mini|hochkant=1.6|Die Iowa feuert eine 2/3-Breitseite (Juli 1984)

Schiffsartillerie ist die Artillerie, die an Bord von Kriegsschiffen eingesetzt wird. Sie zählt zur Marineartillerie. Lange Zeit bestand die Schiffsartillerie aus Vorderlader-Glattrohrkanonen. Im 19. Jahrhundert wurde das moderne Schiffsgeschütz, der Granaten verschießende gezogene Hinterlader, entwickelt. Im und nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die Schiffsartillerie aufgrund der Entwicklung immer leistungsfähigerer Kampfflugzeuge und dem Aufkommen der Lenkflugkörper an Bedeutung.

Entwicklung der Schiffsartillerie Vorläufer der Artillerie Zur Zeit des Altertums verwendete man Rammsporne an Schiffsrümpfen, um feindliche Schiffe anzugreifen. Nachdem die Schiffe mit der Zeit größer und schwerfälliger wurden und der Rammsporn an Bedeutung verlor, begann man die Schiffe mit Schleudereinrichtungen auszustatten, so dass Steinkugeln und Pfeilgeschosse in Richtung Feind ausgebracht werden konnten. Die Byzantiner entwickelten als besondere Angriffswaffe das sogenannte Griechische Feuer, das eine brennende Flüssigkeit mittels eines gebündelten Strahls über eine bestimmte Distanz spritzte. Sogenannte Feuerlanzen wurden seit deren erster Entwicklung im 11. Jahrhundert auf chinesischen Kriegsschiffen eingesetzt. Damals bestanden diese Handfeuerwaffen zunächst noch aus Bambusrohr.

Trotz dieser Waffen wurden Seeschlachten hauptsächlich ähnlich den Landschlachten ausgefochten, d. h. im infanteristischen Kampf Mann gegen Mann, wobei die Schiffe als schwimmende Kampfplattformen dienten.

Schiffsartillerie der Segelschiffzeit mini|links|Zwei unterschiedliche Geschütztypen nach Funden vom Wrack der Mary Rose gebaut, im Vordergrund ein gegossener Vorderlader auf Radlafette, im Hintergrund eine geschmiedete Stabringkanone als Vorderlader in Kastenbettung

Die Erfindung des Schwarzpulvers revolutionierte die Schiffsbewaffnung und zog eine Änderung der Seekriegsführung nach sich. Der Kampf wurde mehr und mehr auf die Entfernung ausgetragen.

In Europa waren Kanonen seit dem 14. Jahrhundert auf Schiffen üblich. Es handelte sich hauptsächlich um Waffen kleinen Kalibers, zum Teil Hinterlader sowie auch kleinere Kolubrinen, die mehr zum Einsatz gegen die Mannschaften als gegen die Schiffsrümpfe gedacht waren (‚man-killers‘). Die erste bekannte Verwendung von Schiffsgeschützen fand im Jahr 1340 in der Seeschlacht von Sluis statt.Frank Howard: Segel-Kriegsschiffe 1400–1860. 2. Auflage. Bernard & Graefe Verlag, Koblenz 1989, ISBN 3-7637-5239-0, S. 38. So gab es zu diesem Zeitpunkt Galeeren, die mit einem Geschütz am Bug (Jagdkanonen) ausgestattet waren; diese Schiffe waren aber nach wie vor für einen Nahkampf durch Enterung vorgesehen.

Die ersten im 15. Jahrhundert vorkommenden schwereren Schwarzpulvergeschütze waren Bombarden, die im Laufe der nachfolgenden Jahrhunderte variiert und unterschiedlichen Funktionen angepasst wurden. So wuchs das Kaliber der Kanonen im 15. Jahrhundert derart an, dass sie auch wirksam gegen die hölzernen Bordwände des Gegners eingesetzt werden konnten (‚ship-smashers‘).Frank Howard: Segel-Kriegsschiffe 1400–1860. 2. Auflage. Bernard & Graefe Verlag, Koblenz 1989, ISBN 3-7637-5239-0, S. 72f. Außerdem ging man mehr und mehr zu Vorderladern über, die aus einem Stück aus Bronze und später Eisen gegossen waren.

Um das Jahr 1500 ging man dazu über, Geschützpforten auf Segelschiffen entlang des Schiffsrumpfs zu installieren, da die Kanonen wegen ihres höheren Gewichtes nicht mehr hoch in den Aufbauten platziert werden konnten. Sie feuerten über sogenannte Stückpforten in der Breitseite. Anfangs waren die Geschützpforten dabei noch direkt übereinander angeordnet (so beispielsweise bei der Galeone Great Harry von 1514) – erst in der Weiterentwicklung der Schiffstypen fand man heraus, dass die sogenannte Schachbrettanordnung der Pforten strukturelle und taktische Vorteile bot.

mini|links|Die ‚Schachbrettanordnung‘ der Stückpforten auf der Victory Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts hatte sich der Standardtyp des Kriegsschiffes etabliert. Ab diesem Zeitpunkt war das Waffensystem Segelkriegsschiff den Galeeren (vgl. hierzu die Candia in der Seeschlacht von Prevesa, die sich über einen ganzen Tag gegen mehrere Angriffswellen feindlicher Galeeren erwehren konnte) überlegen.

mini|Lafette oder Rapert aus dem 19. Jahrhundert mini|Skizzen von Willem van de Velde dem Älteren zum Laden von Geschützen von außenbords Bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts war die Entwicklung der Vorderlader-Glattrohrartillerie weitgehend abgeschlossen. Die Linienschiffe trugen die Mehrzahl der Geschütze auf zwei oder drei durchgehenden Batteriedecks mit den schwersten Geschützen auf dem untersten Deck. Mitte des 17. Jahrhunderts waren dies, nach englischen Inventarien, die sogenannten Cannons, Demi-cannons und Culverines, die 42, 32 bzw. 18 Pounds (19, 14,5 bzw. 8,2 kg) schwere Eisenkugeln verschossen. Auf dem Oberdeck standen leichtere Kanonen. Hinterlader existierten nur noch als kleine Kaliber oder als veraltete Stücke.Frank Howard: Segel-Kriegsschiffe 1400–1860. 2. Auflage. Bernard & Graefe Verlag, Koblenz 1989, ISBN 3-7637-5239-0, S. 145.

Die Geschützrohre waren wie an Land mit seitlichen Schildzapfen auf hölzernen Radlafetten, auch Raperts genannt, gelagert. Die seitlichen Wände der Lafette waren am hinteren Ende treppenförmig abgestuft. Dort konnte der Kuhfuß zum Lüften des Geschützes eingelegt werden oder ein starkes Querholz zum Ablegen des Rohres in dieser Höhe. Mit Hilfe eines Richtkeils konnte durch Drehen des Rohres um die Schildzapfen deren Erhöhungswinkel verändert werden. Die Schiffslafette hatte meist zwei Achsen mit je zwei breiten kleinen hölzernen Rädern. Die Kanonen rollten beim Abfeuern durch den Rückstoß ins Schiffsinnere und wurde durch das Brooktau aufgefangen. Da bei diesem Rückspringen auch die Mündung den Rand der Stückpforte touchierte, wurde der sogenannte Schiffskopf entwickelt. Dieser ist eine glatte Verstärkung der Mündung, gegenüber den älteren mit vielen Profilen, Stäben und Kehlen versehenen Mündungsteilen. In dieser eingeholten Position wurde dann das Geschütz nachgeladen. Mit Seitentaljen wurde das Geschütz wieder durch die Stückpforten ausgerannt.Bei Eduard Bobrik sind auch die Handlungsabfolgen und Befehle zum Laden eines Schiffsgeschützes wiedergegeben Sollte zu wenig Zeit oder Besatzung zur Bedienung vorhanden sein, konnte das Brooktau auch in ausgerannter Position straff gezogen werden. Dann rollte das Geschütz nicht rückwärts. Dafür musste dann ein Besatzungsmitglied außenbords klettern, um von dort das Geschütz zu laden. Auf Grund des hohen Gewichts der Kanonen wurden große Mannschaften für die Bedienung benötigt.

mini|Kettengeschoss und Rundgeschoss Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts war die Bewaffnung soweit standardisiert, dass auf den durchgehenden Batteriedecks der Segelkriegsschiffe jeweils nur ein Kanonentyp stand.Frank Howard: Segel-Kriegsschiffe 1400–1860. 2. Auflage. Bernard & Graefe Verlag, Koblenz 1989, ISBN 3-7637-5239-0, S. 207. Jetzt wurden die Kanonen auch international nach dem Kugelgewicht in Pfund, natürlich nach dem jeweils regional gültigen Pfund bezeichnet. Im 18. Jahrhundert teilte die britische Marine Kanonen dementsprechend als 42-, 32-, 24-, 18-, 12-, 9-, 6-, 4- und 3-Pfünder sowie 0,5-Pfünder als Drehbassen ein.Frank Howard: Segel-Kriegsschiffe 1400–1860. 2. Auflage. Bernard & Graefe Verlag, Koblenz 1989, ISBN 3-7637-5239-0, S. 208. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts wurden alle Kanonen vorwiegend aus Eisen gegossen, Stücke aus Bronze blieben aber noch einige Zeit in Gebrauch.Frank Howard: Segel-Kriegsschiffe 1400–1860. 2. Auflage. Bernard & Graefe Verlag, Koblenz 1989, ISBN 3-7637-5239-0, S. 210f. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurden die 42-Pfünder durch 32-Pfünder ersetzt, da erstere auf Grund ihres Gewichtes und der schweren Geschosse zu unhandlich waren. Der 32-Pfünder, der in den unteren Decks der Linienschiffe mit 74 und mehr Kanonen Aufstellung fand, wog immer noch fast drei Tonnen und hatte bis zu 14 Mann Bedienung.

mini|links|Eine von einer Kanonenkugel getroffene Bordwand mini|Barrengeschoss Der wichtigste Munitionstyp war die eiserne Vollkugel, die gleichermaßen gegen Rumpf, Takelage und Mannschaft eingesetzt werden konnte. Speziell zum Einsatz gegen die Takelage wurden Kettenkugeln (zwei eiserne, mit einer kurzen Kette verbundene Halbkugeln) oder Stangenkugeln (sog. Barren) verschossen (zwei eiserne Kugeln, die durch Stangen verbunden waren). Außerdem wurden auf kurze Entfernungen gegen die gegnerische Besatzung Kartätschen oder Hagel verwendet, beispielsweise zur Abwehr einer Enterung. Obwohl die Reichweite der Kanonen bis 2 km betrug, waren die Trefferaussichten jenseits einiger hundert Meter äußerst gering. Um 1800 trainierten die meisten Kommandanten der britischen Marine ihre Geschützbedienungen auf möglichst schnelles Feuern und versuchten das Gefecht auf wenige 10 Meter Entfernung zu führen, so dass ein Vorbeischießen praktisch unmöglich war. Die Kombination aus offenem Feuer, offenem Schießpulver und den hölzernen Schiffen mit Tauwerk und Pech bot viele Anlässe, die Schiffe durch Brand oder Explosion zu verlieren. Bei sehr geringen Gefechtsentfernungen bestand für beide Seiten die Gefahr, dass durch das Mündungsfeuer und die Ladepropfen erst der Gegner und dann das eigene Schiff Feuer fangen konnte. Das Zurückspringen der Rohre beim Abschuss war ein weiteres Gefahrenpotential auf den mit Menschen überfüllten Decks. Die Artillerie eines Segelkriegsschiffs war normalerweise in der Lage, auf kurze Entfernungen die Bordwände eines vergleichbaren Gegners zu durchschlagen. Auf Grund der geringen Größe der Kanonen war es aber schwer, einen gleich großen Gegner zu versenken. Die Wirkung der Kanonen richtete sich besonders beim Schießen in den Rumpf gegen die feindliche Bewaffnung und Besatzung, bei denen die Mehrzahl der Verluste durch Holzsplitter entstanden. Durch den Verlust von Masten oder Takelage konnte ein Schiff manöverierunfähig geschossen werden. In vielen Einzelgefechten, also in Kämpfen fern der großen Seeschlachten, war der Kommandant eines Schiffes ohnehin auf relative Vorsicht bedacht, brachte ihm und der eigenen Besatzung doch ein geentertes Schiff samt gefangengenommener Besatzung und Schiffsladung (Prise) unter bestimmten Voraussetzungen eine Menge Prisengeld ein.

Karronaden mini|links|Herstellungsgravur einer Karronade von 1807 1774 wurde die nach den Carron Iron Company benannte Karronade entwickelt. Ursprünglich für Armeeverwendung entworfen, kam 1779 eine bordverwendungsfähige Version in Gebrauch. Sie wies ein kurzes Rohr und eine vergleichsweise kleine Pulvertreibladung auf. Dadurch wies das Geschoss eine niedrigere Geschwindigkeit auf und erzielte an den Holzrümpfen eine sehr starke Splitterwirkung. Karronaden waren sehr leicht – die 68-Pfünder-Karronade wog mit 1,8 Tonnen etwa so viel wie ein normaler 12-Pfünder. Damit brauchten sie eine kleinere Mannschaft, konnten hoch im Schiff aufgestellt werden und erlaubten eine schwere Bewaffnung auch auf kleinen Schiffen, die aber nur auf kurze Entfernung eingesetzt werden konnte (vgl. hierzu das letzte Gefecht der amerikanischen Fregatte Essex). Karronaden waren auf Gleitlafetten montiert. mini|Granate aus dem Segelschiffzeitalter

Mörser Zur Segelschiffszeit waren Mörser die einzigen Geschütze, die standardmäßig Explosivgeschosse verfeuerten. Sie waren auf speziellen Schiffen, den Bombarden montiert und nicht für Seegefechte, sondern für den Einsatz gegen Landziele und verankerte Schiffe vorgesehen. Die britische Marine verwendete Mörser der Kaliber 13 Zoll und 10 Zoll (33 cm und 25,4 cm).

Entwicklungen im 19. Jahrhundert