Die Liste der Marineattachés des Deutschen Reiches bietet eine Übersicht über die Träger des Tätigkeitsbereiches deutscher Marineattachés und zum Teil ausgewählter Hilfskräfte an deren Seite in der Zeit Preußens, der Weimarer Republik und des Deutschen Reiches von den Anfängen des beständigen Einsatzes von Marineattachés bis 1945. Etwa ab 1872 reifte der Gedanke in den militärischen Führungskreisen, unterstützt durch Reichskanzler Otto von Bismarck, dass es nicht ausreicht nur Militärattachés für die Belange des Heeres an den Botschaften/Gesandtschaften im Ausland einzusetzen. Dominierend war dabei das von Admiral Alfred von Tirpitz verfolgte Ziel, stets als einer der Ersten über wichtige politische, militärische und strategische Entwicklungen, die Marine betreffend, informiert zu sein. Walter Riccius, Die Institution der Marineattachés. Deutsche Marineattachés von Beginn bis 1945, Dr. Köster Verlag Berlin 2023, S. 12ff. Die Bezeichnung dieser militärischen Einsatzkräfte variierte Anfangs zwischen militärischer Attaché für Marinebelange, Militärbevollmächtigter, Militär-politischer Beobachter, Marinebevollmächtigter, Marineattaché und Weitere. Da in den ersten Jahren ihres Einsatzes auch häufig eine doppelte Beauftragung sowohl für Heeresfragen als auch Marineangelegenheiten erfolgte, war die Zuständigkeit und damit auch der Informationsfluss nicht immer eindeutig zuzuordnen. Diese Situation barg die Gefahr, dass sich das Marineamt mit seinen Attachés in einer nachgeordneten Rolle befand. Deshalb bestimmte König Friedrich III. (1831-1888) die einheitliche Benennung dieser Einsatzoffiziere als Marineattaché. Klaus-Volker Giessler, Die Institution der Marineattachés im Kaiserreich, Boldt Verlag, Boppard am Rhein 1976, S. 34f. Das Koordinationsbüro befand sich im Gebäude des Reichsmarineamtes, in Berlin Königin-Augusta-Straße 38-42.
mini|Sitz des Reichsmarineamts in Berlin am Landwehrkanal, 1914: Königin-Augusta-Straße 38-42, ab 1933: Tirpitzufer
Beschreibung Die zunehmende politische Bedeutung der kaiserlichen Kolonialpolitik und die rasante Entwicklung der überseeischen Handelsbeziehungen Preußens bildeten wichtige Ausgangspunkte, um zukünftig auch in der Marinepolitik mehr Eigenständigkeit sowohl in den Militär-strategischen Fragen als auch der logistischen Beweglichkeit verfügbar zu haben. Vor allem nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 bei dem erste Erfahrungen durch Militärbevollmächtigte mit Aufklärungsaufgaben im maritimen Sektor gesammelt wurden, kam 1872 ein ausschließlich auf Marineschwerpunkte ausgerichteter Attaché in den USA zum Einsatz. Die späteren Einsatzländer waren Großbritannien, die Nordischen Reiche (mit Dänemark, Finnland, Norwegen, Russland, Schweden) und Italien. Die zunehmende technische Entwicklung als auch die Initiativen im Bereich der „Gegnererkundung“, vor allem ausgehend von Frankreich und Russland, führten um 1890 dazu, dass von deutscher Seite und oft einvernehmlich mit der Gegenseite, Marineattachés zu einer beständigen Institution wurden. Das war genau auch der Zeitpunkt an dem die deutsche Flottenpolitik, vorangetrieben von dem Dezernenten im Oberkommando der Marine Alfred von Tirpitz (1849-1930), einen eigenständigen Charakter erhielt. Erst kurz vor der Jahrhundertwende kamen der asiatische Raum mit Japan, Spanien mit seinen Kolonien und 1902 Rumänien mit eigenständigen Marineattachés dazu.
Ihre Doppelrolle bestand von Beginn an darin, einerseits dem diplomatischen Personal angehörend, Teil der deutschen Außenpolitik zu sein und andererseits als Militärperson, die militär-strategische Entwicklung zu unterstützen. Die Einrichtung als beständige Institution der Marineattachés erfolgte parallel zur Bildung eines eigenständigen Nachrichtenbüros beim Reichsmarineamt, nicht im Admiralstab.
Liste und Länderzuordnung Die Liste ist nach den Staaten geordnet, für die die Marineattachés notifiziert waren. Dort, wo die An- und Abreisedaten eine Überschneidung aufwiesen, wurde das Datum der offiziellen Amtsübernahme bzw. der Übergabe an den Nachfolger im Zielland benutzt.
ABC – Staaten Der Einsatz eines deutschen Marineattachès bezog sich bei den ABC-Staaten auf Argentinien, Brasilien, Chile, jeweils bis zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen oder des Endes der Laufzeit. Außerdem galt der Einsatz zeitweilig auch für Uruguay und später für Paraguay mit.
Der Geschäftssitz war in Buenos Aires.
Argentinien 13. April 1914 bis 4. März 1920: K.Kapt./F.Kapt. August MollerHans Hildebrand, Formationsgeschichte und Stellenbesetzung der kaiserlichen Marine, Band 2, Biblio Verlag Osnabrück, 2000, S. 28. Als Marineattaché war Moller zuständig für Argentinien, Brasilien, Uruguay und Chile. Nach einer ereignisreichen Zeit im Ersten Weltkrieg blieb er nach 1920 als einflussreiches Mitglied der deutschen Kolonie in Buenos Aires.Ronald C. Newton: German Buenos Aires, 1900–1933. Social Change and Cultural Crisis. University of Texas Press, Austin u. London 1977, ISBN 0-292-72714-3, S. 30, 111 f. 1. Dezember 1936 Einsatzbeginn, offizielle Übernahme vom 1. Oktober 1937 bis 26. Januar 1943: F.Kapt. Dietrich Niebuhr Als Marineattaché war Niebuhr zuständig für Argentinien, Brasilien, Uruguay und Paraguay. Ab 1937 kam auch noch Chile als Verantwortungsbereich dazu. Er wurde 1941 aus Argentinien ausgewiesen. Vermutlich führte Niebuhr von Brasilien aus die Geschäfte weiter und erhielt 1943 noch die Leitung der lokalen Abwehr. Am 8. Mai 1943 kam er in Kriegsgefangenschaft.
Brasilien
13. April 1914 bis Februar 1917: K.Kapt. August Moller
Zum Februar 1917 wurden die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland kriegsbedingt abgebrochen.
1. Dezember 1936 bis 22. August 1942: F.Kapt./Kapt.z.See Dietrich Niebuhr
Niebuhr war außerdem zuständig für Argentinien, Chile (ab 1937), Paraguay und Uruguay.
Chile 13. April 1914 bis 31. März 1920: K.Kapt./F.Kapt. August Moller Ende März 1920 erfolgte die Aufhebung der Stelle für Chile. 24. September 1937 bis 26. Januar 1943: F.Kapt./Kapt.z.See Dietrich Niebuhr Niebuhr war außerdem zuständig für Argentinien, Paraguay und Uruguay.
Nordisches Reich Der Militärbevollmächtigte bzw. später der Marineattaché für die nordischen Reiche war zuständig für Dänemark, Norwegen, Russland (bis 31. August 1914) und für Schweden. Mit Bildung des finnischen Staates wurde zwischen Deutschland und Finnland auch der Einsatz eines Marineattachés ab 1919 vereinbart. Seinen Sitz hatte der Marineattaché in Sankt Petersburg und ab 31. Juli 1914 in Stockholm. Während des Ersten Weltkrieges führte er die Bezeichnung Marineattaché für Kristiania (Norwegen) und Marineattaché für Kopenhagen (Dänemark). Am 11. April 1918 wurde die Stelle des Beauftragten für die Nordischen Reiches aufgehoben, ab da an führte er die Bezeichnung Marineattaché Stockholm und ab 28. Oktober 1919 wieder die Bezeichnung Marineattaché Nordisches Reich. Am 31. März 1920 wurden die Attachéstellen für den Bereich des Nordischen Reiches einseitig durch Deutschland aufgehoben.
Marinebevollmächtigter: 5. April 1886 bis 1. Juni 1888: Kapt.z.See Rudolf von Rössing,Klaus-Volker Giessler, Die Institution der Marineattachés im Kaiserreich, Boldt Verlag, Boppard am Rhein 1976, S. 312. zugleich Verantwortung für Russland.
Marineattaché: 1. Juni 1888 bis 3. Februar 1891: Kaptltn. Wulf von Plessen (1854–1924), späterer Marineattaché Italiens und Dänemarks. 1. Januar 1892 bis 20. September 1898: Kaptltn./K.Kapt. Eugen Kalau vom Hofe 1. Oktober 1898 bis 14. Juni 1903: K.Kapt./Kapt.z.See Malte von Schimmelmann 15. Juni 1903 bis 9. September 1908: K.Kapt./Kapt.z.See Paul von Hintze 1. Oktober 1908 bis 30. September 1912: K.Kapt./Kapt.z.See Walter Freiherr von Keyserlingk 1. Oktober 1912 bis 24. April 1913: K.Kapt. Carl Fürst zu Ysenburg und Büdingen 25. April 1913 bis 30. Juli 1914: Kapt.z.See Reinhold von Fischer-Loßainen
Der Abbruch der Beziehungen zwischen Deutschland und Russland erfolgte mit dem Zeitpunkt der Kriegserklärung. Von da an war der Marineattaché nur noch für Dänemark, Norwegen und Schweden verantwortlich. Die Kompetenz für Norwegen musste er dann im Oktober 1915, die für Dänemark im April 1918 aufgeben. Die Zuständigkeit für Schweden behielt er indessen bis zum 11. Januar 1919.
Marineattaché für die nordischen Reiche: 5. April 1919 bis 31. März 1920: K.Kapt./F.Kapt. Alexander von Senarclens-Grancy, vormals ab Februar 1919 nur Marineattaché Schweden. Der Einsatz war für den skandinavischen Raum bestimmt. Am 24. August 1919 wurde er als Marineattaché für die Nordischen Reiche, mit Zuständigkeit auch für Dänemark notifiziert. Im März 1920 wurde die Stelle durch das Auswärtige Amt zurückgezogen.
Russland Marineattaché des russischen Reiches war: 1869 bis 1886: Oberst Bernhard von Werder, wechselte in das Amt des deutschen Botschafters am russischen Zarenhof bis 1901. kommissarisch und 2. Attaché 1885 bis 1894: Maximilian Graf Yorck von Wartenburg 5. April 1886 bis 1. Juni 1888 (als Marinebevollmächtigter): Kapt.z. See Rudolf von Rössing, zugleich Verantwortung für Nordisches Reich. Seinen Hauptsitz hatte er in St. Petersburg.
Ab 6. April 1886 wurde die Stelle des Marineattachés für Russland durch den Marineattaché für das Nordische Reich wahrgenommen. Zusätzlich kam für die Kontrolle des Seebereiches im Bereich des Schwarzen Meeres ab 1899 Kurt Hentschel von Gilgenheimb (1877–1918) am deutschen Konsulat in Odessa zum Einsatz. Nach seiner Ablösung 1908 verblieb Paul von Hintze als Militärbevollmächtigter weiter in St. Petersburg.
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August wurde die Attachéstelle im Russischen Reich hinfällig. Der Einsatzort der Marineattachés wurde nach Stockholm verlegt.
Das Zarenreich hörte 1917 auf zu bestehen. Für den Zeitraum nach 1917 siehe Militärattachés in der Sowjetunion und Liste der Marineattachés in der Sowjetunion.
Dänemark Ab 5. April 1886 wurden die Aufgaben des Marineattachés für Dänemark durch den Marineattaché des Nordischen Reiches wahrgenommen. Während des Ersten Weltkrieges war in Kopenhagen ein eigener Marineattaché ernannt worden.
Marineattachés:
ab Mai 1918: Oberleutnant zur See Joachim von Lyncker (* 1889) in Kopenhagen zuständig. Er war als Hilfsarbeiter des Marineattachés Reinhold von Fischer-Loszainen in Stockholm angemeldet. ab April 1919: K.Kapt. Alexander von Senarclens-Grancy, zuständig für Dänemark und zugleich Marineattaché für die nordischen Reiche. Ab 13. Juli 1915 war der Marineattaché Niederlande, Kaptl. Erich von Müller, Leiter der Zweigstelle des Marineattachés für die Nordischen Reiche in Kopenhagen.
Im März 1920 wurde die Stelle durch das Auswärtige Amt offiziell, ohne Einwilligung der militärischen Seite zurückgezogen. Einsatz nach 1920: Kaptltn. der Seewehr Wilhelm Bartling (* 1871). Sein Einsatz wurde zur Abdeckung als „Bevollmächtigter des Admiralstabes der Marine für Dänemark“ deklariert.
27. September 1933 bis 10. Oktober 1939: F.Kapt. Werner Steffan mit Sitz in Stockholm, zugleich Marineattaché für Norwegen und Schweden, anschließend nur noch Marineattaché Schweden. 11. Oktober 1939 bis 10. Januar 1943: Kapt.z.See Hans Henning An der Übergabe der Kapitulationsaufforderung an die dänische Regierung im Rahmen der deutschen Besetzung des Landes am 9. März 1940 nahm die frühere Militärattaché Kurt Himer (1888–1942) teil. Nach der deutschen Besetzung Dänemarks wurde die Stelle das amtierenden Marineattachés je hälftig dem Stab der Besatzungsstreitkräfte und dem Stab des Reichsbevollmächtigten für das besetzte Dänemark unter Cécil von Renthe-Fink zugeteilt. Ohne über eine Notifizierung von dänischer Seite zu verfügen, war er der Hauptabteilung II des Besatzerstabes zugeteilt. Sein Vorgesetzter war hier SS-Oberführer Paul Kanstein. Erich Thomsen, Deutsche Besatzungspolitik in Dänemark 1940–1945, Bertelsmann Universitätsverlag Hamburg 1871, S. 11ff.
Norwegen