Die Ragöse (auch Ragöser Fließ) ist ein rund 13 Kilometer langer Bach im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin im Brandenburger Landkreis Barnim.

Zwei Quellarme des Fließes liegen westlich von Golzow, einem Ortsteil der Gemeinde Chorin. Einen weiteren Quellbach bildet der ursprünglich natürliche Abfluss des Choriner Amtssees am ehemaligen Zisterzienserkloster Chorin. Dieser Bacharm wird heute auf vielen Karten als Nettelgraben bezeichnet, während historische Untersuchungen auch bei diesem Arm von der Ragöse oder vom Oberlauf der Ragöse sprechen.Wolfgang Erdmann: Zisterzienser-Abtei …, S. 10f, 48fKerstin Kirch: Slawen und Deutsche in der Uckermark: …, S. 234, S. 235 Anm. 766 Oberhalb der Mündung des Nettelgrabens bildet die Ragöse einen Sandgeprägten Tieflandbach, in ihrem weiteren Verlauf ein Seeausflussgeprägtes Fließgewässer.Ragöser Fließ (Kennung: DE_RW_DEBB696268_1109), Ragöser Fließ (Kennung: DE_RW_DEBB696268_1108) Wasserkörpersteckbriefe Oberflächenwasserkörper des 2. Bewirtschaftungsplans nach Wasserrahmenrichtlinie Die Ragöse entwässert in ihrem Verlauf die Feuchtgebiete bei den Choriner Ortsteilen Sandkrug und Neuehütte und mündet nach der Unterquerung des Ragöser Damms/Oder-Havel-Kanals auf dem Stadtgebiet von Eberswalde nahe der Ragöser Schleuse linksseitig in den Finowkanal.

Ersterwähnungen und Etymologie Rogosene

Die erste bekannte Erwähnung des Flusses stammt aus dem Jahr 1277 als riuulum Rogosene. 1300 findet sich die Bezeichnung in rivum Rogösen, 1317 der Eintrag supra aquam Rogose und 1340 fluvium, dictum Rogose. Ein Dokument aus dem Jahr 1483 enthält den Vermerk die Rogöse. Bereits 1258 verzeichnete die markgräfliche Stiftungsurkunde für das Kloster Mariensee (Vorgängeranlage des Klosters Chorin) das ursprünglich slawische Dorf Ragösen an der Ragöser Mühle (molendinum Rogosen, 1375) bei Sandkrug als villas … Rogosene. Das Dorf Ragösen ist heute nicht mehr vorhanden, in der Nähe befinden sich einige Eigenheime sowie eine Gaststätte, die zum Ort Sandkrug gehören.

Rogosene wird der altpolabischen Grundform Rogoz’n zu rogoz = Rohrkolben, Schilf zugeordnet. Aus dem westslawischen Sprachgebiet sind mindestens 44 entsprechende Namen bekannt,Brandenburgisches Namenbuch. Teil 10: Die Gewässernamen Brandenburgs. Begründet von Gerhard Schlimpert, bearbeitet von Reinhard E. Fischer. Herausgegeben von K. Gutschmidt, H. Schmidt, T. Witkowski. Berliner Beiträge zur Namenforschung im Auftrag des Geisteswissenschaftlichen Zentrums Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas e. V. Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1996, ISBN 3-7400-1001-0, S. 221f darunter das obersorbische Wort rohodź oder das niedersorbische rogož für Rohrkolben.Max Vasmer: Етимологический словарь русского языка, 2. Auflage, Band 3, Verlag für fremdsprachige Literatur, Moskau 1987, S. 490. Hinsichtlich des Dorfes Ragösen bedeutet Rogosene laut Reinhard E. Fischer Ort, wo Schilf wächst.Reinhard E. Fischer: Die Ortsnamen …, S. 138

Lupanitz/Limnitz – Oberlauf

Bei den Slawen hieß der heutige Oberlauf der Ragöse Lupanitz.Kerstin Kirch: Slawen und Deutsche in der Uckermark: …, S. 237, Anm. 778 Laut Eva Drieschner stimmen die heutigen Wasserläufe nicht mit der Bezeichnung und Gestaltung des Gewässernetzes in slawischer Zeit überein. So sei die Bezeichnung des Golzower Oberlaufs als Ragöse bis zur Vereinigung mit dem Nettelgraben eigentlich falsch, auch wenn sie im Messtischblatt enthalten sei. Das Urmesstischblatt habe hier ein Trockental ohne Benennung verzeichnet. Dieser Flussteil ist in einer Urkunde von 1277 als fluvium Lupanitz erwähnt und noch 1972 hätten die Einwohner der umliegenden Gegend diesen Flussteil nur als Limnitz gekannt. Der tatsächliche historische Oberlauf der Ragöse (beziehungsweise das Fließ, das man in historischer Zeit dafür ansah) habe eher im Bereich des späteren Nettelgrabens gelegen und sei in der Urkunde im Gegensatz zum fluvium Lupanitz lediglich als rivulus = Bach bezeichnet worden. (PDF; 6,2 MB) Studien und Tagungsberichte. Band 47. Landesumweltamt Brandenburg, Rüdersdorf / Potsdam 2003, (Publikation auf der Grundlage der Dissertationsschrift von Eva Drieschner für die Humboldt-Universität). Siehe Kapitel 4.5: Das linksseitige Einzugsgebiet der Unteren Finow, Kloster Chorin und Parsteinsee, S. 89f.

Das Brandenburgische Namenbuch (Gewässernamen) verzeichnet für den Oberlauf der Ragöse den Limnitzgraben und führt eine Erwähnung bereits für 1258 mit in riuulum Lupanitz an. Das Erbregister des Amtes Liebenwalde enthielt 1589 den Eintrag den Lebbenitz. Zur Etymologie wird die altpolabische Grundform Lupanica zu lupiti, lupati = schinden, schälen, reißen angegeben.Brandenburgisches Namenbuch. Teil 10: Die Gewässernamen Brandenburgs. Begründet von Gerhard Schlimpert, bearbeitet von Reinhard E. Fischer. Herausgegeben von K. Gutschmidt, H. Schmidt, T. Witkowski. Berliner Beiträge zur Namenforschung im Auftrag des Geisteswissenschaftlichen Zentrums Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas e. V. Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1996, ISBN 3-7400-1001-0, S. 169f

Geologie Das Golzower Quellgebiet liegt am Südrand der Pommerschen Endmoränen der Weichseleiszeit-Gletscher und des Choriner Quellsees am Endmoränenbogen Chorin, der zur Pommerschen Staffel gehört. Der Golzower Quellarm durchfließt zu Beginn glazifluviatile Sande und Kiese der Sander aus dieser Staffel. Nach dem Zusammenfluss mit dem Arm aus dem Choriner See nutzt das Fließ eine heute sumpfige Schmelzwassersenke, nach G. Berendt (1887) Das Choriner SchmelzwasserJoachim Marcinek: Wissenschafts-historische Aspekte: Im klassischen Gebiet der norddeutschen Eiszeitforschung. In: Führer zur Geologie von Berlin und Brandenburg, …, S. 166–169; siehe insbesondere Abb. 10-1, S. 168, Die südliche baltische Endmoräne in der Gegend von Joachimsthal, Ausschnitt einer Karte von Berendt, 1887 (Zeichnung Laufmann) zwischen Chorin und dem Eberswalder Urstromtal, die vorwiegend aus Torf und Moorerde besteht.Führer zur Geologie von Berlin und Brandenburg, …, Karte III, nach S. 189 Im Mündungsgebiet herrschen mächtige Sand- und Kiessandschichten mit gelegentlichen Lehm- oder Schlufflinsen vor, der Grundwasserspiegel ist mit 1,5 bis 4 Metern vergleichsweise sehr flach.

Klima mini|hochkant|Die Ragöse im Mittellauf etwa auf Höhe der ehemaligen Ragöser Mühle mini|links|Klimadiagramm Die Ragöse befindet sich in der gemäßigten Klimazone. Die durchschnittliche Jahrestemperatur im nahen Angermünde beträgt 8,3 °C und die mittlere jährliche Niederschlagsmenge 532 mm. Die wärmsten Monate sind Juli und August mit durchschnittlich 17,5 beziehungsweise 17,1 °C und die kältesten Januar und Februar mit −1,2 beziehungsweise −0,3 °C im Mittel. Der meiste Niederschlag fällt im Juni mit durchschnittlich 69 mm, der geringste im Februar mit durchschnittlich 30 mm.Klimadiagramm für Angermünde Die Ragöse verläuft weite Strecken auf dem Hochplateau der Endmöräne und dort in ausgedehnten Waldgebieten. So ist sie relativ geschützt vor starken Winden.

Die Ragöse friert in strengen Wintern zu, manchmal friert sie auch komplett durch. Aufgrund der für Brandenburg verhältnismäßig hohen Fließgeschwindigkeit friert der Bach erst bei starken Minusgraden zu. Bei einem durchschnittlichen Gefälle von 0,38 % beträgt die durchschnittliche Fließgeschwindigkeit im Mündungsgebiet 0,4 m/s, die Durchflussmenge ist 0,5 m³/s. Bis auf die Mündung liegt die Ragöse nördlich oberhalb des nach der Stadt Eberswalde benannten Eberswalder Urstromtals, welches in der jüngsten, der Weichsel-Eiszeit entstanden ist. Da sich der Mündungsfluss Finow kräftig in den Boden des Urstromtales eingeschnitten hat, liegt diese deutlich tiefer als der eigentliche Boden des Urstromtales.

Verlauf und Mühlen Golzower Quellarme mini|Der nördliche der Golzower Quellarme ist im Sommer 2010 trocken Die Quellarme liegen östlich neben dem Haltepunkt Golzow der Bahnstrecke Eberswalde–Joachimsthal der Ostdeutschen Eisenbahn GmbH (Linie RB 63 des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg – VBB). Sie sind rund einhundert Meter voneinander entfernt, umfließen in verschiedener Richtung einen kleinen von Büschen und kleinen Bäumen bewachsenen Hügel und strömen nach wenigen hundert Metern zusammen. Die Ragöse verläuft am Westrand des Forstes Chorin nach Süden und wendet sich nach rund drei Kilometern nach Südosten durch den Forst. Der Bach unterquert etwa zwei Kilometer südwestlich von Chorin die Bahnstrecke Berlin–Szczecin (Stettiner Bahn) und erreicht eine sumpfige Rinne. In dem Feuchtgebiet nimmt das Fließ nach einem Verlauf von insgesamt rund sechs Kilometern kurz vor der Ragöser Mühle den Abfluss aus dem Amtssee auf. Die Golzower Quellarme sind in warmen Sommern regelmäßig trocken und füllen sich erst wieder im regenreicheren Herbst. Genaue Quellen sind schwer auszumachen, die Quellarme beginnen inmitten einer Wiese.

Abfluss Amtssee Durchstich und Nettelgraben mini|hochkant=1|Durchstich zur Ragöse am Choriner Amtssee, von den Zisterziensern des Klosters Chorin wahrscheinlich im 15. Jahrhundert angelegt mini|Verbindungsgraben zwischen Parsteiner und Weißem See; im Hintergrund versumpftes Ufergebiet des Weißen Sees (Ortslage Brodowin) Bis in das 15. Jahrhundert bildete der von Wolfgang Erdmann so bezeichnete Oberlauf der Ragöse (Mühlengraben) den natürlichen Abfluss des Amtssees und führte an der Süd- und Westseite in einem Bogen um das Kloster Chorin herum, das die Zisterzienser spätestens ab 1273 am Seeufer errichtet hatten. Steigende Wasserstände veranlassten die Mönche, wahrscheinlich im 15. Jahrhundert, zu einem 200 Meter langen geraden Grabendurchstich vom westlichen Seeufer direkt zum auch hier als Ragöse bezeichneten Bach auf der Klosternordseite. Das Bett des ehemaligen Ragöseoberlaufs an der Klostermühle schütteten sie später zu.

Den Abfluss vom Choriner See (Amtssee) bis zum Zusammenfluss der Bäche vor der Ragöser Mühle bezeichnen viele Karten als Fortsetzung des Nettelgrabens. Einen künstlich angelegten Graben bildet hier allerdings lediglich der 200 Meter lange Durchstich. Der eigentliche Nettelgraben hingegen stammt bereits aus dem 13. Jahrhundert und verläuft an einer anderen Seeseite. Diesen Wassergraben hatten die Mönche in einer Zeit angelegt, als die Wasserstände noch deutlich niedriger waren, um dem See mehr Wasser zur Versorgung des Klosters und der Wassermühlen an der Ragöse zuzuführen. Der Nettelgraben führte und führt noch heute vom Nordufer des Amtssees nach Nordosten zum höher gelegenen und heute isolierten Weißen See, der zur Zeit der Grabenanlage eine Bucht des Parsteiner Sees bildete. Weißer und Parsteiner See sind heute auf einem Wasserniveau und durch einen Graben verbunden, der unter der Dorfstraße von Brodowin hindurchführt.

Damit entwässert die Ragöse in der Fortführung des Nettelgrabens über den Amtssee auch den Parsteiner See, das größte Gewässer im Biosphärenreservat. Allerdings fällt der Nettelgraben heute gelegentlich trocken, da entsprechende Schutzmaßnahmen der Reservatsverwaltung die Austrocknung insbesondere der Feuchtgebiete im Totalreservat Plagefenn verhindern sollen. Das Plagefenn ist jedoch nicht im Fließsystem von Parsteiner See und Nettelgraben integriert, es entwässert die Plageseen nach Süden Richtung Liepe in den Finowkanal. Die dabei abgeführte Wassermenge ist sehr gering und würde im Kreislauf der Ragöse ohne nennenswerten Einfluss bleiben. Zur Zeit des Baus der Bewässerungsanlagen zwischen Parsteiner See und Amtssee waren alle genannten Seen jedoch noch miteinander verbunden.

Klostermühle mini|links|Klostermühle des Klosters Chorin