Als irische Mission bezeichnet man eine frühmittelalterliche Missionsbewegung, die von irischen Geistlichen ausging und im Frankenreich sowie in England Wirkung entfaltete. Vom späten 6. Jahrhundert an, beginnend mit der Gründung des Klosters Luxeuil in Burgund durch Kolumban um 593/96, bis in das 8. Jahrhundert hinein, als um 720 das irische Kloster Honau bei Straßburg entstand, lässt sich eine kontinuierliche Niederlassung irischer Mönche im Frankenreich nachweisen. Ihr Wirken stand im Zeichen der peregrinatio pro Christo, der „Fremdlingschaft um Christi willen“, in der der Auszug in die Fremde als Form asketischer Weltentsagung verstanden wurde. Zwar war diese peregrinatio von sich aus nicht mit dem Missionsgedanken verknüpft, dennoch kam es punktuell auch zu missionarischen Aktivitäten irischer Geistlicher. Die historische Bedeutung irischen Wirkens auf das frühmittelalterliche Europa wird in der jüngeren Forschung differenziert beurteilt. Während einerseits der Beitrag irischer Geistlicher zur monastischen Erneuerung und Bildung als unbestritten gilt, wird ihre unmittelbare missionarische Wirksamkeit außerhalb des Dunstkreises von Luxeuil, Iona und Lindisfarne als vergleichsweise gering eingeschätzt und blieb zumindest auf dem Kontinent deutlich hinter dem Umfang ihrer Präsenz zurück.

Auf dem Kontinent Beginnend mit der Gründung des Klosters Luxeuil in Burgund durch Columban von Luxeuil (um 593/96) und endend mit der Errichtung des Klosters Honau nahe Straßburg um 720 lässt sich im Frankenreich eine verstärkte Präsenz irischer Geistlicher nachweisen. Ihr Wirken vollzog sich unter dem Leitmotiv der peregrinatio pro Christo – einer asketisch motivierten „Fremdlingschaft um Christi willen“. Das religiöse Ideal sah im Verlassen der Heimat eine geistliche Praxis der Weltentsagung und war aus sich heraus nicht unmittelbar mit Missionstätigkeit verknüpft.Knut Schäferdiek: Irische Mission. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA), Bd. 15, Berlin/New York 2000, S. 491–93, hier: S. 491f.; ders.: Die irische Mission des siebten Jahrhunderts. Historisches Geschehen oder historiographische Legende . In: ders. Schwellenzeit, hrsg. v. Winrich A. Löhr; Hanns Christof Brennecke, Berlin u. a. 1996, S. 439–57, hier: S. 442. Kolumban selbst scheint den Missionsgedanken mehrfach verworfen zu haben.Kolumban, Epistula IV,5; (ed. George S.M. Walker: Sancti Columbani opera (= Scriptores Latini Hiberniae 2), Dublin 1957, 30,10–12; Ionas von Bobbio, Vita Columbani I,27 (ed. Bruno Krusch: Ionae Vitae Sanctorum Columbani, Vedastis, Iohannis (= MGH SS.rer.Germ. 37), Hannover/Leipzig 1905, 216,21–217,10). Quellen, die eine explizite missionarische Tätigkeit irischer Mönche auf dem Kontinent belegen, sind rar. Columbans Wirken im Raum Bregenz (611/12) bleibt aufgrund seines baldigen Rückzugs nach Italien folgenlos.Zum Wirken Kolumbans im rechtsrheinischen Raum insbes. Michael Richter: Der Aufenthalt des Hl. Columban im Bodenseeraum. In: Irische Mönche in Süddeutschland. Literarisches und kulturelles Wirken der Iren im Mittelalter, hrsg. v. Dorothea Walz; Jakobus Kaffanke, Heidelberg 2009, S. 131–42.

Columbans Schüler Gallus setzte keine missionarischen Impulse, sondern wählte die Einsiedelei als Lebensform. Im neustrischen Raum ist lediglich eine Missionstätigkeit des Iren Chillenus überliefert, der unter dem Bischof Burgundofaro von Meaux im Raum Arras gewirkt haben soll.Vita Faronis episcopi Meldensis 100 (ed. Bruno Krusch; Wilhelm Levison: Passiones vitaeque Sanctorum aevi Merovingici (= MGH SS.rer.Merov. 5), Hanover/Leipzig 1910, 188,27–28). Eine Sonderstellung nimmt Kilian ein, der gemeinsam mit Gefährten in Würzburg in Erscheinung trat, dort jedoch unter ungeklärten Umständen zu Tode kam. Die früheste Überlieferung zu seinem Wirken bildet – neben der schon erwähnten Nachricht von Kolumbans Auftreten in Bregenz – das einzige gesicherte Zeugnis für die Anwesenheit irischer peregrini im rechtsrheinischen Raum des 7. Jhs. Ob Kilians Wirken auch missionarischen Charakter besaß, bleibt offen. Nachhaltige Bedeutung entfaltete jedenfalls erst sein Martyrium durch die spätere Kultbildung.Knut Schäferdiek: Irische Mission. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA), Bd. 15, Berlin/New York 2000, S. 491–93, hier: S. 492. Eine in mehrfacher Hinsicht herausragende Ausnahmefigur unter den irischen peregrini stellt der hl. Virgil († 784) dar, der im 8. Jh. als Bischof von Salzburg eine systematisch organisierte Missionsarbeit in Karantanien verantwortete – allerdings in enger Verzahnung mit den fränkisch-baierischen Kirchenstrukturen. Seine missionarischen Aktivitäten gegenüber den slawischen Karantanen sind dabei nicht als Ausdruck individueller Initiative, sondern als amtlich bedingte Verpflichtung im Rahmen bischöflicher Jurisdiktion zu verstehen, eingebettet in den Kontext einer sich festigenden baierischen Hoheit über das karantanische Herrschaftsgebiet. Den Quellen zufolge trat Virgil dabei nicht selbst als Missionar in Erscheinung, sondern verfügte über einen eigens hierfür eingesetzten Stab von Missionspriestern.Conversio Bagoariorum et Carantanorum 5 (ed. Fritz Lošek: Die „Conversio Bagoariorum et Carantanorum“ und der Brief des Erzbischofs Theotmar von Salzburg (= MGH Studien und Texte 15), Hannover 1997, 106,1–108,12); Zur Karantanenmission unter Virgil vgl. insbes. Heinz Dopsch: Die Salzburger Slawenmission im 8./9. Jahrhundert und der Anteil der Iren. In: Irland und Europa. Die Kirche im Frühmittelalter, hrsg. v. Próinséas Ní Chatháin, Stuttgart 1984, S. 421–44; und Hedwig Wolfram: Salzburg – Bayern – Österreich. Die Conversio Bagoariorum et Carantanorum und die Quellen ihrer Zeit, Wien/München 1995. Die Auseinandersetzung zwischen Bonifatius und Virgil ist in der Forschung wiederholt in den größeren Kontext einer grundlegenden Feindschaft zwischen angelsächsischen und irischen Missionaren gestellt worden, mit der Tendenz die tatsächlichen historischen Verhältnisse zu überschätzen.Pádraig P. Ó Néill: Bonifaz und Virgil. Konflikt zweier Kulturen. In: Virgil von Salzburg. Missionar und Gelehrter, hrsg. v. Heinz Dopsch; Roswitha Juffing, Salzburg 1985, S. 76–83; Roy Flechner; Sven Meeder: Controversies and Ethnic Tensions. In: The Irish in Early Medieval Europe. Identity, Culture and Religion, hrsg. v. dens., London/New York 2016, S. 195–213. Die schon länger bekannte ganz eigenständige Rolle der von Kolumban angestoßenen klösterlichen Reformbewegung innerhalb des Frankenreichs wurde 2000 im Reallexikon der Germanischen Altertumskunde hervorgehoben.Knut Schäferdiek: Irische Mission. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA), Bd. 15, Berlin/New York 2000, S. 491–93, hier: S. 492.

Tatsächlich war es vor allem die iro-fränkische klösterliche ReformbewegungFriedrich Prinz: Frühes Mönchtum im Frankenreich, München/Oldenburg 1965, insbes. S. 121ff. – institutionalisiert in Luxeuil und dessen Ablegern –, die missionarisch in größerem Umfang wirksam wurde. Zum Themenkomplex der irischen Klostergründungen und ihrem Verhältnis zur Mission vgl. insbes. ders.: Die irische Mission des siebten Jahrhunderts. Historisches Geschehen oder historiographische Legende . In: ders. Schwellenzeit, hrsg. v. Winrich A. Löhr; Hanns Christof Brennecke, Berlin u. a. 1996, S. 439–57, hier: S. 443–45. Schon Eustasius († 629), Kolumbans Nachfolger in Luxeuil, leitete um 629 erste Missionsaktivitäten in Baiern ein.Ionas von Bobbio, Vita Columbani II,7 (ed. Bruno Krusch: Ionae Vitae Sanctorum Columbani, Vedastis, Iohannis (= MGH SS.rer.Germ. 37), Hannover/Leipzig 1905, 243,21–244,7). Der geographische Schwerpunkt dieser irofränkischen Missionstätigkeiten lag jedoch in Neustrien.

Insgesamt zeigt sich, dass die Bedeutung irischer Mönche als Missionare im kontinentalen Europa des 7. Jh. begrenzt war und in keinem Verhältnis zur monistischen Präsenz irischer Geistlicher im Frankenreich stand.

Sprachgeschichtsforschung Die Vorstellung von einer Beeinflussung der sogenannten süddeutschen Kirchensprache durch irische Missionare hatte zum Beispiel in den 1950er Jahren Anklang gefunden.Leo Weisgerber: Die Spuren der irischen Mission in der Entwicklung der deutschen Sprache. In: Rheinische Vierteljahrsblätter 17 (1952), S. 8–41. Gleichwohl wurde in den 1980er Jahren auf konzeptionelle Schwächen dieser Theorie hingewiesen.Ingrid Strasser: Irisches im Althochdeutschen? In: Die Iren und Europa im frühen Mittelalter, Tbd. 1, hrsg. v. Heinz Löwe, Stuttgart 1982, S. 399–422.

Der Versuch, spezifisch irischen Einfluss auf die Entwicklung des Althochdeutschen nachzuweisen, hat nur sehr spärliche Resultate erbracht. Sprachgeschichtlich lässt sich kaum mehr als das Lehnwort Glocke plausibel auf eine irische Herkunft zurückführen – und selbst hier erscheint eine vulgärlateinische Herkunft wahrscheinlicher.Knut Schäferdiek: Die irische Mission des siebten Jahrhunderts. Historisches Geschehen oder historiographische Legende . In: ders. Schwellenzeit, hrsg. v. Winrich A. Löhr; Hanns Christof Brennecke, Berlin u. a. 1996, S. 439–57, hier: S. 441f., 456; ders.: Irische Mission. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA), Bd. 15, Berlin/New York 2000, S. 491–93, hier: S. 493.

Kirchenhistorischer Diskurs Ab dem späten 19. Jh. kursierte die Auffassung, irische Mönche hätten in maßgeblicher Weise zur Christianisierung weiter Teile Mitteleuropas beigetragen. Ihnen wurde insbesondere ein bedeutender Einfluss auf die Missionierung in Alemannien, Baiern, Mainfranken sowie in Teilen Hessens und Thüringens im 7. Jh. zugeschrieben. Zwar wurde erkannt, dass das irische Selbstverständnis der Fremdlingschaft seinem Wesen nach nicht auf missionarische Bekehrung zielte, zugleich jedoch unterstellt, dass die irischen peregrini in ihrer Konfrontation mit den lokalen religiösen und sozialen Gegebenheiten eine faktisch missionarische Wirkung entfaltet hätten. Aus diesem Gedankengang heraus, wurde aus der bloßen Präsenz irischer Mönche oft unmittelbare auf missionarische Tätigkeiten geschlossen.Knut Schäferdiek: Irische Mission. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA), Bd. 15, Berlin/New York 2000, S. 491–93, hier: S. 492; ders.: Die irische Mission des siebten Jahrhunderts. Historisches Geschehen oder historiographische Legende . In: ders. Schwellenzeit, hrsg. v. Winrich A. Löhr; Hanns Christof Brennecke, Berlin u. a. 1996, S. 439–57, hier: S. 442, 448f. Diese Vorstellung ist bis heute in populären Deutungsmustern präsent und wird mitunter auch immer noch mit der Idee eines einheitlich christlichen Europas verknüpft. In der angelsächsischen Forschung findet dieser Interpretationsrahmen zudem bisweilen Anschluss an Deutungsansätze, die vom irischen Nationalbewusstsein mitgeprägt sind.Knut Schäferdiek: Irische Mission. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde (RGA), Bd. 15, Berlin/New York 2000, S. 491–93, hier: S. 492

In England und Irland