Swissair-Flug SR330 war ein Linienflug vom internationalen Flughafen Kloten in Zürich, Schweiz, nach Tel Aviv, Israel. Am 21. Februar 1970 stürzte die eingesetzte Convair CV-990 ab, nachdem eine Bombe an Bord explodiert war. Alle 47 Menschen an Bord starben. Zeugenaussagen und Ermittlungsergebnisse deuteten auf einen Terroranschlag der palästinensischen Gruppierung PFLP-GC hin.

Ablauf Auf diesem Flug flog eine Convair CV-990 Coronado mit dem Namen Basel-Land und dem Kennzeichen HB-ICDEin Foto der Maschine mit Bezug zum Unfall, Airliners.net, abgerufen am 30. Oktober 2009 diese Strecke. An Bord waren 38 Passagiere und neun Besatzungsmitglieder. Neun Minuten nach dem Abheben explodierte um 12:15 GMT eine Bombe im hinteren Laderaum, als sich die Maschine nach dem Steigflug auf südlichem Kurs bei Sattel-Hochstuckli befand. Die Piloten bemerkten über Brunnen einen Druckabfall und entschieden sich zu einer Rückkehr nach Zürich, um dort notzulanden, konnten aber wegen des Rauchs im Cockpit die Instrumente nicht mehr erkennen.NZZ.ch 18. Februar 2020: Ging dem Anschlag auf die Swissair ein Missverständnis zweier Geheimdienste voraus?

Das Flugzeug driftete immer mehr nach Westen ab, schoss dann über Klingnau aus der Wolkendecke und stürzte kurze Zeit später in den Unterwald bei Würenlingen ab , weil die Stromversorgung ausfiel. Der Aufprall verursachte eine sechs Meter breite, drei Meter tiefe und 95 Meter lange Furche; auf einer Fläche von 130 mal 80 Metern wurde der gesamte Baumbestand beschädigt.Wolfgang Kraushaar: „Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?“ München 1970: über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus. Rowohlt, Reinbek 2013, ISBN 978-3-498-03411-5, S. 175. Niemand überlebte den Absturz. Eines der OpferAbdruck einer Liste aller Opfer bei Wolfgang Kraushaar: „Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?“ Reinbek 2013, S. 179–181. war der deutsche Fernsehjournalist Rudolf Crisolli.

Reaktionen Noch am Tag des Absturzes erklärte ein Sprecher der Terrororganisation Volksfront zur Befreiung Palästinas – Generalkommando (PFLP-GC) in Beirut seine Gruppe für verantwortlich. Das primäre Anschlagsziel sei ein hoher israelischer Beamter gewesen, der sich unter den Passagieren befunden habe. Wenige Stunden später dementierte die PFLP-GC diese Erklärung. Die Gruppe habe mit dem Anschlag nichts zu tun.47 Killed on Airliner Bound for Israel: Arabs Take Responsibility. In: The New York Times vom 22. Februar 1970, abgerufen am 6. November 2018 (englisch) Zwei Tage später dementierte auch die zwei Wochen zuvor gegründete Kommandantur der zehn grössten in Jordanien ansässigen palästinensischen Kommandogruppen (darunter auch die PFLP-GC) und erklärte, eine „gründliche Untersuchung“ habe zweifelsfrei ergeben, dass keines ihrer Mitglieder irgendetwas mit dem Swissair-Absturz zu tun gehabt habe. Der Anführer der Fatah, Jassir Arafat, bekräftigte dieses Dementi einen Tag später im Namen der Kommandantur auf einer Pressekonferenz.Arabs Reviewing Airliner Attacks. In: The New York Times vom 25. Februar 1970, abgerufen am 6. November 2018 (englisch)

Hintergründe Die schweizerische Bundeskriminalpolizei identifizierte Sufian Radi Kaddoumi und Badawi Mousa Jawher als mutmassliche Terroristen; sie konnte sie aber nicht verhaften. Die gerichtspolizeilichen Ermittlungen wurden am 3. November 2000 von der Bundesanwaltschaft eingestellt. Schon 1970 wurde in der Bundesrepublik Deutschland das Verfahren gegen zwei weitere Palästinenser, Yaser Qasem und Issa Abu-Toboul, trotz mutmasslicher Mittäterschaft eingestellt, und die zwei wurden abgeschoben.

Die Anklageerhebung gegen einen palästinensischen Verdächtigen des Anschlages auf den Swissair-Flug 330 wurde von der Schweizer Justiz aus unbekannten Gründen eingestellt.Marcel Gyr: Auf Tuchfühlung mit Terroristen, Neue Zürcher Zeitung vom 20. Januar 2016. 1995 rollte die damalige Bundesanwältin Carla Del Ponte den Fall trotz Verjährung nochmals auf; das Verfahren wurde im Jahr 2000 nach dem Weggang von Carla del Ponte eingestellt.Schweizer Terrorjahre: Del Pontes seltsame Rolle im Fall Würenlingen in Neue Zürcher Zeitung vom 21. Januar 2016

Es gibt Spekulationen, nach denen der Terroranschlag gegen die israelische Fluggesellschaft El Al gerichtet war. Da deren Flug von München nach Tel Aviv grosse Verspätung hatte, sei die in München aufgegebene und offenbar für diesen El-Al-Flug bestimmte Postsendung auf die Swissair-Maschine umgeleitet worden. In diesem Paket habe sich die Bombe befunden. Für den Anschlag wurde ein luftdruckabhängiger Zünder benutzt. Dass der Zünder beim Flug nach Zürich nicht zündete, wurde im erstellten Untersuchungsbericht als technisch möglich, aber unwahrscheinlich bewertet.Würenlingen 1970: War die Schweiz kein zufälliges Opfer?, NZZ, 11. Mai 2018 Möglicherweise war tatsächlich die Swissair das Ziel von Terroristen, die Schutzgeld erpressen wollten. Vermutlich zahlten in den 1970er-Jahren Fluggesellschaften wie zum Beispiel die Lufthansa Schutzgelder an palästinensische Terrororganisationen.

Anfang 2016 veröffentlichte Marcel Gyr, Buchautor und Journalist bei der Neuen Zürcher Zeitung, die These, es habe nach dem 6. September 1970 einen Kontakt zwischen der damals offen terroristisch agierenden Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) und dem Schweizer Aussenminister Pierre Graber gegeben. Zwischen der Schweiz und der PLO sei wohl ein geheimes Stillhalteabkommen geschlossen worden.Marcel Gyr: Auf Tuchfühlung mit Terroristen, Neue Zürcher Zeitung vom 20. Januar 2016. 2016 nahm Gyr in einem weiteren NZZ-Artikel Bezug auf freigegebene FBI-Dokumente, die von einer wesentlichen Tatbeteiligung (Bombenkonstruktion) zweier in Westdeutschland Lebender ausgehen.

Nach dem Absturz Mit der Entführung einer Swissair-Maschine am 6. September 1970 war die Schweiz gleich nochmals vom palästinensischen Terror betroffen.

Wegen des Anschlags wurden die Flughäfen Genf und Zürich im Herbst 1970 von Truppen der Schweizer Armee im Aktivdienst gesichert.vgl. z. B. auch Tages-Anzeiger: Benno Gasser: In: Tages-Anzeiger vom 17. Februar 2009. Abgerufen am 6. Dezember 2011.

mini|hochkant|Denkmal an der Absturzstelle (2010) An der Absturzstelle in Würenlingen erinnert heute ein Gedenkstein mit allen Namen der Passagiere an den Absturz.

Absturzstelle Die Absturzstelle in einem Waldstück bei Würenlingen lag nur einen Kilometer östlich vom Eidgenössischen Institut für Reaktorforschung (EIR), dem heutigen Paul-Scherrer-Institut.

Parallelereignis Am selben Tag explodierte eine Bombe an Bord der Caravelle OE-LCU der Austrian Airlines zwanzig Minuten nach dem Start vom Flughafen Frankfurt auf dem Weg nach Wien im vorderen Frachtraum. Die Explosion riss ein etwa 0,6 m² (3 Fuss × 2 Fuss) grosses Loch in den Rumpf. Das Flugzeug mit 38 Menschen (33 Passagiere und fünf Besatzungsmitglieder) an Bord kehrte nach Frankfurt um und landete dort sicher.

Zeitgeschichtlicher Kontext Die Anschläge auf die Swissair-Maschine und die Austrian-Airlines-Maschine ereigneten sich einen Tag vor dem Besuch des israelischen Aussenministers Abba Eban in der Bundesrepublik Deutschland, den dieser in München begann. Es war der erste Besuch eines israelischen Aussenministers in Deutschland überhaupt; Bundesaussenminister Walter Scheel erwiderte ihn am 7. Juli 1971.

Siehe auch Liste von Anschlägen auf Verkehrsflugzeuge Palästinensische Terroranschläge von 1969 und 1970 gegen die Schweiz

Dokumentation Georg M. Hafner: München 1970 – Als der Terror zu uns kam, Hessischer Rundfunk, 90 Minuten, 2012

Literatur Arthur Schneider: «Goodbye everybody». Flugzeugabsturz Würenlingen 1970. Selbstverlag, Würenlingen 2015, ISBN 978-3-033-05212-3.Daniel Weissenbrunner: «Papa chunnt nie meh hei»: Swissair-Absturz verfolgt Angehörige bis heute. In: Aargauer Zeitung vom 13. November 2015. Wolfgang Kraushaar: Höchste Zeit, ein paar Fragen zu stellen. Ein „Stillhalteabkommen“ 1970 in Genf. In: taz, 25. Januar 2016, S. 5. Marcel Gyr: Schweizer Terrorjahre: Brisante Hinweise aus den USA zum Fall «Würenlingen» In: Neue Zürcher Zeitung vom 15. September 2016. Marc Tribelhorn: Schweizer Terrorjahre: «Wir kennen leider die Informanten des FBI nicht» Interview mit Wolfgang Kraushaar In: Neue Zürcher Zeitung vom 20. September 2016.

Weblinks

Otto Hostettler: Terroranschlag 1970. Den Bombenbauer ignorierten sie. In: Beobachter 14/2012 vom 4. Juli 2012. Der Todesflug von Swissair 330. ARD-Dokumentation vom 29. März 2010 (Trailer, 10 Minuten). Untersuchung der Flugkatastrophe in Würenlingen. Bericht im SF DRS vom 23. Februar 1970. Swissair-Flug 330 – neues Licht auf den Absturz von 1970. Bericht auf SRF 1 vom 20. März 2013. Marcel Gyr: Arabischer Terror in der Schweiz (3/4). Der Mann hinter dem Attentäter. In: Neue Zürcher Zeitung vom 30. Dezember 2014.

Einzelnachweise

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