miniatur|rechts|Auftritt von Carlos „La Mona“ Jiménez, einem der bekanntesten Cuarteto-Sänger (2008) Das Cuarteto, auch Cuartetazo oder Cuarteto cordobés, ist eine Spielform der Popmusik, die in den 1940er Jahren in der argentinischen Stadt Córdoba und ihrem Umland entstanden ist. Sie basiert auf einem einfachen Klavier-Begleitpattern, das mit dem onomatopoetischen Begriff tunga-tunga beschrieben wird, der ebenfalls als Synonym für den Musikstil gebraucht wird.

Ursprünglich eine von europäischen Tanzstilen beeinflusste Volksmusik der Einwandererkolonien in den ländlichen Regionen der Provinz Córdoba, entwickelte sich das Cuarteto zu einem urbanen Musikstil mit Epizentrum in der Stadt Córdoba selbst und machte auch musikalisch eine starke Wandlung durch. Es ist heute eng mit der Jugendkultur der Arbeiter- und Slumjugendlichen der Stadt verzahnt, ist kommerziell jedoch in ganz Argentinien und einigen Nachbarländern erfolgreich.Jane Florine:

Seit 2025 ist das Cuarteto immaterielles Weltkulturerbe.

Bedeutung Das Cuarteto ist einer der Pfeiler der populären Kultur in der Stadt Córdoba sowie ihres Umlandes. Es wird oft als wichtig für die lokale kulturelle Identität von Stadt und Region beschrieben. Daneben ist es auch kommerziell eine bedeutende Richtung der Popmusik. Die Protagonisten des Stils veröffentlichen größtenteils auf Major-Labels, häufig erreichen sie landesweite Chartplatzierungen und die Konzerte, bailes genannt, sind heute Massenveranstaltungen mit meist Tausenden Gästen, die in Córdoba fast an jedem Tag der Woche stattfinden. Besonders populär ist das Cuarteto bei der Jugend der Arbeiterklasse und aus den Slums, seit den späten 1980er Jahren ist es jedoch quer durch die sozialen Schichten beliebt, wobei sich das Publikum von Band zu Band unterscheidet.

Cuarteto ist seit den 1990er-Jahren auch Bestandteil der Bailanta-Szene der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires und des Litoral (Provinz Santa Fe sowie Mesopotamia), die auch Música Tropical genannt wird und ansonsten hauptsächlich die lokalen Varianten der kolumbianischen Cumbia umfasst.

Musikalische Merkmale Das Cuarteto basiert auf einem schnellen Tanzrhythmus im Vier-Viertel-Takt. Ursprünglich bestand die Besetzung aus Kontrabass, Klavier, Geige und Akkordeon – daher auch der Name Cuarteto (span. für Quartett). Heute wurden weitere Instrumente wie Gitarre, Bläser, Synthesizer und ein reichhaltiges Percussion-Arsenal in die Musik integriert. Der Tanz ist ein Paartanz, dessen Figuren auf einem gleichmäßigen Trippelschritt mit Hüftschwung basieren.

Das „Tunga-Tunga“ Der Grundrhythmus des Cuarteto wird durch das Klavier markiert, das ein sehr einfaches Begleitpattern spielt. Der Begriff tunga-tunga spielt dabei auf den Klang dieses Patterns an. Im modernen Cuarteto wird das Klavier häufig durch ein E-Piano oder Keyboard ersetzt.

Ein typisches Cuarteto-Klavierpattern:

Die linke Hand spielt den Basslauf, der die ganzen Zählzeiten (Viertelnoten) betont und größtenteils aus einem einfachen Tonika-Dominante-Wechsel besteht. Besonders in der Anfangszeit des Cuartetos wurde dieser Basslauf sehr laut und durch Oktavdopplung verstärkt gespielt, da keine Schlaginstrumente verwendet wurden und so dem Klavier gemeinsam mit dem Kontrabass der Part zukam, den Tänzern den Rhythmus der Schritte vorzugeben.

Die rechte Hand spielt jeweils auf der unbetonten Zählzeit einen Tonika-Dreiklang.

Instrumentalgerüst mini|Moderne Cuarteto-Band mit Percussion und Bläsern (Banda Centro)

Der Bass (ursprünglich Kontrabass, heute meist E-Bass) unterstützt das Klavier auf jedem Viertel durch eine portato gespielte Verstärkung des Patterns der linken Hand. Als Variation wird entweder das letzte Viertel eines Takts mit der ersten des nächsten Takts Legato zusammengebunden, oder vereinzelte Verzierungen eingebaut, besonders im modernen Cuarteto. Auch ein Einfluss aus der Cumbia ist in die Bassfigur des Cuartetos eingeflossen: das Muster Viertel – Achtel – punktierte Viertel – Achtel, das dem Rhythmus mehr Dynamik beschert.

Das charakteristische Melodieinstrument ist das Akkordeon, das die Gesangslinie oft echohaft nachahmt oder ansonsten eine harmonisch dazu passende Unterfigur spielt. Eine ähnliche Funktion im modernen Cuarteto und merenteto hat die umfangreiche Bläsersektion.

Der Gesang schwankt im Cuarteto zwischen rein melodischen, liedhaften Linien und treibenden, ekstatischen Rufen und Sprechgesang, der dem Toasting im Ragga und Dancehall ähnelt.

Percussion-Instrumente haben erst in neuerer Zeit (ab etwa 1975) Einzug ins Cuarteto gehalten. Die Parts orientieren sich dabei meist am Merengue.

Struktur der Songs Bereits zu Zeiten des Cuarteto Leo begann sich eine typische Struktur der Cuarteto-Songs herauszubilden, die weitgehend von den orquestas características übernommen wurde. Zunächst erfolgt als Einführung eine instrumentale Variation der Hauptmelodie, gefolgt von der gesungenen Strophe und dem Refrain. Diese Struktur überlebte die zahlreichen musikalischen Entwicklungen im Cuarteto und wurde bis heute weitgehend beibehalten, so dass sie neben dem tunga-tunga-Rhythmus das charakteristische Element des Cuarteto darstellt.

Untergenres Das Cuarteto Merenguero (auch Merengueto oder Merenteto) ist eine Mixtur aus Cuarteto und Merengue, das bereits in den Songs von Chebere um 1975 angedeutet wurde und ab Mitte der 1990er-Jahre sehr populär unter den Bands Córdobas wurde, insbesondere beeinflusst durch den Dominikaner Jean Carlos und später Bands wie Banda XXI und La Barra. Der typische Basisrhythmus des tunga-tunga, der weiterhin die Basis der Arrangements bildet, wird hier zeitweise durch die für den Merengue typischen komplexen Klavier-Patterns unterbrochen. Die Bedeutung der Bläser im Cuarteto Merenguero ist größer als die des Akkordeons.

Eine weitere Abwandlung des Stils ist das so genannte Cuarteto Comercial oder Comercial, eine Mischung aus Cuarteto und traditioneller Popmusik. Comercial ist langsamer als das traditionelle Cuarteto (meist 120–140 bpm) und hat weniger perkussive Elemente, dafür eine Rock-ähnliche Betonung der zweiten Viertel jedes Takts (Backbeat).

Geschichte Die Entwicklung des Cuartetos wurde entscheidend von der politischen und wirtschaftlichen Situation Argentiniens und Córdobas im Speziellen beeinflusst. Jane Florine identifiziert sechs Entwicklungsstadien der Cuarteto-Musik: die Anfänge als Volksmusik der Einwanderer in den landwirtschaftlichen Kolonien (1943–1955), das von der Binnenwanderung durch die Industrialisierung Córdobas begünstigte Erscheinen des Cuartetos in der Stadt (1955–1968), die Popularisierung (1969–1973), die musikalische Neuausrichtung mit Einflüssen aus karibischen Musikstilen wie dem Merengue (1973–1976), das Verbot durch die Militärdiktatur und der Wechsel in den Untergrund (1976–1983) sowie der Neuanfang und die landesweite Popularisierung nach 1983.

Die Anfänge als Volksmusik (1943–1955) Die Entwicklung des Cuartetos wurde in der Frühzeit maßgeblich von einer einzigen Band, dem Cuarteto Leo bestimmt. Sie begann in landwirtschaftlichen Kolonien im Umland von Córdoba, den colonias de inmigrantes. In diesen wurden regelmäßig Tanzbälle, die bailes de campo veranstaltet, bei denen insbesondere europäische Volksmusikstile von lokalen Gruppen, den orquestas características, aufgeführt wurden.

Das Cuarteto Leo, eigentlich ein Quintett, wurde 1943 von Augusto Marzano, dem Kontrabassisten der Gruppe Los Bohemios gegründet. Obwohl die Gruppe mit einem Repertoire von Volkstänzen begann, wies sie mehrere Besonderheiten gegenüber anderen orquestas típicas auf: Es bestand einmal anders als die meisten Bands der Epoche nur aus fünf Mitgliedern – neben dem Sänger die Instrumente Klavier, Violine, Akkordeon und Kontrabass – was ihm eine hohe Mobilität bescherte. Zum zweiten hatte Marzanos Tochter Leonor Marzano, die den Klavierpart im Cuarteto Leo übernahm und auch Namensgeberin der Band war, als musikalische Neuerung das Tunga-tunga-Pattern erfunden, was der Band ein weiteres Alleinstellungsmerkmal bescherte. Eine dritte Besonderheit war die Präsenz des Akkordeons.Osvaldo Hepp: La soledad de los cuartetos, Editorial Letra, Córdoba 1988, S. 59–65 Diese Elemente führten zu einer sehr hohen Popularität des Cuarteto Leo, das noch im Jahr 1943 einen ersten Auftritt im Radio verbuchen konnte.

Cuarteto Leo tourte in den Folgejahren permanent durch zahlreiche Städte der Provinz, konnte aber bis 1956 nicht das Publikum in der Stadt Córdoba erreichen. 1953 nahm die Band ihr erstes Album auf.

Der Übergang in die Stadt (1956–1968) In den späten 1950er und beginnenden 1960er Jahren wurde das Cuarteto auch in der Stadt langsam vom Publikum angenommen. Der Preisverfall für landwirtschaftliche Güter nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sowie die rasche Industrialisierung Córdobas in der zweiten Regierungsperiode Juan Peróns hatte zu einer Binnenwanderungswelle geführt. Die Einwanderer aus den ländlichen Gebieten brachten auch ihre musikalischen Vorlieben in die Städte, so entstand etwa zeitgleich in Buenos Aires die Música-Tropical- oder Bailanta-Bewegung.

1956 trat das Cuarteto Leo zum ersten Mal in einem Sportklub in einem Vorort von Córdoba auf. Es dauerte aber bis in die zweite Hälfte der sechziger Jahre, bis sich die Musik dort durchsetzen konnte. 1967 wurde mit dem Cuarteto Berna eine weitere erfolgreiche Formation gegründet, die den Beginn der Karriere von Carlos Jiménez bedeutete und nur aus jugendlichen Musikern bestand.

Die Popularisierung in der städtischen Unterschicht (1969–1973) In den sechziger Jahren hatte die Musikszene Argentiniens einen dramatischen Wandel durchgemacht, der vor allem durch die Ankunft zahlreicher ausländischer Genres, wie Beat- und Rockmusik, aber auch karibische Stile wie Calypso und Bolero geprägt wurde. Dies begünstigte eine größere Offenheit in der städtischen Jugendkultur, so dass auch das Cuarteto Leo und andere Bands davon profitierten. So etablierte sich zu dieser Zeit das Cuarteto endgültig auch im zentralen Teil von Córdoba; andere Städte blieben jedoch noch unberührt davon.

Nachdem die Anfangszeit des Musikstils nahezu monopolistisch durch das Cuarteto Leo dominiert wurde, entstanden nun zahlreiche Gruppen und auch erste Solisten. Carlos Rolán, der 1964 einen Wettbewerb als bester Imitator des Cuarteto Leo gewonnen hatte und zeitweise diese Band integrierte, startete 1971 eine Solokarriere, wobei er begann, den Sound zu modernisieren. Dies beschränkte sich jedoch noch auf kleinere Änderungen, wie das Ersetzen des Klaviers durch ein E-Piano.

Musikalische Neuausrichtung (1973–1976) In der kurzen dritten Präsidentschaft von Juan Perón sowie der Nachfolgerin Isabel Martínez de Perón erfreute sich Argentinien einer kurzen kulturellen Blütephase, auch wenn die Repression gegen Ende dieses Zeitraums wieder zunahm. Das Cuarteto erfreute sich einer großen Beliebtheit in Córdoba und begann sich musikalisch zu wandeln.

Wesentlichen Anteil daran hatte die Gruppe Chebere, die 1974 gegründet wurde. Am Anfang hatte sie noch den Sound des traditionellen Cuarteto nachgeahmt, schnell begannen sie jedoch neue Elemente zu integrieren. Als Scherz hatte die Band in den Pausen der Konzerte jeweils einen ihrer Instrumentalisten ein „tropisches“ Lied singen lassen, um das Publikum zu unterhalten. Damit waren hauptsächlich Merengue-Titel gemeint, aber auch Cumbia und andere karibische Musikstile. Wegen der positiven Resonanz begannen Chebere bald, die Musikrichtungen zu vermischen. Sie gelten als Erfinder des Merenteto oder cuarteto merenguero. Außerdem inkorporierten sie Rock-Einflüsse und ein großes Arsenal neuer Instrumente, Bläser, E-Gitarre und vor allem das bis dahin verpönte Schlagzeug sowie Percussion, wobei sie auch die ersten waren, die ihre Instrumentalsätze professionell arrangieren ließen. Dieser neue, heterogene Stil setzte sich schnell auch bei den meisten anderen Cuarteto-Gruppen durch.