Der Schlehdorn (Prunus spinosa), auch Schwarzdorn, Schlehe, Schlehendorn, Heckendorn oder Sauerpflaume genannt, ist eine Pflanzenart aus der Gattung Prunus, die zur Tribus der Steinobstgewächse (Amygdaleae) innerhalb der Familie der Rosengewächse (Rosaceae) gehört. Die Art gilt als sehr variabel und neigt zudem zur Hybridbildung mit der Kulturpflaume und anderen Prunusarten. Schlehdorn eignet sich sehr gut für dichte Hecken, die wegen der vielen Dornen weitgehend undurchdringlich sind. Natürlicherweise steht er an lichten Standorten, weswegen er in ganz Europa an Waldrändern und auf Sukzessionsflächen zu finden ist. Seine als Schlehen bezeichneten sauren Früchte werden im Spätherbst gerne zu Likören und anderen Alkoholika verarbeitet. Das harte Holz wurde früher für Peitschenstiele und Spazierstöcke verwendet. Die Bezeichnung Schwarzdorn verweist auf die dunkle, ab dem zweiten Jahr schwarze Rinde des Schlehdorns, worin er sich von den sonst ähnlichen Weißdornen unterscheidet.
Beschreibung Vegetative Merkmale mini|links|Rechtwinklig abstehender Kurztrieb mit endständigem Dorn und Knospen Der sommergrüne, sparrige und sehr dornenreiche Schlehdorn wächst als Strauch oder als kleiner, oft mehrstämmiger Baum, der bis zu 40 Jahre alt werden kann. Er erreicht gewöhnlich Wuchshöhen von 3 Metern. In seltenen Fällen können Exemplare bis 6 Meter Höhe beobachtet werden. Da die zahlreichen Kurztriebe beinahe im rechten Winkel von den Langtrieben abstehen, zeigt die Schlehe ein typisch stark verästeltes Erscheinungsbild. Namengebend für die Art sind die Enden der Kurztriebe, die häufig in einem bis zu 20 mm langen, sehr schlanken Dorn auslaufen. Wie bei allen Dornen handelt es sich im botanischen Sinne um Umwandlungen der Seitentriebe.
Flach verzweigte, bizarre Krüppelformen entstehen durch Wildverbiss oder dauerhaft starke Winde und sind insbesondere in den Eichengebüschen der Nordseeküste anzutreffen.
Die flachwurzelnde Schlehe besitzt eine sehr dunkle, schwärzliche Rinde, die im fortgeschrittenen Alter in schmale Streifen zerreißt. Die Rinde der Triebe ist rotbraun gefärbt und filzig bis fein behaart, später verkahlen sie. Die Zweige zeigen eine rundliche bis kantige Form und sind mit zahlreichen Kurztrieben besetzt.
Die 1,5 bis 2 Millimeter langen, hellbraunen Knospen stehen meist zu dritt über einer Blattnarbe, wobei es sich bei den seitlichen gewöhnlich um Blütenknospen handelt, die rundlicher gestaltet sind als die ovalen bis oval-kugeligen Blattknospen. Am Ende der Kurztriebe kommen Blütenknospen oft ohne Internodien gehäuft vor. Die Blätter sind in der Knospenlage gerollt. Die Knospenschuppen sind meist behaart oder bewimpert und laufen in einer Spitze aus. Langtriebe besitzen keine echte Endknospe.
mini|hochkant=0.5|links|Oberseite des Laubblatts, herbarisiert Die Laubblätter des Schlehdorns stehen an 2 bis 10 Millimeter langen Blattstielen, die leicht behaart sein können, jedoch meist drüsenlos sind. Die Blätter sind wechselständig und häufig büschelig-spiralig angeordnet. Sie fühlen sich relativ weich an. Die Blattspreite entwickelt eine Länge von 2 bis 5 Zentimeter und eine Breite zwischen 1 und 2 Zentimeter. Sie bildet eine verkehrt-eiförmige Form aus, die sich zum Blattgrund hin keilförmig verschmälert und in einer spitzen bis stumpfen Blattspitze ausläuft. Der Blattrand weist eine doppelte, feine Zähnung auf. Junge Blätter bilden an ihrer Blattunterseite zunächst eine flaumige Behaarung aus, verkahlen in der Folge und zeigen danach eine mittelgrüne Färbung. Die Blattoberseite ist unbehaart und von dunkelgrüner Farbe. Linealische, am Rand gezähnte Nebenblätter überragen gewöhnlich den Blattstiel. Am Grund der Blattspreite befinden sich Nektarien.
Generative Merkmale mini|hochkant=0.75|Vollblüte Anfang April, der Blattaustrieb folgt später Der Schlehdorn ist protogyn, also vorweiblich.A. R. Clapham, T. G. Tutin, D. M. Moore: Flora of the British Isles. Third Edition, Cambridge Univ. Press, 1987, ISBN 0-521-30985-9, S. 231. Die weißen Blüten des Schlehdorns erscheinen im März und April – lange vor dem Laubaustrieb. Dadurch lässt sich die Schlehe in diesem Zeitraum leicht von der Pflanzengattung der Weißdorne unterscheiden, deren Blüten erst nach den Blättern gebildet werden. Die an kurzen, starr abstehenden, meist kahlen Blütenstielen stehenden Blüten sind radiärsymmetrisch, fünfzählig und zwittrig mit doppelter Blütenhülle. Ihr Durchmesser beträgt etwa 15 Millimeter. Sie bilden sich an den verdornten Kurztrieben und stehen dort sehr dicht einzeln oder zu je zwei aneinander. Charakteristisch ist ihr leichter Mandelduft. Der Blütenbecher ist glockig. Der Kelch besteht aus fünf eiförmigen Kelchblättchen. Sie werden etwa 1,5 bis 2 Millimeter lang und sind am Rand unregelmäßig fein gezähnt. An der Außenseite ist der Kelch meist unbehaart. Die elliptischen, ganzrandigen, ausladenden und kurz genagelten Kronblätter erreichen eine Länge von etwa 6 bis 8 Millimeter. Sie sind nicht miteinander verwachsen und umgeben die etwa 20, 5 bis 7 Millimeter langen Staubblätter mit gelben oder rötlichen Staubbeuteln. Diese umgeben einen einzigen Griffel. Der mittelständige Fruchtknoten ist weit in den Achsenbecher eingesenkt, der Griffel mit kopfiger Narbe ist etwa so lang wie die Staubblätter.
mini|Bereits Mitte März finden Insekten wie Honigbienen (Apis mellifera) auf Schlehdornblüten ein reiches Nahrungsangebot Die Innenseite des Blütenbechers sondert reichlich Nektar ab, so dass die Schlehdornblüten für zahlreiche Insekten im zeitigen Frühjahr eine wertvolle Nahrungsquelle darstellen. Der Schlehdorn wird dabei von den Insekten bestäubt. An einem aufrechten Fruchtstiel entwickelt sich eine kugelige bis schwach ellipsoide, gefurchte Steinfrucht mit einem Durchmesser von 6 bis 18 Millimeter. Die Fruchtfarbe wechselt mit der Reife von grün nach blauschwarz bereift, eine Behaarung wird nicht ausgebildet. Das grüne, feste Fruchtfleisch löst sich nicht vom Steinkern. Der mehr oder weniger spitzige, harte, leicht abgeflachte Steinkern besitzt eine eiförmige bis ellipsoide oder rundliche Gestalt. Er wird etwa 9 Millimeter lang und 6 Millimeter breit, ist leicht texturiert, meist von rauer Struktur und mit netzartigen Adern. Von der Rückenfurche gehen schräg gestellte Kammstriche ab. Das Fruchtfleisch ist zunächst sehr sauer und herb – erst nach Frosteinwirkung wird es schmackhafter. Die Fruchtreife erfolgt ab Oktober bis November. Als Wintersteher bleiben die Früchte den Winter über am Strauch. Tiere, die den Samen der Frucht wieder ausscheiden, übernehmen die Ausbreitung.
Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 32, bei der „Haferschlehe“ 16 oder 48.
Wie bei den meisten Pflanzen der Gattung Prunus enthalten die Samen des Schlehdorns das Blausäure-Glykosid Amygdalin.
Verbreitung und Standort mini|Verbreitung des Schlehdorns Die Heimat des Schlehdorns erstreckt sich über Europa, Vorderasien bis zum Kaukasus und Nordafrika.Caudullo, G., Welk, E., San-Miguel-Ayanz, J., 2017. Chorological maps for the main European woody species. Data in Brief 12, 662–666. DOI:10.1016/j.dib.2017.05.007 In Nordamerika und Neuseeland gilt er als eingebürgert. Im hohen Norden und auf Island sind keine Bestände belegt. Er vermehrt sich durch Aussaat und durch Wurzelausschläge.
Der Schlehdorn bevorzugt sonnige Standorte an Weg- und Waldrändern und felsigen Hängen oder in Gebüschen, bei eher kalkhaltigen, oft auch steinigen Böden. Als Heckenpflanze ist er weit verbreitet. Man findet ihn häufig in Gesellschaft von Wacholder, Berberitze, Haselnuss, Wildrosen und Weißdornarten. Auf den Dünen an der Ostsee ist er insbesondere mit Weiden vergesellschaftet. Der Schlehdorn besiedelt geeignete Standorte von der Ebene bis in Höhenlagen von 1600 m.
Schlehdornbuschgesellschaften gelten als Bindeglied in der Sukzession zum Hainbuchen-, Buchen- oder Eichenwald. Der Schlehdorn ist in Mitteleuropa eine Charakterart der Ordnung Prunetalia, kommt aber auch in Gesellschaften der Verbände Alno-Ulmion oder Carpinion vor.
Der Schlehdorn ist dem eurasischen Florenelement zugeordnet.
Ökologie Der Schlehdorn ist ein wertvoller Wildstrauch für Vögel und Insekten mit hohem ökologischen Wert. Dennoch wird er in manchen Naturschutzgebieten bekämpft, um zu verhindern, dass sehr seltene oder vom Aussterben bedrohte krautige Pflanzen vom aufkommenden Schlehdorn verdrängt werden.
Wurzelkriechpionier Der Schlehdorn gehört zu den Wurzelkriechpionieren. Die weit streichenden Wurzeln treiben Schösslinge, so dass Schlehdorn ideal ist, um dichte Hecken zu bilden. Wo er etabliert ist, entstehen undurchdringliche Gestrüppe, die zahlreichen Tieren Schutz bieten.
Bedeutung bei der Sukzession in Offenlandbiotopen mini|hochkant=0.8|Schlehenfläche im LSG Hoppecke-Diemel-Bergland vor und nach der Entkusselung Auf Pionierstandorten, wie zum Beispiel Trockenhängen, verdrängt der Schlehdorn die dort angesiedelte krautige Vegetation. Will man diesen natürlichen Sukzessionsprozess zum Schutz der seltenen Trockenhangbiotope aufhalten, so muss der Trockenhang für seine Erhaltung regelmäßig vom Schlehdorn entkusselt werden.Ruprecht Düll, Herfried Kutzelnigg: Taschenlexikon der Pflanzen Deutschlands. Ein botanisch-ökologischer Exkursionsbegleiter zu den wichtigsten Arten. 6., völlig neu bearbeitete Auflage. Quelle & Meyer, Wiebelsheim 2005, ISBN 3-494-01397-7, S. 384. Bereits mit Schlehdornen bewachsene Biotope, insbesondere die sich durch große Biodiversität auszeichnenden Trockenbiotope wie Heiden, Mager- und Trockenrasen, werden dabei wieder freigestellt und beweidbar gemacht.
Synökologie Symbiosen mini|hochkant=1.25|Ende März stehen Schlehenhecken in voller Blüte, während andere Gehölze noch keine Austrieb zeigen Der Schlehdorn zählt zu den wichtigsten Wildsträuchern für Insekten, da er mit seiner Blüte im zeitigen Frühjahr für zahlreiche Hummel-, Wildbienen- und Schmetterlingsarten nach der Überwinterung eine der wenigen frühen Nektarquellen darstellt. Hierbei werden die Blüten in der Regel bestäubt (Zoophilie).
Von den Früchten des Schlehdorns ernähren sich etwa 20 Vogelarten, zumeist Drosselartige, aber auch Meisen oder Grasmücken, wobei die Schlehenkerne unversehrt wieder ausgeschieden und somit die Samen durch die Vögel verbreitet werden (Zoochorie).
Parabiosen Schlehdornhecken bieten insbesondere strauchbrütenden Vogelarten ideale Nistmöglichkeiten. Diese nutzt zum Beispiel der selten auftretende Neuntöter, der zuweilen an den Dornen erbeutete Insekten oder Mäuse aufspießt. Bei dieser Parabiose hat der Neuntöter einen Vorteil, ohne den Schlehdorn hierbei zu schädigen.
An Standorten, die von extremer Trockenheit geprägt sind, wie beispielsweise Steinhalden, wächst der Schlehdorn oft langsam und bildet eine krüppelige Gestalt aus. Hier kann er für Tiere und andere Pflanzen eine Schutzfunktion ausüben.
Stellung im Nahrungsnetz mini|links|hochkant=0.67|Raupen der Pflaumen-Gespinstmotte an der Schlehe Wird mitunter publiziert, dass die Blätter der Schlehe von rund siebzig Schmetterlingsarten zur Eiablage aufgesucht werden, so nennen Untersuchungen größere Zahlen. So wurden allein im Bundesland Baden-Württemberg 136 Arten von Großschmetterlingen als Raupe an Schlehe nachgewiesen.Ebert, G. (Hrsg.) (2005): Die Schmetterlinge Baden-Württembergs. Band 10: Ergänzungsband. Ulmer, Stuttgart. S. 311–312 Schlehdornblätter sind die Nahrungsgrundlage von weit verbreiteten Arten wie der Pflaumen-Gespinstmotte, aber auch für seltene oder gefährdete Arten wie die Raupen des Grauen Laubholz-Dickleibspanners, des Gebüsch-Grünspanners, des stark gefährdeten Schwalbenwurz-Kleinspanners und des vom Aussterben bedrohten Hecken-Wollafters stellen sie eine wertvolle Futterpflanze dar. Erwachsene (adulte) Segelfalter besuchen gern Schlehdornblüten, während sich seine Larven von den Schlehdornblättern oder anderen Prunusarten ernähren.