Arbeiter-Sexualität ist ein in Deutschland von Gunter Schmidt und Volkmar Sigusch Anfang der 1970er-Jahre in die Soziologie und Sexualforschung eingeführter Begriff und steht für eine von der Bürgerlichkeit abgrenzbar wahrgenommene Sexualität von Arbeitern. Geschichtlich ist der Diskurs der Arbeiter-Sexualität einzuordnen in die Diskussionen um die Sexualität der sogenannten unteren Schichten.So sprechen beispielsweise die Sexualforscher Gunter Schmidt und Volkmar Sigusch in ihrer Untersuchung zur Arbeiter-Sexualtität von 1972 undifferenziert von Arbeiter-Sexualität und Unterschichten-Sexualität.
Diskurse zur Arbeiter-Sexualität Jahrhundertwende: Eugenik und Rassenhygiene Der Ökonom Thomas Robert Malthus (1766–1834) sah in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Unterschichten als ungezügelt triebhaft an und forderte ein Verhungernlassen der unteren Schichten, wenn diese sich der „triebhaften Vermehrung“ nicht enthalten wollen oder können.Bettina Rainer: , S. 68, Kap.3 Der Neo-Malthusianismus, also die Eugenik und der rassenhygienische Ansatz der Jahrhundertwende, übernimmt diese Stereotypisierung der Sexualität der unteren Bevölkerungsschichten. Bettina Rainer fasst dies folgendermaßen zusammen: Die Rassenhygieniker begründeten ihre Forderung nach einer an eugenischen Prinzipien ausgerichteten Geburtenpolitik insbesondere mit dem angeblich unterschiedlichen Vermehrungsverhalten von „Höher-“ und „Minderwertigen“: Während die strebsamen, tüchtigen und vernünftigen Menschen ihre Kinderzahl beschränkten, zeichneten sich die als rassenbiologisch „minderwertig“ eingestuften Menschen unterer sozialer Schichten durch ihre „ungezügelte Triebhaftigkeit“ und entsprechende „Überfruchtbarkeit“ aus. Als Folge dieser „differentiellen Fruchtbarkeitsraten“ malten die Rassenhygieniker das geradezu apokalyptische Bild einer allgemeinen „Rassendegeneration“ an die Wand.Bettina Rainer: , S. 233, Kap.3 Der 'III. Internationale Eugenik-Kongress' war geprägt durch die Massenarbeitslosigkeit der Weltwirtschaftskrise und viele Eugeniker forderten laut die Sterilisation von Arbeitslosen. Obschon dieser Gedanke einer Massensterilisation als Antwort auf Massenarbeitslosigkeit nicht umgesetzt wurde, weil offensichtlich wurde, dass die Arbeitslosigkeit jeden treffen könneBettina Rainer: , S. 237–238, Kap.3, stieg die Zahl der Sterilisationen von Arbeitslosen mit Beginn der Weltwirtschaftskrise stark an.https://www.uvm.edu/~lkaelber/eugenics/CA/CA.html
1930er Jahre: Sexpol und die Sexualunterdrückungsthese Der Sexualforscher und Psychoanalytiker Wilhelm Reich (1897–1957) begann zum Ende der 1920er Jahre mit sexualökonomischen Untersuchungen, die zwischen Arbeitern und Bürgern differenzierten. Er gründete die Sexpol-BewegungMarc Rackelmann: , 1994, S. 56–93 (Abkürzung für Sexualpolitik), eine politische Bewegung, die anfänglich mit dem „Deutschen Reichsverband für proletarische Sexualpolitik“ der KPD, identisch war. Die Bewegung richtete vor allem für Arbeiter sexualökonomische Beratungsstellen ein (zunächst in Wien und später in Berlin). Reich und die von ihm gegründete Sexpol-Gruppe betrieben in den Beratungsstellen Sexualaufklärung, wandten sich gegen Eifersucht und Familienstrukturen, klärten auf über Selbstbefriedigung und Verhütungsmethoden. In Wien gab es zudem Streit mit den Sozialdemokraten um Karl Kautsky junior, die die „gesunde“ (Fach-)Arbeitersexualität gegen die „verrohte“ Sexualität des Lumpenproletariats absetzten, während Reich eher in der „Verkleinbürgerlichung“ der Arbeiterklasse durch eine repressive Sexualmoral die Gefahr sah. Eine These der Sexpol-Bewegung bestand darin, dass die Sexualität im Kleinbürgertum unterdrückt sei und dass Arbeiter über eine weniger unterdrückte Sexualität verfügten. Die Familienstruktur und die Sexualmoral reiche ins Großbürgertum, aber mehr noch in die Arbeiterklasse hinein:
Die ideologische und erzieherische Hemmung des Sexuellen einerseits, das Mitansehen und Miterleben der intimsten Vorgänge unter den Erwachsenen andererseits setzen im Kinde bereits die Grundlage zur sexuellen Heuchelei. Das ist etwas gemildert in Industriearbeiterfamilien, wo die Betonung der Eß- und Verdauungsfunktion weniger stark ist, die genitalen Betätigungen hingegen stärker besetzt und weniger verboten sind. Die Widersprüche sind daher geringer, die Bahn für die Genitalität ist freier. Das ist durchwegs bedingt durch die wirtschaftliche Daseinsweise der Industriearbeiterfamilie. Steigt ein Industriearbeiter wirtschaftlich auf in die Reihen der Arbeiteraristokratie, so verändert sich dementsprechend auch seine Gesinnung, seine Kinder geraten unter stärkeren Druck von seiten der konservativen Moral.Wilhelm Reich: Die sexuelle Revolution, S. 90 f. Mit dieser These versuchte Reich zuvor schon in seinem Werk Die Massenpsychologie des Faschismus die Untertanenmentalität im Nationalsozialismus zu erklären.Während der Studentenrevolte wurden die Schriften Reichs wiederentdeckt, die Idee von der Befreiung der Sexualität (Freie Liebe) führte unter anderem zur Gründung der Kommune 1 und der Kommune 2.
Michel Foucault kritisierte 1976 in seinem Band Sexualität und Wahrheit diese Sexualunterdrückungsthese. Dennoch sei zwischen bürgerlicher und arbeiterlicher Sexualität zu unterscheiden: man müsse sagen, dass es Klassenkörper gebe. In Sexualität und Wahrheit vertrat er die These, dass die Sexualität eine bürgerliche Konstruktion, ein Sexualitätsdispositiv sei: Nicht um eine Unterdrückung am Sex der auszubeutenden Klassen ging es, sondern um den Körper, die Stärke, die Langlebigkeit, die Zeugungskraft und die Nachkommenschaft der „herrschenden“ Klassen.Michel Foucault: Sexualität und Wahrheit. Bd. I, S. 121. Was Blut für den Adel war, stellte Sex für das Bürgertum dar.
1950–1970: Kinsey und weitere empirische Erforschung der Arbeiter-Sexualität Zwischen 1950 und 1970 fanden verschiedene Untersuchungen zur Arbeiter-Sexualität statt. Galt bis dahin das Stereotyp der „ungebrochenen Natürlichkeit“ der Arbeiter-Sexualität,Schmidt, Sigusch: Arbeiter-Sexualität, S. 10 so wurde mit diesen Studien die Arbeiter-Sexualität zu einem „Problemfall“. Die Männer und Frauen aus den „Unterschichten“ nähmen nach dem Sexualforscher Alfred Charles Kinsey (1894–1956) Koitusbeziehungen früher auf als Angehörige anderer Schichten. Dies ginge jedoch nicht mit einer größeren Freizügigkeit in sexuellen Kontakten einher.A. C. Kinsey: Das sexuelle Verhalten des Mannes, A. C. Kinsey: Das sexuelle Verhalten der FrauGerhard Vinnai (1973): Sozialpsychologie der Arbeiterklasse. Identitätszerstörung im Erziehungsprozess, S. 39. Die US-amerikanischen Studien zeichneten vielmehr ein Bild von Sexualität, in dem Befriedigung, Emotionalität und Egalität der Partner entstellt sind durch Orgasmusstörungen und prüde koitale Monotonie, durch Kommunikationslosigkeit, Angst, Resignation und Brutalität, durch diffamierende Doppelmoral und starre Geschlechterrollenklischees. Hierbei wurde geschlechtsspezifisch differenziert. Die bekanntesten Untersuchungen waren die beiden Kinsey-Reporte zur männlichen und weiblichen Sexualität, die auch schichtspezifisch differenzierten.
In der Bundesrepublik Deutschland fanden Studien zur Arbeiter-Sexualität nur zwischen Ende der 1960er bis Beginn der 1970er Jahre statt. Hier sind vor allem die Arbeiten von Gunter Schmidt und Volkmar Sigusch zu nennen. In einer Befragung von zwanzigjährigen Fabrikarbeitern und Fabrikarbeiterinnen ergaben sich ähnliche Ergebnisse wie zuvor in den Vereinigten Staaten: Zärtlichkeiten, wie Küssen, Bruststimulation, manuell-genitale und oral-genitale Kontakte kommen bei ihnen sehr viel seltener vor. Ebenso werden die Koituspositionen viel seltener variiert. Schließlich ist die Nacktheit beider Partner beim Koitus in den unteren Schichten deutlich weniger verbreitet als in den höheren Ausbildungs- und Berufsschichten. Die genannten Unterschiede sind bei Ledigen ebenso zu beobachten wie bei Verheirateten.Schmidt/Sigusch (1971): Arbeiter-Sexualität, S. 11.
Gerhard Vinnai führte die sich in diesen Ergebnissen sich abzeichnende rigide Arbeiter-Sexualität auf die Verdinglichung im Arbeitsprozess zurück: Der Einsatz des Körpers als Arbeitsinstrument unter kapitalistischen Produktionsbedingungen sabotiert die Entfaltung der Sinnlichkeit: Die Verdinglichung des Leibes im Arbeitsprozess zieht seine Entsensibilisierung und Verstümmelung nach sich. Denjenigen, die ihren Körper von einer terroristischen Ökonomie verwerten lassen müssen, wird die unreglementierte Lust, spielerisches Verhalten und spontanes Tun ausgetrieben.Gerhard Vinnai (1973): Sozialpsychologie der Arbeiterklasse. Identitätszerstörung im Erziehungsprozess, S. 38 f.
Auch in den skandinavischen Ländern fanden schichtspezifische Untersuchungen zur Sexualität statt (Hertoft 1967, 1968, 1970, Zetterberg 1969). Hier wurden jedoch im Gegensatz zu den deutschen und vor allem den US-amerikanischen Studien, die deutliche schichtspezifische Differenzen festgestellt zu haben glaubten, kaum Unterschiede zwischen den Unterschichten und den Mittelschichten gefunden.Schmidt, Sigusch: Arbeiter-Sexualtität, S. 18.
Aktuelle Debatten: Sexuelle Verwahrlosung der Unterschichten? Im Rahmen des Diskurses zur Neuen Unterschicht wurde in den Medien die Sexualität von Jugendlichen aus der sogenannten Unterschicht unter dem Blickwinkel der Verwahrlosung betrachtet.Walter Wüllenweber: , in: stern.de, Juli 2007Walter Wüllenweber: , in: Stern Heft 52/2004 Insbesondere zeige sich diese in einem gefühllosen, nachgespielten, schnellen harten Sex ohne Liebe, welcher durch entsprechenden Sex in der Internetpornografie sowie sexistische Musiktexte von Rappern inspiriert werde.
Eine dänische Untersuchung aus dem Jahr 2005 konnte diese in den Medien behauptete Verwahrlosung der Sexualität von Jugendlichen aus der Unterschicht nicht bestätigen. Sie kam zu dem Schluss, dass männliche Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 täglich im Schnitt 30 Minuten, weibliche Jugendliche im Schnitt 9 Minuten Pornographie konsumieren, wobei hier keine Differenzierung nach sozialen Schichten erfolgte.Anette Dina Sørensen: The mainstreaming of Pornography in Mass Culture, S. 3
Kritisiert wird die These von der höheren Triebhaftigkeit bzw. Verwahrlosung der „Unterschichten“ unter anderem von Hans Peter Duerr. Es zeige sich, ... dass weder die bürgerlichen Kommentatoren aus der Frühzeit der Industrialisierung und der viktorianisch-wilhelminischen Epoche noch Norbert Elias und seine Nachfolger sich auf irgendwelche Tatsachen berufen können, sondern lediglich Vorurteilen und Ideologien anhängen, die schon im Mittelalter über die Unterschicht verbreitet waren und die in späterer Zeit gewiss dazu beigetragen haben, dass sich so mancher Herr und seine Söhne bedenkenlos an die aus dem Proletariat oder vom Lande stammenden Dienstmädchen heran gemacht haben, weil sie von deren Triebhaftigkeit und sexueller Verfügbarkeit überzeugt waren.Hans Peter Duerr 2002: Der Mythos vom Zivilisationsprozeß. Band 5: Die Tatsachen des Lebens. S. 371 f.
Aktuelle Forschungsbereiche Studien stellen immer noch eine starke Homogamie beim Menschen auch in Bezug auf die soziale Schicht fest, also, dass Arbeiter vor allem mit Arbeitern Sex haben.
Queer Studies Die Interpretation von Homosexualität von einem proletarischen Standpunkt war nicht einheitlich. So erlaubte die junge Sowjetunion als einer der ersten Staaten in der Moderne zeitweilig die Homosexualität, indem die entsprechenden Paragraphen abgeschafft wurden. Wenige Jahre später wurden unter Stalin jedoch die Homosexuellen-Paragraphen wieder eingeführt. Einher ging dies mit einer Dichotomisierung der „gesunden Arbeitersexualität“ und den „dekadenten“ im Verfall begriffenen ehemals herrschenden Klassen und ihrer Sexualität. So äußerte sich Henri Barbusse 1926 stellvertretend für viele sozialdemokratischen und kommunistischen Genossen: