mini|hochkant=1.4|Der Judaskuss, Fresko von Giotto di Bondone in der Cappella degli Scrovegni mini|Der Judaskuss (unbekannter Künstler, 12. Jh., Uffizien) mini|Judas (links) mit dem Geldsäckchen in der Hand – Detail aus dem Wandgemälde Das Abendmahl von Leonardo da Vinci Judas Iskariot (auch Iskarioth oder Iskariotes; oder ; im evangelischen Bereich meist Judas Ischariot)Heinrich Leonhard Heubner: Gottfried Büchner’s Biblische Real- und Verbal-Hand-Concordanz oder Exegetisch-homiletisches Lexikon. 23. Aufl., S. A. Schwetschke und Sohn, Berlin 1899, S. 630; dgl. s. Der Verrat des Judas in der Lutherbibel (1912). erscheint im Neuen Testament (NT) als einer der zwölf Jünger des Jesus von Nazaret, die als Apostel (zur Verkündigung Gesandte) berufen wurden. Nach allen vier Evangelien ermöglichte er Jesu Festnahme in Jerusalem im Garten Getsemani durch Kräfte der Tempelpolizei mit der Folge, dass dieser anschließend an die Römer ausgeliefert und gekreuzigt wurde. Judas galt den Urchristen daher als derjenige, der Jesus „überliefert“ (griechisch παραδίδωμι, paradídōmi) hat. Lukas (6,16) nennt ihn προδότης (Verräter).Margarete Gruber: Judas Iskariot / Iskariotes / Iskarioth. In: Josef Hainz u. a. (Hrsg.): Personenlexikon zum Neuen Testament. Patmos, Düsseldorf 2004, ISBN 978-3-491-70378-0, S. 164–168, hier: 165.

Neutestamentliche Überlieferung Name Der Name Judas ist die damals verbreitete griechische Form des hebräischen Vornamens Jehuda (), der im Tanach auf einen Stammvater der zwölf Stämme Israels zurückgeführt wird. Diesen Namen trug nach dem NT unter anderen auch der Apostel Judas Thaddäus. Auch unter den sogenannten Geschwistern Jesu findet sich ein Judas.

Der Beiname wird meistens als Herkunftsangabe Isch Qerijot (Mann aus Kerijot) gedeutet. Das hebräische Wort qerijot hat auch die Bedeutung Begegnungen. In ist eine Ortschaft in Judäa mit diesem Namen aufgelistet: „Kerijot-Hezron – das ist Hazor“. Dies ist allerdings die einzige Belegstelle, und dass er noch in neutestamentlicher Zeit existiert hat, ist anderweitig nicht belegt. Diese Deutung vertrat bereits Johannes Chrysostomos„[...] he comes finally to the traitor. He described him as a betrayer, not as if he were viewed as enemy or adversary but as one writing a history. He does not say ‚the abominable, the utterly despicable one‘ but simply named him from his city, ‚Judas Iscariot.‘“ und auch Hieronymus nennt diese Interpretationsmöglichkeit„Judas Iscariot took his name either from his hometown or from the tribe of Issachar. By a certain prophecy he was born in condemnation of himself, for Issachar interpreted means ‚reward,‘ as to signify the price of the traitor.“ . Sollte diese Deutung zutreffen, könnte Judas der einzige Judäer unter den zwölf Jüngern gewesen sein, die nach den NT-Berichten sonst alle aus Galiläa stammten. Anhaltspunkte dafür, dass Judas gesondert erst in Judäa berufen wurde, fehlen allerdings.

Eine andere Theorie nimmt an, dass der Beiname auf eine Mitgliedschaft bei einer Gruppe von Zeloten hinweist, die als Sikarier („Dolchträger“ im Sinne von „Meuchelmörder“) bezeichnet wurden, weil sie nach der Art eines Guerillakampfes Attentate auf Römer oder deren „Kollaborateure“ verübten.Hippolyt Refutatio IX 26. Zitiert in:

Synoptische Evangelien Während sich in den Paulusbriefen und anderen Episteln kein Hinweis auf Judas findet, führen ihn alle Evangelien als Apostel ein und stellen seine Rolle in Jesu Passion heraus. Sein Name erscheint bei den Synoptikern (Markus, Matthäus, Lukas) erstmals jeweils in den Jüngerlisten, die die zwölf erstberufenen Jünger Jesu aufzählen. In , dem fast wörtlich folgt, wird nur beim Namen Judas sofort auf dessen künftige Rolle in der Passionsgeschichte Jesu hingewiesen: …der ihn dann verraten hat.

Dieses Tun wird durchgängig mit dem griechischen Verb paradídōmi benannt, was allgemein „übergeben, ausliefern, aushändigen, hingeben“ bedeutet. Nur das Lukasevangelium verwendet davon abweichend an einer Stelle den Begriff prodotes, „Verräter“ . Das besonders in der Prozesssprache verankerte Wort para-dídōmi umfasst das Bedeutungsspektrum zwischen dem „Überliefern“ einer Sache (auch von Lehren), dem „Ausliefern“ von Personen an Gericht und Strafverfolgung bis hin zur „Preisgabe“ an die Feinde.W. Pape: Handwörterbuch der griechischen Sprache, Band 2, 476; das gleiche Spektrum findet sich auch im NT (vgl. Mt 10,17; 11,27; 17,22). Moderne Bibelübersetzungen, wie die Einheitsübersetzung und die 1984 revidierte Lutherbibel, übersetzen den Ausdruck an den Stellen, die das Handeln Judas’ erwähnen, meist mit „ausliefern“ oder „verraten“, die Elberfelder Bibel mit „überliefern“. Dabei geht es im jeweiligen Kontext um Jesu Übergabe an seine Richter, Feinde oder zur Hinrichtung. Die Evangelien stellen Judas also nicht als bloßen Vermittler einer unabhängig von ihm vollzogenen Tötungsprozedur, sondern als aktiven Initiator der Passionsgeschichte dar. Deshalb heben sie sein zukünftiges Handeln schon bei seiner Berufung hervor. Die Bezeichnung Verräter bürgerte sich im deutschen Sprachraum durch Luthers Übersetzung ein .

Nach der Jüngerberufung gehört Judas bei den Synoptikern jedoch ganz selbstverständlich zu denen, die Jesus als „Brüder“ anspricht mit der Begründung: Alle, die Gottes Willen ausführten, seien seine nächsten Verwandten. Auch in der Aussendungsrede gehört Judas zu den Jüngern, von denen es heißt :

Judas wird auch in der weiteren Darstellung nirgends als einer der Jünger hervorgehoben, die Zweifel äußerten oder Fragen an Jesu Sendung stellten.

Erst nachdem vom Tötungsplan der Tempelpriester und Schriftlehrer , also der im Sanhedrin vertretenen jüdischen Führungsgruppen, berichtet wurde, wird Judas als derjenige genannt, der Jesus an diese verraten habe, wofür sie ihm Geld versprochen hätten . Das Matthäusevangelium führt diese Notiz weiter aus. Nach soll Judas unmittelbar nach Jesu Salbung in Bethanien die Hohenpriester aufgesucht und von sich aus um Lohn für seinen Verrat ersucht haben: Was wollt ihr mir geben, wenn ich euch Jesus ausliefere? Und sie zahlten ihm dreißig Silberstücke. Daraufhin habe er eine Gelegenheit für den Verrat gesucht.

Das Lukasevangelium gibt dagegen als Grund für Judas’ Handeln an, dass der Satan von ihm Besitz ergriffen habe . Wie bei Markus bieten auch bei Lukas die Hohenpriester Judas eine Bezahlung für die Dienste an, ohne dass er danach verlangt hätte.

Im Bericht vom letzten Mahl kündigt Jesus, ohne Judas beim Namen zu nennen, selbst an, dass einer seiner Tischgäste den Verrat oder die Auslieferung begehen werde. Er weist dabei in Gegenwart aller Jünger auf Gottes Vorherbestimmung seines Weges hin, wie auch auf den Weg des Verräters:

Danach führte Judas nach allen Evangelien die jüdische Tempelwache zu Jesu Aufenthaltsort im Garten Getsemani und identifizierte ihn, den drei Synoptikern zufolge, durch einen Kuss. Ob auch römische Soldaten an der Verhaftung beteiligt waren, wie einigen Auslegern zufolge die deutlich abweichende Schilderung der Gefangennahme bei Johannes (Kapitel 18) nahelegt, ist unklar.

mini|Judas bringt die 30 Silberlinge zurück. Gemälde von Rembrandt, 1629 Matthäus ist der einzige Evangelist, der Judas nach der Verurteilung Jesu als reuigen Sünder schildert und davon berichtet, er habe die 30 Silberstücke der Jerusalemer Führung der Juden zurückgegeben. Auch sein Ende wird unterschiedlich überliefert. Während er sich Matthäus zufolge nach der Rückgabe des Geldes erhängte, berichtet von einem Unfall auf dem mit dem Geld gekauften „Blutacker“, bei dem sein Körper aufbrach und „alle Eingeweide herausfielen“. mini|Der Teufel holt die Seele des erhängten Judas. Malerei von Giovanni Canavesio in der Kapelle Notre-Dame-des-Fontaines bei La Brigue um 1492.

Johannesevangelium Das Johannesevangelium gibt Judas in einigen Texten eine Sonderrolle, wo er sie in den älteren synoptischen Versionen nicht hatte. Während der Christusbekenner Simon Petrus in wegen seines Versuchs, Jesus von seinem vorherbestimmten Leidensweg abzubringen, „Satan“ genannt wird, antwortet Jesus in auf dessen Bekenntnis „du bist der Heilige Gottes“:

So wird der Verräter Judas zur Kontrastfigur des Bekenners Petrus.

Während nach „einige“ Jünger gegen die Salbung Jesu mit kostbarem Nardenöl protestierten und fragten, warum man dieses nicht lieber verkauft und den Erlös den Armen gegeben habe, tat dies nach nur Judas. Der Folgesatz kommentiert:

Judas war der Jünger, der ihre Geldmittel verwalten sollte, aber einen Teil davon unterschlug. Danach war Judas nicht bloß käuflich von Jesu Feinden, sondern auch ein Betrüger am Gut seiner Mitjünger und an den Armen. In der synoptischen Aussendungsrede verlangt Jesus, dass keiner der zwölf Jünger unterwegs einen Geld- und Vorratsbeutel mitführen durfte .

In der Szene von Jesu Fußwaschung , die im Johannesevangelium an die Stelle der synoptischen Berichte vom letzten Mahl Jesu mit den Jüngern tritt, wird Judas als einziger der Zwölf für unrein erklärt (V. 10): „Auch ihr seid rein, aber nicht alle. Er wusste nämlich, wer ihn verraten würde; darum sagte er: Ihr seid nicht alle rein.“ Doch erhält Judas mit den übrigen Jüngern die Fußwaschung (V. 12) als Anteil an Jesu Heilstat (V. 8). Die Austeilung des Brotes und Weins beim letzten Mahl erscheint bei Johannes dann als Zeichen, das den Verräter für die übrigen Jünger identifizieren soll. Auf die Frage des Petrus, wer Jesus verraten werde, antwortet dieser hier (V. 26ff.):

Die Zeichen sind in Matthäus 26,23: „der, der die Hand mit mir in die Schüssel getaucht hat“, und in Markus 14,20: „der mit mir aus derselben Schüssel ißt.“ Bei Matthäus, Markus und Johannes erscheint die Gabe des Heils als Auslöser des Verrats, der Verrat jedoch als Auftrag Jesu. Erst nachdem Judas Jesus verlassen hat, ist Jesu Weg ans Kreuz vorbereitet, der für Johannes Jesu Einheit mit Gott vollendet. Demgemäß gestaltet er die Abschiedsreden an die Jüngerschar theologisch breit aus. Im Gebet Jesu heißt es über die Jünger und den abwesenden Judas :

Deutungen Judas wurde als wichtige Person in der Heilsgeschichte immer wieder in der christlichen Theologie, aber auch in fiktionaler Literatur betrachtet. Dabei stehen zwei miteinander verbundene Auslegungsfragen im Mittelpunkt: Hat Judas Jesus absichtlich „verraten“ oder nur „übergeben“? Ist sein Handeln also negativ als verwerfliche Feindschaft gegen Jesus oder vielmehr positiv als Erfüllung von Gottes Heilsplan zu deuten? Wie verhalten sich bei Judas Gottes Vorherbestimmung (Prädestination) und der freie Wille des Menschen zueinander? Hätte Judas sich anders entscheiden können oder musste er sich so entscheiden, um Gottes Heilsplan zu erfüllen? Beide Auslegungsfragen knüpfen an die paradoxe NT-Darstellung an, die das Handeln des Judas negativ kennzeichnet, zugleich aber betont, dass Jesus selbst dieses vorhergesagt und Gott den Tod Jesu als Folge dieses Handelns gewollt habe.

Übergabe als Befreiung In frühchristlichen, vom Gnostizismus beeinflussten Apokryphen wie dem Judasevangelium wird Judas als der Jünger gesehen, der die Erlösungsgeschichte durch seinen Verrat erst ermöglichte, damit im Dienst Jesu stand und sogar als dessen „Befreier“ gilt. Auch Origenes sah in Judas einen Heiligen.

Auf diese Deutung stützen sich auch moderne Exegeten wie der Kirchengeschichtler Hans van Oort. Er sieht Judas in der theologischen Auslegungsgeschichte als missverstanden an und ist der Ansicht, dass Judas Jesus befreit habe, indem er ihn auslieferte.Hans von Oort: Neues Licht auf Judas – Das „Judas-Evangelium“ ist in Washington präsentiert worden. ORF