mini|Alfred Haverkamp, Foto von Werner Maleczek, 2002 Alfred Haverkamp (* 16. Mai 1937 in Holdorf; † 16. Mai 2021 in Trier) war ein deutscher Historiker mit Schwerpunkt in mittelalterlicher Geschichte.
Er lehrte von 1970 bis 2005 als ordentlicher Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Trier. Er trat mit grundlegenden Studien zur Sozial- und Verfassungsgeschichte Deutschlands und Italiens unter europäischer Perspektive hervor. Verdienste in der Fachwelt erwarb er sich auch mit seinen Arbeiten zur Geschichte der Juden im Mittelalter und der deutsch-jüdischen Aussöhnung.
Leben Haverkamp, Sohn eines Landwirts und Kaufmanns, wurde 1937 als drittes von insgesamt sieben Kindern im oldenburgischen Holdorf geboren. Von Ostern 1948 bis Ostern 1957 besuchte er das Gymnasium Antonianum in Vechta. Dort legte er 1956 das Abitur ab. Ab 1957 studierte er die Fächer Geschichte, Germanistik, Philosophie und Pädagogik an den Universitäten Münster, Würzburg und München. Seine Promotion erfolgte im Jahr 1964 in München mit einer von Karl Bosl angeregten und betreuten Arbeit über das Thema Die Regalien-, Schutz- und Steuerpolitik in Italien unter Friedrich Barbarossa bis zur Entstehung des Lombardenbundes.Teildruck der Dissertation veröffentlicht in: Alfred Haverkamp: Die Regalien-, Schutz- und Steuerpolitik in Italien unter Friedrich Barbarossa bis zur Entstehung des Lombardenbundes. In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 29, 1966, S. 3–156 (online). In den Jahren 1964 bis 1965 war er als Archivreferendar am Bayerischen Hauptstaatsarchiv München tätig. Von 1965 bis 1969 war er wissenschaftlicher Assistent von Friedrich Prinz an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. Dort schloss er seine Habilitation über das Thema Herrschaftsformen der Frühstaufer in Reichsitalien im Jahr 1969 ab.Vgl. dazu die Besprechungen von Friedrich Merzbacher in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germanistische Abteilung 90, 1973, S. 293–296; Jean-Yves Mariotte in: Bibliothèque de l'École des chartes 131, 1973, S. 636–642; Josefine Ertl in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 51, 1971, S. 684–686 (online); Peter Münz in: The American Historical Review 77, 1972, S. 766–768; Georg Miczka in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 60, 1973, S. 426–427; Wilhelm Störmer in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 34, 1971, S. 921–924 (online); Hans Martin Schaller in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 27, 1971, S. 611–612 (online); Gert Haendler in: Theologische Literaturzeitung 97, 1972, S. 377–380 (online).
Im Anschluss wurde Alfred Haverkamp 1970 als Universitätsprofessor für Mittelalterliche Geschichte an die neugegründete Universität Trier berufen, an der er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2005 tätig war. Rufe nach Berlin (1973), Frankfurt (1981) und Mainz (1996) lehnte er ab. In Trier war er vorläufiger Dekan des Fachbereichs (1971). Mit Franz Irsigler baute er Trier zu einem deutschlandweit anerkannten Zentrum für die mittelalterliche Geschichte aus. Im Jahr 1987 war er in Trier Mitbegründer des Sonderforschungsbereiches 235 „Zwischen Maas und Rhein: Beziehungen, Begegnungen und Konflikte in einem europäischen Kernraum von der Spätantike bis zum 19. Jahrhundert“ und von 1990 bis 1993 dessen Sprecher. Im Rahmen dieses Trierer Sonderforschungsbereichs wurde 1996 die Tagung Grundherrschaft – Kirche – Stadt abgehalten. Der Schwerpunkt der Tagung lag auf den kirchlichen Grundherrschaften zwischen Maas und Rhein im Hochmittelalter.Vgl. dazu die Besprechung von Sigrid Schmitt in: Rheinische Vierteljahrsblätter 64, 2000, S. 411–414 (online); Jean-Luc Fray in: Revue belge de philologie et d'histoire 78, 2000, S. 1027–1029. Von 1999 bis 2001 war er mit Frank G. Hirschmann Projektleiter des von der Volkswagenstiftung finanzierten Projektes „Die Champagne als innovative Region und die deutschen Lande im hohen Mittelalter“. Die Region wurde an den drei ausgewählten Themenschwerpunkten den Städten, dem jüdischen Leben und dem Kulturtransfer untersucht. Er war ab 1984 Mitglied des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte. Im Jahr 1987 begründete er die Gesellschaft zur Erforschung der Geschichte der Juden und war bis 2007 ihr Vorsitzender. Er suchte den Dialog mit jüdischen Gelehrten deutscher Herkunft in Israel, zu denen auch der ehemalige Breslauer Historiker Arye Maimon gehörte. Eine Freundschaft und Zusammenarbeit ergab sich auch mit Israel Yuval. Im Jahr 1988 nahm er eine Gastprofessur an der Hebräischen Universität Jerusalem wahr.
Haverkamp gründete 1996 das Institut für Geschichte der Juden, das seit 1998 Arye-Maimon-Institut für Geschichte der Juden (AMIGJ) heißt. 1994/95 war Haverkamp Forschungsstipendiat des Historischen Kollegs in München. Er befasste sich dabei mit dem Forschungsvorhaben „Zwischen Kontinent und Mittelmeer. Italien im Mittelalter“. Er war 2002 Mitbegründer des Sonderforschungsbereiches 600 „Fremdheit und Armut“ und leitete von 2002 bis 2008 das Teilprojekt „Christliche Gemeinschaften in ihrer Bedeutung für Armut, Fürsorge und Seelsorge im hohen und späten Mittelalter“ sowie das Teilprojekt „Christen und Juden. Inklusion und Exklusion angesichts religiöser Differenz in Gemeinden und weiteren Organisationsformen (9.–17. Jahrhundert)“. Als akademischer Lehrer betreute er mehr als fünfzig Dissertationen und fünf Habilitationen. Zu seinen akademischen Schülern gehörten unter anderem Gerold Bönnen, Michael Matheus, Lukas Clemens, Rudolf Holbach, Hans-Joachim Schmidt und Frank G. Hirschmann.Verzeichnis der von Alfred Haverkamp betreuten Dissertationen und mentorierten Habilitationsschriften.
Im Jahr 1995 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse für seine Erforschung der jüdischen Geschichte und sein Engagement für die deutsch-israelischen Beziehungen ausgezeichnet. Im Jahr 2002 bekam er den mit 25.000 Euro dotierten Akademiepreis des Landes Rheinland-Pfalz für Lehre und Forschung. Am 19. Juni 2011 wurde er für seine Verdienste um die Erforschung der Geschichte der Juden sowie um die deutsch-israelische Wissenschaftskooperation mit der Ehrendoktorwürde der Hebräischen Universität Jerusalem ausgezeichnet.
Er war ab 1961 verheiratet. Aus der Ehe ging die Tochter Eva Haverkamp-Rott hervor, die ebenfalls zur mittelalterlichen jüdischen Geschichte forscht.Lukas Clemens: Alfred Haverkamp (1937–2021). In: Historische Zeitschrift 314, 2022, S. 376–381, hier: S. 376. Er starb im Alter von 84 Jahren am Abend seines Geburtstages, am 16. Mai 2021 in Trier.Todesmeldung des Arye Maimon-Instituts.
Forschungsschwerpunkte Forschungsschwerpunkte Haverkamps waren die Verfassungs- und Sozialgeschichte, deutsche und italienische Geschichte im Mittelalter sowie die Geschichte der Juden im Mittelalter und der frühen Neuzeit. Er war Herausgeber der Bände 1, 2, 5, 6 und 8 der zehnten Auflage des Gebhardt. Handbuch der deutschen GeschichteGebhardt – Editionsplan (Stand Oktober 2017).; den ersten (gemeinsam mit Friedrich Prinz) und den fünften Band über das 12. Jahrhundert verfasste er selbst.Vgl. dazu die Besprechungen von Tobias Weller in: H-Soz-Kult, 20. Juni 2003 (online); Alois Gerlich in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Germanistische Abteilung 122, 2005, S. 499–503; Peter Dinzelbacher in: Mediaevistik 18, 2005, S. 301–303; Dieter Hägermann in: Historische Zeitschrift 280, 2005, S. 441–442.
Reichsitalien im Hoch- und Spätmittelalter Seine Arbeiten zu Reichsitalien im Hoch- und Spätmittelalter gehörten zu seinen frühen Forschungsschwerpunkten. Grundlegende Studien legte er zur Stadtgeschichte Mailands oder zu den oberitalienischen Städten in der Stauferzeit vor. Mit seiner Habilitation wollte er „die charakteristischen Herrschaftsformen der Frühstaufer in Reichsitalien“ aufzeigen.Alfred Haverkamp: Herrschaftsformen der Frühstaufer in Reichsitalien. Band 1, Stuttgart 1970/71, S. 7 und 102. Gemeinsam mit Horst Enzensberger gab er die Besprechung sämtlicher Neuerscheinungen zur Geschichte Italiens im Mittelalter von 1959 bis 1975 in einem Sonderheft der Historischen Zeitschrift heraus.Horst Enzensberger, Alfred Haverkamp: Italien im Mittelalter. Neuerscheinungen von 1959–1975. München 1980. Vgl. dazu die Besprechung von Reinhard Elze in: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 61, 1981, S. 407–408 (online).
Geschichte der Juden im Mittelalter Seite den siebziger Jahren galt sein besonderes Interesse der Geschichte der Juden im Mittelalter. Bereits 1977 veröffentlichte er den Aufsatz über den Schwarzen Tod und die Judenverfolgungen von 1348/1349.Alfred Haverkamp: Der Schwarze Tod und die Judenverfolgungen von 1348/1349 im Sozial- und Herrschaftsgefüge deutscher Städte. In: Trierer Beiträge. Fragen des älteren Jiddisch. Sonderheft 2, 1977, S. 78–86. Haverkamp gab 1999 mit Friedhelm Burgard und Gerd Mentgen die Ergebnisse einer Trierer Tagung von 1996 zu Judenvertreibungen in Mittelalter und früher Neuzeit heraus. Die Beiträge befassen sich mit den Motivationen, Erklärungsmustern, und Befindlichkeiten der Austreiber.Vgl. dazu die Besprechungen von Michael Toch in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 56, 2000, S. 730–731 (online); Michael Toch in: Historische Zeitschrift 272, 2001, S. 745–746. Nach sechzehnjähriger Forschungstätigkeit gab er 2002 ein kommentiertes Kartenwerk heraus. Darin wird die jüdische Siedlungsgeschichte von der Nordsee bis zu den Südalpen erstmals ausführlich vom frühen 11. Jahrhundert bis zum Jahre 1520 behandelt.Alfred Haverkamp: Geschichte der Juden im Mittelalter von der Nordsee bis zu den Südalpen. 3 Teile, Hannover 2002. Vgl. dazu die Besprechungen von Reinhold C. Mueller: Osservazioni su una recente pubblicazione riguardante la storia degli ebrei nel Medioevo. In: Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken 87, 2007, S. 380–384 (online); Edward Peters in: The Jewish Quarterly Review 97, 2007, S. 237–279; Thomas Meyer in: Jüdische Allgemeine Nr. 4 vom 29. Januar 2004, S. 13; Hans-Joachim Kann in: Kurtrierisches Jahrbuch 44, 2004, S. 285–291; Wolfram Drews in: Das Mittelalter 8, 2003, S. 198; Joseph Shatzmiller in: Le Moyen Age 110, 2004, S. 157–158; Benoît Bourgine in: Revue d’Histoire Ecclésiastique 100, 2005, S. 192–194; Diethard Aschoff in: Rheinische Vierteljahrsblätter 69, 2005, S. 334–338 (online); David Nirenberg in: Speculum 82, 2007, S. 196–197; Rita Schlautmann-Overmeyer in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 92, 2005, S. 84–86; Michael Tochin: Zion 69, 2004, S. 364–366; Friedrich Niewöhner: Erst kam der Pogrom, dann die Pest. Ein epochales Werk: Alfred Haverkamp hat die Geschichte der Juden im Mittelalter kartographiert. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5. Januar 2004, Nr. 3, S. 30; Sylvie Anne Goldberg in: Annales. Histoire, Sciences Sociales. 59, 2004, S. 198–200. Anlässlich der neunhundertsten Wiederkehr des Jahres der Pogrome im Gefolge des ersten Kreuzzugs organisierte er 1996 eine Frühjahrstagung für den Konstanzer Arbeitskreis zum Thema „Juden und Christen zur Zeit der Kreuzzüge“.Vgl. dazu die Besprechungen von James Brundage in: The Catholic Historical Review 86, 2000, S. 495–497; Daniel F. Callahan in: The Journal of Ecclesiastical History 52, 2001, S. 338–396; Johannes Heil in: Historische Zeitschrift 271, 2000, S. 171–173.
Haverkamp leitete gemeinsam mit Lukas Clemens das mit einer Laufzeit von 2006 bis 2019 durch die Akademie der Wissenschaften und der Literatur zu Mainz geförderte Projekt „Corpus der Quellen zur Geschichte der Juden im spätmittelalterlichen Reich“. Er war Herausgeber der Reihen Monographien zur mittelalterlichen Geschichte und Forschungen zur Geschichte der Juden sowie Mitherausgeber der Trierer Historischen Forschungen.
Studien zur staufischen Geschichte