Operation Allied Force (OAF; ungefähre Übersetzung: „Unternehmen Bündnisstreitmacht“) war der Deckname einer militärischen Operation der NATO gegen die Bundesrepublik Jugoslawien, die sie im Rahmen des Kosovokrieges vom 24. März bis 10. Juni 1999 durchführte. Die im Wesentlichen von den Vereinigten Staaten geführte Militäroperation war der erste Krieg, den die NATO sowohl außerhalb eines Bündnisfalls, dessen Ausrufung bis dahin als Grundlage eines NATO-weiten Vorgehens galt, als auch ohne ausdrückliches UN-Mandat führte. Die Völkerrechtsmäßigkeit des Einsatzes ist bis heute umstritten.

Die NATO konzipierte die Operation in Form eines Luft-Boden-Krieges, den sie ohne weitläufige Gefährdung eigener Truppen ausschließlich über die militärtechnische Nutzung weltraum- und luftgestützter Methoden führte.Herfried Münkler, Vortrag bei SPD Berlin am 26. März 2003 (Kurzfassung): Die neuen Kriege. Privatisierung und Kommerzialisierung kriegerischer Gewalt und ihre Folgen (PDF) Insgesamt warfen die im Rahmen der Operation eingesetzten Flugzeuge 28.018 Sprengkörper ab; 83 Prozent dieser Abwürfe erfolgten durch Flugzeuge der United States Air Force (USAF).vgl. Lambeth, Benjamin S.: NATO’s Air War for Kosovo – A Strategic and Operational Assessment, Santa Monica: RAND Corporation 2003, S. 64.

Nach der Operation Allied Force suchten und bargen Minenräumboote der NATO Munition, die NATO-Flugzeuge nach Einsätzen planmäßig über der Adria abgeworfen hatten (Operation Allied Harvest und Allied Harvest II).

Chronik mini|hochkant=1.5|Kosovo mini|Autobahnbrücke bei Ostružnica nach einem alliierten Luftangriff am 1. Juni 1999 Nach den erfolglosen Verhandlungen von Rambouillet, die zur Beendigung des Konfliktes zwischen den serbischen Sicherheitsbehörden und der von der albanischen Bevölkerungsmehrheit im Kosovo unterstützten UÇK geführt wurden, erfolgten die ersten Angriffe der OAF in zwei Wellen zwischen dem 24. März 19:41 Uhr und dem 25. März 1999 03:30 Uhr mit rund 200 Flugzeugen und ca. 50 Lenkwaffen und der Bombardierung zahlreicher Ziele in der gesamten Bundesrepublik Jugoslawien.

Fünf MiG-29 der Luftwaffe der Jugoslawischen Streitkräfte (Vojska Jugoslavije / VJ) flogen überwiegend in Tandems den NATO-Flugzeugen entgegen und wurden von einem starken Aufgebot von Abfangjägern gestellt. Am 24. März wurden eine MiG-29 durch niederländische F-16AM und zwei durch F-15 der USAF im Luftkampf abgeschossen.Jane’s Defence Weekly: Zwei weitere MiG-29 der Luftwaffe (Ratno vazduhoplovstvo, RV) wurden am 26. März über dem bosnischen Luftraum bei Tuzla abgeschossen; ein Pilot des RV starb dabei.Yu Model Club Downed Yugoslav MiG-29 fighters Nachdem keine der verbliebenen MiG-29 im militärischen Sinn operativ einsatzbereit war und die Piloten über schwere technische Mängel der Maschinen klagten, wurden die Flüge bis auf weiteres eingestellt. Die 250. Raketenbrigade der jugoslawischen Flugabwehr (Protivvazdušna odbrana, PVO) konnte am 27. März 1999 mit dem Flugabwehrraketensystem S-125 Newa ein US-Tarnkappenflugzeug vom Typ F-117A über Buđanovci im Srem abschießen.„Serb discusses 1999 downing of stealth“, USA Today, 26. Oktober 2005.

Da während der OAF innerhalb des politischen NATO-Bündnisses kein Konsens über die Entsendung von Bodentruppen erreicht werden konnte und die Luftschläge sich als wenig effektiv im Hinblick auf die Operationen der Jugoslawischen Streitkräfte (Vojska Jugoslavije / VJ) im Kosovo herausstellten, die zur Flucht von mehreren hunderttausend Kosovo-Albanern führten, wurden die Luftangriffe auf Ziele der zivilen Infrastruktur ausgeweitet. Durch die unvorhergesehene Länge des Luftkriegs führte die OAF zum eigentlichen Kosovokrieg, der operativ und strategisch maßgeblich vom SACEUR Wesley Clark und seinem zuständigen Luftwaffenchef Michael C. Short gegen die militärische Infrastruktur und insbesondere Truppen der VJ im Kosovo unter Oberbefehl von Dragoljub Ojdanić und mit Hilfe der im Kosovo und Albanien operierenden Einheiten der UÇK im Bodenkrieg gegen die jugoslawische Armee koordiniert wurde.

Am 15. April 1999 definierte US-Verteidigungsminister William Cohen gegenüber dem Kontrollausschuss der amerikanischen Streitkräfte das Ziel der alliierten Luftangriffe gegen Jugoslawien wie folgt: „Our military objective is to degrade and damage the military and security structure that President Milosevic has used to depopulate and destroy the Albanian majority in Kosovo.“www.defenselink.mil (engl.) Die jugoslawische Regierung hatte unterdessen erklärt, dass die stattfindenden Militäreinsätze dem Schutz der serbischen Minderheit im Kosovo vor Übergriffen der UÇK dienten.

Nach einem Monat Pause setzte das RV wieder eine weitere MiG-29 ein. Diese wurde am 4. Mai 1999 über Valjevo abgeschossen.The Examiner, 5. Mai 1999 Der Pilot, der Kommandeur des 204. Flugregimentes, starb dabei.Politika, 22. November 2008 Ratni heroj kao modna ikona Nach diesem letzten erfolglosen Einsatz einer MiG-29 wurden die verbleibenden Flugzeuge der 127. Jagdfliegerstaffel nicht mehr eingesetzt. Insgesamt verlor das RV elf MiG-29, davon sechs bei Luftkämpfen, ein Jäger wurde beschädigt. Alle operativen zehn MiG-29 des RV kamen während des Kriegs zum Einsatz. Insgesamt wurden die MiG-29 der 127. Jagdfliegerstaffel neunmal bei Kampfflügen eingesetzt, davon sieben Einzel- und zwei Rottenflüge.Ehemaliger Luftwaffenchef Spasoje Smiljanic, Vecernje Novosti, 3. März 2009 Dali sve od sebe

Am 2. Mai 1999 stürzte während der Operation nahe Metlić eine US-amerikanische F-16CG ab. Der Pilot konnte sich mit dem Schleudersitz retten. (engl.)

Am 7. Mai 1999 bombardierte die NATO die chinesische Botschaft in Belgrad, wobei drei chinesische Journalisten starben. Die NATO erklärte, es habe sich um ein Versehen gehandelt.Versehentlich chinesische Botschaft bombardiert – Wegen Kosovo: CIA-Mitarbeiter entlassen, RP Online, 9. April 2000 Laut einem Bericht der britischen Zeitung The Observer erfolgte die Bombardierung absichtlich, weil angeblich jugoslawische bzw. serbische Militärs die Botschaft als Funkstation nutzten.Britische Presse: Nato griff Chinas Botschaft in Belgrad absichtlich an, Spiegel Online, 17. Oktober 1999

Bei einem Luftangriff auf eine Brücke bei Varvarin über die Morava wurden zehn Zivilisten getötet und 30 verletzt, 17 davon schwer.

Zur Beendigung des Konfliktes führten neben der militärischen Eskalation der Angriffe auf serbische Großstädte die diplomatischen Aktivitäten der Verhandlungstroika vom 2. Juni und 3. Juni 1999 unter Leitung des finnischen Präsidenten Martti Ahtisaari, des US-amerikanischen Unterhändlers Strobe Talbott und des russischen Unterhändlers Wiktor Stepanowitsch Tschernomyrdin. Mit dem überraschenden Umschwenken Tschernomyrdins zu Gunsten des Ahtisaari-Plans erklärte sich Slobodan Milošević am 3. Juni 1999 zur Erfüllung der Auflagen der NATO bereit. Der militärisch-technischen Vereinbarung zwischen der NATO und der VJ in den Verhandlungen von Kumanovo folgte ab dem 10. Juni 1999 der Rückzug der jugoslawischen Truppen aus dem Kosovo und die Einrichtung einer Übergangsverwaltung durch die Vereinten Nationen (UNMIK) unter dem Schutz der KFOR.

Grundidee der Operationsführung und Ziele der NATO Der Nordatlantikrat der NATO formulierte am 12. April 1999 die Voraussetzungen, unter denen die Luftstreitkräfte ihre Bombardierung von Zielen in Jugoslawien einstellen würden:NATO (April 12, 1999). „The situation in and around Kosovo“. Archiviert vom Original am 29. Juni 2011. Abgerufen am 2. August 2011.

Die Bundesrepublik Jugoslawien stellt das Ende der militärischen Operationen im Kosovo sicher und beendet Gewaltaktionen und Unterdrückung der albanischen Bevölkerung. Die Bundesrepublik Jugoslawien stellt den Abzug der eigenen Truppen bestehend aus Armee- und Polizeikräften sowie Paramilitärs aus dem Kosovo sicher. Die Bundesrepublik Jugoslawien akzeptiert die Stationierung einer internationalen Militärtruppe im Kosovo. Die Bundesrepublik Jugoslawien akzeptiert die bedingungslose und sichere Rückkehr aller Flüchtlinge und den ungehinderten Zugang von internationalen Hilfsorganisationen zu ihnen. Die Bundesrepublik Jugoslawien bekräftigt ihren Willen, an einer politischen Lösung der Kosovo-Frage auf der Basis der Rambouillet-Verhandlungen und unter geltendem internationalen Recht und der Charta der Vereinten Nationen mitzuarbeiten.

Operation Allied Force umfasste dabei vor allem den massiven Einsatz alliierter Luftstreitkräfte gegen zivile und militärische Hochwertziele in Jugoslawien. Dieser Ansatz wurde von der NATO gewählt, um das Risiko für ihre Flugzeuge und Piloten möglichst gering zu halten. Im Verlauf der Operation griffen sie vermehrt Infrastrukturziele wie Brücken, Fabriken und Kraftwerke an, um die jugoslawische Bevölkerung zu einer Protesthaltung gegen Präsident Slobodan Milošević zu bringen.

Beteiligte NATO-Kontingente mini|hochkant|links|Eine AV-8B „Harrier II“ des USMC landet auf der USS Nassau, 14. April 1999 Luftstreitkräfte Die Hauptlast der Operation wurde von der United States Air Force und Royal Air Force getragen. Neben der Beteiligung von Truppen aus Belgien, Dänemark, Türkei, Italien, Kanada, den Niederlanden, Spanien, beteiligte sich die deutsche Luftwaffe erstmals nach Ende des Zweiten Weltkrieges an einem bewaffneten Kampfeinsatz, unter anderem mit den Kampfflugzeugen Tornado Recce zur Luftaufklärung und Tornado ECR zur Bekämpfung der Flugabwehr.Thomas Wiegold: Vor 20 Jahren: Der erste Kriegseinsatz der Luftwaffe in der NATO auf augengeradeaus.net vom 24. März 2019, abgerufen am 26. April 2021.

Seestreitkräfte Die NATO-Flotte operierte vorwiegend in der Adria. Die Seestreitkräfte der USA und Großbritanniens entsandten eine aus Flugzeugträgern, Zerstörern und Fregatten bestehende Task Force. Die Deutsche Marine beteiligte sich mit dem Zerstörer Lütjens, den Fregatten Rheinland-Pfalz und Bayern und dem Flottendienstboot Oker und Flottendienstboot Oste an den maritimen Operationen.

Luftverteidigung der Bundesrepublik Jugoslawien Flugabwehr der VJ mini|Flugabwehrrakete S-125 Newa (SA-3) der serbischen Armee Die Hauptlast der Luftverteidigung der VJ übernahm die 250. Raketenbrigade der Flugabwehr (Protivvazdušna odbrana, PVO). Die PVO nutzte Raketen-Systeme der Dritten Generation, konnte aber am 27. März 1999 ein US-Tarnkappenflugzeug vom Typ F-117A über Buđanovci im Srem abschießen.„Serb discusses 1999 downing of stealth“, USA Today, 26. Oktober 2005 Neben fünf S-125-Newa-M-Divisionen in Jakovo, Batajnica, Obrenovac, Kraljevo und Smederevo waren sechs Divisionen mit 2K12-„Kub“-Batterien (NATO-Codename SA-6) ausgestattet. Während die Newa-Batterien strategisch in einem Ring um Belgrad angeordnet waren, wurden die SA-6-Divisionen zur taktischen Unterstützung der Landstreitkräfte der VJ im Kosovo sowie in Montenegro stationiert. Neben den Raketenbatterien bestand das Arsenal aber auch insbesondere aus mobilen Raketen sowie zahlreicher Flugabwehrartillerie.

Luftwaffe der VJ mini|Abgeschossene MiG-29 des Piloten Zoran Radosavljevic vom 26. März 1999 bei Ugljevik in Bosnien