Raiatea, polynesisch Havai’i, alte Namen: Ulietea (James Cook), Uriatea (William Ellis) und Princess (Domingo de Boenechea), ist eine Insel im südlichen Pazifik, die geografisch zu den Gesellschaftsinseln, genauer zu den Inseln unter dem Winde () gezählt wird. Sie ist die zweitgrößte Insel der Gesellschaftsinseln und hat eine Fläche von 194 km². Politisch gehört Raiatea zu Französisch-Polynesien und liegt etwa 220 km nordwestlich von Tahiti, der größten Insel und Verwaltungszentrum des Archipels.
Geographie mini|links|Schrägaufnahme von Raiatea Raiatea ist ein Atoll, das sich mit der Nachbarinsel Tahaa dasselbe Korallenriff teilt. Die Hauptinsel ist vulkanischen Ursprunges und besteht überwiegend aus magmatischen Gesteinen. Auf dem Saumriff und in der Lagune liegen zahlreiche Motu aus weißem Korallensand und -trümmern.
Tahaa erstreckt sich nördlich von Raiatea, die beiden Inseln sind von einem 3 km schmalen Sund getrennt. Der Sage nach ist dies das Werk einer verzauberten Muräne, die von dem Geist einer verstorbenen Prinzessin besessenen war. Die Bootsfahrt von Raiatea nach Tahaa über die Lagune dauert nur etwa 20 Minuten.
Das Landschaftsbild von Raiatea ist geprägt von schroffen Gipfeln, einer stark zerklüfteten Küstenlinie mit tief eingeschnittenen Buchten und zahlreichen in der Lagune gelegenen kleinen und kleinsten Inseln. Auf diesen Motu finden sich die schönsten Sandstrände, während die felsige Küste von Raiateas Hauptinsel keinen erwähnenswerten Stränden Platz bietet. Von den Gipfeln, der höchste ist der Toomaru mit 1032 m,So nach der Encyclopaedia Britannica. In einigen Internetseiten und Reiseführern wird der 1017 m hohe Tefatoatiti als höchster Berg genannt. öffnen sich zum Meer hin steil abfallende Täler und Schluchten, die von schmalen Felsrücken getrennt werden. Die zahlreichen Fließgewässer bilden nicht selten spektakuläre Wasserfälle. Am 1017 m hohen TefatoatitiAuch Tefaoaiti geschrieben, in historischen Karten auch Tefatula entspringt der nach Osten fließende Apoomau River und ergießt sich in die Faaroa Bay. Er ist der einzige schiffbare Fluss Polynesiens und kann, je nach Wasserstand, für wenige Kilometer mit kleinen Booten befahren werden.
Das kultivierte Land und die Siedlungen liegen in einem schmalen Küstenstreifen, das Inselinnere Raiateas ist weitgehend unbewohnt.
Klima Das Klima ist tropisch-feucht. Die Jahresdurchschnittstemperatur beträgt 26 °C, wobei sich die einzelnen Monate nur unwesentlich unterscheiden. Die durchschnittliche Regenmenge beträgt im Jahresmittel ca. 1800 mm. Der regenreichste Monat ist der Dezember, die Regenfälle sind aber – wie in den Tropen üblich – heftig und nur von kurzer Dauer. Eher trocken sind die (Winter-)Monate August und September.
Flora und Fauna Die Vegetation Französisch-Polynesiens ist von zwei Besonderheiten gekennzeichnet: einem hohen Anteil endemischer Pflanzen bei einer relativen Artenarmut. Die isolierte Lage der Inseln und die Tatsache, dass sie niemals mit einer kontinentalen Landmasse verbunden waren, erklärt die hohe Zahl endemischer Pflanzen. Im Südpazifik breiteten sich die Pflanzen von West nach Ost aus. Das führte dazu, dass die Biodiversität der Inseln nach Osten abnimmt. So weisen die im Westen gelegenen Inseln Neuguinea und Neukaledonien gegenüber Raiatea eine weit höhere Anzahl von Arten auf. Deutlich artenärmer sind dagegen die Inseln des Tuamotu-Archipels, die Pitcairninseln und die Osterinsel im äußersten Osten des Pazifiks.
In beinahe 2000 Jahren Siedlungsgeschichte hat der Mensch die Flora auf Raiatea durch den Anbau von Nutzpflanzen entscheidend verändert, insbesondere in den fruchtbaren Küstenbereichen. Als Nahrungspflanzen werden Kokospalmen, Brotfruchtbäume, Taro, Yams, Maniok, Süßkartoffeln und verschiedene tropische Früchte kultiviert, darunter eine besonders wohlschmeckende Ananas. Exportiert werden Ananasfrüchte und Vanille, die in kleinen Familienbetrieben angebaut werden.
Im unzugänglichen und üppig bewachsenen Inselinnern haben sich noch bedeutende Reste der ursprünglichen Vegetation erhalten, obwohl die indigenen Pflanzengemeinschaften mittlerweile von Guavebüschen, Bambusdickichten und anderen anthropochoren Gewächsen bedroht werden.
mini|links|Tiare Apetahi Eine nur auf Raiatea wachsende Pflanze ist die duftende Tiare Apetahi. Sie ist inzwischen stark bedroht und wächst nur auf dem Mt. Temehani. Mit der gelblichweißen, wohlriechenden Blüte ist folgende Legende verbunden: Eine Prinzessin, die in den Armen ihres Geliebten starb, versprach, ihm immer zärtlich die Hand zu reichen, wenn er auf den Mt. Tamehani steige. Als er am nächsten Morgen den Berg erklomm, sah er überall wunderbar duftende Blumen wachsen, mit fünf Blütenblättern, die sich ihm wie Hände entgegenstreckten. Er grub eine Pflanze aus, um sie in Erinnerung an seine Geliebte im Garten anzupflanzen, sie verdorrte jedoch nach wenigen Tagen.
Ein Endemit der Vogelwelt war der Braunkopf-Laufsittich (Cyanoramphus ulietanus). Er wurde von der Mannschaft Kapitän Cooks entdeckt. Nach einem ereignisreichen Aufenthalt auf Tahiti, wo Kapitän Cook auch Zeuge eines Menschenopfers wurde, reiste er am 29. September 1777 ab, um weitere Inseln des Atolls zu erforschen. Er begab sich zuerst auf das nahegelegene Eimeo (heute Maiao), wo er kurz Aufenthalt machte, danach ging es nach Ulitea (heute Raiatea), das nur einige Tagesmeilen nordwestlich von Tahiti liegt. Während seines 34 Tage dauernden Aufenthaltes sammelte man auf der Insel einen einzigartigen Papagei. Mindestens zwei Exemplare konnten der Nachwelt erhalten werden, sie befinden sich heute in den Museen von London und Wien. Leider gibt es keine Berichte über die Lebensweise dieses Sittichs.
Während der Zeit auf Raiatea hatte Cook die Schiffe Resolution und Discovery an den Strand bringen lassen, um dringend notwendige Wartungsarbeiten durchzuführen. Das mag für Ratten, Küchenschaben und anderes Ungeziefer ausreichend Zeit gewesen sein, um an Land zu gehen, und es scheint so, dass sie es waren, die den Untergang des Braunkopflaufsittichs besiegelt haben.
Säugetiere gab es ursprünglich auf den Gesellschaftsinseln nicht, sie wurden alle vom Menschen eingeführt. Bereits die ersten polynesischen Siedler brachten Hunde, Schweine, Hühner und die Pazifische Ratte als Nahrungstiere mit, die Europäer führten Ziegen, Kühe, Schafe und Pferde ein. Indigene Landtiere sind lediglich Insekten, Landkrebse, Schnecken und Eidechsen. Für den Menschen gefährliche Tiere gibt es auf Raiatea nicht. Unangenehm können Sandflöhe am Strand und die im Inselinnern überall präsenten Stechmücken werden.
Die Meeresfauna der Lagune und des Korallenriffes ist sehr artenreich. Neben Hunderten verschiedenartiger Korallenfische kann der Taucher und Schnorchler zahlreiche Weichtiere, Stachelhäuter und Krebstiere des tropischen Meeres beobachten. Die Gewässer um Raiatea und Tahaa sind bekannt für ihre artenreiche Population bunter Nacktschnecken. In den Riffs befinden sich Grotten und Höhlen, die vielen Meeresbewohnern Unterschlupf bieten. Unter Sporttauchern ist die zwischen Raiatea und Tahaa gelegene „Krakengrotte“ bekannt. Hinter dem Saumriff gibt es Haie, Rochen, Schwertfische und Meeresschildkröten.
Geschichte Vorgeschichte Die Besiedlung der Gesellschaftsinseln erfolgte nach neueren Erkenntnissen von Samoa und Tonga ausgehend um 200 v. Chr., etwa zeitgleich mit der Besiedlung der Marquesas. Zusammen mit den Marquesas bildeten sie das polynesische Kernland und damit das Sprungbrett zur Besiedlung von Hawaii, Neuseeland und Mangareva.Patrick V. Kirch: On the Road of the Wind – An Archaeological History of the Pacific Islands Before European Contact; Berkeley, Los Angeles, London 2000; S. 231
Von der Geografie Raiateas mit den von Felsgraten begrenzten, sich zum Meer hin öffnenden Tälern begünstigt, bildeten sich neun unabhängige Stammesfürstentümer heraus, die sich wiederum in einzelne Clans untergliederten. Dies führte zu einem streng stratifizierten Gesellschaftsmodell, die Gesellschaft war in mehrere getrennte soziale Ebenen gegliedert. An der Spitze standen die ariki oder ari’i, die adeligen Häuptlinge, deren Führungsanspruch durch ihre Abstammung auf die Gründerahnen legitimiert war. Sie waren Besitzer von Grund und Boden und unumstrittene politische und religiöse Oberhäupter.
mini|Marae Taputapuatea mini|hochkant|Steinfigur am Marae Taputapuatea Raiatea wurde bald das geistige und religiöse Zentrum der Gesellschaftsinseln. Sehr anschaulich beschreibt das Jacques-Antoine Moerenhout:
Die wichtigste religiöse Stätte Raiateas, ja der gesamten Gesellschaftsinseln, war der Marae Taputapuatea im Opoa-Tal an der Ostküste. Er war zunächst dem Kult von Ta’aroa (oder Tangaloa, Tangaroa), dem Gott des Meeres und der Fischerei, geweiht. Das Zeremoniell um Ta’aroa war sehr komplex und umfasste auch – zunächst nur wenige – Menschenopfer. Etwa ab dem 15. Jahrhundert nahm Oro, der Kriegsgott, die Stelle von Ta’aroa ein und forderte verstärkt Menschenopfer. Der Kult strahlte auf die benachbarten Inseln, insbesondere auf Tahiti aus. Dies verhinderte jedoch nicht ständige Kriegshandlungen der Stämme untereinander, die auch zur Beschaffung der Menschenopfer dienten und in zahlreichen, heute noch rezitierten Gesängen verherrlicht werden.
Das Opoa-Tal gilt als die Geburtsstätte von Oro, sodass die Bedeutung des Marae Taputapuatea mit dem Aufkommen des Geheimbundes der Arioi im 17. Jahrhundert noch zunahm.
Mit der Bedeutung von Taputapuatea wuchs auch der Einfluss der aus Opoa stammenden Tamatoa-Dynastie, die schließlich die anderen Stammesfürstentümer dominierte.
In einem blutigen Konflikt, von dem James Cook berichtet, überfiel Pouni (oder Puni), ein Ariki von Bora Bora, die Nachbarinseln Raiatea und Tahaa. Ihm gelang es, sich für einige Jahre zum Oberherrn zu erheben.J. A. Moerenhout: Voyages aux îles du Grand Océan. Paris 1837. Englische Übersetzung: Travels to the Islands of the Pacific Ocean. Lanham, London 1983, S. 540.
Entdeckungsgeschichte Für Europa entdeckt wurde Raiatea von James Cook am 20. Juli 1769 während seiner ersten Reise. Von Tahiti kommend fuhr er mit der Endeavour durch die den Polynesiern heilige Riffpassage Avamo'a, ankerte in der Bucht von Opoa und ging in der Nähe des Marae Taputapuatea an Land. Er hisste den Union Jack und nahm die Insel in einer kurzen Zeremonie für die britische Krone in Besitz.
Zur Erweiterung des spanischen Einflussbereiches befahl der spanische König Karl III. Expeditionen in den Südpazifik. Der Gouverneur von Chile und Vizekönig von Peru Manuel d’Amat i de Junyent (1704–1782) entsandte Domingo de Boenechea mit der Fregatte El Águila, der 1772 Raiatea erreichte. Er nannte die Insel Princess und nahm sie für Spanien in Besitz. Die Annexion hatte politisch jedoch keine Folgen.
Während das benachbarte Tahiti bereits Ende des 18. Jahrhunderts unter dem Einfluss europäischer Mächte stand und 1842 auch formell unter französisches Protektorat geriet, setzten die Clans Raiateas den Annexionsbestrebungen heftigen Widerstand entgegen. Es gelang jedoch den christlichen Missionaren, zunehmend Einfluss zu gewinnen, was zu Religionskriegen zwischen den Anhängern des traditionellen und des christlichen Glaubens führte.