Heinrich Ludwig Friedrich Scharrelmann (* 1. Dezember 1871 in Bremen; † 8. August 1940Sterbetag 31. August 1940 und Sterbeort Bodman-Ludwigshafen im Brockhaus falschLt. einer vorliegenden Sterbeurkunde vom 10. August 1940 und gemäß Herbert Schwarzwälder: Das Große Bremen-Lexikon. 2., aktualisierte, überarbeitete und erweiterte Auflage. Edition Temmen, Bremen 2003, ISBN 3-86108-693-X wird als Todesdatum der 8. August 1940 genannt. in Leipziggem. vorliegender Kopie der Sterbeurkunde vom 10. August 1940) war ein Bremer Schulleiter, Pädagoge und Schriftsteller, der den Arbeits- und Gemeinschaftsschulgedanken förderte und eine erlebnis- und heimatbetonte Pädagogik vertrat.
Biografie Scharrelmann, Sohn eines Kolonialwarenhändlers, besuchte von 1886 bis 1891 das Bremer Lehrerseminar. Er war der Bruder des Pädagogen und Schriftstellers Wilhelm Scharrelmann. Seit 1891 arbeitete Scharrelmann als Volksschullehrer in Bremen. 1896 heiratete er Antonie Isenbeck (1872–1927), mit der er zwei Söhne und zwei Töchter hatte. Seit 1904 war Scharrelmann Mitglied des Guttemplerordens.
Zusammen mit Fritz Gansberg, beide wurden durch den Pädagogen Georg Credner beeinflusst, setzte er reformpädagogische Ansätze der Kunsterzieherbewegung im Kreis der Bremer Reformlehrer am Anfang des 20. Jahrhunderts in der Praxis an Schulen um.
1904 forderte Scharrelmann im Sinne einer Vertiefung der Kunstbewegung, die Kunst in der Schule als ein gestaltendes Prinzip des Unterrichts zu verstehen (nicht die Religion). Er meinte weniger eine Erziehung zur Kunst als vielmehr (Unterrichts-)Kunst zum Zweck der Erziehung. Skiera: Reformpädagogik, Hand- und Lehrbuch der Pädagogik Scharrelmann war ein Gegner der herkömmlichen Schulaufsicht.
Im Streit um die Daseinsberechtigung von Religion an Schulen zum Anfang des 20. Jahrhunderts stellte Scharrelmann die These auf, dass Religion nicht auf kognitive Aneignung von Wissensstoff, sondern auf die emotionale Vorbereitung einer bestimmten Haltung der Weltwahrnehmung abzielen müsse. Weil diese seiner Meinung nach aber in allen Unterrichtsfächern angebahnt werden könne und solle, bedürfe es keines eigenen Unterrichts für das Fach Religion. Jeder Unterricht solle Religionsunterricht sein.Aufsatz von Hermann Pius Siller: Religion an der Schule ()
Scharrelmann und seine Mitstreiter bewirkten eine pädagogische und politische Radikalisierung der Bremischen Volksschullehrerschaft. Er war Mitbegründer und Herausgeber der Zeitschrift Roland – Monatschrift für Freiheitliche Erziehung in Haus und Schule, die von 1905 bis 1914 im Verlag von Alfred Janssen erschien.
Scharrelmanns Wirken ist – wie fast die gesamte Reformpädagogik – von einer erheblichen Ambivalenz gekennzeichnet. Besondere Bedeutung erhielt seine Arbeit im Bereich des Deutschunterrichts und des Heimatkundeunterrichts. Wesentliche Einflussfaktoren auf sein Denken waren Kunsterziehungsbewegung, Heimatbewegung und Lebensreformbewegung.
Kritiker bemängelten bei Scharrelmann eine Diskrepanz zwischen Theorie und persönlicher Praxis sowie Impulsivität und ein gewisses Geltungsbedürfnis.
Scharrelmann schied 1909 freiwillig und unter Verzicht auf seine Pension aus dem Bremischen Schuldienst aus, nachdem er in einem Disziplinarverfahren wegen ungenehmigter Unterrichtsexperimente zu einer hohen Geldstrafe verurteilt worden war, und ging nach Kressbronn. 1909 übernahm er die Schriftleitung der Zeitschrift der Reformer Roland. 1910 wechselte er als Lehrer an eine private Mädchenschule nach Hamburg. 1913 ging er als Privatlehrer an eine Schule nach Ludwigshafen am Bodensee, kehrte aber 1915 nach Bremen zurück. 1916/17 diente er als Soldat in Lothringen. Danach war er kurz an einer Reformschule in Mainz tätig, später als Telefonstenograph bei einer Bremer Zeitung.
1919 fand Scharrelmann wieder Verwendung im Bremischen Volksschulwesen. Ab 1920 war er Rektor der Versuchsschule Schleswiger-Straße, eine freigeistig-sozialistische Lebensgemeinschaftsschule in Bremen, in der er Ideen der Erlebnispädagogik anwandte. Nach Konflikten mit dem Lehrerkollegium wegen seiner Hinwendung zu einer religiös-mythischen Weltdeutung schied er schon 1921 aus seinem Amt. 1927 wurde er in den Ruhestand versetzt.
Scharrelmann glaubte seine reformerischen Vorstellungen im Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) und in der NSDAP verwirklichen zu können. Seit 1931 beteiligte er sich an Agitationen der Nationalsozialisten und trat der NSDAP zum 1. Februar 1931 bei (Mitgliedsnummer 448.446).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/36880409 Er war von März bis Mai 1933 kurzzeitig Fachberater für das Volksschulwesen in Bremen. Sein Wirken beschränkte sich aber wohl auf die „Säuberung“ der Schulbibliotheken.
Scharrelmann wurde in Ludwigshafen am Bodensee beigesetzt.
Ehrungen Benennung einer Grundschule nach Heinrich Scharrelmann in Berlin-Neukölln
Werke Herzhafter Unterricht. 1902 Aus Heimat und Kindheit und glücklicher Zeit. Band 1, 1903; Band 2, 1926; Band 3, 1925; Band 4, 1927 Weg zur Kraft. 1904 Heute und vor Zeiten. 1905 Im Rahmen des Alltags. 1908 Fröhliche Kinder. 1906 (Digitalisat). Der Geburtstag. 1907 In der Zeichenstunde. 1908 Berni als kleiner Junge. Hamburg, Janssen: 1908 Goldene Heimat. 1908 Aus meiner Werkstatt. 1909 Berni aus seiner ersten Schulzeit. 1912 Berni im Seebade. 1912 Der Däumling. 1912 Erlebte Pädagogik. 1912 Pinkepanks Weihnachten. 1912 Das Malen und Zeichnen. 1913 Plaudereien über mein Leben und Schaffen. 1913 Die Großstadt. Eine Sammlung belehrender Jugendschriften. 1914 Produktive Geometrie. 1914 Aus der Geschichte einer alten deutschen Stadt. 1914 Die Tarnkappe. 1917 Berni im Seebade. 1918 Die Technik des Schilderns und Erzählens. 1919 In Popenburg. 1921 Plaudereien über mein Leben und Schaffen. 1921 Sonniger Alltag. 1921 Berni lernt Menschen kennen. 1922 Aus meiner Werkstatt. 1922 Religion von der Straße. 1922 Bausteine für intime Pädagogik. Heft 1, 1922; Heft 2, 1922; Heft 3, 1923; Heft 4, 1924; Heft 5, 1924 Von der großen Umkehr. 1924 Berni. Ein kleiner Junge. Was er sah und hörte als er noch nicht zur Schule ging. 1926 Berni lernt Menschen verstehen. 1926 Hexe Kaukau. 1926, online-Ausgabe der DNB Billi der Hund. 1927 Vom strahlenden Leben. 1927 Die Kunst der Vorbereitung auf den Unterricht. 1928 Inges Weihnachten. 1928 Der Kindergarten. 1929 So hab ich’s gemacht. 1929 Der große Garten. 1932 Elli. 1932 Elli im Harz. 1932 Kickerick. 1932 Körners Kinder. 1932 Im Herbst. 1933 Von der Lernschule über die Arbeitsschule zur Charakterschule. 1937
Literatur
Susanne Enders: Heinrich Scharrelmann in Neue Deutsche Biographie, Bd. 22 S. 579 f; Duncker & Humblot, Berlin 2005, ISBN 3-428-11203-2
Dirk Hagener: Radikale Schulreform zwischen Programmatik und Realität. Die schulpolitischen Kämpfe in Bremen vor dem Ersten Weltkrieg und in der Entstehungsphase der Weimarer Republik; Staatsarchiv der Freien Hansestadt Bremen, Bremen 1973 Ralf Koerrenz: Narrative Didaktik. Studien zur Pädagogik Heinrich Scharrelmanns. Waltrop 1997 Andreas Pehnke: Schulpolitische und pädagogische Auffassungen des Reformpädagogen Heinrich Scharrelmann (1871–1940) (Diss.Leipzig). Leipzig 1984
Weblinks
Einzelnachweise
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