Dieser Artikel behandelt die deutsche Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz.

Qualifikation Rang LandTorePunkte 1 BR Deutschland 12:3 7:1 2 Saarland 4:8 3:5 3 Norwegen 4:9 2:6

Spielerfindung/-sichtung Im Frühjahr/Sommer der Saison 1952/53 intensivierte Bundestrainer Sepp Herberger seine Sichtung zur Erweiterung des Spielerkaders für die Nationalmannschaft. Am 1. Februar 1953 wurden in Düsseldorf und Saarbrücken zuerst zwei regionale Auswahlspiele West gegen Südwest (3:5) beziehungsweise Saar gegen West (0:7) ausgetragen, daran schlossen sich zeitgleich die Spiele der A-Nationalmannschaft am 22. März in Köln gegen Österreich (0:0) und der B-Nationalmannschaft in Wien ebenfalls gegen Österreich (1:3) an. Die Frühjahrsspiele endeten mit dem Auftritt der Amateurnationalmannschaft am 29. April in Linz im Spiel gegen Österreich (3:1). Als Höhepunkt der Vereinssaison wurden vom 3. Mai bis 21. Juni die Endrundenspiele um die deutsche Fußballmeisterschaft ausgetragenKlaus Querengässer: Die Deutsche Fußballmeisterschaft, Teil 2: 1948 bis 1963. Agon Sportverlag. Kassel 1997. ISBN 3-89609-107-7. S. 81–86, wobei mit dem Hamburger SV, Borussia Dortmund, 1. FC Köln, 1. FC Kaiserslautern, Eintracht Frankfurt und Titelverteidiger VfB Stuttgart spielstarke Mannschaften mit einer Vielzahl von aktiven Nationalmannschaftsspielern und einer Reihe von Anwärtern auf die Nationalmannschaft, teilnahmen.

In der Zeitphase der Endrunde um die Meisterschaftsentscheidung führte der Bundestrainer aber eine intensive Sichtung von weiteren Talenten aus den Oberligen und dem Amateurlager durch, insbesondere durch vier Spiele in kurzer Zeitfolge gegen den englischen Cup-Finalisten Bolton Wanderers. Anfang Mai hielt dazu der Kicker in seiner Vorschau fest: „Deutschland braucht für die Stammspieler der Nationalmannschaft gleichwertige, womöglich ebenbürtige Reservisten. Das ist der wahre Sinn der großen sechs (es kamen noch zwei Spiele gegen eine Süd- und Berlin-Auswahl hinzu) Spiele, die uns in den kommenden Wochen erwarten: die vier Treffen deutscher ‚Vielleicht-Nationalmannschaften‘ mit den Bolton Wanderers und ihre zwei Spiele gegen den Süden und Berlin.“Kicker, München, Nr. 18, Süd/Südwest, 4. Mai 1953. S. 2

Das erste Spiel gegen Bolton fand am 9. Mai in Duisburg vor 18.000 Zuschauern statt und endete mit einem 2:1-Erfolg für die englischen Profis, das vierte und letzte Spiel gegen das Team von der Insel endete am 21. Mai in Bremen vor 22.000 Zuschauern mit einem 3:3-Remis. Dazwischen lagen noch die zwei Spiele in Regensburg (2:2 vor 25.000 Zuschauern) und Berlin (2:0-Sieg der deutschen Auswahl vor 30.000 Zuschauern). Der Bundestrainer erklärte bei der Pressekonferenz nach dem Spiel in Bremen seine grundsätzlichen Planungsrichtlinien mit der bewussten Beschränkung auf einen nur sehr kleinen Kreis von Kandidaten und dass er dabei auf eine verhältnismäßig hohe Zahl von Amateuren zurückgriff, „es galt aber vor allem, die ‚Nationalen von morgen‘ an Weltmeisterschaftsatmosphäre zu gewöhnen, in der innerhalb weniger Tage – wie gegen Bolton – ein Länderspiel dem anderen folgt.“Kicker, München, Nr. 21, Süd/Südwest, 26. Mai 1953. S. 12 Des Weiteren war von Herberger noch zu hören: „Wir haben zu viel Vereine in den höchsten Spielklassen, aber zu wenig erstklassige Spieler. Die bei Anlegung höchsten internationalen Maßstabes wenigen kommen bei den ihnen gestellten Aufgaben nicht zur Höchstleistung. Und dann noch ein Wort zu den „Amateuren“. Mir scheint, dass die – nicht einmal unverständliche – Einstellung der Vereine mit Vertragsspieler-Abteilungen der Entwicklung zur Höchstleistung nicht günstig ist. Die natürlichen Anlagen werden bei dem Wunsch nach Siegen um jeden Preis oft verschüttet. Das ist bei unseren Amateuren oft anders. Sie werden nicht derart gedrängt, ihre ruhige Entwicklung wird weniger gestört.“

Friedebert Becker hielt im Kicker Nr. 21 vom 26. Mai auf Seite 2 fest: „Neue Namen in der Nationalelf! Hans Bauer, Harpers, Herbert Schäfer, Schröder, Metzner stießen zur Extraklasse durch und Semmelmann hat zumindest einen Fuß schon auf die Stufen nach oben gesetzt.“ Noch „steht“ keine nahezu gleichwertige II. Nationalmannschaft. Aber ihre Umrisse bildeten sich!

In den vier Spielen gegen Bolton kamen folgende Spieler in der deutschen Auswahl zum Einsatz:

Torhüter: Alfred Schmidt (SV Sodingen), Günter Klemm (SpVgg Nassau Wiesbaden) Verteidiger: Hans Bauer (FC Bayern München), Werner Niebel (FSV Frankfurt), Fritz Rößling (SV Waldhof) Läufer: Wilhelm „Ömmes“ Schmidt (Meidericher Spielverein), Herbert Schäfer (Spfrde. Siegen), Gerhard Harpers (SV Sodingen), Fritz Semmelmann (SpVgg Bayreuth), Kurt Sommerlatt (Karlsruher SC), Rudolf Meßmann (1. FC Amberg) Stürmer: Horst Hoffmann, Hans Bauer, Horst Schade (alle SpVgg Fürth), Karl-Heinz Metzner (Hessen Kassel), Alfred Beck (FC St. Pauli), Felix Gerritzen (Preußen Münster), Willi Schröder (ATSV Bremen 1860), Heinz Wozniakowski (Eintracht Braunschweig), Ewald Nienhaus (VfL Osnabrück), Johann Zeitler (VfB Bayreuth), Georg Stollenwerk (SG Düren 99), Richard Kreß (FV Horas Fulda), Jupp Derwall (Alemannia Aachen), Richard Herrmann (FSV Frankfurt)

Im B-Länderspiel am 14. Juni in Düsseldorf ragten beim 5:2-Erfolg gegen Spanien der linke Flügel mit Spielmacher Pfaff (2 Tore) von Eintracht Frankfurt und der linke Flügelstürmer Hans Schäfer vom 1. FC Köln als dreifacher Torschütze heraus; aber auch Erhardt, Röhrig und Biesinger konnten sich empfehlen. Beim 1:0 der Amateurauswahl am 13. Juni in Wuppertal gegen Frankreich zeigten Außenläufer Semmelmann und Stopper Schäfer erneut ihre herausragende Klasse. Aus dem Kreis der Testspieler im Mai/Juni 1953 nahm Bundestrainer Herberger die Spieler Hans Bauer, Ulrich Biesinger, Herbert Erhardt, Richard Herrmann, Karl-Heinz Metzner, Alfred Pfaff und Hans Schäfer in den Kader für die Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz auf. Im Verlauf der Saison 1953/54 debütierten noch die zwei Fürther Karl Mai und Richard Gottinger (SpVgg Fürth), sowie der Hamburger Verteidiger Fritz Laband in der Nationalmannschaft; Mai und Laband fuhren auch mit in die Schweiz. Tragischerweise war der Einstand von Laband am 25. April 1954 in Bern beim Länderspiel gegen die Schweiz (3:5), bedingt durch eine langwierige Verletzung des bisherigen Stammspielers auf der rechten Verteidigerseite, des Spielers vom VfB Stuttgart, Erich Retter verbunden.

Herbergers Vorstellungen über den modernen Fußball und die deutschen Voraussetzungen dazu in den Jahren nach dem Krieg

Bei Brüggemeier ist dazu unter anderem festgehalten: Der moderne Fußball, so Herbergers Überlegungen, werde vor allem von einem höheren Tempo, dem – wie er es nannte – „Wirbel“ geprägt. Bei höchstem Tempo, mit exzellenter Technik, flüssigen Kombinationen und im engen Zusammenspiel der Mannschaft, muss das moderne Spiel in Zukunft ablaufen, es verlange Mannschaften, „die beide Aufgaben des Spiels, nämlich das Angriffsspiel und die Abwehr gleichermaßen gut beherrschten“. Dazu müssten die Spieler eine gute Technik besitzen, aufeinander eingespielt sein und vor allem über eine gute Kondition verfügen.Franz-Josef Brüggemeier: Zurück auf dem Platz. Deutschland und die Fußball-Weltmeisterschaft 1954. S. 53

Mit dem zumeist in den Oberligavereinen praktizierten zweimaligen Training pro Woche, konnten diese Ziele nicht erreicht werden. Herberger musste also die Spieler motivieren, mehr zu trainieren, als für die Oberligen unbedingt erforderlich war. Dazu benötigte er die enge Zusammenarbeit mit den Vereinen, insbesondere den Trainern. Diese sollten ihm berichten, wie sehr sich die Spieler bemühten, welche Leistungen sie erbrachten, wo Fortschritte zu verzeichnen waren und welche Defizite bestanden. Zusätzlich empfing und verfasste er zahlreiche Briefe, teilweise mit sehr detaillierten Angaben für die Spieler. Ihnen gab er gezielte Hinweise für Training und Spielweise, tadelte oder lobte sie und hielt engen Kontakt. So vermochte er es, sie zu motivieren, was schon deshalb erforderlich war, weil das zusätzliche Training Spott und Hänselei ihrer Mitspieler hervorrufen und gar zum Vorwurf führen konnte, sie wollten sich bei Herberger einschmeicheln. Es war also ein mühsamer Weg, bis die Spieler seine Vorstellungen umsetzen konnten. Dies gilt nicht zuletzt für die Forderung, Angriff- und Abwehrspiel gleichermaßen zu beherrschen.Franz-Josef Brüggemeier: Zurück auf dem Platz. Deutschland und die Fußball-Weltmeisterschaft 1954. S. 54

Turniervorbereitung Dazu hatte sich Herberger mit seinen Spielern sich schon Anfang Mai im Schwarzwald getroffen, fernab vom Fußball, es kam jetzt darauf an, den Spielern Zeit zur Erholung und Entspannung zu geben. Die harte Arbeit begann zwei Tage nach dem Endspiel (23. Mai) um die deutsche Meisterschaft in der Sportschule Grünwald bei München. In dem Lehrgang wurde die Grundlage für die körperliche Verfassung der Spieler für das WM-Turnier in der Schweiz gelegt. Herberger hatte dafür ein exaktes Programm ausgearbeitet. Es wird in ausgedehnter Form intensive Laufarbeit neben der Ballarbeit und der Theorie betrieben. In Gruppen wird sich über drei, vier Runden eingelaufen, dann beginnt die eigentliche Arbeit. Langsam anlaufen, bei fünfzig Meter durchstarten bis zu hundert Meter. In den Kurven bummeln, es wird wieder schneller und dann wird noch mal fünfzig Meter angetreten. Das wird mindestens eine Stunde gemacht: Spurten, langsamer werden, drüben auf der Gegengeraden wieder spurten, zehn Meter auslaufen, wieder spurten! So wird jeden Vormittag trainiert, oft auch zusätzlich eine Stunde vor dem Frühstück.Fritz Walter: 3:2. Die Spiele zur Weltmeisterschaft. Copress-Verlag. München 1954. S. 36/37 Die Konditionsarbeit war unverzichtbar, um das moderne Spiel zu verwirklichen, das Herberger vorschwebte. „Wirbel“ und hohes Tempo, nicht nur für die 90 Minuten eines Spiels, sondern für die Dauer des gesamten Turniers. Während des Turniers stand der deutschen Mannschaft zehn Kilometer von Spiez entfernt in Thun ein gepflegter Sportplatz zur Verfügung. Dieser wurde auch von Uruguay benutzt. Das Trainingsprogramm der deutschen Spieler umfasste ein reichliches Pensum an Laufarbeit. Sie drehten Runden auf der Bahn, erst gemächlich, machen zwischendurch ein paar Starts wie in Grünwald. Dann wird 5:5 gespielt oder Sturm gegen Hintermannschaft. Jedenfalls war alles darauf abgestellt, die Spieler zu lockern und gut in Kondition zu halten.Fritz Walter: 3:2. Die Spiele zur Weltmeisterschaft. Copress-Verlag. München 1954. S. 42/43

Die Auswahl Uruguays war oft Zuschauer beim Training der Deutschen, und man stellte sich häufig die Frage: „Ist die deutsche Mannschaft ein Leichtathletik-Team?“Johann-Günther Schlüper: Fußballweltmeisterschaft 1954 Schweiz. Das Wunder von Bern. In: Spielentwicklung bei der WM 1954. Agon Sportverlag. Kassel 2003. ISBN 3-89784-218-1. S. 109 Bundestrainer Herberger hatte in den Wochen in Grünwald und in Spiez/Thun die Gelegenheit konsequent genutzt, welche die Sportschulen, die Plätze, die Betreuung durch Arzt und Masseur, das geplante Essen und Trinken, die Ruhe und die Entspannungsmöglichkeiten und die ungestörte Arbeit ohne berufliche und familiäre Beeinträchtigungen mit seinen Spielern möglich machte und er endlich seine Vorstellungen zur Leistungsentwicklung bis zur Höchstleistung, umsetzen konnte.

Qualifikation Für die Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz durfte die deutsche Nationalmannschaft erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg wieder an der Qualifikation teilnehmen. Gegner waren in der Gruppe 1 Norwegen und das damals selbständige Saarland.