Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman ist ein Roman, den der deutsche Schriftsteller Wilhelm Genazino 2003 veröffentlichte. Er erzählt aus der Ich-Perspektive die Entwicklung eines jungen Mannes vom Schulversager zum Schriftsteller. Der Roman spielt um 1960Der Roman erwähnt einen journalistischen Bericht des Protagonisten über den Film Im weissen Rössl mit Peter Alexander, dessen Uraufführung am 21. Dezember 1960 in München im Mathäser war, was eine ungefähre zeitliche Einordnung möglich macht in einer ungenannten „süddeutschen Industriestadt“Der Text erwähnt eine Straßenbahnfahrt nach Griesheim (Kap. 7), dies könnte auf Darmstadt oder Frankfurt am Main verweisen; die Liniennummer der Straßenbahn und die Erwähnung des „Osthafens“ weisen Frankfurt als wahrscheinlichen Ort des Geschehens aus; Zeit-Kritiker Reinhard Baumgart verlegt die Handlung allerdings nach Ludwigshafen am Rhein; vgl. Reinhard Baumgart, Orpheus in Ludwigshafen, Die Zeit 13/2003; Nils Minkmar (Torten, Torturen. „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“: Wilhelm Genazino beschwört die alte Bundesrepublik, FAZ vom 23. März 2003) hält eine Verortung in Mannheim, der Heimatstadt Genazinos, für möglich, wofür spricht, dass Genazino selbst in der Erzählung seine Jugend in Mannheim widergespiegelt sieht (vgl. das Interview mit Wilhelm Genazino auf BR-Alpha im Gespräch mit Jochen Kölsch, Sendung vom 22. Oktober 2007) und enthält autobiographische Elemente. Sein Titel zählt die drei Ziele auf, die sich der Protagonist namens Weigand setzt. Im Vergleich zu anderen Romanen Genazinos fallen das jugendliche Alter der Hauptfigur und die Auseinandersetzung mit der Tradition des Bildungsromans ins Auge.

Inhalt Als Gymnasialabbrecher zeigt der 17-jährige Weigand um 1960 zunächst keinerlei Interesse an den Bemühungen seiner Mutter, für ihn eine Lehrstelle zu finden. Bei Vorstellungsterminen verweigert er die Kommunikation mit den potentiellen Arbeitgebern. Stattdessen beginnt er, Beiträge für Printmedien zu schreiben, verschickt Beiträge an verschiedenste Zeitschriften vom Werbeblättchen bis zur Tagespresse. Schließlich gelingt es der Mutter doch, eine Lehrstelle für den Sohn zu finden, der eine Ausbildung in einem Speditionsbetrieb beginnt.

Mit seiner Freundin Gudrun, Sekretärin in einem Ingenieurbüro, plant er eine konventionelle Ehe mit gemeinsamem Sparbuch und vorehelicher Enthaltsamkeit, obwohl er keine wirkliche innere Beziehung zu ihr aufbauen kann. Bei ihren Begegnungen hält er ihr Vorträge über Literatur und Literaten, teilweise aus Begeisterung, teilweise um wirkliche Nähe zu vermeiden. Als sie bei einer Abwesenheit ihrer Mutter doch einen ersten Geschlechtsverkehr zu inszenieren versucht, lässt er sich mitten im Vorspiel von einer Sendung über Heinrich Böll ablenken. Es kommt schließlich zu einer kühlen Trennung.

In der Spedition macht der Protagonist erste sexuelle Erfahrungen mit einer verheirateten Kollegin, der etwa 30-jährigen Frau Kiefer. Nach einem Betriebsausflug kommt es zwischen den beiden im Vollrausch zum Geschlechtsverkehr im Bus, der die betrunkenen Firmenangehörigen zurückbringt. Die Begegnung bleibt aber ohne Konsequenzen.

Gleichzeitig mit der Ausbildung nimmt Weigands journalistisches Engagement zu, immer häufiger besucht er nach Feierabend Termine für eine lokale Tageszeitung. Im Urlaub wird er schließlich als Redakteur für das Blatt tätig. Der Journalismus eröffnet dem Ich-Erzähler eine Gegenwelt zur subalternen Tätigkeit in der Speditionsfirma. Das Gefühl wird jedoch zunehmend schal, als er erkennen muss, dass der Lokaljournalismus hauptsächlich das Geltungsbedürfnis diverser Wichtigtuer befriedigt und im Grunde hochmütig auf die Events und die kleinen Leute herabsieht, über die er berichtet.

Durch die Pressearbeit lernt Weigand eine Kollegin namens Linda von einer anderen Tageszeitung kennen, in die er sich schnell verliebt. Durch Linda, die aus Norddeutschland stammt, begegnet er einer Reihe wunderlicher Möchtegern-Literaten und damit Menschen, die seine Leidenschaft für die Literatur teilen. Linda selbst schreibt angeblich an ihrem ersten Roman. Sie schwärmt für Joseph Conrad und das Meer und berichtet von einer eigenen Schiffsreise nach New York, auf der sie ein Matrose heftig sexuell belästigt habe. Der Ich-Erzähler erahnt, dass sie ihm in diesem Zusammenhang ein traumatisches Erlebnis verschweigt.

In der Spedition verschafft sich Weigand Respekt, als er bei einem epileptischen Anfall eines Kollegen beherzt eingreift. Durch ein zufälliges Treffen im Theater entsteht ein Kontakt zum Prokuristen der Firma, der Weigand zum Vorarbeiter befördert. Dieser muss nun täglich Tagelöhner zum Be- und Entladen von Waggons anwerben, zerlumpte Gestalten, mit denen rücksichtslos umgesprungen wird. Mit der Aufgabe wächst das Gehalt Weigands, mit der Beförderung wachsen Hochmut und Trennung vom Leben der kleinen Leute.

Die Liebe zu Linda endet mit einem Schock. Die heimlich geliebte Kollegin erhängt sich im Haus ihrer Eltern in Norddeutschland. Weigand fährt zur Beerdigung in den norddeutschen Heimatort Lindas und geht zu ihrer Beerdigung, ohne Kontakt zu den Angehörigen aufzunehmen.

Bei einem weiteren Lokaltermin berichtet der Ich-Erzähler über einen bastelnden Rentner, der den Eiffelturm maßstabsgerecht aus Streichhölzern nachgebaut hat. Hilflos beobachtet der 18-jährige seinen wachsenden Hochmut gegenüber der kleinen Welt des Rentnerehepaars, aber erst als der Rentner auf die Frage, ob er sich das Original in Paris angesehen habe, antwortet, auch als Rentner wolle er sauber bleiben und führe deshalb niemals nach Paris, resigniert Weigand endgültig gegenüber den Niederungen des Lokaljournalismus.

Ein Angebot, über ein verkürztes Volontariat als Redakteur tätig zu werden, lehnt er mit der Begründung ab, er müsse erst sein Studium zu Ende führen. Der Roman endet mit einem Entschluss des Ich-Erzählers, sich selbst Zeit zu lassen, sich zu seinem Leben als Beobachter zu verhalten. Er nimmt Abschied von den Eltern und mietet eine erste eigene Wohnung. Das Buch endet mit dem „Aufzucken des ersten Wortes“ eines eigenen Romans. (Kap. 8)

Themen und Motive Lokaljournalismus und Literatur Ein thematischer Kern von Genazinos Roman ist die Kritik des Lokaljournalismus und der eng damit verbundenen Inszenierung lokaler Ereignisse, die 1960 noch nicht „Events“ heißen. Dabei wird eine profunde Kenntnis der Welt der Provinzredaktionen und des Terminjournalismus deutlich. Grundlagen der kenntnisreichen Milieustudien dürften Genazinos Arbeit als Volontär und Redakteur bei der Rhein-Neckar-Zeitung 1962–1965 sowie seine spätere Arbeit als freier Journalist und später als Redakteur bei der Frankfurter Satire-Zeitschrift Pardon 1969–1971 sein.Anja Hirsch, »Schwebeglück der Literatur«, Der Erzähler Wilhelm Genazino, Diss. Universität Bielefeld 2005, Heidelberg 2006, S. 301.

Genazinos Journalisten verfassen im Roman in selbstverständlicher Komplizenschaft mit den Veranstaltern und lokalen Funktionären „Kitschpfützen“ (2. Kap.) zu Ereignissen, die davon leben, die kleinen Leute und ihre Träume vorzuführen. Dabei gelingt es Genazino, an den lokalen Ereignissen Mechanismen zu demonstrieren, die auch gegenwärtige mediale Ereignisse treffend charakterisieren. Der Je-ka-mi-Abend (= Jeder kann mitmachen), ein lokaler Gesangswettbewerb, der wesentlich von der Blamage der Teilnehmer lebt, nimmt mediale Inszenierungen wie Deutschland sucht den Superstar vorweg.zur medialen Ausbreitung vergleichbarer Konzepte siehe: Albertine Devilder, ‹Je-ka-mi›-Nachrichten, Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung, 22. Juni 2004: „Laien zu etwas zu bewegen, das sie nicht können, scheint gestern und heute eine Urquelle der Freude für den gesunden Menschenverstand zu sein. Doch darum geht es mir in diesem winzigen Traktätchen nicht. Was ich sagen will, ist: Dieses ‹Je-ka-mi›-Format breitet sich aus, es diffundiert in andere Formate, etwa in ‹Nachrichten›.“ (gemeint sind etwa spontane Befragungen von Passanten zu Nachrichtenthemen)

Der Ich-Erzähler erlebt bei seiner lokaljournalistischen Arbeit die „Welt der Wichtigtuer und Vereinsmeier“ (Kap. 1). Nicht nur lokale Größen, auch die kleinen Leute bis hin zum verschrobenen Einzelgänger träumen davon, Gegenstand der Berichterstattung zu werden. Diese Faszination für Medien und Prominenz führt zu einer Komplizenschaft, die alle Kritik unmöglich macht. Für die Macher ist diese Welt nur mit Zynismus und Hochmut zu ertragen. Der „Anteil an der Überheblichkeit des Schreibens und der Schreibenden“ (Kap. 1), den der Protagonist auf diese Weise gewinnt, gibt ihm anfangs Selbstbewusstsein und eröffnet Wege zu sozialem Aufstieg. Gleichzeitig fasziniert der Beruf des Lokalreporters durch die Möglichkeit „eines nachlässigeren Lebensstils“ (Kap. 1), vor allem im Vergleich zur hierarchischen und bürokratischen Struktur der Speditionsfirma. Aber die Zweifel wachsen nach diversen Lokalterminen und richten sich vor allem auf die Veränderung der eigenen Persönlichkeit.

„Prompt fürchtete ich, daß die Armseligkeit des Bastlerlebens, indem ich sie beschrieb und gleichzeitig verheimlichte, zur Armseligkeit meines Lebens wurde.“ (Kapitel 7)

Die Berichte von den Events der Alltagskultur für den Lokalteil der örtlichen Tageszeitung vom dümmlichen Film über Rex-Gildo-Autogrammstunden bis hin zum trashigen Amateurgesangswettbewerb lassen den Ich-Erzähler an ein „Kartell der Einfalt“ (Kap. 4) denken, einer gespielten Einfalt, die am „riesigen Ertrag der Volksschlichtheit“ (Kap. 4) mitprofitieren wolle. Dem Hochmut der Macher stellt sich kein Gelächter entgegen: „Denn nur Lachen und Spott war auf dieses billige Kaufhausglück möglich.“ (Kap. 5)

Als der Ich-Erzähler beauftragt wird, einen Kurzbericht über den Je-ka-mi-Gesangswettbewerb zu verfassen, der von der Blamage und Peinlichkeit der Teilnehmer lebt, wird ihm die „Infamie“ (Kap. 5) der Lokalberichte deutlich, „zwanzig Zeilen über ein Massengrab von Gefühlen“ (ebd.). Die Einsicht, „daß Dummheit für Dumme unterhaltsam war“ (Kap. 5), erzeugt bei ihm eine Gefühl der Melancholie.

Die Kritik an der Welt des Lokaljournalismus gewinnt ihre Schärfe aus dem Kontrast zum literarischen Schreiben, den der Roman immer wieder thematisiert und an einigen Stellen paradigmatisch vorführt.

Über den Peter-Alexander-Film Im weissen Rössl heißt es im Roman:

„Der Film zog sich über eine Stunde lang hin, immerzu hin- und herschwankend zwischen peinlichen und verlogenen Details. Seine wichtigsten Bauteile (platte Dramaturgie, dümmliche Dialoge, alberne Handlung, absehbarer Plot) waren von bedrückender Einfalt. Besonders peinigend waren die so zahlreichen wie unmotivierten Gesangseinlagen von Peter Alexander.“ (Kapitel 4)

Aus diesem Eindruck generiert der Ich-Erzähler die Bruchstücke des Zeitungsberichts:

„Einen Strauß bunter Melodien präsentiert Peter Alexander in seinem neuesten Musikfilm … seinem zauberhaften Charme erliegt mit der Zeit auch das schüchterne Zimmermädchen Elfie …“ (Kapitel 4)

Genazino lässt seine Lokaljournalisten von einer Alternativexistenz als Literaten träumen. Als Lyriker und Romanciers wollen sie einen anderen Zugang zur Welt entdecken und orientieren sich dabei an großen Vorbildern. „Jeder, der will, darf sich Schriftsteller nennen oder sich für einen solchen halten.“Wilhelm Genazino, Kleine Romantheorie, Neue Zürcher Zeitung vom 15. März 1991. Aber die Zweifel des Ich-Erzählers wachsen: Das einzige, was die angeblichen Literaten pflegen, ist der Gestus des Schriftstellers, den jeder auf seine Weise zu verkörpern versucht, niemand veröffentlicht wirklich etwas. Was unterscheidet den Ich-Erzähler von ihnen? Vielleicht der Mut zur stillen Beobachtung, der Blick für verblüffende Bilder mitten im Fluss des Alltags. Am Ende des Romans kristallisiert sich für Weigand die Möglichkeit zu schreiben heraus.