Der Begriff Cyborg bezeichnet ein Mischwesen aus biologischem Organismus und Maschine. Zumeist werden damit Menschen beschrieben, deren Körperteile dauerhaft durch maschinelle Bauteile ergänzt werden. Der Name ist ein Akronym, abgeleitet vom englischen cybernetic organism („kybernetischer Organismus“). Im Gegensatz zu Robotern und Androiden bezieht sich der Begriff Cyborg auf einen lebenden Organismus, dessen Funktionen wiederhergestellt oder Fähigkeiten verbessert wurden, indem künstliche Komponenten oder Technologien integriert wurden, die auf Rückkopplung beruhen.

Die theoretische Diskussion des Cyborgs ist eng mit dem Transhumanismus verbunden. Futuristen wie Ray Kurzweil prognostizieren ein baldiges, irreversibles Verschwimmen der Grenzen zwischen Mensch und Maschine. Dies unterstreicht die Dringlichkeit ethischer und gesellschaftlicher Debatten über Enhancement. Die Überlegungen zur Cyborg-Technologie erstrecken sich tatsächlich auf die Bio- und Medizintechnik sowie auf die Regulierung ethischer Fragen. Die Cyborgisierung ist ein aktueller Trend, der von verschiedenen Akteuren vorangetrieben wird. Ein Beispiel ist Neil Harbisson, der sich selbst als erster staatlich anerkannter Cyborg bezeichnet.

Begriffsherkunft Am 26. und 27. Mai 1960 wurde in den Vereinigten Staaten von Amerika ein Symposium unter dem Titel "Psychophysiological Aspects of Space Flight" abgehalten. Das Thema war von aktueller Relevanz, da die Raumfahrtbehörde NASA Schimpansen und Menschen auf den Flug in einer Weltraumkapsel vorbereitete. Das Symposium beinhaltete auch den Vortrag "Drugs, Space and Cybernetics" von Manfred Clynes und Nathan S. Kline. Die beiden Autoren legen dar, dass es verschiedene Methoden gibt, um Menschen den Zuständen im Kosmos anzupassen. Zu diesen Methoden zählen die konstante Zuführung von Pharmazeutika sowie der Anschluss an technische Systeme, etwa als Lungenersatz. Die Funktionsweise sollte durch Automatisierung und Regelkreislenkung erfolgen, wie es in der damals aktuellen Kybernetik-Forschung als Standard galt.

Der Begriff stammt somit aus dem Kontext der Raumfahrt. Der österreichisch-australische Wissenschaftler Manfred Clynes und der US-amerikanische Mediziner Nathan S. Kline verwendeten den Begriff in dem gemeinsamen Aufsatz in den 1960er Jahren das erste Mal.Manfred E. Clynes, Nathan S. Kline: Der Cyborg und der Weltraum. In: Karin Bruns, Ramon Reichert (Hrsg.): Reader Neue Medien. Texte zur digitalen Kultur und Kommunikation. Bielefeld 2007, S. 467–475. Englischer Originaltext. Sie schlugen die technische Anpassung des Menschen an die Umweltbedingungen des Weltraums vor, als Alternative zur Schaffung einer künstlichen erdähnlichen Atmosphäre innerhalb von Raumschiffen. Ausgangspunkt dieser Überlegungen ist die natürliche Evolution, die hier als fortschreitende Anpassung der Lebewesen an neue Umweltbedingungen verstanden wird. Mit Hilfe von biochemischen, physiologischen und elektronischen Modifikationen sollten Menschen als „selbstregulierende Mensch-Maschinen-Systeme“ im Weltraum überlebensfähig sein.

Die grundsätzliche Idee, technologische bzw. künstlich hergestellte funktionale Bestandteile in organische Systeme einzufügen, ist allerdings wesentlich älter als der Begriff Cyborg. So kann z. B. von einem Zusammenhang zwischen dem Zeitalter der Aufklärung und der „Prothetisierung der Welt“ (Bernd Flessner) gesprochen werden.Bernd Flessner: Die Herrschaft der Prothesen. In: Kursbuch 128. (1997), S. 35–44. Insbesondere in der Science-Fiction finden sich Cyborgphantasien schon, bevor der Begriff geprägt wurde.

Alternative Bezeichnungen für einen Cyborg sind Mensch-Maschine-Mischwesen, kybernetischer Organismus, Cyber-Organismus, cyber-organisches Wesen, kybernetisch verbesserter Organismus, kybernetisch erweiterter Organismus, techno-organisches Wesen und Techno-Organismus.

Biotechnologie In der modernen Biotechnologie gibt es Bestrebungen, biologische „Elemente“ (in diesem Fall Menschen) mit technischen Elementen zu verbinden. Dieser technische Bereich wird als Bioelektronik bezeichnet. Im medizinischen Kontext ist die Verwendung komplexer binnenkörperlicher Technologie nichts Neues mehr. Menschen mit technischen Implantaten wie Herzschrittmachern, künstlichen Gliedmaßen, komplexen Prothesen oder Implantaten in Ohr und Auge (Cochlea- bzw. Netzhaut-Implatate) sind dem Begriff nach bereits Cyborgs. „Ungefähr 10 Prozent der aktuellen Bevölkerung der USA sind vermutlich im technischen Sinn Cyborgs“, schrieb N. Katherine Hayles 1995 im Cyborg Handbook.N. Katherine Hayles: The Life Cycle of Cyborgs: Writing the Posthuman. In: Chris Hables Gray (Hrsg.): The Cyborg Handbook. New York / London 1995, S. 321–335.

Netzhautimplantate (Retina-Implantate) stellen eine weitere Entwicklung in Richtung Cyborgisierung in der Medizin dar. Die zugrunde liegende Theorie der Netzhautstimulation zielt darauf ab, das Sehvermögen von Menschen, die an Retinitis pigmentosa und altersbedingtem Sehverlust leiden, wiederherzustellen. Bei diesen Erkrankungen ist die Anzahl der Ganglienzellen in der Netzhaut ungewöhnlich gering. Das Netzhautimplantat und die elektrische Stimulation sollen als Ersatz für die fehlenden Ganglienzellen dienen, die das Auge mit dem Gehirn verbinden. Gehirn-Computer-Schnittstelle alt=Participant in a brain-computer interface is Getting connected to a computer|mini|Teilnehmer an einer Gehirn-Computer-Schnittstelle wird mit einem Computer verbunden mini|Demonstrator einer medizintechnischen Gehirn-Computer-Schnittstelle Die Hauptanwendungsgebiete von Gehirn-Computer-Schnittstellen (Brain-Computer-Interfaces) liegen in der Unterstützung von Menschen mit körperlicher Behinderung.

Brain-Computer-Interfaces (BCI) basieren auf der Beobachtung, dass bereits die Vorstellung eines Verhaltens messbare Veränderungen der elektrischen Hirnaktivität auslöst. Die Vorstellung, eine Hand oder einen Fuß zu bewegen, aktiviert beispielsweise den motorischen Kortex. Im Rahmen eines Trainingsprozesses erlernen sowohl der Rechner als auch der Mensch, welche Veränderungen der Hirnaktivität mit bestimmten Vorstellungen korreliert sind. Diese Information kann dann in Steuersignale für verschiedene Anwendungen umgewandelt werden. In Verbindung mit einer Buchstabiermaschine können beispielsweise Menschen mit einem Locked-In-Syndrom, die die zum Sprechen nötige Muskulatur nicht bewegen können, eine Kommunikation mit der Außenwelt ermöglichen.

Der von vielen Transhumanisten bevorzugte Ansatz zur Entwicklung einer Superintelligenz besteht in der Ausrüstung von Menschen mit verbessernden Implantaten, etwa Mikroprozessoren, um die Denkfähigkeiten massiv zu erhöhen. Das vorgeschlagene Endziel des Transhumanismus besteht in einer Implementierung menschlichen Bewusstseins in digitalen Speichern von Roboter oder Cyborgs. Die technische Realisierung ist noch im Anfangsstadium. Durchbrüche bei der Integration von menschlichem Gehirn und künstlichen Implantaten – vor allem Prothesen zur Behandlung von Behinderungen – führen gelegentlich zu Euphorie in der Presse,Erste gedankengesteuerte Armprothese. In: derstandard.atProthesen – Höher, schneller, weiter. In: zeit.deSpiegel 1997: Als Cyborg ewig lebenSchrittmacher fürs Gehirn. In: focus.deSpiegel 2008: Die Sprache des Gehirns eine tatsächliche Verbesserung des menschlichen Gehirns durch eine Computerschnittstelle steht allerdings aus.

Das Unternehmen Neuralink beschäftigt sich mit der Entwicklung einer BCI. 2024 wurden Versuche an Testpersonen gestartet. Erste Ziele sind Verbesserungen bei Krankheiten wie Depressionen, Angstzuständen oder Epilepsie. Eine ausreichende ethische Diskussion findet aktuell noch nicht statt. Kritik BCIs bieten „noch nie dagewesenes Auswertungspotential“ hochsensibler privater Daten. Kritiker des Deutschen Forschungsinstituts für öffentliche Verwaltung warnen, dass BCIs prinzipiell dazu geeignet seien, „Personen zu manipulieren, ihre Identität zu verändern und möglicherweise in den Wahnsinn zu treiben“. Auch könnten damit besonders sensible persönliche Daten, bspw. Gesundheitsdaten und Bankverbindungsdetails, abgegriffen werden.

Philosophie Problematik des Begriffs Es gibt unterschiedliche Vorstellungen über die Bedeutung des Begriffs. Nach Ansicht des Philosophen Walther Christoph Zimmerli stellt der moderne Mensch generell ein Wesen dar, das in einer symbiotischen Verbindung mit der ihn umgebenden Technik lebt. Er sei demnach „Teil eines solchen Mensch-Maschine-Komplexes“.Zitat aus: Forschung & Lehre. 9 (2000). Entsprechend wäre ein Cyborg bereits eine Person, die sich mit Technik umgibt, etwa in einem Auto sitzt oder auch nur eine Brille trägt. Gerade hier aber ist strittig, wie der Begriff „Cyborg“ verwendet werden solle. Ist er ein Synonym für „den Menschen“ als ein unhintergehbar auf Technologie verwiesenes Wesen im Sinne der Hauptvertreter der Philosophischen Anthropologie Arnold Gehlens oder Helmuth Plessners? Oder soll der Begriff für solche Verbindungen von Leib und Technologie reserviert werden, bei denen, wie zum Beispiel Dierk Spreen meint, „Technologie unter die Haut“ geht?Dierk Spreen: Cyborgs und andere Technokörper. Ein Essay im Grenzbereich zwischen Bios und Techne. 2. Auflage. Passau 2000, S. 28. Um dies zu verdeutlichen, hat Spreen das sogenannte „Reglermodell“ vorgeschlagen, wonach sich die „Technisierung des Körpers wie ein Regler auf einer Skala zwischen lowtech body und hightech body verschieben lässt.“Dierk Spreen: Der Cyborg. Diskurse zwischen Körper und Technik. In: Eva Eßlinger et al. (Hrsg.): Die Figur des Dritten. Ein kulturwissenschaftliches Paradigma. Berlin 2010, S. 166–179, hier: S. 170. Demnach ist der „hightech body“ ein Cyborg mit einem organisch-technologischen Leib. Dagegen ist der „lowtech body“ von Technologie und Medien lediglich umgeben. Der Autor weist mit dem Modell allerdings auch auf die Bezüge zwischen der technischen und medialen Durchdringung der Soziosphäre, die ja auch schon sehr körpernah sein kann (MP3-Player, Smartphones, Tablets, Notebooks usw.), und der technischen Durchdringung des menschlichen Leibes in der modernen Medienkultur hin.

Gewinnt man kein Differenzkriterium, würde das Wort „Cyborg“ nichts bedeuten, was nicht bereits im anthropologischen Begriff „des Menschen“ als konstitutiv technischem Wesen aufgehoben wäre. Aufgrund seines spezifischen, durch die Philosophische Anthropologie hervorgehobenen weltoffenen Wesens kommt der Mensch als solcher „um die Möglichkeit des Umbaus seiner eigenen Physis, seiner Positionalität, nicht umhin, von der Eugenik bis zur individuellen Euplastik.“Joachim Fischer: Androiden – Menschen – Primaten. Philosophische Anthropologie als Platzhalterin des Humanismus. In: Richard Faber, Enno Rudolph (Hrsg.): Humanismus in Geschichte und Gegenwart. Tübingen 2002, S. 237. Mit dem Begriff der Positionalität drückt Plessner die Tatsache aus, dass alle Lebewesen in eine Umwelt hineingesetzt, positioniert sind. Alle Lebewesen sind durch eine Grenze zu ihrer Umwelt bestimmt. Vor diesem Hintergrund erscheint es sinnvoll, den Begriff „Cyborg“ für bestimmte Formen des Verhältnisses von Körper und Technik zu reservieren, nämlich solche, in denen sich Organisches und Technisches zu einer hybriden Lebensform verbinden. „Menschliche Cyborgs“ (Chris Hables Gray, Dierk Spreen) wären dann in diesem Sinne hybride Menschen.