mini|350px|Der knapp 3 Meter hohe, ehemals farbige Hirsch aus geschmiedeten Stahl als Wegdurchgang ist namensgebend für den Hirschhof (ursprünglich vom Eingang Oderberger Str. 15 – Skulptur ist derzeit nicht zugänglich, weil abgebaut und eingelagert.) Der Begriff Hirschhof bezeichnet einige der zusammengelegten Hofanlagen an der Ecke Oderberger Straße und Kastanienallee im Ortsteil Prenzlauer Berg des Berliner Bezirks Pankow. Die Gesamtanlage Hirschhof ist durch Daniela Dahns Reportage Prenzlauer Berg-Tour (1987) auch als Paradiesgarten bekannt und in Touristenführern verzeichnet.

Die Besonderheit seiner fast einmaligen Entstehungsgeschichte als frühe Form einer Bürgerbewegung in der DDR verbunden mit individuell–künstlerischen Ausgestaltungen, Kunstwerken und historisch wertvollen Fundstücken, machte ihn zu einem schützenswerten Raum, der leider durch Versäumnisse der Verantwortlichen im Bezirk herbeigeführt wurde.

So wurde unter anderem hier die Bewegung „WBA“ gegründet, welche wenige Jahre später eher mit Hausbesetzungen und nach der Wende mit neuen Mietkonzepten bekannt wurde. Eigentlich aber aus den in der DDR üblichen Wohnbezirksausschüssen (WBA) hervorging, aber zum Leidwesen der damaligen Regierung ganz andere Ideen beinhaltete.

Der WBA 54 in Berlin-Prenzlauer Berg war 1985 nicht besetzt, so meldeten sich Menschen zur ehrenamtlichen Arbeit- wurden akzeptiert und „gewählt“. Später wurde der Bürokratie erst klar, dass es der erste demokratische Akt in der Geschichte der DDR gewesen sein könnte. Diese Menschen haben nachhaltig das Quartier geprägt und die späteren Ereignisse beeinflusst.

Geschichte Vorgeschichte Auf dem Gelände des eigentlichen Hirschhofs befand sich bis zum nahen Ende des Zweiten Weltkriegs eine Fabrik für Feinmechanik mit einem Zugang von der Oderberger Straße. Zwar blieb Prenzlauer Berg überwiegend von den Bombenangriffen der Alliierten verschont, die Fabrik wurde jedoch quasi zielgenau zerstört, während die umliegenden Gebäude kaum betroffen waren.

In den Fabrikgebäuden im 5. Hinterhof auf dem späteren Hirschhof, waren während des Zweiten Weltkriegs in den Wohngebäuden der Kastanienallee 12 rund 60 Zwangsarbeiter aus Frankreich und den Niederlanden für die Biedermann & Czarnikow KG tätig. Durch einen Luftangriff der Alliierten starben dort am 1. März 1943 zwei Menschen, 56 wurden verletzt. Der Hauptsitz der Fabrik für Feinmechanik lag in der Elsenstraße 106/107 in Berlin-Treptow und produzierte für die Wehrmacht.Räume der Kastanienallee 12 als Unterkunft für Zwangsarbeiter Dok-Zentrum NS-Zwangsarb. Facebook vom 3. September 2020

Der Straßenblock lag zu Zeiten der DDR an einer sensiblen Stelle, da in unmittelbarer Nähe die Berliner Mauer verlief. Die Altbauten waren zunehmend verfallen. Die Behörden planten daher den Abriss des Straßenblocks, um hier Neubauten zu errichten. Die Anwohner wehrten sich jedoch erfolgreich gegen diese Pläne, weil sie über Organisationen wie die Wohnbezirksausschüsse (WBA) gemeinsam die Offenlegung der Pläne erzwangen und sie so scheitern ließen.

Selbst die Regierung sah im Prenzauler Berg Handlungsbedarf und beauftragte zwei Architekten, die Situation zu begutachten und Ideen zu entwickeln. Herbert Pohl und Wolf Dietrich Werner, zwei Architekten aus dem Stadtplanungsamt, haben die Realität aber nicht im Sinne der damaligen Regierung beschrieben und sind für ihre klare und pragmatische Einschätzung strafversetzt und emotional gebrochen worden. Die Veröffentlichung ist noch heute in der Form+Zweck 1/1983, dem Design-Magazin der DDR, nachzulesen. Diese Ausgabe war komplett der städtebaulichen Betrachtung der Prenzlauer Berges, auf unterschiedlichen Ebenen, gewidmet. 3 Monate nach Druck war die gesamte Redaktion entlassen worden.

Entstehung

Anfang der 1980er Jahre wurde in Ost-Berlin eine „Mach mit!“ – Initiative unter dem Motto Macht den Höfen den Hof gestartet. Schwerpunkt war der hinterhofreichste Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg. In der Oderberger Straße hatte sich in Form einer Bürgerbewegung eine große Mietergemeinschaft dafür eingesetzt, das sich über mehrere Hinterhöfe erstreckende Gelände nach den Kriegsschäden zu entrümpeln und neu zu gestalten. Man muss vor allem selbst etwas tun und nicht auf irgendwen warten wird der zum damaligen Zeitpunkt hier wohnende Grafiker Eberhard Neumann in einer Titelgeschichte der NBI zu den Berliner Hinterhöfen zitiert.Oase vor der Haustür – Die große Berliner Hofaktion, von Lothar Heinke; in: Neue Berliner Illustrierte 22/86, S. 12–17.

Auf Initiative der Wohnbezirksausschüsse wurden nun einige Hofabschnitte zusammengelegt. Es entstand 1982 ein kleiner Park, der – in Eigeninitiative von den Anwohnern – angelegt wurde. Hierzu steuerte der Rat des Stadtbezirks etwa eine Million Mark der DDR bei. Mit der komplexen künstlerischen Gestaltung wurden Anatol Erdmann, Stefan Reichmann und Hans Scheib beauftragt. Das Projekt wurde auf der 1987/1988 auf der X. Kunstausstellung der DDR in Dresden gezeigt. Nach Abschluss der umfangreichen Baumaßnahmen (von der Kommune Prenzlauer Berg vor allem Erdbewegungen und seitens der Anwohner der Impuls und das Engagement zur künstlerischen Ausgestaltung), fand im Sommer 1985 die Eröffnung des Hirschhofes statt. Der Hirschhof erlangte bei den Anwohnern bald als künstlerisch und gärtnerisch gestaltete Grünanlage inmitten des dichtbebauten Gebiets an der Nahtstelle von Mitte und Prenzlauer Berg große Beliebtheit und galt als angesagter Treffpunkt.

Treffpunkt des Untergrunds Namensgebend für den Hirschhof wurde der knapp 3 Meter hohe Hirsch; eine bunt bemalte Metallplastik aus geschmiedetem und verschweißtem Stahlschrott der Künstler Anatol Erdmann, Hans Scheib und Stefan Reichmann. Durch den Hirsch hindurch führt der Zugang zum eigentlichen Hof von der Oderberger Straße 15.

Weitere Kunstwerke entstanden, darunter eine Sitzgruppe aus Obst und Gemüse, Fliesen, einem Indianerpfahl und Fischen. (Einige der Kunstwerke sind inzwischen verfallen.) Im Hirschhof gab es zu DDR-Zeiten auch eine Kulturbühne (ein kleines Amphitheater), auf dem von Anwohnern organisierte Konzerte, Lesungen und Filmvorführungen stattfanden.

Der Hirschhof entwickelte sich als Geheimtipp bald zu einem Treffpunkt der Untergrundkultur Ostberlins, zu der viele Regimegegner gehörten. Es traf sich in den 80er-Jahren die Prenzlauer-Berg-Szene: Künstler, Intellektuelle, sog. Blueser oder Kunden und Punks, mit fließenden Grenzen zwischen all diesen Gruppen. Die Staatssicherheit führte in der Folge eine Akte „Hirschhof“.

Jährlich wurde das Hirschhoffest (siehe FotoSommerfest auf dem Hirschhof 1986, Foto von Harald Hauswald auf bpb.de.) im Sommer durchgeführt. Der enorme Erfolg erfolgte über Mundpropaganda innerhalb der Szene. Auf der Kulturbühne fanden Konzerte, Lesungen und Filmvorführungen statt, bei der sich Opfer und unentdeckte IM‘s der Stasi quasi die Hand gaben. Protegiert wurde das mutige Projekt von Erhard Tapp, dem Vorsitzenden des örtlichen Wohnbezirksausschusses.Der Geheime Garten. Geschichte und Zukunft des Hirschhofs, Gespräch in Oya 9/2011 (Onlineversion).

mini|Angeblich aus dem Berliner Stadtschloss stammende Trümmerteile im Jahr 1990; Künstler holten sie von einer Müllhalde im Ahrensfelder Wald

Trümmerblöcke mini|Blick auf den vierten Hinterhof der Kastanienallee 12 im Jahr 1990, der von Künstlern zu einer abenteuerlichen Spielplatz-Oase gestaltet wurde

Im Umfeld des Spielplatzes findet sich auch heute noch eine Reihe von Trümmerblöcken, die in den Spielplatz eingebettet sind. Früher ist davon ausgegangen worden, dass es sich hierbei um Teile des Berliner Stadtschlosses handele, das 1950 von der DDR-Regierung gesprengt wurde. Dieses Gerücht bescherte der Oderberger Straße Touristenströme. Laut der Kunsthistorikerin Gabi Ivan handelt es sich hierbei jedoch um Trümmer des Berliner Doms, die zu DDR-Zeiten von den Initiatoren des Hirschhofs aus der Deponie an der Falkenberger Chaussee geholt wurden. Der berühmte Steinadler befindet sich auf dem derzeit nicht öffentlichen Gelände.

Nachwendezeit Die Häuser der Straßen um den Hirschhof waren beim Fall der Mauer in einem schlechten Zustand, manche waren unbewohnbar. Sie wiesen jedoch den Charakter der Gründerzeit auf, mit einer grundsätzlich guten Bausubstanz. Mit der Zeit fanden sich Investoren, die einige der Häuser nach und nach sanierten. Allerdings stiegen dadurch auch die Mietpreise stark an, die die meisten der angestammten Anwohner in der Folge gentrifizieren (verdrängen) sollten.

Mit der Aktion Wir bleiben alle (W.B.A.) – eine bewusste Anlehnung an die alte Abkürzung WBA zu den ehemaligen Wohnbezirksausschüssen – organisierten die Anwohner und eine aktive Bürgerschaft auf dem Hirschhof 1992 die beiden größten Demonstrationen gegen die anstehende Erhöhung der Mieten, die es in Berlin je gab; mit über 20.000 Teilnehmern.Peter Nowak: „Wir bleiben alle“ und Geschichte des Hirschhofs auf MieterEcho 313/Dezember05. Bezirksverband Pankow vom 15. September 2010. Vorerst konnte man sich daraufhin gegen Luxussanierungspläne wehren, die auch den Hirschhof bedroht hatten. In der Folge sanierte der Bezirk den Hof für 50.000 Euro.

Nach Verkauf der angrenzenden Häuser und weitgehender Umwandlung in Eigentumswohnungen, verbunden mit dem Austausch der Bewohner, erfolgte ein jahrelanger Rechtsstreit zwischen den neuen Wohnungseigentümern und dem Bezirksamt Pankow. Es gab bereits seit den späten 1990er Jahren keinen direkten öffentlichen Zugang mehr zum Hirschhof, da die Eingänge verschlossen wurden. Das Bezirksamt hingegen wollte die Park- und Kulturanlage der Allgemeinheit erhalten. Es gab einen Antrag an die Bezirksverordnetenversammlung Pankow den Hirschhof aufgrund seiner Geschichte als – öffentliches – Gartendenkmal zu schützen, dem seitens der Landesdenkmalschutzbehörde nicht entsprochen wurde.

2011 hatte das Oberverwaltungsgericht (OVG) Berlin weiter entschieden, dass der Hirschhof keine öffentliche Grünfläche sei und gab den Eigentümern nun das Recht Zäune zu ziehen.

Am 30. September 2011 begann ein neues Verfahren um die Frage, ob der Bezirk die privaten Flächen öffentlich nutzen kann und ggf. eine Enteignung (d. h. Kauf durch das Land zu dem deutlich unter dem Verkehrswert liegenden Preis von 15 €/m²) nach dem Verkehrsflächenbereinigungsgesetz möglich ist. Das Landgericht hat die Klage des Landes abgewiesen, das Kammergericht hat ihr stattgegeben. Der Bundesgerichtshof hat im Revisionsverfahren das Verfahren an das Kammergericht zurückverwiesen, da wichtige Zeugen nicht gehört wurden. Zudem muss das Kammergericht prüfen, ob es sich beim Hirschhof um eine gärtnerisch gestaltete Grünanlage (nur deren Enteignung wäre möglich) oder „nur“ um einen begrünten Innenhof handelt.Pressemitteilung des BGH zum Urteil vom 12. Juli 2013, Aktenzeichen V ZR 85/12

Auch in einem weiteren Verfahren vor dem Bundesgerichtshof wegen einer anderen Teilfläche muss das Kammergericht neu entscheiden und dazu die tatsächliche Nutzung zum Beitrittszeitpunkt feststellen. Es hatte zuvor ein Ankaufsrecht des Bezirks bejaht, nachdem das Landgericht ein solches verneint hatte.BGH Urteil vom 11. April 2014 Az. V ZR 17/13

Rückbau und Ausblick