Die Entwicklung der Landwirtschaft in der DDR begann schon mit der Errichtung der SBZ 1945 und endete mit der DDR 1990. Die Landwirtschaftspolitik der DDR (ab 1949) lässt sich in drei Entwicklungsphasen einteilen. Ab 1945 wurden in der Bodenreform etwa 40 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche entschädigungslos enteignet und neu verteilt. Ab 1952 begann in einer zweiten Phase die Kollektivierung mit der gleichzeitigen Abschaffung inhabergeführter landwirtschaftlicher Betriebe. Schon in den 1960er Jahren begann eine dritte Phase der Spezialisierung und „Industrialisierung“, in der die DDR-Führung erfolglos versuchte, mit den durch die Zwangskollektivierung entstandenen Strukturen ökonomisch gegenüber dem kapitalistischen Ausland die Überlegenheit des Sozialismus zu demonstrieren. Daneben vollzogen sich über 40 Jahre der technische Wandel und die soziale Veränderung der Agrarbevölkerung. mini|hochkant=1.3|Im Zuge der Kollektivierung entstanden auf dem Gebiet der DDR (hier in Brandenburg) sehr viel größere Schläge als auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland

Phasen der Landwirtschaftspolitik Enteignungen und Schaffung von Neubauernstellen ab 1945

Vorplanungen mini|Neubäuerin Marie Plescher aus Althaldensleben b. Magdeburg, 1951 Nach der Casablanca-Konferenz konstituierte sich in Moskau ab dem 6. Februar 1944 eine zwanzigköpfige „Arbeitskommission des Zentralkomitees (ZK) der KPD“, in der Mitglieder des Nationalkomitee Freies Deutschland in enger Absprache mit sowjetischen Stellen das „Aktionsprogramm des Blocks der kämpferischen Demokratie“ verfassten. Als Ziele für die weitere Entwicklung der Landwirtschaft und den ländlichen Raum wurden die Tilgung des nationalsozialistischen Erbes, die Sicherung der Ernährung sowie die Schaffung eines engen Bündnisses zwischen der Arbeiterschaft und den „werktätigen“ Bauern festgelegt. In dem Aktionsprogramm wurde eine Landreform gefordert, ohne auf die speziellen Rahmenbedingungen einzugehen. Die KPD-Führung entstammte weit überwiegend einem städtischen Umfeld und war aufgrund ihrer Herkunft kaum in der Lage, präzisere Planungen für die Landwirtschaft zu erarbeiten, sie beschränkte sich deshalb darauf, marxistische Theorien anzuwenden. Die ersten konkreten Planungen blieben bei der Absicht, Kleinbauern als „natürliche Verbündete“ und Gutsbesitzer als unerwünscht zu betrachten; mittlere Betriebe sollten „neutralisiert“ werden. Noch bestand keine Zielsetzung, eine kommunistische Agrarpolitik ohne Privateigentum zu verwirklichen. Am Ziel der Enteignungen wurde trotzdem festgehalten, obwohl beispielsweise Edwin Hoernle, als einer der wenigen mit landwirtschaftlichen Fachkenntnissen in der KPD, schon in Moskau vor den ökonomischen Folgen mit geringerer Produktivität gewarnt hatte.Jens Schöne: Die Landwirtschaft der DDR 1945–1990. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, 2005, S. 9/10.

Rahmenbedingungen in der SBZ In der unmittelbaren Nachkriegszeit in Deutschland mussten die Bevölkerung und die staatlichen Verwaltungen in allen Besatzungszonen den Konsumgüterverbrauch bewirtschaften, wozu insbesondere in der Landwirtschaft erzeugte Lebensmittel gezählt wurden. Die Wirtschaft war ein eher am Prinzip der Planwirtschaft und weniger nach marktwirtschaftlichen Gesetzen orientiertes System, welches über Lebensmittelkarten und Festpreise die Erzeugung und den Verbrauch reglementierte.Stephan Merl: Sowjetisierung in der Welt des Konsums. In: Konrad Hugo Jarausch, Hannes Siegrist: Amerikanisierung und Sowjetisierung in Deutschland 1945–1970. Campus Verlag, 1997, S. 173.

mini|hochkant|Bodenreformurkunde 1947 (weil Saatzuchtgut erst verspätet) In der Sowjetischen Besatzungszone waren als potentiell zu enteignende Gutsbetriebe, bezogen auf das Ergebnis der Betriebszählung 1939, insgesamt 9050 Betriebe mit einer Fläche über 100 ha betroffen. Das waren 1,5 Prozent der Betriebe, welche 28,3 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche (LN) bewirtschafteten. Bis 1949 sind von diesen 7079 Betriebe, die sich überwiegend vorher im Privatbesitz befunden hatten, enteignet worden. Auf der insgesamt beschlagnahmten Nutzfläche, die rund 34 % der gesamten LN ausmachte, wurden bis Ende 1950 210.259 Neubauernstellen geschaffen, womit das in Moskau formulierte Ziel der agrarstrukturellen Änderung mit der Schaffung einer neuen sozialen Gruppe, welche als Kleinbauern nach Ansicht der KPD-Führung natürliche Verbündete der Partei seien, verwirklicht war.Jens Schöne: Die Landwirtschaft der DDR 1945–1990. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, 2005, S. 12/13.

Die von der KPD erhoffte spontane Erhebung mit „wilden“ Enteignungen durch örtliche Gruppen blieb trotz des Versuchs, sie künstlich zu inszenieren, komplett aus. Vom sowjetischen Diktator Josef Stalin persönlich kam dann der Befehl, alle Betriebe oberhalb der willkürlichen Grenze von 100 ha zu enteignen. Die konkrete Ausführung oblag den deutschen Kommunisten.Jens Schöne: Die Landwirtschaft der DDR 1945–1990. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, 2005, S. 13.

Folgen in Produktion und Versorgung Schon zu Beginn der Umverteilungsaktion wollten viele potentiell Begünstigte die ihnen angebotenen Flächen, insbesondere von persönlich bekannten ehemaligen Besitzern, nicht annehmen. Vor allem aber waren weder die sowjetische Besatzungsmacht noch die deutschen Kommunisten in der Lage, die Bodenreform insoweit abzusichern, dass den Neubauern neben den Flächen auch ausreichend Produktionsmittel (Saatgut, Dünger, Tiere) zur Verfügung standen. Vielen Neubauern fehlten sogar Wohnhäuser und Ställe. Von den bis Ende 1948 geplanten 37.000 fertiggestellten Häusern wurden nur 748 Gehöfte wirklich vollendet und bei weiteren 4.431 hatte die Bautätigkeit zumindest begonnen. So hatten noch vor der Zwangskollektivierung mehr als ein Drittel aller Neubauern ihre Betriebe wieder verlassen. Auf den verlassenen Betrieben ließ sich nur in knapp einem Zehntel der Betriebe ein Nachfolger finden. Im April 1952 waren in der SBZ 235.000 ha nicht oder nur unzureichend bewirtschaftet. Im Zuge der Zwangskollektivierung wurden bis 1960 sämtliche Neubauernstellen wieder aufgelöst.Jens Schöne: Die Landwirtschaft der DDR 1945–1990. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, 2005, S. 14–18.

Kollektivierung und Bildung der LPG ab 1949/1952 Vorbedingungen Ende 1948 begann die Kollektivierung der Landwirtschaft im gesamten osteuropäischen Wirtschaftsraum. Der „Klassenkampf“ sollte auch auf dem Land vorangetrieben werden.Stephan Merl: Sowjetisierung in Wirtschaft und Landwirtschaft. In: Europäische Geschichte Online (EGO). hg. vom Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz, 16. Juni 2011. Insbesondere die verbliebenen mittelgroßen Betriebe über 20 ha und auch die selbstverwalteten landwirtschaftlichen (Vorkriegs)organisationen wie Zuchtverbände, Raiffeisen-Genossenschaften u. a. wurden neben verbliebenen bürgerlichen Beamten und Wissenschaftlern zu Gegnern des Regimes erklärt. Die größeren Betriebe waren direkt nach Kriegsende wirtschaftlich sehr viel erfolgreicher als die kleineren Neubauern. Ihnen stand die gewachsene Infrastruktur und Technik bereit und sie hatten meist Betriebsleiter, die den Beruf des Landwirts erlernt hatten und über die nötigen Kenntnisse zur Führung des Betriebs verfügten. Obwohl der Staat von den größeren Betrieben sogar profitierte, da diese schon seit 1946 höhere Ablieferungsquoten erbringen mussten, wurden sie zum Klassenfeind erklärt und massiv benachteiligt gegenüber den Neubauern, welche selbst oft kaum ihren eigenen Bedarf erzeugen konnten. Ab 1. Januar 1949 wurden in rascher Folge neue Gesetze erlassen, die Betriebe über 20 ha gegenüber Kleinbauern benachteiligten. Neben der Benachteiligung bei der Versorgung mit Betriebsmitteln und Maschinen mussten Betriebe über 50 ha schon 1950 mehr als das Dreifache pro ha abliefern als Kleinbauern. 1952 hatten auch Betriebe über 20 ha fast das dreifache Ablieferungssoll gegenüber Kleinbauern. Ebenso wurde versucht, größere Bauern sozial auszugrenzen. Die bisherigen Strukturen innerhalb der landwirtschaftlichen Organisationen, besonders die Raiffeisen-Genossenschaften, in denen meist erfolgreiche Landwirte führende Positionen innehatten, wurden ab 1949 zerschlagen. In der neugegründeten Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe (VdgB) und der ebenfalls neugegründeten Demokratischen Bauernpartei Deutschlands (DBD) wurden nur treue Parteigenossen der SED in Führungspositionen bestimmt.Jens Schöne: Die Landwirtschaft der DDR 1945–1990. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, 2005, S. 18–21.

Das Ziel war dabei, durch Justizterror die Landwirte zur Aufgabe zu bewegen. Massenhaft wurden Landwirte wegen nicht erfüllter Ablieferungsbestimmungen bestraft. Mit staatlichen Einkaufspreisen, die unter den Produktionskosten lagen, wurden die Betriebe bewusst in den wirtschaftlichen Ruin getrieben. Vielfach wurden Betriebsleiter verhaftet und die Betriebe wurden konfisziert. Als Folge flüchteten allein zwischen 1950 und 1952 über 5000 Landwirtsfamilien in die Bundesrepublik Deutschland, sodass mehr als 10 Prozent der großbäuerlichen Betriebe nicht mehr bewirtschaftet wurden, da sich nur in Ausnahmefällen neue Bewirtschafter finden ließen.Jens Schöne: Die Landwirtschaft der DDR 1945–1990. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, 2005, S. 21.

Ideologisch gab es schon seit 1948 Bestrebungen nach einer „zweiten Bodenreform“, in der die Landbesitzer enteignet und ein System ähnlich den sowjetischen Kolchosen installiert werden sollte. Nach den Erfahrungen in der UdSSR mit der Hungersnot 1932/33 mit Millionen von Toten nach der Zwangskollektivierung hatte Stalin noch Ende 1948 vor einer zu schnellen Umsetzung dieser Ideologie gewarnt. Angesichts notleidender Kleinbauern auf Neubauernstellen, einer sich ständig vergrößernden Anzahl in den Westen flüchtender Großbauern, einer Nichterfüllung des Fünfjahresplans sowie einer unzureichenden Versorgung der Läden mit Lebensmitteln drängte allerdings die SED-Führung auf eine Änderung der bisherigen Politik.Jens Schöne: Die Landwirtschaft der DDR 1945–1990. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, 2005, S. 21/22.

Umsetzung ab 1952 Am 24. April 1952 ließ die SED in ihrer Parteizeitung Neues Deutschland letztmals energisch Gerüchte dementieren, eine Kollektivierung stehe bevor, obwohl diese zu dem Zeitpunkt schon beschlossen war. Anfang April war eine hochrangige Kommission der SED in Moskau, wo sie von Stalin neben der Aufforderung nach einer endgültigen Abgrenzung nach Westen mit einer Schließung der Grenzen und dem Aufbau einer eigenen Armee auch die Anregung zur Gründung von Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) bekommen hatte. Stalin hatte als Termin den Herbst 1952 festgelegt und ausdrücklich vor Zwangsmaßnahmen gewarnt und stattdessen die Schaffung von Mustergenossenschaften gefordert, aus denen eine Massenbewegung entstehen sollte. Nachdem die grundsätzliche Entscheidung in Moskau gefallen war, wurden im Politbüro der SED die entsprechenden Beschlüsse zur Umsetzung getroffen. Unter anderem wurde Landwirtschaftsminister Paul Scholz durch Wilhelm Schröder ersetzt, und es wurde ein Staatssekretär für Produktionsgenossenschaften im Ministerium für Landwirtschaft ernannt. Schon einen Tag später unterrichtete Walter Ulbricht in Berlin die Kreissekretäre der SED von dem agrarpolitischen Kurswechsel und gab ihnen Handlungsanweisungen zur Umsetzung. Dabei sollte die Einheitspartei nach außen nicht in Erscheinung treten, aber trotzdem jederzeit die Kontrolle behalten. Von den Kreisleitungen dazu aufgefordert, die auch für die Fahrgelegenheiten sorgten, trafen in der nächsten Zeit aus dem gesamten Staatsgebiet der DDR Delegationen im Landwirtschaftsministerium ein, welche die Bildung und Unterstützung von Produktionsgenossenschaften forderten.Jens Schöne: Die Landwirtschaft der DDR 1945–1990. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, 2005, S. 24.