermeintlichen „Brunnenvergiftern“. Die Ausschreitungen forderten etwa 100 Opfer, wodurch die Zahl der jüdischen Bevölkerung auf 50 Personen sank.Hans-Jürgen Derda: Zion – ein Blick auf die jüdische Geschichte in: Braunschweigisches Landesmuseum, Informationen und Berichte 1/2000, Braunschweig 2001, S. 12 Seit 1435 war das Tragen einer besonderen Judentracht vorgeschrieben. Weitere Anfeindungen fanden ihren Ausdruck in Anschuldigungen des Jahres 1437 wegen eines vermeintlichen Ritualmords, worauf es zur Verbrennung zweier Juden kam. Im Jahre 1510 wurde die jüdische Bevölkerung Braunschweigs aufgrund des Vorwurfs der Hostienschändung in Haft genommen. Ihnen wurde die Beteiligung an einem angeblichen Vergehen märkischer Juden vorgeworfen. Während diese nach einem Prozess in Berlin Opfer einer Massenverbrennung wurden, ließ man die Braunschweiger Juden frei und vertrieb sie kurz darauf.

Vertreibung 1546 In der seit 1528 lutherischen Stadt waren mehrere Gilden seit 1530 bestrebt, die Juden auszuweisen.Reinhard Bein: Zeitzeugen aus Stein Band 2 – Braunschweig und seine Juden, Braunschweig 1996, S. 11 Nach judenfeindlichen Übergriffen 1543 und 1545 ordnete der Rat der Stadt Braunschweig im Jahr 1546 im Zuge der Reformation eine religiös motivierte Vertreibung der Juden an, teils unter Berufung auf Luthers Judenschriften. Nach der protestantischen Stadt erließ 1557 auch der katholische Landesherr Herzog Heinrich der Jüngere eine Ausweisungsverordnung für das umgebende Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel, nachdem sein welfischer Vetter Erich II. bereits 1553 die Juden aus dem von ihm regierten Fürstentum Calenberg vertrieben hatte. Aus wirtschaftlichen Gründen erteilte jedoch der lutherische Herzog Julius († 1589), der Sohn Heinrichs des Jüngeren, den Juden im Sommer 1578 Geleit. Daraufhin siedelten diese sich vor den Toren der dagegen protestierenden Stadt im Dorf Melverode an. Im Zuge einer landesherrlichen „Peuplierungspolitik“ ließ der Herzog für die kapitalkräftigen Neubürger zwölf Doppelhäuser für ungefähr 100 Personen errichten.Monika Richarz, Reinhard Rürup: Jüdisches Leben auf dem Lande: Studien zur Deutsch-jüdischen Geschichte, Tübingen 1997, S. 31 Südwestlich von Melverode entstand 1584 der erste nachweisbare jüdische Friedhof Braunschweigs. Julius’ Nachfolger Herzog Heinrich Julius († 1613) hob die Rechte wieder auf und verwies die Juden am 6. Januar 1590 erneut.

Vereinzelte Juden, die sich bis zum Ende des 17. Jahrhunderts in Stadt und Land Braunschweig aufhielten, besaßen keinen Rechtsschutz. Dieser wurde ihnen lediglich während der zweimal jährlich stattfindenden Braunschweiger Messen gewährt. Eine bekannte Besucherin dieser Messen war die durch ihre Autobiografie bekannt gewordene jüdische Kauffrau Glückel von Hameln.

Neugründung der jüdischen Gemeinde 1707 Der aus Halberstadt stammende Alexander David (1687–1765) kam 1707 nach Braunschweig, wo er als Kammeragent unter dem Schutz Herzog Anton Ulrichs († 1714) und dessen Nachfolger August Wilhelm († 1731) stand. Um den herzoglichen Bankier und privilegierten Hofjuden entstand die neuere jüdische Gemeinde. In seinem Wohn- und Geschäftshaus am Kohlmarkt 16 besaß David einen Betraum, den er sich auf Fürsprache des Pastors von St. Martini vom Rat genehmigen ließ. David erwarb das benachbarte Haus Kohlmarkt 12 zur späteren Einrichtung einer Synagoge, die zu seinen Lebzeiten vom Rat nicht genehmigt wurde. Bei seinem Tod besaß die 30 Familien zählende jüdische Gemeinde weder eine Synagoge noch einen eigenen Friedhof. David wurde in seinem Geburtsort Halberstadt beerdigt, wo damals eine der größten jüdischen Gemeinden Europas bestand.Reinhard Bein: Ewiges Haus – Jüdische Friedhöfe in Stadt und Land Braunschweig, Braunschweig 2004, S. 32 Sein Nachfolger als herzoglicher Kammeragent wurde 1782 der aus Wolfenbüttel stammende Bankier Herz Samson (1738–1794), dessen Großvater Marcus Gumpel Moses Fulda (1660–1733) die dortige jüdische Gemeinde neu gegründet hatte. Herz Samson unterstützte durch sein finanzielles Geschick Herzog Karl Wilhelm Ferdinand († 1806) bei der Abwendung des drohenden Staatsbankrotts. Dieser von der Aufklärung beeinflusste Herrscher, der unter anderem mit dem jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn bekannt war, hob in seinem Herzogtum veraltete diskriminierende Bestimmungen wie den Judeneid oder den Leibzoll auf, wobei jedoch noch keine volle Gleichberechtigung hergestellt wurde. Während seiner Herrschaft konnte die jüdische Gemeinde eine Synagoge im Hof des Hauses Kohlmarkt 12 einrichten. Im Jahre 1797 wurde der Rat durch Herzog Karl Wilhelm Ferdinand zu der Zustimmung zur Einrichtung eines jüdischen Friedhofs in der Stadt gedrängt.

Jüdische Emanzipation im Königreich Westphalen Während der napoleonischen Besatzung zwischen 1807 und 1813 war das ehemalige Herzogtums Braunschweig-Lüneburg als „Département Oker“ Teil des neu entstandenen Königreiches Westphalen. Dieses wurde von König Jérôme Bonaparte, einem Bruder Napoleon Bonapartes, regiert. Juden besaßen in diesem Königreich das volle Bürgerrecht. Jérôme Bonaparte bestimmte am 27. Januar 1808 in einem Dekret, dass „… unsere Untertanen, welche der Mosaischen Religion zugetan sind, […] in unseren Staaten dieselben Rechte und Freiheiten genießen [sollen] wie Unsere übrigen Untertanen.“

Bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung der jüdischen Gemeinden in Stadt und Land Braunschweig hatte zu dieser Zeit der aus Halberstadt stammende Bankkaufmann Israel Jacobson (1768–1828), der Schwiegersohn des herzoglichen Kammeragenten Herz Samson. Der Vertreter eines liberalen Judentums gründete ein Handelshaus in Braunschweig, dessen Bürgerrecht er 1804 erhielt, und war für den Braunschweiger sowie mehrere andere deutsche Höfe tätig. 1801 eröffnete er mit herzoglicher Genehmigung in Seesen eine jüdische Reformschule, die ab 1805 einen überkonfessionellen Status besaß. Von 1807 bis 1813 war er Lieferant der napoleonischen Armee und Finanzberater König Jérômes, dem er hohe Staatsanleihen gewährte. In Kassel, Regierungssitz des Königreichs Westphalen, wirkte Jacobson als Präsident des Konsistoriums der Israeliten. Er setzte einerseits die rechtliche Gleichstellung der Juden im Königreich Westphalen durch und stand andererseits an der Spitze einer innerjüdischen Reformbewegung.

Jacobsons Ziel war die Reform des jüdischen Gottesdienstes und Gemeindelebens. In Anlehnung an den protestantischen Gottesdienst sollte dieser musikalisch von einer Orgel begleitet und die Predigt in deutscher Sprache gehalten werden. Es sollte eine Konfirmation nach protestantischem Vorbild eingeführt werden. Gegen den Widerstand aus konservativen jüdischen Kreisen weihte er 1810 in Seesen eine Reformsynagoge ein, in der er als Landesrabbiner in der Amtstracht eines protestantischen Geistlichen die erste Predigt hielt. Nach dem Sturz Napoleons ging Jacobson nach Berlin, wo er weiter als Reformer wirkte. Auf Jacobsons Vorschlag war 1809 der wiederum aus Halberstadt stammende Samuel Levi Egers (1769–1842) als Rabbiner nach Braunschweig berufen worden. Er predigte in deutscher Sprache, war den Reformbewegungen gegenüber jedoch kritisch eingestellt. Von 1827 bis 1842 war Egers Landesrabbiner für die Gemeinden des Herzogtums Braunschweig.

Jüdische Assimilation im Herzogtum Braunschweig