mini|hochkant=1.7|Satellitenbild der Region, links die Insel Korfu Epirus ( ; ; ; lateinisch Ēpīrus) ist eine historisch-geographische Region im Südwesten der Balkanhalbinsel. Sie erstreckt sich entlang der Küste des Ionischen Meeres vom Ambrakischen Golf im Süden bis zum Ceraunischen Gebirge bei Himara und Oricum im Norden. Das Gebiet gehört heute teils zu Griechenland, teils zu Albanien. Im Allgemeinen wird heute nur mehr der Südteil als Epirus bezeichnet. Er bildet dort die gleichnamige griechische Region.

In Epirus liegt Dodona, das in der Antike nach Delphi die bedeutendste Orakelstätte Griechenlands war.

Geographie hochkant=1.3|mini|Pindos-Gebirge mini|hochkant|Im Tal des Acheron

Während die Südgrenze von Epirus durch den Golf von Ambrakia klar markiert ist und das Pindosgebirge im Osten eine natürliche Barriere zu Thessalien und Makedonien bildet, ist die Nordgrenze in der Antike vor allem im Landesinneren nicht klar auszumachen. Epirus ist von zahlreichen Gebirgszügen und tief eingeschnittenen Tälern geprägt. Nur am Ambrakischen Golf, um den Pamvotida-See und am Butrintsee gibt es größere Ebenen. Die epirotischen Flüsse entspringen alle im Pindosgebirge; der Arachthos, der Acheron, der Louros und der Thyamis (Kalamas) münden ins Ionische Meer. Der Aoos fließt nach Nordwesten in die Adria. Von Norden nach Süden gliederte sich Epirus in die küstennahen Teilregionen Chaonia, Cestrine und Thesprotia. Im Inneren schlossen sich die Molossis und im Nordosten das Gebiet der Antintaner an. In der Antike und im Mittelalter war die Region noch waldreicher als heute, wiewohl besonders der griechische Teil auch gegenwärtig noch viel Wald besitzt.

Im späten Mittelalter wurde die Ausdehnung der Landschaft Epirus mit der des 1204 entstandenen Despotats gleichgesetzt. Dieses Fürstentum umfasste im 13. Jahrhundert auch weite Teile Mittelalbaniens und reichte im Süden über Arkananien bis an den Golf von Korinth.

Im äußersten Nordosten von Epirus liegen am Oberlauf des Devoll die Ebenen von Bilisht und Korça. Diese werden erst seit dem 19. Jahrhundert zu Epirus gerechnet, und dies auch nur aus der griechischen Sicht. In der Antike war diese Region illyrisches Siedlungsgebiet und am ehesten öffnet sich das von Bergen umschlossene Gebiet noch in Richtung Ohrid- und Prespasee, also zu den makedonischen Landschaften Lynkestis und Orestis. In der mittelalterlichen Kirchenorganisation unterstand die Region dem Erzbistum Ohrid. Die Osmanen ließen die Ebene von Korça ebenfalls von Makedonien aus verwalten; das Gebiet gehörte zum Vilayet von Monastir. Als es im 19. Jahrhundert um die Aufteilung der europäischen Türkei ging, beanspruchte Griechenland Korça als Teil von Epirus für sich.

Geschichte Urgeschichte Nur durch Ähnlichkeiten mit datierten Industrien anderer Großräume lassen sich wenige Artefakte dem Mittelpaläolithikum zuweisen, wie etwa Kokkinopilos das Eigenschaften des Moustérien aufweist, dazu einen Faustkeil, der auf 150.000 bis 200.000 Jahre datiert wurde.James Wiseman, Kōnstantinos Zachos (Hrsg.): Landscape Archaeology in Southern Epirus, Greece, Bd. 1, American School of Classical Studies Athens, 2003, S. 103.

Lager von Jägergruppen lassen sich ab etwa 16.000 v. Chr., als das Klima milder und trockener wurde, auch in höheren Regionen von Epirus belegen. Im Sommer zogen diese ins Pindos-Gebirge, das für die Tierherden attraktiver wurde, da die Ebenen zunehmend verwaldeten. Die Klithi-Höhle in Nord-Epirus bei Konitsa wurde von diesen späteiszeitlichen Jägern in der warmen Jahreszeit für mehrere Monate aufgesucht. Dies geschah zwischen 16.500 und 13.000 BP.John Bintliff: The Complete Archaeology of Greece. From Hunter-Gatherers to the 20th Century A.D. John Wiley & Sons, 2012, S. 40 f. 99 % der Knochen, die sich in der Höhle fanden, stammen von Ziegen und Gämsen. Während in den Ebenen und Tälern die pflanzliche Nahrung erhebliche Bedeutung hatte, spielte sie im Gebirge kaum eine Rolle. Im Gegensatz zu Klithi kam es an der Fundstätte bei Kastritsa wohl zum Zusammentreffen zahlreicher Jägergruppen. Die dritte wichtige Fundstätte in Epirus, Asprochaliko, stellt die älteste Fundstätte dieser Jagdgruppen dar (26.000 BP).Zum Forschungsprojekt um die Klithi-Höhle vgl. das umfassende Werk Geoffrey N. Bailey (Hrsg.): Klithi. Palaeolithic Settlement and Quaternary Landscapes in Northwest Greece, 2 Bde., Cambridge 1997.

Antike Epirus am Rand der griechischen Staatenwelt Aus der späten Bronzezeit sind verstreut in ganz Epirus recht zahlreiche Funde bekannt geworden, die auf eine dichtere Besiedlung des Landes zeitgleich mit dem Beginn der Mykenischen Kultur im zentralen Griechenland schließen lassen. Mykenische Keramik und einzelne Metallfunde dieser Kultur zeigen, dass die Bewohner von Epirus in jener frühen Epoche (nach 1600 v. Chr.) Beziehungen zu den mykenischen Griechen hatten. Wer aber diese Epiroten der späten Bronzezeit waren, liegt im Dunkeln. Ebenso wenig weiß man, was in Epirus nach dem Ende der mykenischen Palastzeit im südlichen und zentralen Griechenland (ab ca. 1200 v. Chr.) geschah.

Zunächst noch spärliche Informationen über Epirus sind seit der Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr. überliefert. In dieser Zeit ist Dodona als Kultstätte im Gebiet der Thesproter belegt, ob neu- oder wiedereingerichtet vermochte die archäologische Forschung noch nicht zu klären. Etwa zur selben Zeit, jedenfalls vor 700 v. Chr., gründeten die Elier einige Kolonien im Mündungsgebiet des Acheron: Pandosia, Elaia, Bouchetion und Elatreia. Damit kamen der südliche Epirus und besonders die Thesproter in engeren Kontakt mit den Griechen. Nach 650 v. Chr. kam an der Mündung des Arachthos die korinthische Kolonie Ambrakia hinzu. Sie war der wichtigste Platz für den Handel der Griechen mit Epirus.

Die Epiroten siedelten in kleinen offenen Dörfern; Städte gab es abgesehen von den wenigen griechischen Kolonien nicht. Insgesamt teilten sich drei große Stammesverbände Epirus: die Chaonier im Norden, die Thesproter im Süden und die Molosser im Landesinneren. Jeder von ihnen gliederte sich wiederum in mehrere Teilstämme. Chaonier, Thesproter und Molosser bildeten in jener Zeit autonome Verbände, zwischen denen es keine engeren politischen Beziehungen gab. Während bei den ersten beiden das Königtum schon abgeschafft war und die Macht bei den Stammesversammlungen lag, hatten die Molosser noch Könige, die im Krieg den Oberbefehl über das Heer hatten. Die Chaonier dagegen wählten dafür zwei Vorsteher (πρόστατοι) aus dem Adel. Die tribale Organisation des Landes blieb bis in die hellenistische Zeit bestehen.Nach antiken Schriftstellern soll es mehr als ein Dutzend Stämme in Epiros gegeben haben. Strabon nennt 11 davon namentlich. Strabon, Geographica VII,7,7-8

Die ethnische Zugehörigkeit der epirotischen Stämme ist unsicher. Einerseits weisen ihre gesellschaftliche Organisation und ihre materielle Kultur Übereinstimmungen mit denen der nördlich benachbarten Illyrer auf,Pierre Cabanes (Hrsg.): L’Illyrie méridionale et l’Épire dans l’antiquité. Band 1: Actes du colloque international de Clermont-Ferrand (22–25 octobre 1984). ADOSA, Clermont-Ferrand 1987, ISBN 2-86639-011-3. andererseits ist Epirus von den Griechen in ihren Mythen- und Sagenkreis integriert worden. So soll das Königreich Epirus vom trojanischen Prinzen Helenos gegründet worden sein, der wie der Vorvater Roms, Aeneas, den Fall Trojas überlebt hatte. Das molossische Königshaus der Aiakiden führte seine Abstammung auf den homerischen Helden Achilles bzw. dessen Sohn Pyrrhos zurück.Velleius Paterculus: Historia Romana I,1. Mindestens seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. wurde in Epirus griechisch geschrieben, wie in Dodona aufgefundene Inschriftentäfelchen ausweisen. Gleichwohl galten die Epiroten den Griechen noch im 5. Jahrhundert nicht als ihresgleichen. Sie durften nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen und als Perikles 448 v. Chr. alle Griechen zu einem panhellenischen Kongress nach Athen einlud, galt Ambrakia als äußerster griechischer Außenposten im Nordwesten.Hans Beck: Polis und Koinon. Untersuchungen zur Geschichte und Struktur der griechischen Bundesstaaten im 4. Jahrhundert v. Chr. (= Historia. Einzelschriften. Bd. 114). Steiner, Stuttgart 1997, ISBN 3-515-07117-2, S. 135 (Zugleich: Erlangen-Nürnberg, Univ., Diss., 1997). Im Laufe des 4. Jahrhunderts v. Chr. dürfte Epirus dann sprachlich wie kulturell weitgehend hellenisiert worden sein.

429 v. Chr. waren Chaonier, Thesproter und Molosser mit den Spartanern verbündet und beteiligten sich auf dem westlichen Kriegsschauplatz des Peloponnesischen Krieges am Angriff auf Amphilochia und Akarnanien. Zu dieser Zeit waren die Chaonier die führende Macht unter den Epiroten. Im späten 5. Jahrhundert v. Chr. drangen die Molosser in die Ebene von Hellopiabeim heutigen Ioannina. vor; sie übernahmen auch die Herrschaft über die Orakelstätte von Dodona, die bis dahin den Thesprotern gehört hatte. Damit begann der Aufstieg der Molosser zum mächtigsten Stamm in Epirus. Dies ging mit einer außenpolitischen Neuorientierung einher. Die Molosser verbündeten sich mit Athen. Ihr König Tharyps hatte seine Jugend in der Stadt verbracht und war schließlich mit dem athenischen Bürgerrecht geehrt worden.Thuk II, 80–81. 385 v. Chr. folgte Alketas seinem Vater als König nach. Unter seiner Führung traten die Molosser dem zweiten attischen Seebund bei, wodurch sich die Beziehungen Epirus zur griechischen Staatenwelt deutlich intensivierten.

mini|hochkant=1.3|Epirus in der Antike (nach Heinrich Kiepert 1902) Die engere Bindung an das griechische Kerngebiet scheint sich auch kulturell und wirtschaftlich ausgewirkt zu haben: Im 4. Jahrhundert v. Chr. ist die Urbanisierung der epirotischen Landschaften zu beobachten. Durch den Ausbau bestehender Siedlungen oder die Zusammenlegung von mehreren Dörfern wurden eine Reihe von Städten begründet (z. B. Kassope und Orraon in Thesprotia, der molossische Hauptort Passaron oder Phoinike bei den Chaoniern). Diese Poleis wurden aber nicht autonom, sondern blieben Teil der Stammesbünde, in deren Gebiet sie lagen.

Mit den Molossern als Kern bildete sich im 4. Jahrhundert v. Chr. ein Koinon epirotischer Stämme heraus. Es gab eine Bundesversammlung, in der jährlich einer der Stämme den Vorsitz führte. Sie war das maßgebliche Organ in allen innenpolitischen Fragen und sie wählte auch einige gemeinsame Bundesbeamte. Daneben standen die molossischen Könige aus der Aiakidendynastie, die das Heer der Epiroten führten und auch die Außenpolitik maßgeblich bestimmten. Jährlich musste der König am Zeusaltar von Passaron einen Eid leisten, die Gesetze und Vereinbarungen des Bundes zu achten.

Mitte des 4. Jahrhunderts kam es in Epirus zu zahlreichen Machtkämpfen, die das Land schwächten, Einfälle der Illyrer begünstigten und die Epiroten in Abhängigkeit von Makedonien geraten ließen. Schon 357 v. Chr. hatte Philipp II. die molossische Königstochter Olympias geheiratet. Der makedonische König marschierte 352/50 v. Chr. in Epirus ein, um in innere Auseinandersetzungen der Aiakiden einzugreifen. Philipp protegierte Olympias’ jüngeren Bruder Alexander. Dieser lebte seit 353 v. Chr. am makedonischen Hof in Pella. 343/42 v. Chr. hat Philipp den molossischen König Arybbas vertrieben und seinen Schwager an dessen Stelle gesetzt.