Militärgeschichte (sowie Kriegsgeschichte; später auch Wehrgeschichte genanntSiegfried Fiedler: Grundriß der Militär- und Kriegsgeschichte. 3 Bände. München 1976–1980). Band 1, 2., ergänzte und erweiterte Auflage 1980, S. 1–11. ist die Dokumentation und Erforschung von konfliktträchtigen Ereignissen in der Geschichte der Menschheit und den Militärapparaten der einzelnen Völker. Sie erstreckt sich von Meinungsverschiedenheiten unter Volksstämmen über zwischenstaatliche Konflikte bis zu Weltkriegen.
Außerhalb dieser Konflikte beschäftigt sich das Fachgebiet mit der militärischen Rüstung (vgl. Rüstungsindustrie) und den Streitkräften der einzelnen Staaten. Weitere verwandte Themengebiete sind die Militärökonomie, Soziologie des Krieges, Militärstrategie, Auf- und Abrüstung usw.
Über das Fachgebiet
Militärgeschichte wird von Militärhistorikern betrieben und beschäftigt sich als Teilgebiet der Geschichtsschreibung mit der inneren Struktur des Militärs und seines Handelns im engeren militärischen Sinne und mit dem Wechselspiel zwischen der Institution Militär und der jeweiligen Gesellschaft in politischer, kultureller, soziologischer und nicht zuletzt auch technologischer Hinsicht.
Im Gegensatz zur älteren Kriegsgeschichte und der Wehrgeschichte der Zwischenkriegszeit ist das Blickfeld über die eigentliche Geschichte der Schlachten ausgeweitet worden: auch der Aspekt der „Militarisierung“ der Gesellschaft ist einbezogen worden. Auch die Friedensforschung nimmt diese gesamtgesellschaftliche Komponente in Hinsicht auf die Genese (insbesondere zeitgenössischer militärischer Konflikte) verstärkt in den Blick.
Verschiedene Problemfelder zeichnen sich im Rahmen des engeren, traditionellen Ansatzes ab:
Die Militärs und ihre Befehlshaber Die Rolle des obersten Militärs und des politisch Verantwortlichen waren in absoluten Monarchien identisch, sie wurden in der Neuzeit aber meist getrennt. Es wird zwischen Befehls- und Kommandogewalt unterschieden. Ein Auseinanderklaffen zwischen beiden zeigt das Verhältnis zwischen Wilhelm II. und Hindenburg. Militärs, die die politische Macht okkupieren (nach dem bekanntesten Vertreter wird dieses Verhalten Bonapartismus genannt), pflegen sich mit dem zugehörigen zeitgenössischen Titel, sei dies „Kaiser“ oder „Präsident“ (Beispiele heute: Pakistan, Birma) zu dekorieren. Die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts waren aber keine Militärdiktaturen: die Bezeichnungen „Führer“, „Duce“, „Wost“ sind allgemeine Bezeichnungen nicht-militärischer Natur. Die Betreffenden hatten auch keinen nennenswerten Dienstgrad innegehabt.
„Der bunte Rock“ Uniformen, Fahnen, Orden, Ehrenzeichen und Dienstgrade, Waffen und Waffengattungen sind von großer Anschaulichkeit und daher von oft großem allgemeinem Interesse gewesen. Innerhalb des Militärs erscheinen die Bezeichnungen von Funktion und Dienstgrad von besonderem Interesse. Die Trennlinie von Führenden im Sinne einer sozial exklusiven Gruppe und von sozial niedergestellten Soldaten verläuft hierbei nicht entlang des qualitativen Kriteriums der Anzahl der jeweils unterstellten Soldaten; es ist beispielsweise wenig erhellend, „Centurio“ mit „Hauptmann“ zu übersetzen.
Der Bereich der Bewaffnung und taktischen Gliederung ist ebenfalls von Interesse. Im Wechselspiel mit der technischen Entwicklung werden neue Strukturen entworfen und überkommene getilgt oder traditionspflegend mit neuen Inhalten gefüllt (Bezeichnung von leichten Panzertruppen als „Kavallerie“).
Die Schlacht und der Krieg Noch stärker zeigt sich das allgemeine Interesse an der militärischen Auseinandersetzung an einem begrenzten Ort innerhalb eines bestimmten Zeitraumes, wobei diese Eingrenzung in neuerer Zeit teilweise verloren ging (Schlacht um Verdun; Luftschlacht um England).
Früher wurde oft versucht, Unterschiede im „Charakter“ der Soldaten (oder bestimmter Soldatengruppen, z. B. Waffengattungen) und/oder im „Nationalcharakter“ herauszuarbeiten und damit Kriegsverläufe oder den Ausgang von Schlachten zu erklären.
Es gibt verschiedene Typen von Kriegen, z. B. Religionskriege, weltanschaulich motivierte Kriege, „imperialistische“ Kriege (nach insbesondere marxistisch-leninistischer Auffassung zur Sicherung von Rohstoffquellen und Absatzmärkten geführt – siehe Eroberungskrieg), Kriege aus „Revanche“, Angriffskriege und Verteidigungskriege. Nach der Art der Entstehung kann man unterscheiden, eher „zufällig“ begonnene Kriege (siehe Erster Weltkrieg) und planmäßig begonnene (siehe zum Beispiel Irakkrieg).
Die interkulturelle Dimension Interessant sind in diesem Sinne militärische Treffen zwischen Angehörigen verschieden entwickelter Gesellschaften (Ritter gegen Mongolen). Es zeigt sich, dass die technologisch weiter entwickelte Seite durchaus nicht immer siegreich ist. Sicherlich spielen dabei auch die Motivation, Ausbildung und persönliche Fähigkeiten der Beteiligten eine wichtige Rolle. Dies artete in der Geschichtsschreibung häufig in eine sehr weitgehende Betrachtung der Feldherrenqualität aus. Selbstverständlich sind aber biographische Aspekte einzelner Militärs durchaus von Bedeutung.
Militär und Gesellschaft Nicht zuletzt ist das Verhältnis zwischen Kämpfern und Nichtkombattanten von großem Interesse. Die Militärverfassung zwischen generellem Aufgebot, Miliz, Wehrpflicht, Berufssoldatentum und Söldnerei, die rechtliche Komponente des „ius ad bellum“ und des „ius in bello“ sind zentral behandelte und zu behandelnde Themen. Vietnamkrieg zu Friedensbewegung und Kalter Krieg.
Entwicklung des Fachgebietes Militärgeschichte Besonders in der Geschichte der preußisch-deutschen Militärgeschichtsschreibung als „Kriegsgeschichte“ ist die ideologische Vereinnahmung seitens der politischen Elite im Sinne einer anti-demokratisch dynastischen Grundausrichtung der Gesellschaft (verstärkt nach den Einigungskriegen) zu konstatieren, insbesondere im Sinne des Hauses Hohenzollern.
Prinzipielles Diese problematische Grundkonstellation wird durch die aus ihr hervorgegangenen Entwicklungen noch verschärft: „Speziell im deutschen Sprachraum ist das Forschungsgebiet der Militär- und Kriegsgeschichte durch grundlegende Widersprüche und Unübersichtlichkeiten gekennzeichnet, welche sowohl aus Kontinuitätsbrüchen innerhalb der Militärgeschichtsschreibung selbst als auch aus der Vielzahl der Institutionen und Personengruppen resultieren […].“ (Nowosadtko, Jutta: Krieg, Gewalt und Ordnung: Einführung in die Militärgeschichte. Tübingen 2002. S. 16)
In der Frühen Neuzeit Die Militärgeschichte, die ihre Wurzeln in der Frühen Neuzeit hat, war seit ihrer Entstehung applikatorisch geprägt. Ihre Aufgabe sollte es sein, durch das Verstehen und Aufbereiten der militärischen Geschehnisse der Vergangenheit für zukünftige Schlachten und Feldzüge zu lernen und Fehler zu vermeiden, indem man die aus der Analyse gewonnenen Erkenntnisse entsprechend in die Planungen und Handlungen einfließen ließ. Hier stand also die direkte praktische Nutzanwendung im Vordergrund, nicht jedoch wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn im Sinne der modernen Historiographie. Die übergreifende Bezeichnung dieser Tätigkeit war dementsprechend auch eher „Kriegswissenschaft“ (im Sinne einer angewandten Technik), die „Kriegshistorie“ war dabei nur ein Hilfsmittel. Diese Kriegswissenschaft wurde von den entsprechenden Fachleuten, den Soldaten, betrieben und sie wurde durch die Jahrzehnte zudem mit einem deutlichen traditionspflegerischen Charakter aufgeladen, welcher der wissenschaftlich-kritischen Methode diametral entgegenstand.
In der Neuzeit Erst im 19. Jahrhundert brachen mit Max Jähns (in Ansätzen), vor allem aber mit Hans Delbrück die zivilen Historiker in diese Domäne der Militärfachleute ein, und versuchten, die Methoden der Geschichtswissenschaft auch in der „Kriegshistorie“ zu etablieren. Ein jahrelanger Streit, der sogenannte „Strategiestreit“, war die Folge. Unversöhnlich standen sich die beiden Seiten gegenüber: Der Zivilhistoriker und seine Anhänger glaubten, man dürfe die Geschichte des Krieges nicht als applikatorisches Werkzeug in der Hand von wissenschaftlich unkundigen oder unwilligen Laien belassen, sondern müsse sie zur Teildisziplin der allgemeinen Geschichtswissenschaft machen. Die Militärs hingegen wollten sich nicht darauf einlassen, die Deutungshoheit über die Geschichte ihres Spezialgebietes an Zivilisten abzugeben, die ihrerseits zwar wissenschaftlich qualifiziert, aber ihrer Meinung nach militärisch zu unkundig waren. Die Widerstände gegen Delbrücks Vorhaben waren allerdings unüberwindbar: „So traf das Delbrück’sche Projekt einer Militärgeschichte weitgehend auf Ablehnung in den genannten Institutionen – mit Konsequenzen, die auch noch nach Jahrzehnten unübersehbar waren.“ (Deist, Wilhelm: Bemerkungen zur Entwicklung der Militärgeschichte in Deutschland, in: Thomas Kühne, Benjamin Ziemann: Was ist Militärgeschichte. Paderborn 2000, S. 315–323) Oder um es deutlich auszudrücken: Delbrück verlor das Ringen mit den Militärs. Schon die Geschichtsschreibung zum Ersten Weltkrieg war wieder fest in der Hand der Militärs, mit Folgen, die bis auf den heutigen Tag im Diskurs über diesen Krieg wirken.
Vor diesem Hintergrund, dem traditionspflegerischen und applikatorischen Verständnis von Kriegsgeschichte, müssen die Quellen und die darin versteckten Denkprozesse stets betrachtet werden. Diese Sichtweise, aus einer bewusst verengt wahrgenommenen Geschichtsperspektive direkte Nutzanwendung ziehen wollen, ist mitentscheidend gewesen für die Entwicklungen, die in dieser Arbeit beleuchtet werden. Auch nach Delbrücks singulärem Vorstoß blieb die militärische Geschichte in der Hand der Soldaten, und somit applikatorische Kriegsgeschichte. Einzug hat das Politische in diese Sphäre nur insofern gefunden, als dass die Kriegsgeschichte nun zur Legitimation politischer Handlungen verwendet wurde – ihr methodisches Wesen blieb davon jedoch unberührt.
Zeitschrift „Militärwissenschaftliche Mitteilungen“ Nach dem Ersten Weltkrieg wurden 1918/19 sämtliche militärische Fachzeitschriften in Österreich eingestellt. Die Streitkräfte unterlagen zunächst denselben Restriktionen wie die des Deutschen Reiches, weshalb nach dem Krieg kein Generalstab eingerichtet werden durfte, der eine amtliche militärische Geschichtsschreibung hätte betreiben können. Außerdem bestand in den Wirren der Nachkriegszeit kein Interesse an einer Fachpresse zur militärischen Unterrichtung der Streitkräfte. Ab dem Sommer des Jahres 1920 erschienen im Österreichischen Bundesministerium für Heerwesen mit Förderung des Heersinspektorats die „Technischen Mitteilungen“, eine Zeitschrift, die es bereits seit 1869 gegeben hatte. Diese behandelte allerdings nur militärtechnische und artilleristische Themen. Mehr war zu diesem Zeitpunkt nicht zu erreichen, da die „Ständige Parlamentskommission für Heeresangelegenheiten“ sich unter Leitung des Generals Theodor Körner gegen jede weitere Form von „habsburgischer Traditionspflege“ stellte.
Als Körner 1924 pensioniert wurde, wurde die Zeitschrift in „Militärwissenschaftliche und Technische Mitteilungen“ umbenannt; später in „Militärwissenschaftliche Mitteilungen“. In ihr wurden nun wieder umfangreiche militärische Themenbereiche behandelt. Unter der Leitung zweier Offiziere nahm der Umfang der Zeitschrift bis 1932 um das 4-fache zu und umfasste etwa 1000 Seiten pro Jahr. Zusätzlich erschienen Sonderhefte zu größeren Themengebieten. Es erschien eine Ausgabe pro Monat; zusätzlich wurde ein „Verlag der Militärwissenschaftlichen Mitteilungen“ eingerichtet, der Bücher zu militärischen Themen publizierte.