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Schovrim Schtika (, Schreibung oft auch in Anlehnung an die englische Umschrift Shovrim Shtika) ist eine politische israelische Nichtregierungsorganisation von ehemaligen und aktiven Soldaten der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF), deren Ziel es nach eigenen Angaben ist, „die israelische Öffentlichkeit mit der Realität des täglichen Lebens in den besetzten Gebieten zu konfrontieren“, indem sie Berichte von Soldaten über ihre Erlebnisse während ihres Dienstes veröffentlicht. Die Organisation wird kritisiert wegen der Nichtüberprüfbarkeit der von ihr erhobenen Vorwürfe und ihrer überwiegenden Finanzierung aus dem Ausland.
Geschichte Schovrim Schtika wurde im Februar 2004 von Jehuda Schaʾul und anderen ehemaligen Soldaten gegründet, um die eigenen Erlebnisse im Besatzungsdienst emotional zu verarbeiten und die israelische wie europäische und amerikanische Öffentlichkeit beispielsweise mit Vorträgen über Aspekte des Besatzungsalltags im Rahmen des Nahostkonflikts aufzuklären.
Hierzu sammelt Schovrim Schtika Aussagen und Dokumente von Soldaten über ihren Besatzungsdienst im Gazastreifen, auf dem Golan und im Westjordanland und bereitet diese für die Öffentlichkeit auf, z. B. auch als Videoclips oder Fotoausstellung. Inhaltlich geht es um mutmaßliche Übergriffe gegen Zivilisten, aber auch um den Arbeitsalltag der Soldaten, z. B. an den Checkpoints, oder die Selbstmordquote im Militär. Laut der Organisation stellen Misshandlungen an Palästinensern, das Plündern sowie die Zerstörung von Eigentum seit Jahren die Norm dar. Das Militär hingegen verweist auf militärische Notwendigkeiten in der Bekämpfung des Terrorismus und vereinzelte Verfehlungen.
Nach der Operation Gegossenes Blei 2008/2009 löste die Organisation mit der Veröffentlichung von Aussagen an der Militäroperation beteiligter Soldaten über kontroverse Anordnungen von Offizieren wie eine intensive Diskussion in Israel wie international aus.Ethan Bronner: Soldiers' Accounts of Gaza Killings Raise Furor in Israel, In: The New York Times, 19. März 2009.
Finanzierung Die Organisation erhält von einer Reihe staatlicher und nicht staatlicher Organisationen finanzielle Unterstützung, darunter auch christliche Gemeinschaften. Ein Sprecher der israelischen Armee behauptete, dass es sich nicht um eine Nichtregierungsorganisation (NGO) handele, sondern um eine von ausländischen Institutionen geförderte Firma, und der Premierminister Benjamin Netanjahu forderte alle ausländischen Regierungen auf, die Organisation nicht weiter finanziell zu unterstützen.
Das Kabinett Netanjahu VI stellte im Mai 2023 im Rahmen der geplanten Justizreform einen Gesetzesentwurf vor, mit dessen Hilfe israelische NGOs mit einer Steuerquote von 65 Prozent belegt werden. Das Gesetz zielt vor allem auf Organisationen, die finanziell durch ausländische Institutionen unterstützt werden. Demnach soll jede gemeinnützige Organisation, die sich in einem Zeitraum von zwei Jahren vor oder nach Erhalt einer Spende durch eine ausländische Regierung in der israelischen Öffentlichkeit engagiert, ihren Status als öffentliche Einrichtung verlieren. Dadurch kann sie keine Steuerbefreiungen mehr beantragen und als gemeinnützigen Organisationen wird sie mit einer 65-prozentigen Einkommensteuer belastet. Die deutsche und die US-amerikanische Regierungen zeigten sich besorgt.
Schovrim Schtika gab für 2013 folgende Geldgeber an: Name des Geldgebers Land Art der Organisation Betrag in Schekel (2013)BtS Financial Report 2013 Europäische Union Regierungsorganisation 422.566 Misereor christlich (kath.) 333.139 Broederlijk Delen christlich (kath.) 270.024 Fondation pro Victimis NGO 273.372 Norwegische Botschaft Regierungsorganisation 248.823 Spanish Agency for International Cooperation (AECID) Regierungsorganisation 177.660 Sigrid Rausing Trust NGO 157.150 Rockefeller Brothers Fund NGO 155.980 Norwegische Botschaft in Tel Aviv Regierungsorganisation 148.315 Interchurch Organisation for Development Cooperation (ICCO)https://www.icco-cooperation.org/nl/ christlich (kath.) 147.325 Open Society Institute NGO 135.740 Dan Church Aid (DCA) christlich (prot.) 125.594 Macmillan Royalties ? ? 108.499 New Israel Fund NGO 72.025 Medico international NGO 50.673 Foundation for Middle East Peace NGO 36.185 Britische Botschaft in Israel Regierungsorganisation Christian Aid christlich Ford Foundation Israel NGO (pro palästinensisch) Moriah Fund NGO Oxfam Vereinigtes Königreich NGO (pro palästinensisch) The Sparkplug Foundation NGO (pro palästinensisch) Steuncomité Israëlische Vredes- en Mensenrechten Organisaties (SIVMO) NGO (pro palästinensisch) Trócaire christlich (kath.)
Methoden Die kontroverseste Methode von Schovrim Schtika ist die anonyme Zeugenaussage von Soldaten. Laut den israelischen Streitkräften führten diese Aussagen zu Fehlern bei der Untersuchung von gemeldeten Vorfällen. Schovrim Schtika gibt dagegen an, dass persönliche Berichte von Soldaten für offizielle, unabhängige Untersuchungen zur Verfügung gestellt werden können, solange die Identität der Soldaten nicht öffentlich gemacht wird. Die Identität werde aus Angst vor Vergeltung durch Vorgesetzte und Kollegen nicht veröffentlicht.
Ulrich Schmid beschrieb die Arbeit als nicht traditionell politisch: sie meidet den parlamentarischen und juristischen Weg, sondern nimmt gezielt Einfluss auf ausländische Medien und Regierungen, von denen sie sich dann wiederum Druck auf Israel erhofft.Ulrich Schmid: Soldaten berichten vom Krieg in Gaza. In: Neue Zürcher Zeitung. 24. Mai 2015, abgerufen am 27. Juni 2021.
Die Organisation konzipierte zudem eine aus Fotografien bestehende Wanderausstellung unter dem Titel So haben wir in Gaza gekämpft. Gezeigt werden Fotografien israelischer Soldaten, die sie während ihres Militärdienstes zur Dokumentation ihres Besatzungsalltags machten. Teil des Konzeptes ist, dass zwei ehemalige Soldaten durch die Ausstellung führen. 2012 gastierte sie im Willy-Brandt-Haus in Berlin, 2015 war sie im Kulturhaus Helferei der reformierten Kirchengemeinde Grossmünster in Zürich zu sehen. Dies sowie insbesondere ihre Bezuschussung durch die öffentliche Hand wurde kritisiert. Im Oktober 2015 sollte die Ausstellung im Rahmen zweier Jubiläen in der Kölner Volkshochschule gezeigt werden: dem 50-jährigen Bestehen der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland und des 55. Jahrestags des Schüleraustausches der Stadt Köln mit der israelischen Partnerstadt Tel Aviv-Jaffa. Nach einem Protestbrief der israelischen Botschaft wurde die Ausstellung im Juni 2015 vom Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters mit Verweis auf den Kontext der Jubiläumsfeierlichkeiten und ihre nicht kontextualisierte Einseitigkeit abgesagt. Auch mehrere christlich-jüdische Organisationen hatten Bedenken geäußert. Die israelische Botschaft erklärte, es sei nicht um eine Absage der Veranstaltung an sich gegangen, sondern nur bemängelt worden, dass sie unter dem Etikett der Feierlichkeiten lief. Während Kommunalpolitiker für die Absage überwiegend Verständnis äußerten und die Fraktionschefs von SPD und FDP erklärten, es wäre besser gewesen, die Bedenken früher zu prüfen und die Zusage gar nicht erst zu erteilen, protestierten Rupert Neudeck und Moshe Zimmermann gegen eine „haarsträubende Kapitulation Kölns“. Am 16. Juni 2015 kündigte die Stadt Köln an, die Ausstellung im Jahr 2016 „in einem angemessenen Kontext“ präsentieren zu wollen.
Schovrim Schtika organisiert wöchentlich Stadtführungen in Hebron für Israelis, um auf das ihrer Meinung nach dortige Fehlverhalten des Militärs hinzuweisen.
Rezeption Die Zeitung Haʾaretz wies 2009 darauf hin, dass Schovrim Schtika eine „klare politische Agenda“ habe und deshalb nicht länger als Menschenrechtsorganisation bezeichnet werden könne. Eine Organisation, die erkläre, die „das militärische System durchdringende Korruption“ aufdecken zu wollen, sei kein neutraler Beobachter. Haʾaretz hält die Zeugenaussagen der ehemaligen Soldaten für authentisch, allerdings seien sie wegen der vagen Kontextualisierung kaum für strafrechtlichen Ermittlungen verwendbar. Den Soldaten scheine es allerdings auch weniger darum zu gehen, Gerechtigkeit für spezielle Fälle zu erlangen, sondern die Konsequenzen der militärischen Präsenz im Westjordanland und im Gaza-Streifen aufzuzeigen.
Ein Bericht des israelischen Fernsehmagazins HaMakor aus dem Jahr 2016 analysiert die Arbeit von Schovrim Schtika und stellt deren Glaubwürdigkeit in Frage. Insbesondere hätten sich deren Behauptungen als unhaltbar erwiesen, dass jeder berichtete Vorfall zuvor von wenigstens zwei Zeugen unabhängig voneinander bestätigt und noch nie eine der vorgelegten Zeugenaussagen konkret bestritten worden sei. Vielmehr werde mit teilweise falschen und nicht belegten Zeugenaussagen gearbeitet.
Nach Ansicht des israelischen Politologen und Gründer des NGO-Monitor, Gerald Steinberg, erhöhte die finanzielle Unterstützung aus dem Ausland für Schovrim Schtika und deren als diffamierend empfundene Darstellung der israelischen Streitkräfte bei der israelischen Bevölkerung die Zustimmung für die damalige konservative Regierung Benjamin Netanjahus.
Schovrim-Schtika-Mitgründer Jehuda Schaul behauptete 2016, dass israelische Siedler das Trinkwasser einer palästinensischen Ortschaft vergiftet hätten. Die israelische Nachrichtenseite Ynet-News kritisierte dies als unwahr.
Die Israel-Korrespondentin Lissy Kaufmann resümierte 2017 in der Tageszeitung über Schovrim Schtika, diese sei in der israelischen Öffentlichkeit „gebrandmarkt als linke, israelfeindliche, verräterische Organisation“. Rechte israelische Politiker „werfen den Soldaten von Schovrim Schtika vor, zu lügen und die Armee verunglimpfen zu wollen“. Im britischen Economist kritisierte Wendell Steavenson 2026 ebenfalls, dass die Organisation in Israel auf breiter Front verunglimpft werde: „Rechte Aktivisten haben versucht, die Organisation zu unterwandern, und sie wurde mit Klagen schikaniert. Ihre Führungskräfte werden in der israelischen Presse oft als ‚Verräter‘ angeprangert“. Ulrich Schmid, Nahost-Korrespondenten der Neuen Zürcher Zeitung, äußerte, im Ausland werde meist nicht realisiert, welch „tiefe Erbitterung“ in Israel die dort weitgehend einflusslose Organisation mit ihren Aktionen auslöse. Laut Die Zeit ist Schovrim Schtika – neben B’Tselem und Adalah – „wegen ihres Engagements für Menschenrechte international anerkannt“.
Unterstützung erhielt Schovrim Schtika in Israel unter anderem vom ehemaligen Chef des israelischen Geheimdienstes, Ami Ayalon und von Alik Ron, Generalmajor a. D. der israelischen Polizei. Sie veröffentlichten 2015 eine Anzeige in der Zeitung Haʾaretz zur Unterstützung der Organisation. Auch Juval Diskin, ein weiterer ehemaliger Leiter des Geheimdienstes, äußerte Anerkennung: Schovrim Schtika leiste einen wichtigen Beitrag, „die erforderliche Wachsamkeit in Bezug auf die heikelsten menschlichen Belange zu bewahren“.
Aufgrund eines geplanten Treffens des deutschen Außenministers Sigmar Gabriel mit Vertretern von Schovrim Schtika und B’Tselem sagte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ein am gleichen Tag vorgesehenes Treffen mit Gabriel am 25. April 2017 ab. Die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) kritisierte Gabriels Verhalten daraufhin. Die Vize-Präsidentin der DIG und stellvertretende Fraktionschefin der Union im Bundestag, Gitta Connemann, warf Gabriel mangelndes Fingerspitzengefühl vor und sagte, sie „vermisse Sorgfalt bei der Auswahl“ der Gesprächspartner. Ami Ayalon zeigte sich daraufhin fassungslos über das Verhalten Netanjahus: „Breaking the Silence ist der Spiegel, der uns zeigt, was uns auch die Welt sagt“.
Siehe auch Israelisch-Palästinensischer Konflikt Gusch Schalom Schalom Achschaw Givat Haviva
Literatur Georg Cadeggianini: Das zweite Leben des Yehuda Shaul. In: Chrismon, 1/2008, S. 30–35.