Diese Zeitleiste dokumentiert die historische Entwicklung und bemerkenswerte Ereignisse innerhalb der Geschichte sexueller Minderheiten, die auch als LGBT-Geschichte bezeichnet werden kann. Die Liste gibt zudem einen Überblick über die Entwicklung der gesellschaftlichen Akzeptanz, Veränderungen der Begrifflichkeiten und grundlegender Gesetzesänderungen sowie einzelner Ereignisse, die zu den Gesetzesänderungen in den unterschiedlichen Ländern geführt haben. Ereignisse, die außerhalb des europäischen oder nordamerikanischen Kulturkreises stattgefunden haben, wurden der Übersichtlichkeit halber der Epoche zugeordnet, in die sie zeitlich fallen.

In der Vergangenheit betrachtete die europäische Vormoderne gleichgeschlechtliches sexuelles Verhalten von Frauen und Männern hauptsächlich als unwesentlichen Charakterzug – als eine Möglichkeit sexueller Aktivitäten, die grundsätzlich allen Personen offen stand. Allenfalls wurde solches Verhalten als Ausdruck persönlicher Vorlieben oder des individuellen Geschmacks betrachtet, „nur selten jedoch ging man davon aus, dass es die Persönlichkeit konstituiere, d. h., man war nicht, sondern handelte homosexuell.“ Aufgrund dieser Tatsache ist es mitunter schwierig bis unmöglich, gleichgeschlechtliche Handlungen aus verschiedenen Epochen unter denselben oder ähnlichen Kategorien wie Homo-, Bi- oder Pansexualität zu klassifizieren. Gleiches gilt auch für Begriffe wie Transgeschlechtlichkeit, Nichtbinär oder Queer. Dennoch soll im Folgenden ein knapper Überblick über die Chronologie „des Phänomens“ erfolgen, wobei „das Phänomen“ dabei zwangsweise eine mehr oder minder willkürliche Zusammenstellung ganz verschiedener Erscheinungsformen aus der Retrospektive bleiben muss.

Begriffe Bis in das späte 19. Jahrhundert hinein waren Begriffe wie „Homosexualität“ und „Bisexualität“ unbekannt, die weibliche Homosexualität, bis dahin gelegentlich auch Tribadie genannt, wurde erst ab Mitte des 18. Jahrhunderts als „lesbisch“ bezeichnet. „Transsexualität“ als ältester Begriff des Begriffskomplexes „Trans*“ ist beispielsweise erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts definiert, „schwul“ beziehungsweise gay ist ebenfalls ein sehr junger Ausdruck.

Die hier verwendeten Begriffe entsprechen etwa ihrer historischen Verwendung, insbesondere die Bezeichnungen „Sodomie“ und „Unzucht“ wurden in früheren Jahrhunderten verwendet, um die gleichgeschlechtliche Sexualität oder die nichtreproduktiven Sexualpraktiken wie Masturbation, Anal- und Oralverkehr zu beschreiben. Mit den Kirchenvätern im 2. und 3. Jahrhundert nach Christus beginnt die häufige Verwendung der Ausdrücke „Sünde wider die Natur“ oder „widernatürlich“. Im anglophonen Sprachraum ist die Verwendung des Wortes sodomy für Homosexualität bis heute üblich. In Anlehnung an die Gesetze der betroffenen Staaten, die sodomy laws, findet dieser Ausdruck in dieser Liste bis in die Neuzeit Verwendung.

Ur- und Frühgeschichte 12000 vor Christus Die Menschen, die im ausgehenden Jungpaläolithikum lebten, haben Artefakte und Kunstgegenstände hinterlassen, die im Sinne der gleichgeschlechtlichen Erotik gedeutet worden sind.David F. Greenberg: The Construction of Homosexuality. University of Chicago Press, 1990, ISBN 0-226-30628-3, S. 34. Beispiele sind unter anderen einige Höhlenmalereien und hunderte phallischer „Stäbe“. Darunter befindet sich ein geschnitztes Objekt aus Gorge d’Enfer im heutigen Frankreich, bei dem zwei Penisse mit jeweils klar erkennbarer Eichel und Harnröhre in einem Winkel von etwa 120° zusammenkommen,J. Angulo Cuesta, M. García Diez: In: Actas Urol Esp. Band 30, 2006, S. 254–267. ähnlich einem modernen Doppeldildo,Timothy Taylor: In: British Archaeology. Band 15, Juni 1996 (englisch) der von zwei Frauen verwendet werden kann.Joseph Rhawn: Sexuality: Female Evolution & Erotica. Zweite, überarbeitete Auflage, University Press, 2001, ISBN 0-9700733-6-4.Austin V. Whittall: Orgies, a brief history. SwingerTravel.com.ar, 2007, bei eioba.com Wozu die phallischen Objekte jeweils konkret gedient haben, lässt sich heute nur noch vermuten. Aufgrund von Berichten über gleichgeschlechtliche Beziehungen, besonders ritueller Päderastie, bei steinzeitlichen Naturvölkern der Neuzeit in Ozeanien und Afrika geht man davon aus, dass es dies schon im Paläolithikum gegeben haben kann.

5000 vor Christus

Ein mögliches Beispiel homosexueller Erotik in der Kunst der europäischen Mittelsteinzeit könnte eine in der Grotte von Addaura auf Sizilien gefundene Zeichnung darstellen, auf der neun Männer und Frauen um zwei „fliegende“, springende oder auf einem virtuellen Boden liegende Männer in ungewöhnlicher Pose und mit erigierten Penissen tanzen.Universität von Texas: Paul L. Vasey: Intimate Sexual Relations in Prehistory: Lessons from the Japanese Macaques. Taylor & Francis Ltd., 1998 Die Idee eines gleichgeschlechtlichen Aktes kam schon ihrer Entdeckerin Jole Bovio Marconi 1953 in den Sinn, Chiappella deutete es 1954 als Initiationsritual und Blanc 1954 als rituelle Strangulierung. Andere bringen die zwei Körper in ungewöhnlichen Posen und die Striche dazwischen mit französisch-kantabrischer Kunst zusammen und sehen es einfach als verletzte oder tote Menschen. Wieder andere sehen sie als „Artisten“.Margherita Mussi: Earliest Italy: An Overview of the Italian Paleolithic and Mesolithic. Springer Verlag, 2001, ISBN 0-306-46463-2, S. 344.

Altertum Geschichte der Homosexualität in der Antike Homosexualität im Alten Ägypten Homosexualität im antiken Griechenland Homosexualität im Römischen Reich Homosexualität bei den Kelten

Um 2500 vor Christus Im Sumerischen Reich entsteht das älteste heute bekannte Werk der Dichtung, der Gilgamesch-Epos, in dem unter anderem die homoerotisch gefärbte Beziehung zwischen König Gilgamesch und Enkidu thematisiert wird.Michael Brinkschröder: Sodom als Symptom. Walter de Gruyter, 2006, ISBN 3-11-018527-X, S. 234; Beispielhafte Stellen: 1. Tafel, V,3-V1,28; 2. Tafel, II,19f.; 3. Tafel, I,19; 8. Tafel, II,17; 10. Tafel, Ix, II, 1–9 und III, 20–24

Um 2350 vor Christus Das Grab von Chnumhotep und Nianchchnum wird in Ägypten während der 5. Dynastie fertiggestellt. Nach Ansicht einiger Forscher könnten diese beiden Männer Liebhaber gewesen sein, was damit der erste Nachweis für eine homosexuelle Beziehung wäre.World Archaeology Ausgabe 32 vom Oktober 2000, S. 193–208. Reeder, Greg: Same-sex desire, conjugal constructs, and the tomb of Niankhkhnum and Khnumhotep

Um 2200 vor Christus Im Ägypten der 6. Dynastie deutet ein Chronist eine heimliche Liebesbeziehung zwischen dem Pharao Nefer-ka-Re und dem General Sasenet an.Parkinson: The Journal of Egyptian Archaeology 81 (1995), S. 71–74.

Um 1750 vor Christus Im babylonischen Codex Hammurapi werden männliche Palastsklaven, sogenannte „Girsequm“, erwähnt, deren Aufgabe es ist, Männern sexuell zu dienen.David F. Greenberg: The Construction of Homosexuality. University of Chicago Press, 1988, ISBN 0-226-30628-3, S. 115.

Um 1700 vor Christus Ein Papyrusfragment aus dem ägyptischen el-Lahun erzählt die Geschichten von Horus und Seth, in der Horus von Seth vergewaltigt wird, um von diesem gedemütigt zu werden.Parkinson: The Journal of Egyptian Archaeology 81 (1995), S. 70–71.

Um 1000 vor Christus Mutmaßliche Entstehung bzw. erste Niederschrift der Genesis (des 1. Buch Mose), die die Geschichte von Sodom und Gomorra enthält. Danach wurden die beiden mythischen Städte unter einem Regen aus Feuer und Schwefel begraben, weil sie der Sünde anheimgefallen waren, wobei zu den Sünden der Sodomiten laut die Vergewaltigung männlicher Durchreisender gehört habe.Tatsächlich wird den Sodomiten nicht nur die „Unzucht“ zwischen Männern, sondern vor allem der Missbrauch der Gastfreundschaft durch sexuelle Gewalt angelastet. („Sie riefen nach Lot und fragten ihn: Wo sind die Männer, die heute Nacht zu dir gekommen sind? Bring sie zu uns heraus, wir wollen mit ihnen verkehren.“ − Gen 19) Darauf nahm im Mittelalter die Bezeichnung Sodomie (für Homosexualität) Bezug.

Um 700 vor Christus Im Shijing, einer chinesischen Gedichtsammlung, sind Verse aufgeführt, die die Bewunderung und die Zuneigung zu starken, schönen Männern beschreiben.Xiaomong Xiong: History of Homosexuality in China. Rosa Winkel Press, Hongkong 1984.

7. Jahrhundert vor Christus 630 v. Chr.: Von dorischen Aristokraten auf Kreta werden Regeln für formelle päderastische Beziehungen zwischen erwachsenen Prinzen und männlichen Heranwachsenden geschaffen. Die Zielsetzung war einerseits, die Jugend zu erziehen und andererseits, das Bevölkerungswachstum zu reduzieren. Die griechische Päderastie hat die Entwicklung des Sports, der Literatur, Politik, Philosophie, Kunst und der Kriegsführung beeinflusst, was einige veranlasst zu behaupten, dass dies Ursache einer kulturellen Blütezeit war, verbunden damit das antike griechische Gymnasion und die athletische Nacktheit.George Devereaux: Greek Pseudo-homosexuality and the Greek Miracle. In: Symbolae Osloenses. 13 (1967), S. 70–92. Der Dichter Alkman beschreibt in einer Chorhymne die rituelle Hochzeit zweier junger Frauen, Agido und Hagesicora; die beiden schwören sich unempfindlich gegenüber den Verlockungen der schönen und jungen Frauen ihrer Gruppe, der Thiasos, zu bleiben.Thomas K. Hubbard (Verf.): Homosexuality in Greece and Rome: A Sourcebook of Basic Documents. University of California Press, 2003. mini|Päderastische Werbungsszene (6. Jhd. v. Chr., Staatliche Antikensammlung, München) 6. Jahrhundert vor Christus

Um 600 v. Chr.: In der Stadt Alt-Thera auf der Insel Santorin (damals „Thera“) hinterlassen Männer sehr eindeutige Inschriften an einer Steinwand, in denen sie den Geschlechtsverkehr mit Jünglingen beschreiben, möglicherweise war dies ein Initiationsritus.Journal of Homosexuality vom 20. April 1990: Edward Brongersma JD: The Thera Inscriptions Ritual or Slander?

594 v. Chr.: Dem athenischen Staatsmann Solon wird ein Gesetz zugeschrieben, das die Prostitution von freigeborenen männlichen Athenern verbietet; Bordelle, in denen Jungen (Sklaven) angeboten werden, sind hingegen staatlich anerkannt und werden wie heterosexuelle Bordelle besteuert.Aischines, Timarchum 21; Demosthenes, Reden 22,30

Um 520 v. Chr.: Anakreon widmet ein Gedicht dem „Mädchen von Lesbos“, das sich dem Dichter verweigert und stattdessen eine Frau erwählt. Dadurch bildet sich im Zusammenhang mit Sappho, die auf Lesbos geboren wurde und in ihren Dichtungen unter anderem die Liebe zwischen Frauen beschreibt, der Begriff Lesbierin.Ellen Greene (Verf.): Reading Sappho: Contemporary Approaches, Berkeley: University of California Press, 1996. Review von Gregory Hays, University of Illinois (englisch)Ellen Greene (Verf.): Reading Sappho: Contemporary Approaches Berkeley: University of California Press, 1996, ISBN 0-520-20195-7 (englisch)

514 v. Chr.: Hipparchos, der vermutlich in Harmodios verliebte Tyrann von Athen, wird von Harmodios und seinem Liebhaber Aristogeiton ermordet.Thukydides im Peisistratidenexkurs VI 54,1 5. Jahrhundert vor Christus

Um 500 v. Chr.: Mizi Xia erringt die Gunst des Herrschers von Wei, der ihn zurückweist, als seine Schönheit nachlässt. Durch Mizi Xias dennoch ungebrochene Liebe und Loyalität wird sein Name für lange Zeit Bestandteil der chinesischen Sprache, „Mizi Xia“ bezeichnet einen Mann, der Männer liebt.Brett Hinsch: Passions of the Cut Sleeve: The Male Homosexual Tradition in China. Berkeley and Los Angeles: University of California Press,1990

Um 450 v. Chr.: In Palästina wird der Levitikus durch Aufnahme in die Tora Teil des jüdischen Gesetzes; gleichgeschlechtliche Sexualität wird mit der Todesstrafe bedrohtvgl. 3. Buch Mose 20, Vers 13

4. Jahrhundert vor Christus mini|Zephyr und Hyacinth (ca. 490–480 v. Chr.) mini|Zeus entführt Ganymed (ca. 470 v. Chr.)