Der Geleitzug PQ 17 war ein alliierter Nordmeergeleitzug, der im Juli 1942 Nachschub für die Rote Armee von Island durch das Nordmeer nach Murmansk transportieren sollte. Wegen einer möglichen Bedrohung durch schwere deutsche Kriegsschiffe, die im Rahmen des Unternehmens Rösselsprung ausgelaufen waren,Seekrieg im Juli 1942 auf wlb-stuttgart.de, gesichtet am 1. Juni 2012 wurde das Geleit aufgelöst und erlitt in der Folge schwerere Verluste als jeder andere Nordmeergeleitzug.
Aufstellung, Entdeckung Aufstellung und Zusammensetzung mini|links|Schiffe des Konvois PQ 17 sammeln sich im Mai 1942 im Hvalfjörður in Island
Der britische Geleitzug PQ 17 lief unter der Führung seines Konvoikommodores, Captain John (Jack) Dowding, am 27. Juni von der Bucht Hvalfjörður bei Reykjavík () mit Bestimmungsort Murmansk () aus. Er umfasste 35 Handelsschiffe und war damit der bisher größte alliierte Konvoi überhaupt. Wegen der Gefahr, die von schweren deutschen Seestreitkräften ausging, war er entsprechend gut gesichert. Den Schutz der Frachter gewährleistete die „First Escort Group“ unter Commander Browne, dem vier Zerstörer und zehn Korvetten (davon einige umgerüstete Fischdampfer) unterstanden. Die „First Cruiser Squadron“, mit den Kreuzern London, Norfolk, Wichita, Tuscaloosa und vier Zerstörern unter Konteradmiral Hamilton fuhr als Nahsicherung gegen mögliche Überwasserangriffe in der Nähe des Geleits.
Die Fernsicherung bis zum Passieren des Nordkaps oblag einem Verband der Home Fleet unter Admiral John Tovey mit den Schlachtschiffen Duke of York und Washington, dem Flugzeugträger Victorious, den Kreuzern Cumberland, Nigeria, Manchester und 14 Zerstörern.Georges Blond: Kurs Murmansk. S. 122.
Eingesetzte Handelsschiffe
NameDeutscher Marinekalender 1968 – Deutscher Militärverlag Berlin Typ Flagge Vermessungin BRT VerbleibChronik des Seekrieges 1939–1945, Juli 1942, abgerufen am 4. Dezember 2012. Alcoa Ranger Frachter 5116 durch U 255 versenkt () Aldersdale Tanker 8402 durch Flugzeuge des KG 30 beschädigt und durch U 457 versenkt () Aserbaidschan Tanker 6114 durch Luftangriffe beschädigt, Archangelsk erreicht Bellingham Frachter 5345 durch U-Bootangriff beschädigt, Archangelsk erreicht Ben Harrison Frachter 7200 Archangelsk erreicht Bolton Castle Frachter 5303 durch Flugzeuge des KG 30 versenkt Carlton Frachter 5127 durch U 88 versenkt () Christopher Newport Frachter 7197 durch U 457 versenkt () Daniel Morgan Frachter 7200 durch U 88 versenkt () Donbass Tanker 7925 Archangelsk erreicht Earlston Frachter 7195 durch Flugzeuge des KG 30 beschädigt und durch U 334 versenkt () El Capitan Frachter 5216 durch Flugzeuge der II./KG 30 beschädigt und durch U 251 versenkt () Empire Byron Frachter 6645 durch Flugzeuge des KG 30 beschädigt und durch U 703 versenkt () Empire Tide Frachter 6978 Archangelsk erreicht Exfort Frachter 4969 Kollision mit Eisberg und Rückkehr nach Island Fairfield City Frachter 5686 durch Flugzeuge des KG 30 versenkt Hartlebury Frachter 5082 durch U 355 versenkt () Honomu Frachter 6977 durch U 456 versenkt Hoosier Frachter 5060 durch Flugzeuge der II./KG 30 beschädigt und durch U 376 versenkt () Ironclad Frachter 5685 Archangelsk erreicht John Witherspoon Frachter 7199 durch U 255 versenkt () Navarino Frachter 4841 durch Flugzeuge der I./KG 26 versenkt Ocean Freedom Frachter ? Archangelsk erreicht Olopana Frachter 6069 durch U 255 versenkt () Pan Atlantic Frachter 5411 durch Flugzeuge des KG 30 versenkt Pan Kraft Frachter 5644 durch Flugzeuge des KG 30 versenkt Paulus Potter Frachter 7169 durch Flugzeuge des KG 30 beschädigt und durch U 255 versenkt Peter Kerr Frachter 6476 durch Flugzeuge des KG 30 versenkt Richard Bland Frachter ? nach Grundberührung Rückkehr nach Island River Afton Frachter 5479 durch U 703 versenkt () Samuel Chase Frachter ? Archangelsk erreicht Silver Sword Frachter ? Archangelsk erreicht Troubadour Frachter 6458 Archangelsk erreicht Washington Frachter 5564 durch Flugzeuge des KG 30 versenkt William Hooper Frachter 7177 durch Flugzeuge der I./KG 26 beschädigt und durch U 334 versenkt () Winston-Salem Frachter 6223 Archangelsk erreicht
Entdeckung und Angriff Das Auslaufen des Konvois wurde der deutschen Seekriegsleitung durch deutsche Agenten frühzeitig gemeldet und am 1. Juli wurde der Geleitzug von einem deutschen Fernaufklärer überflogen. Ein U-Boot entdeckte den Verband dann 60 Seemeilen östlich von Jan Mayen. Am 2. Juli begannen deutsche Sturz- und Torpedobomber des Kampfgeschwaders 30, der I./Kampfgeschwader 26 und der jeweils 1. Staffel der Küstenfliegergruppen 406 und 906 von ihren Basen in Bardufoss () und Banak () den Verband anzugreifen. Insgesamt standen 130 Junkers Ju 88, 43 Heinkel He 111 und 29 Heinkel He 115 bereit. Sie setzten ihre Angriffe – wegen des arktischen Sommers nicht von Dunkelheit unterbrochen – über drei Tage fort.Georges Blond: Kurs Murmansk. S. 124. Die U-Boote U-251 und U-376 versuchten ebenfalls anzugreifen, wurden aber von den Sicherungsschiffen abgedrängt. Der Zielort des Geleitzuges wurde durch einen Befehl per Funkspruch geändert, es sollte nun Archangelsk () angelaufen werden.
Das erste Schiff wurde am Morgen des 4. Juli versenkt, nachdem alle vorherigen Luftangriffe abgewehrt worden waren. Der Torpedo eines deutschen Bombers traf das Liberty-Schiff Christopher Newport mittschiffs und beschädigte es so schwer, dass es aufgegeben werden musste. 25 He 111 griffen gegen Mittag an und beschädigten vier Frachter, von denen zwei aufgegeben wurden.
Bedrohung und Auflösung des Geleitzuges Unternehmen Rösselsprung Auf deutscher Seite wurden zwei Kampfgruppen aufgestellt. Die Kampfgruppe I unter der Leitung von Admiral Otto Schniewind mit dem Schlachtschiff Tirpitz, dem Schweren Kreuzer Admiral Hipper, den Zerstörern Karl Galster, Friedrich Ihn, Hans Lody, Theodor Riedel sowie den Torpedobooten T 7 und T 15 verlegte am 2. Juli 1942 von Trondheim nach Nordnorwegen. Die Kampfgruppe II unter Vizeadmiral Oskar Kummetz mit den Schweren Kreuzern Lützow und Admiral Scheer, den Zerstörern Z 24, Z 27, Z 28, Z 29, Z 30 und Richard Beitzen fuhr am 3. Juli 1942 von Narvik bzw. der Bogenbucht zum Altafjord. Hier trafen beide Kampfgruppen zusammen und vereinigten sich mit den Zerstörern Friedrich Eckoldt und Erich Steinbrinck zu einem Verband. Auf dem Marsch hatten der Schwere Kreuzer Lützow und die Zerstörer Karl Galster, Hans Lody und Theodor Riedel Grundberührungen und fielen aus.
Das Auslaufen der deutschen Schiffe wurde dem Sicherungsverband des Geleitzuges am Morgen des 4. Juli per Funk von der britischen Admiralität mitgeteilt, nachdem die Luftaufnahmen von Aufklärern sie nicht mehr an ihren Ankerplätzen bei Trondheim zeigten.
Auflösung des Geleitzuges mini|Kreuzer HMS London (re.) und USSWichita (li.), Teil der ursprünglichen Sicherung des Geleitzuges PQ 17 mini|Karte mit Kursen und Versenkungspositionen der Schiffe des aufgelösten Geleitzugs PQ 17
Am Abend des 4. Juli entschied Flottenadmiral Dudley Pound, Erster Seelord der britischen Admiralität, dass die Bedrohung des Verbandes durch die deutschen Kriegsschiffe nun akut wurde, und befahl den begleitenden Kreuzern der Nahsicherung von Konteradmiral Hamilton die Flucht und die Auflösung des Geleits: „Kreuzerverband mit Höchstfahrt nach Westen ablaufen.“J. Piekalkiewicz: Seekrieg 1939–1945. Bechtermünz, Augsburg 1998. und wenig später: „Da Angriff von feindlichen Überwasserstreitkräften droht, Konvoi auflösen und Kurs auf russische Häfen nehmen“.Georges Blond: Kurs Murmansk. S. 131.
Abbruch des Unternehmens Rösselsprung Am 5. Juli meldeten sowohl die deutsche Luftaufklärung als auch U-Boote die Auflösung des Konvois PQ 17 und das Ablaufen der britischen Sicherungsschiffe nach Westen. Daraufhin gingen die Tirpitz (Kommandant: Kapitän zur See Karl Topp), die Admiral Hipper (Kommandant: Kapitän zur See Wilhelm Meisel), die Admiral Scheer (Kommandant: Kapitän zur See Wilhelm Meendsen-Bohlken), sieben Zerstörer und zwei Torpedoboote in See. Vor Ingöy versuchte das sowjetische U-Boot K-21 einen erfolglosen Angriff auf die Tirpitz. Ein Catalina-Flugboot der Royal-Air-Force-Squadron 210 und das britische U-Boot Unshaken sichteten und meldeten den deutschen Flottenverband. Das Oberkommando der Marine entschied den Abbruch des geplanten Angriffs, da man in Übereinstimmung mit einem Befehl Hitlers kein Risiko – insbesondere für die Tirpitz – eingehen wollte. Den direkten Angriff auf den Konvoi PQ 17 sollten U-Boote und Flugzeuge übernehmen. Am Abend des 5. JuliBrian Betham Schofield: Geleitzugschlachten. Koehlers, Herford 1983. erhielt der deutsche Flottenverband von der Seekriegsleitung den Befehl, von einer weiteren Verfolgung der Schiffe des Konvois abzulassen und sich im Kåfjord zu sammeln. Damit war das Unternehmen Rösselsprung beendet. Keines der deutschen Schiffe, die für die Operation abgestellt waren, kam je in Sichtweite des Geleits oder seiner Schiffe.
Nachspiel Die Auflösung des Geleitzuges und der Abzug des überwiegenden Teils der Sicherungsschiffe hatte verheerende Folgen: Die nun einzeln fahrenden Handelsschiffe waren nicht mehr durch Eskorten vor U-Booten geschützt und konnten das Feuer ihrer eigenen Flugabwehrwaffen nicht mehr mit dem des gesamten Geleitzugs auf die angreifenden Flugzeuge vereinen. Fünf Tage lang wurden die Dampfer von Flugzeugen der Luftflotte 5 (Gen.-Oberst Hans-Jürgen Stumpff) und U-Booten der Gruppe „Eisteufel“ angegriffen.
Die wenigen leichten Sicherungsschiffe des Geleitzuges, die ebenfalls Archangelsk anlaufen sollten, konnten die großen Distanzen zwischen den Handelsschiffen nicht rechtzeitig überwinden, um die Angriffe abzuwehren und wurden weiterhin durch Funksprüche der Admiralität verwirrt, die den Angriff eines deutschen Flottenverbandes immer nachdrücklicher ankündigten. So funkte die Admiralität am 6. Juli um 1 Uhr morgens an die Sicherungsschiffe:
Die Frachter versuchten auf eigene Faust – meist auf Kurs Nord-Ost entlang der Packeisgrenze und möglichst weit entfernt von den deutschen Luftwaffenbasen – die Küste von Nowaja Semlja zu erreichen, um dann auf Südkurs nach Archangelsk zu gelangen.
Von 35 Handelsschiffen kehrten zwei kurz nach dem Auslaufen – eines wegen Maschinenschaden und eines wegen Kollisionsschaden mit Eisschollen – um. Von den übrigen 33 Schiffen wurden insgesamt 22 Frachtschiffe (15 US-amerikanische, sechs britische und ein niederländisches) versenkt. Außerdem gingen ein Marinetanker und ein Rettungsschiff verloren. Acht Schiffe fielen Luftangriffen zum Opfer, die übrigen wurden von U-Booten versenkt. Mit den Frachtern sanken 210 Flugzeuge, 430 Panzer, 3350 Lkw und fast 100.000 Tonnen Ersatzteile, Munition und Verpflegung. Nur elf Frachtschiffe des PQ 17 erreichten Murmansk und Archangelsk. 153 Seeleute der Handelsmarine starben. Die Luftflotte 5 verlor fünf ihrer Flugzeuge.Verluste von PQ-17 auf uboat.net, abgerufen am 1. Juni 2012
Sowjetische Reaktion Am 23. Juli 1942 schrieb Stalin an Churchill:
Der Volkskommissar für die Marine Nikolai Gerassimowitsch Kusnezow berichtete, dass Stalin ihn fragte, ob eine Notwendigkeit bestand, den Geleitzug ohne Schutz zu lassen. Kusnezow verneinte dies und war der Meinung, dass einige militärische Führer der Westmächte der Sowjetunion nur ungern helfen würden und dafür ihre großen Schiffe nicht aufs Spiel setzen würden.Nikolai Gerassimowitsch Kusnezow: Gefechtsalarm in den Flotten. Berlin 1988, S. 230 f.
Rezeption Das Geschehen um den Geleitzug wurde vom sowjetischen Schriftsteller Walentin Pikul im Roman Requiem für Geleitzug PQ 17 ( PQ-17 ) verarbeitet (geschrieben 1969–1973). Der Roman diente als Vorlage für die achtteilige russische Fernsehserie Konvoy PQ-17 von Alexander Kott, welche 2004 im russischen Telekanal Rossija erstausgestrahlt wurde.
Verweise Literatur