Als Juden und Jüdinnen (, ) bezeichnet man Menschen, die zum Judentum gehören. Das Wort „Jude“ ist vom hebräischen Personennamen Jehuda, den Gebietsnamen Jehud und Judäa abgeleitet und bezeichnet die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk, das sich meist als Abstammungs- und Glaubensgemeinschaft versteht. Dieses geht historisch auf die Israeliten zurück, deren Glaubenstraditionen im Tanach, der hebräischen Bibel, bewahrt sind. Religiöse wie nichtreligiöse Juden verstehen sich im Anschluss an die Bibel als Teil dieses Volkes, einer durch Abstammung und Geschichte verbundenen Schicksalsgemeinschaft.
Die Halacha (das jüdische Recht aus Mischna und Talmud) definiert von einer jüdischen Mutter geborene oder zum Judentum übergetretene Menschen als Juden. Teile des Judentums betrachten zudem Kinder eines jüdischen Vaters und einer nichtjüdischen Mutter als Juden und erleichtern ihnen den Übertritt.
Bezeichnungen „Israel“ Die später als Juden bezeichnete ethnisch-religiöse Gruppe erscheint historisch unter dem Namen „Israel“ (), zuerst belegt auf der ägyptischen Merenptah-Stele (1208 v. Chr.). In der Bibel verleiht der Gott JHWH diesen Namen dem Stammvater Jakob (), der ihn an die von ihm abstammenden Zwölf Stämme Israels vererbt. Ab heißen alle ihre beim Auszug aus Ägypten befreiten Nachkommen „das Volk der Kinder Israels“ oder „das Volk der Israeliten“.Christian Frevel: Geschichte Israels. Kohlhammer, Stuttgart 2018, ISBN 978-3-17-035421-0, S. 28f.
„Israel“ hieß dieses Volk und sein Gebiet biblisch auch als Königreich unter Saul, David und Salomo. Nach der biblisch überlieferten Teilung dieses Reichs behielt das größere Nordreich Israel den Namen, außerbiblisch belegt unter anderem auf der Mescha-Stele. Nach dessen Untergang (722/720 v. Chr.) bezeichnete vor allem die biblische Prophetie das verbliebene Südreich Juda und dessen ins Babylonische Exil (587–539 v. Chr.) deportierte Bewohner als „Israel“ (). Auch die Gemeinschaft der Exilheimkehrer und der Staat der Hasmonäer behielten diesen Namen, ebenso die seit etwa 300 v. Chr. entstandene Gruppe der Samaritaner. Sie nannten sich selbst auch in der Diaspora „Israeliten“.Martina Böhm: Wer gehörte in hellenistisch-römischer Zeit zu „Israel“? In: Jörg Frey, Konrad Schmid, Ursula Schattner-Rieser (Hrsg.): Die Samaritaner und die Bibel / The Samaritans and the Bible. De Gruyter, Berlin / Boston 2012, ISBN 978-3-11-029409-5, S. 181–202, hier S. 189–191
Im 1. Jahrhundert nannten sich die unterdrückten Bewohner der römischen Provinz Judäa und Samaria weiterhin Am Jisra'el („Volk Israel“), um an ihre biblische Frühgeschichte zu erinnern und ihre Identität als Nachkommen der Israeliten zu bewahren. Auch das Urchristentum und sein Neues Testament (NT) nannten dieses Volk im Raum Palästina selbstverständlich „Israel“ und seine Angehörigen „Israelit(en)“, etwa in , , und sowie in , , , und .Martina Böhm: Wer gehörte in hellenistisch-römischer Zeit zu „Israel“? In: Jörg Frey, Konrad Schmid, Ursula Schattner-Rieser (Hrsg.): Die Samaritaner und die Bibel. Berlin / Boston 2012, S. 194 und Fn. 70
Das nachbiblische rabbinische Judentum blieb sich seiner Identität mit „Israel“ auch nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 voll bewusst. Der Name bezeichnet also das biblische erwählte Gottesvolk, dessen (geografisch und politisch verschieden bestimmtes) Land und die Abstammungsgemeinschaft aller seiner Nachkommen. Darum verwendeten viele Juden und Nichtjuden die Bezeichnungen „Israel“ und „Judentum“ schon lange vor der Gründung des modernen Staates Israel 1948 synonym.
Jehudi Das deutsche Wort „Juden“ geht wie das englische Jews, das französische Juifs und die Äquivalente weiterer Sprachen auf das hebräische Wort zurück. Es ist vom Vornamen Jehuda abgeleitet, der in der griechischen Bibelübersetzung Septuaginta zu Juda gräzisiert wurde. Dessen Wurzel j–h–d enthält eine Kurzform des Gottesnamens JHWH und bedeutet „Gott preisen, danken“. So nannte Jakobs Frau Lea laut ihren vierten Sohn, der zum Stammvater des größten israelitischen Stammes wurde.Albrecht Lohrbächer, Helmut Ruppel, Ingrid Schmidt (Hrsg.): Was Christen vom Judentum lernen können. Kohlhammer, Stuttgart 2006, ISBN 3-17-018133-5, S. 38
„Juda“ bezeichnet im Tanach daher zunächst diesen Stamm und sein Siedlungsgebiet. König David machte es zu Beginn seiner Amtszeit (~980 v. Chr.) zum „Königreich Juda“ (), das er einige Jahre später mit den Gebieten weiterer israelitischer Stämme vereinte. Nach der Reichsteilung unter König Rehabeam umfasste das Südreich Juda auch das Gebiet des Stammes Benjamin (). Von da an nannte man Judas Bewohner Jehudi, gleich aus welchem Stamm sie kamen.Artikel Jew; Yehoshua M. Grintz: Semantics; Raphael Posner: Halakhic Definition. In: Encyclopaedia Judaica. 2. Auflage, Band 11. Thomson Gale, Detroit 2007, S. 253–255
Nach dem Untergang des Nordreichs Israel erweiterte sich die Bedeutung des Wortes. Das Buch Ester bezeichnet Mordechai aus dem Stamm Benjamin als „Jude“ (; ) und seine vor einem Ausrottungsversuch gerettete Gruppe als „Volk“ und „die Juden“ (). Das Wort umfasste auch deren Religion und die Menschen, die sich ihr anschlossen (). So bezeichneten nun auch Nichtjuden im Achämenidenreich diese ethnische, politische und religiöse Minderheit. Dabei bezog sich Jehudi weiter auf die Bewohner der persischen Provinz Jehud, die Gebietsteile der früheren Reiche Israel und Juda umfasste. Juden nannten sich selbst vorwiegend außerhalb ihrer Herkunftsregion Jehudi, so der im Exil geborene, zum Hofbeamten des Perserkönigs aufgestiegene Jude Nehemia.
Ioudaioi Im Hellenismus (ab ~330 v. Chr.) wurde das schon etablierte hebräische Lehnwort Jehudi zu Ioudaioi („Judäer“) gräzisiert. So bezeichnen die Septuaginta und die Makkabäerbücher, später auch der jüdische Historiker Flavius Josephus und das Urchristentum die Israeliten. Das Synonym Israelites trat in diesen Texten zurück, doch der Name Israel blieb der übliche Sammelbegriff für dieses ethnisch-religiöse Kollektiv. In verwendete Judas Makkabäus die Ausdrücke „Israel“, „das Volk der Judäer“ und „die Judäer“ gegenüber den Römern gleichsinnig für das zuvor unterdrückte, nun Roms Beistand suchende Volk, das er vertrat. Auch in erscheinen die Worte „Israel“, „das Volk“ und „Judäer“ miteinander und synonym. Die Hasmonäer nannten ihr Königreich Ioudaia („Judäa“). Flavius Josephus sprach in seinen Antiquitates bis zum 11. Kapitel archaisierend vom „Volk der Israeliten“. Nachdem er deren Rückkehr aus dem Exil und die Restauration in der Perserzeit beschrieben hatte, nannte er sie ab dem 12. Kapitel immer „Judäer“, so auch in seinen übrigen Schriften. Das Wort umfasste bei ihm die Bewohner der nun römischen Provinzen Judäa und Samaria und Galiläa (Bellum Judaicum 1,21; 2,232). Die „Galiläer“ galten damals als Teil der Judäer (Contra Apionem 1,48) und wurden nur innerhalb dieses Volkes semantisch unterschieden. Simon Bar Kochba, der Anführer des letzten Aufstandes palästinischer Juden gegen die römische Besatzungsmacht (132–136), nannte sein Volk und dessen Land ausschließlich „Israel“; vielleicht, um sich von der römischen Provinz Judäa und deren jüdischen Vasallenkönigen abzugrenzen.Wolfgang Stegemann: Jesus und seine Zeit. Kohlhammer, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-17-012339-7, S. 193–196
Paulus von Tarsus nannte sich meist Ioudaios, so betont in gegenüber den „Sündern aus den Völkern“ (Gojim). In nannte er sich „Israelit aus dem Samen Abrahams, vom Stamm Benjamin“, in abwechselnd „Judäer“ und „Israelit“. Für Paulus waren dies also Synonyme, die alle auf das erwählte Bundesvolk verweisen. Die zeitweise übliche These, „Israeliten“ sei in der Antike eher die Selbstbezeichnung, „Judäer“ bzw. „Juden“ eher eine abfällige Fremdbezeichnung dieses Volkes gewesen, ist somit von damaligen Quellen nicht gedeckt.Wolfgang Stegemann: Jesus und seine Zeit. Stuttgart 2010, S. 197 f.
Wie das Wort Ioudaioi im NT angemessen zu übersetzen ist, wurde oft diskutiert.John M. G. Barclay, Katherine M. Hockey, David G. Horrell (Hrsg.): : Ethnicity and Translation. In: Ethnicity, Race, Religion: Identities and Ideologies in Early Jewish and Christian Texts, and in Modern Biblical Interpretation. Bloomsbury Publishing, London 2018, ISBN 978-0-567-67731-0, S. 46–58; James D. G. Dunn: Jesus, Paul, and the Gospels. William B. Eerdmans, Grand Rapids (Michigan) 2011, ISBN 978-0-8028-6645-5, S. 124 Manche verstanden es ausschließlich geografisch als „Bewohner Judäas“, um diese von früheren Israeliten, damaligen Galiläern wie Jesus von Nazaret, späteren Juden und deren Religion abzurücken. Solche Versuche setzten sich in der Geschichtswissenschaft nicht durch. Das Wort Ioudaioi war damals vorwiegend ethnisch, nicht nur geografisch konnotiert, so dass „Judäer“ bzw. „Juden“ es zutreffend übersetzt.Wolfgang Stegemann: Jesus und seine Zeit. Stuttgart 2010, S. 189–192
Im Römerreich wurde der Singular Ioudaios zu Iudaeus, der Plural Ioudaioi zu Iudaei latinisiert. Das Christentum verbreitete diese Bezeichnungen in ganz Europa.
„Jüdisches Volk“ Im Anschluss an die biblische Tradition verstehen sich Juden oft als Teil des „jüdischen Volkes“. Juden aller Hautfarben, Nationalitäten, Kulturen und Lebensformen, auch nichtreligiöse Juden, zählen sich zu diesem Volk, definieren dieses Wort also weder rassisch oder genetisch noch nur ethnisch oder national noch nur als Religionszugehörigkeit. Sie beziehen sich dabei auf eine gemeinsame Geschichte, die eine Zusammengehörigkeit und Solidarität mit bedrohten und verfolgten Juden in anderen Teilen der Welt begründet. Die heiligen Schriften des Judentums stützen dieses Verständnis, indem sie jeden einzelnen Juden durch seinen Lebenswandel für die Gesamtheit aller Juden mitverantwortlich machen.Jeffrey Wildstein: Judaism: An Introduction to Jewish Beliefs and History. DK-Publishing, New York 2015, ISBN 978-1-61564-782-8, S. 54f.
Die Tora begründet diese Zusammengehörigkeit erzählerisch mit der gemeinsamen Abstammung aller Israeliten von den Erzvätern Abraham, Isaak und Jakob. Abrahams Berufung schließt laut die Erwählung seiner Nachkommen zum Segen für die Völker ein. Darauf beruht die biblische Bezeichnung der Israeliten als „Volk Gottes“ oder als „erwähltes Volk“. Diese Bezeichnung verstanden Nichtjuden oft als Arroganz und Hybris und nahmen sie zum Anlass, Juden abzuwerten und zu verachten. In der Bibel bedeutet Erwählung gerade Gottes Beschlagnahmung dieses Volkes dazu, diesen einzigen Schöpfer der Welt bekannt zu machen und ihm auf besondere Weise durch Erfüllen seiner Tora zu dienen, also sich seinem Befreiungswillen für diese Welt unterzuordnen.Jeffrey Wildstein: Judaism. New York 2015, S. 55f.
Der Bezug auf die gemeinsame Herkunft verbindet religiöse und säkulare Juden: „Von Zugehörigkeit zum Volk Israel […] kann man jedoch auch sprechen, wenn ein Individuum kulturell oder religiös von der religiös-kulturellen Wirklichkeit der Geschichte Israels in wesentlichen Bereichen seiner Persönlichkeit als geschichtliches Wesen faktisch geprägt ist und das positiv akzeptiert.“Ferdinand Dexinger: Judentum. In: Gerhard Müller (Hrsg.): Theologische Realenzyklopädie Band 17: Jesus Christus V – Katechismuspredigt. 4. Auflage. De Gruyter, Berlin 1988, ISBN 3-11-011506-9, S. 332
Antisemitisches Schimpfwort