mini|hochkant=1.5|Historie des ausgehenden 17. Jahrhunderts: Das geängstigte Köge oder Eine warhaffte und Denckwürdige Historie (Leipzig, 1695)

Das Wort Historie (die Betonung liegt auf dem „o“, das abschließende „e“ wird als Schwundform der lateinischen Variante historia gesprochen) bezeichnet bis in das 18. Jahrhundert den Bericht, die einzelne Nachricht, die einzelne Geschichte, die Erzählung, ob fiktional oder wahr.

Speziell in der Geschichtswissenschaft werden viele umfassend erzählende antike und mittelalterliche Geschichtswerke als Historien bezeichnet. Zusammensetzungen wie „Universal-Historie“Siehe etwa Johann Christian Nehrings Kurtze Einleitung in die Universal-Historie, Wie Dieselbe kleinen Kindern beyzubringen ist: In 136 einfältigen Fragen und Antworten/ Nebst einer Chronologischen Tabell vorgestellet, und der geliebten Jugend zum Besten heraus gegeben (Cölln an der Spree: Rüdiger, 1698). oder „Kirchen-Historie“Siehe etwa Gottfried Arnolds „Unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie“. kamen im 17. Jahrhundert auf, um einen Bereich der Weltgeschichte zu bilden.

Das Wort verschwand im deutschen Sprachgebrauch weitgehend, als im 19. Jahrhundert die Geschichtswissenschaft aufgebaut wurde. Es bewahrt heute eine eigenständige Bedeutung in der Shakespeare-Forschung, die der Gliederung Rechnung trägt, die sich in der ersten postumen Shakespeare-Ausgabe, der Folio-Edition von 1623, findet. Sie unterscheidet zwischen Comedies, Histories und Tragedies: Komödien, Historien (oder Historien-Dramen) und Tragödien.

In der Frühe-Neuzeit-Forschung wird das Wort insbesondere dann benutzt, wenn man darauf verzichten will, rückwirkend Texte zu eindeutig als fiktionale Literatur zu verbuchen. Das Problem ist hier in der Regel, dass diese Texte eher undifferenziert als erbauliche, lehrreiche Erzählungen, Berichte, schlicht „Historien“, eingestuft wurden, ohne intensivere Diskussion ihrer Faktizität.

Das mittelalterliche und frühneuzeitliche Sprechen von Historien geht seinerseits auf ein antikes zurück.

Historien in der Antike und in Byzanz

Das Wort Historia stammt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich „Erkundung“ oder „Erforschung“, und so wurde er auch von dem antiken griechischen Geschichtsschreiber Herodot (um 430 v. Chr.) gebraucht (siehe Geschichte der Geschichtsschreibung#Antike). Erst Aristoteles verwendete dann einige Jahrzehnte später den Terminus Historia im Sinne von „Geschichte“ bzw. „Geschichtsschreibung“. Eine Reihe antiker Werke boten Historien unter Bündelung verschiedener Themenbereiche (etwa historischer, geographischer und religiöser Themen). Die bedeutendsten waren die Historien Herodots, die von Thukydides und Polybios verfassten Monographien zum Peloponnesischen Krieg bzw. zum Aufstieg Roms zur Weltmacht, die fragmentarisch überlieferten Werke Sallusts zur Spätzeit der Römischen Republik, die Historien des Tacitus und des Ammianus Marcellinus sowie die Historien des Prokopios von Caesarea. Daneben existierten eine Vielzahl weiterer Werke, die diesen Titel trugen, oft aber nur fragmentarisch erhalten sind.

Diesen antiken Werken ist gegenüber moderner Geschichtsschreibung eine gewisse Zersplitterung in Einzelhistorien gemeinsam, wenngleich ein jeweils übergeordnetes Thema gegeben ist. Die Autoren schrieben zum guten Teil mit der Intention, zu unterrichten und in Vertretung persönlicher politischer Standpunkte; der Anspruch auf „Wahrhaftigkeit“ wurde dabei aber nie aufgegeben. Die antiken Historien waren anspruchsvoll gestaltet und bedienten sich meistens einer stilisierten Kunstprosa. Oft behandelten sie die Zeitgeschichte, doch lässt sich der Terminus Historia in der griechischen Geschichtsschreibung nicht ausschließlich darauf beschränken.Guido Schepens: History and Historia: Inquiry in the Greek Historians. In: John Marincola (Hrsg.): A Companion to Greek and Roman Historiography. 2 Bde., Blackwell, Oxford 2007, S. 39ff., besonders S. 41f. Vielmehr konnten ebenso vergangene Ereignisse dargestellt werden und konnte die Darstellung bis in die Lebenszeit des Verfassers reichen (wie bei Polybios). Eine zu enge Definition des Begriffs Historia ist eher irreführend als hilfreich, zumal der Gegenstand der historischen Betrachtung in den antiken Historien stark variieren konnte. Oft waren Historien universalhistorisch (nach den Maßstäben der jeweiligen Zeit) angelegt und mit zahlreichen Exkursen versehen. Dies trifft vor allem auf den Bereich der griechischen Historiographie und hier besonders auf die Historien Herodots, des Polybios und Prokops zu, wo der behandelte Themenbereich sehr breit angelegt war.

Im Bereich der lateinisch-römischen Historiographie war der universalhistorische Ansatz weniger verbreitet, doch setzten sich auch die Historien Sallusts und die Historien (sowie die Annalen) des Tacitus von der reinen annalistischen Darstellung ab. In der römischen Historiographie wurden zudem Historiae in der Regel als zeitgeschichtliche Darstellungen begriffen (und erfreuten sich großer Beliebtheit), während im Gegensatz dazu unter Annales Schilderungen der ferneren Vergangenheit verstanden wurden.Aulus Gellius, Noctes Atticae, 5, 18, 1ff. Vgl. auch Michael von Albrecht: Geschichte der römischen Literatur. Bd. 1 (von 2), 3. Aufl., München 2003, S. 290f. Nach Tacitus flachte die Geschichtsschreibung im lateinischsprachigen Teil des Imperiums jedoch stark ab und wurde schließlich durch die biographische Darstellungsform verdrängt (siehe Sueton, Marius Maximus und Historia Augusta). Erst Ammianus Marcellinus bot Ende des 4. Jahrhunderts wieder eine zusammenhängende, ausführliche Darstellung historischer Ereignisse (angereichert mit zahlreichen Exkursen) in lateinischer Sprache; es sollte das letzte bedeutende lateinische Geschichtswerk der Antike sein.

Anders sah die Situation im griechischsprachigen Osten aus, wo die von Herodot und Thukydides (der allerdings den Begriff Historia vermied) begründete historiographische Tradition bis in die Spätantike lebendig blieb; die letzten Historien wurden von Theophylaktos Simokates im frühen 7. Jahrhundert verfasst.Den derzeit umfassendsten Überblick zur antiken Historiographie und der Thematik der Historien bietet John Marincola (Hrsg.): A Companion to Greek and Roman Historiography. 2 Bde., Blackwell, Oxford 2007.

In der byzantinischen Geschichtsschreibung wurde ab dem späten 10. Jahrhundert ebenfalls wieder auf die klassizistischen Vorbilder zurückgegriffen.

Begriffsverwendungen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit

hochkant=0.9|mini|Der billige Markt: Wunderliche und seltsame Historien Tillen Eulenspiegels c.1720.

Die erhaltenen antiken Geschichtswerke in lateinischer Sprache gehörten zu den Texten, die im Mittelalter bereits früh rezipiert wurden. Sie boten sich hier vor allem beim Aufbau der Exempla-Literatur als reicher Materialfundus an. In der mittelalterlichen Geschichtsschreibung trugen ebenfalls mehrere Werke den Titel Historiae, so z. B. im Frühmittelalter das Geschichtswerk des Gregor von Tours oder das Werk Nithards, wenngleich sich die Darstellungsweise von der antiker Werke teils sehr deutlich unterschied. Der alte klassizistische Anspruch verschwand, allerdings flossen Elemente der antiken Geschichtsschreibung weiterhin ein. Im weiteren Verlauf des Mittelalters trugen mehrere weitere Geschichtswerke den Titel Historia bzw. war diese Bezeichnung Bestandteil des Gesamttitels.Zur geschichtlichen Literatur des Mittelalters vgl. etwa den Überblick in Franz Brunhölzl: Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Bd. 1ff. München 1975ff.

Das Wort Historia bezeichnete später zunehmend auch alle Formen des Berichts, der Erzählung, der Geschichte, einen, rückblickend beurteilt, unkritisch strukturierten Bereich. Regelmäßig stehen in ihm aus heutiger Sicht fiktionale Historien, legendäre Berichte, Zusammenfügungen von Informationen auf eine Stufe mit Texten der sich allmählich herausbildenden öffentlichen Geschichtsschreibung, die in den Feldern der weltlichen und Kirchen-Historie im 17. Jahrhundert zunehmend akademische Standards sucht.

Stärker als die Differenzierung zwischen wahren Historien (heute Geschichtsbüchern) und Fiktionen (heute Literatur) ist in theoretischen Überlegungen zur Aufgabe der HistorienSiehe César Vichard de Saint-Réal, De l'Usage de l'histoire (Paris, 1671) oder auch anonyme Titel wie das Raisonement über die Historie und deren Gebrauch. Nebst der Historie des Augusti aus dem Italiänischen (1707), Wolfenbüttel, Herzog August Bibliothek, Signatur: 255.(1)}. vor dem mittleren 18. Jahrhundert zumeist die Frage des didaktischen Gebrauchswerts, den die Historie in der Hand des klugen Lesers gewinnt. Aus Historien zu lernen, ist das Ziel des Historikers. Die Weltgeschichte wird traditionell als Kompendium interessanter Exempel angesehen, die Politiker, Redner, Prediger anführen können, um Maximen, Handlungsanweisungen, von ihnen abzuleiten. Das hat entscheidend mit der Debattenlandschaft zu tun, die bis Mitte des 18. Jahrhunderts bestimmend ist. In ihr gibt es weder einen Bereich der öffentlichen Geschichte, die mit universitärer Etablierung für die kritische Aufarbeitung der Vergangenheit zuständig ist, noch gibt es vor 1750 einen Bereich der Literaturwissenschaft, der fiktionale Texte tradiert. Die Teilung der Wissenschaften steht dem Aufkommen einer Geschichtswissenschaft entgegen. Die traditionelle Gliederung der Wissenschaften in Theologie, Jurisprudenz, Medizin und Philosophie überdauert bis in das späte 18. Jahrhundert, sie kennt eine breitere Auseinandersetzung mit der Geschichte vor allem im Grundstudium der sogenannten philosophischen Disziplinen. Hier findet ein Wandel erst mit der Säkularisierung statt, in deren Gefolge die westeuropäischen Nationalstaaten die Geschichtswissenschaft zu einer Diskussionsplattform ausbauen, auf der Belange von Staat und Kirche verhandelt werden.