mini|Adagia, Ausgabe Aldus Manutius, Venedig 1508 mini|Desiderius Erasmus in seiner Schreibstube, Kupferstich von Albrecht Dürer, 1526

Adagia ist im wörtlichen Sinne lediglich die Pluralform von adagium (lateinisch für Sprichwort oder Sinnspruch), der Begriff fasst jedoch auch die beiden kommentierten Sammlungen von antiken Sprichwörtern, Redewendungen, Redensarten und geflügelten Worten des Humanisten Erasmus von Rotterdam zusammen. Für die 1500 in Paris veröffentlichte Erstausgabe mit dem Titel Adagiorum Collectanea hatte der Niederländer 953 Sprichwörter zusammengetragen und diese 821 kurzen Einträgen zugeordnet. Der kleine Band war so beliebt, dass bis 1521 neben einer minimal erweiterten Neuausgabe zahlreiche Nachdrucke erschienen.

Parallel dazu widmete Erasmus sich dem Ausbau seiner Adagiensammlung und ließ 1508 in Venedig eine auf der Collectanea aufbauenden Ausgabe mit 3260 Positionen drucken: die Adagiorum Chiliades. Das Verdienst des Humanisten liegt jedoch nur vordergründig in der wachsenden Zahl an Einträgen – bis zur bedeutendsten Ausgabe von 1533 stieg sie sogar noch auf über 4000 an – vielmehr trugen seine Kommentare und zeitkritischen Einschätzungen zu der weiten Verbreitung der Adagia bei europäischen Lateinkundigen bei. Auch jenseits der Alpen entwickelte sich Erasmus’ seitenstarkes Werk zum Bestseller. Auszüge daraus wurden in mehrere Volkssprachen übersetzt.

In der Literatur werden die Editionen der Adagiorum Chiliades zumeist in der Kurzform Adagia aufgeführt, die Ausgaben der Adagiorum Collectanea (auch Collectanea adagiorum) als Collectanea.

Adagiorum Collectanea (1500–1521) Der Rotterdamer Desiderius Erasmus wetterte bereits 1489 gegen die seiner Ansicht nach ungebildeten Schulmeister und Klosterbrüder. Diese „Sprachbarbaren“ würden am mittelalterlichen Bibellatein festhalten und die heidnische Literatur aus übertriebener Frömmigkeit geringschätzen. Dabei habe doch Lorenzo Valla, der Autor von Elegantiae linguae Latinae (Wohlklingendes Latein), „der Welt gezeigt, dass die Kenntnis eines authentischen Lateins für das richtige Verständnis der historischen Realität von fundamentaler Bedeutung sei“. Bis zur Veröffentlichung seines Werks Antibarbarorum liber, kurz Antibarbari, vergingen drei Jahrzehnte (Basel, Froben, 1520), der Grundstein zur humanistischen Bildung war jedoch bereits gelegt.

mini|Beispiel-Doppelseite der Ausgabe Paris 1500 Im Jahr 1500, nachdem Erasmus nach einem Aufenthalt in London nach Paris zurückgekehrt war, veröffentlichte er bei dem deutschen Drucker Johann Philipp ein 76-Blatt-Büchlein mit dem Titel Veterum maximeque insignium paroemiarum. Id est Adagiorum collectanea (Sammlung alter und besonders bedeutender Sprichwörter, das heißt: Adagiensammlung). Es enthielt 821 (nicht 818) Einträge mit 953 Proverben (manche Einträge wiesen mehr als eines auf). In der erweiterten Auflage von 1506 wurden für die jetzt nummerierten 838 Einträge drei Sprichwörter gestrichen und 21 hinzugefügt, darüber hinaus Korrekturen vorgenommen und sowohl fehlende griechische Proverben als auch neue Fundstellen ergänzt.

Erasmus hatte nur diese beiden Ausgaben autorisiert. Von den etwa 30 Nachdrucken sind die von Mathias Schürer zwischen 1509 und 1519 in Straßburg herausgebrachten die wichtigsten. Da beide Männer in gutem Einvernehmen miteinander standen, könnte man diese Drucke als „semi-autorisiert“ bezeichnen. Die Auflage von 1509 – nun mit dem Titel Collectanea adagiorum veterum – versah Schürer mit einem alphabetischen Index, in der Auflage von 1515 verbesserte er die griechischen Passagen. Zweifelsohne hatte er dafür die Adagiorum Chiliades von 1508 herangezogen.

Adagiorum Chiliades (1508–1536) Im Spätsommer 1506 verließ Erasmus Paris und ging nach Italien, um dort weitere griechische Werke zu studieren. Ende 1507 kam er in Venedig an und war Gast bei dem bekannten Drucker Aldo Manuzio, zu dem er bereits von Bologna aus Kontakt aufgenommen hatte. Im September 1508 erschien dann bei diesem eine enorm erweiterte Sprichwörtersammlung mit 3271 Einträgen (3260 Nummern, davon einige fehlerhaft) – unter einem neuen Titel: Adagiorum Chiliades Tres, Ac Centuriae Fere Totidem (Dreitausend Sprichwörter und fast ebenso viele hundert). Die Nummerierung begann bei jedem Tausend neu (je I–M), die letzten Hundert trugen die Nummern I–CCLX.

mini|Beispiel-Doppelseite der Ausgabe Basel 1536 1513 erschien auch von der Adagia eine nicht autorisierte Fassung, und zwar bei Johann Froben in Basel, der das Material für eine zweite Ausgabe von Franz Birckmann erhalten hatte. Nach seinem Besuch bei Froben ließ Erasmus alle folgenden Ausgaben in dessen Offizin drucken: 1515, 1517/1518, 1520, 1523, 1526, 1528, 1533 und 1536. Den größten Umfang an Erweiterungen wiesen jene von 1515, 1528 und 1533 auf: Zuerst stieg die Zahl der Adagien auf über 3400, während die beiden späteren Ausgaben um 123 bzw. 488 neue Sprichwörter erweitert wurden. Die letzte Edition von 1536 schloss mit Adagia V-ii-51 (4151) ab.

Neuerungen im Vergleich zur Collectanea

Seine kurze Einleitung der Collectanea erweiterte Erasmus für die Adagia zu ausführlichen Prolegomena. Darin definiert er den Begriff paroemia (Kap. I-iv), spricht Empfehlungen aus (Kap.v-x) und gibt Ratschläge für ihre Verwendung (Kap. xi-xii). Kap. xiii widmet sich dem Charakteristischen einer Parömie, Kap. xiv deren wünschenswerter Einleitung.

1515 waren die bedeutendsten Neuerungen die Ergänzungen zu den bereits aufgenommenen Sprichwörtern, die unterteilte Nummerierung jeder Chiliade (Tausender, I–IV) in Centurien (Hunderter, i–ix) sowie die Eröffnung jeder Centurie mit einem für Erasmus besonders wichtigen Adagium. Eine solch prominente Stellung nehmen beispielsweise die Proverben „Festina lente“ („Eile mit Weile“, Adagium II-i-1) und „Dulce bellum inexpertis“ („Süß scheint der Krieg den Unerfahrenen“, IV-i-1) ein. In ersterer rühmt er auf neun Seiten sowohl die Zügigkeit als auch die Bedachtsamkeit bei politischen Entscheidungen, veranschaulicht dies am „Symboltier“ Delfin und beklagt das häufige Fehlen dieser positiven Eigenschaften bei den meisten Fürsten. In einem Exkurs vergleicht er diesen Missstand mit der üblichen Ignoranz würdeloser Buchdrucker und hebt als leuchtende Ausnahme Aldus Manutius hervor. Für das 17 Seiten umfassende letztere Proverb, auch gerne übersetzt mit „Der Krieg ist ein Vergnügen für jene, die ihn nicht kennen“, beschäftigte er sich mit der Inhumanität des Krieges und den Segnungen den Friedens – und verfasste damit „die erste europäische Antikriegsschrift“.

Erasmus nutzte ein Sprichwort nun häufig lediglich als Ausgangspunkt für seine Ausführungen zu den gesellschaftlichen Sitten seiner Zeit. Dass er sich verstärkt mit zeitgenössischen sozialen, politischen und religiösen Fragen auseinandersetzte, wird auch auf seine Freundschaft mit Thomas Morus zurückgeführt. Zu diesen großen zeitkritischen Sprichwörtern gehört auch Adagium 201 (I-iii-1, trotz kleiner Nummer erstmals Froben, 1515): In „Aut regem aut fatuum nasci oportere.“ („Entweder zum König oder zum Narren muss man geboren sein.“) kommen diese beiden Gruppen leicht durchs Leben. Vernünftige und kluge Menschen dagegen würden durch Willkürherrschaft und Machtmissbrauch leiden. In der Ausgabe von 1533 bestimmten Bitterkeit und Resignation die Kommentare, auf der anderen Seite streute Erasmus aber auch humorvolle Anekdoten ein und sorgte so für Erheiterung.

Die Themen sind oft gebündelt, aber nicht konsequent, auch schon mal alphabetisch sortiert, obwohl Erasmus dies scheinbar zu vermeiden suchte.

Europäisches Kulturgut mini|hochkant|Ulrich Varnbüler: „Dulce bellum inexperto“ (deutsch), Basel 1519 Das Werk fand seit der ersten Ausgabe weite Verbreitung. Allein für das 16. Jahrhundert sind über 150 Titel bekannt, darunter separate Drucke der längeren Essays und deren Übersetzungen ins Französische, Deutsche, Englische und Niederländische. Johann Wolfgang von Goethe betrachtete die Sammlung als Sprichwortschatz, Friedrich Schiller ließ sich von ihr zu seiner Ballade Die Kraniche des Ibykus anregen. Vor allem für jene, die eine höhere Schulbildung genossen und Latein gelernt hatten, war die Adagia einst sowohl ein nützliches Nachschlagewerk als auch eine anregende Lektüre. Die Übersetzung in die verschiedenen Nationalsprachen machten sie zum allgemeinen europäischen Kulturgut – und für lange Zeit zum bekanntesten Werk des Humanisten.

Alle Adagien tragen lateinische Titel. In der Regel folgen die griechischen Quellen inklusive wörtlicher Übersetzung, dann die römischen Quellen und die jeweilige Interpretation des Verfassers.

Ausgaben (Auswahl) Collectanea 1500 Erstausgabe, Paris: Io. Philippus (Johann Philipp oder Johannes Philippi). 821 Einträge ohne Nummerierung. Digitalisat 1506/1507 Korrigierte und erweiterte Ausgabe, Paris: Ioannes Parvus & Jodocus Badius (Jean Petit und Josse Bade). 838 Einträge mit Nummerierung. Digitalisat 1509, 1510, 1512, 1513, 1515, 1517, 1518, 1519. Um einen Index ergänzte und in der Schreibweise korrigierte Nachdrucke, Straßburg: Matthias Schurerius (Mathias Schürer). Anzahl der Einträge wie 1506, jedoch ohne Nummerierung. Im Index Blattnummern (fol. Ir–LXIIIIr). Digitalisat 1 & Digitalisat 2

Adagia 1508 Erstausgabe, Venedig: Aldus (Aldo Manuzio). 3260 Einträge. Digitalisat 1513 Raubdruck, Basel: Io. Frobenius (Johann Froben). 3260 Einträge. Digitalisat 1515 Neue Unterteilung der Tausender in Hunderter, Basel: Io. Frobenius. 3400 numm. plus 11 unnummerierte Einträge. Digitalisat 1517/1518, 1520, 1523, 1526 Unveränderte Neuauflagen, Basel: Froben. Digitalisat 1528 Verbesserte und erweiterte Ausgabe, Basel: Io. Heruagius et Hier. Frobenius (Johann Herwagen und Hieronymus Froben). 3658 Einträge. Digitalisat 1533 Überarbeitete und erneut erweiterte Ausgabe, Basel: Hier. Frobenius et Nic. Episcopius (Hieronymus Froben und Niklaus Bischoff). 4146 Einträge. Digitalisat 1536 Letzte autorisierte Edition, wie 1533. Geringfügige Zusätze. 4151 Einträge. Digitalisat 1539/1540 „Omnia opera“, Band II, Basel: Offizin Froben

Moderne Ausgaben und Übersetzungen Die vollständigen bibliografischen Angaben sind der Literaturliste zu entnehmen. Auszüge aus der Gesamtausgabe des Johannes Clericus, Leiden 1703. Lateinisch – deutsch, hrsg. von Werner Welzig, Darmstadt 1972 & hrsg. von Anton Gail, Stuttgart 1983 Kommentierte Ausgaben der Collectanea, Paris 1500 sowie der Adagia, Basel 1536. Lateinisch, hrsg. von Felix Heinimann, M. L. van Poll-van de Lisdonk u. a., 9 Bände, Amsterdam 1981–2005 Übersetzung der Collectanea, Paris 1506/1507. Englisch, hrsg. von der University of Toronto, Toronto 2017 Übersetzung aller 4151 Adagien, Ausgabe Basel 1536. Lateinisch – deutsch, hrsg. von Claude-Eric Descœudres, Basel 2021

Literatur

Weblinks

Alphabetische Liste aller Adagien

Einzelnachweise

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