Der Fernsehpitaval ist eine von 1958 bis 1978 produzierte und im Fernsehen der DDR ausgestrahlte Kriminalfilmreihe. Sie war die erste derartige Reihe im DDR-Fernsehen und wird deshalb häufig auch als der eigentliche Beginn des Kriminalfilms in der DDR angesehen.Anwalt Kaul war der Entdecker der Krimiserie fürs Ost-Fernsehen. In: Berliner Kurier, 1. Juni 1996 Eine Besonderheit ist, dass der Reihentitel – je nach thematischer Einordnung des dargestellten Falles – variiert wurde und so zeitweise auch mehrere Reihentitel parallel existierten. So startete die Reihe als Weimarer Pitaval, später liefen Episoden auch unter den Reihentiteln Bonner Pitaval und Pitaval des Kaiserreiches. Verbindendes Element war dabei die Bezeichnung Pitaval, die auf die von François Gayot de Pitaval begründete Literaturform des Pitaval, einer Sammlung authentischer Kriminalfälle, zurückgeht.

Geschichte Die Szenarien wurden von Friedrich Karl Kaul (auch unter dem Namen Friedrich Karl Hartmann) und Walter Jupé verfasst. Produziert wurden die Sendungen vom Fernsehen selbst oder vom DEFA-Studio für Spielfilme im Auftrag des Fernsehens. Der reale Kriminalfall, der der jeweiligen Episode zugrunde liegt, wurde szenisch dargestellt. Häufig wurden die Spielhandlungen durch einleitende und abschließende Worte von Friedrich Karl Kaul eingerahmt.

Die Handlung umfasste dabei neben dem Kriminalfall selbst häufig auch dessen Vorgeschichte sowie die anschließenden Ermittlungen und – sofern im realen Fall durchgeführt – das Strafverfahren. Die Fälle deckten eine große Spannbreite an Kriminalität ab. So wurde sowohl der Serienmörder Karl Denke (Der Fall Denke) oder die Die Affäre Heyde-Sawade um den Wiedereinstieg eines SS-Mediziners unter falschem Namen in der Bundesrepublik (1963) gezeigt. Das Geschehen wurde von Kaul kommentiert, der auch am Ende den Fall zusammenfasste und damit den Zuschauer in die gewünschte Richtung lenkte. Das Format wies so eine publizistisch-dramatische MischformAndrea Guder: (PDF) S. 8, 20 auf. Die Sendung umfasste mehrere Komplexe wie den Pitaval des Kaiserreichs, den Weimarer Pitaval, den Bonner Pitaval sowie Fälle aus der Zeit der Herrschaft des Nationalsozialismus. Propagandistisches Ziel war es, angebliche oder tatsächliche Kontinuitäten der westdeutschen Justiz zu der Justiz der Vorgängerregierungen herauszuarbeiten, Kritik am bürgerlichen Rechts- und Justizsystem zu üben und deren Klassencharakter aus marxistischer Sicht aufzuzeigen.Jörg-Uwe Fischer: (PDF; 746 kB) DRA-Spezial, 9/2006, S. 3 Die durch die Fernsehserie vermittelte Sicht der Kriminalität ist vor dem ideologischen Hintergrund vor allem der frühen sozialistischen Kriminalistikauffassung zu sehen. Nach dieser sollte die Kriminalität mit der zunehmenden Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft aussterben, da mit freier Bildung und der Versorgung der Bürger der Anlass für kriminelles Verhalten entfallen sollte, Kriminalität sei vor allem ein Überrest der bürgerlichen Klassengesellschaft.Regina Rauxloh: In: German Law Journal, Heft 6, 1. Juni 2005 (englisch) Erst mit Der Staatsanwalt hat das Wort ab 1965 und Polizeiruf 110 ab 1971 sollte die Kriminalität in der DDR thematisiert werden.

Die erste Sendung (Weimarer Pitaval – Der Fall Saffran) wurde am 25. November 1958 ausgestrahlt, insgesamt wurden bis zur letzten Folge (Mordsache Dora Lemke, ausgestrahlt am 4. Juni 1978) 41 Folgen gesendet. Neben dem Fernsehpitaval wurden einige ähnlich geartete Fernsehspiele produziert, wie der fünfteilige Film über den ersten Auschwitzprozess (Auschwitz–Prozeß. Impressionen aus der Hauptverhandlung, 1964).

Episodenliste Nr. Reihe Titel Dauer in Minu­ten Erst­aus­strahlung Regie Fall 1 Weimarer Pitaval Der Fall Saffran 74:00 25.11.1958 Wolfgang Luderer 2 Weimarer Pitaval Der Fall Böhme 91:00 18.12.1958 Wolfgang Luderer 3 Weimarer Pitaval Der Fall Jörns 28:00 15.01.1959 Wolfgang Luderer Remake als Kinofilm: Der Mord, der nie verjährt (1968) 4 Weimarer Pitaval Der Fall Wandt 64:00 19.02.1959 Wolfgang Luderer Heinrich Wandt 5 Weimarer Pitaval Der Fall Marloh 20:00 19.03.1959 Wolfgang Luderer 6 Weimarer Pitaval Der Fall Harry Domela 86:00 04.06.1959 Wolfgang Luderer Harry Domela 7 Fernsehpitaval Der Fall Jakubowski 93:00 29.12.1959 Wolfgang Luderer Josef Jakubowski 8 Fernsehpitaval Der Fall René Levacher alias… 63:00 07.02.1960 Wolfgang Luderer Hans-Konrad Schmeißer und Der Spiegel 9 Fernsehpitaval Der Fall Haarmann 66:00 06.03.1960 Wolfgang Luderer Fritz Haarmann 10 Fernsehpitaval Der Fall Hugo Stinnes jr. 98:00 24.04.1960 Wolfgang Luderer Hugo Hermann Stinnes 11 Fernsehpitaval Der Fall Hoefle 100:00 19.06.1960 Wolfgang Luderer Anton Hoefle 12 Fernsehpitaval Der Fall Annemarie Haller * 12.07.1960 13 Fernsehpitaval Der Fall Dibelius – Schnoor 87:00 29.12.1960 Wolfgang Luderer 14 Fernsehpitaval Der Fall Denke 79:00 05.03.1961 Wolfgang Luderer Der Massenmörder Karl Denke 15 Fernsehpitaval Der Fall Frieders * 02.05.1961 Fall Kurt Frieders 16 Fernsehpitaval Der Fall Sklarek * 03.09.1961 17 Fernsehpitaval Auf der Flucht erschossen 99:00 25.03.1962 Wolfgang Luderer Die Morde von Mechterstädt 18 Weimarer Pitaval Der Fall Hellseher Drost 44:25 03.05.1962 Wolfgang Luderer 19 Wohl dem, der lügt 76:00 27.09.1962 Wolfgang Luderer Wurde zwar in der Reihe gedreht, aber nur als normales Fernsehspiel ausgestrahlt 20 Bonner Pitaval Die Affäre Heyde-Sawade 96:00 03.06.1963 Wolfgang Luderer Werner Heyde Euthanasieverbrechen 21 Bonner Pitaval Die Affäre Meincke * 03.09.1963 22 Bonner Pitaval Die Affäre Kuflik * 12.11.1963 23 Pitaval des Kaiserreiches Die Ermordung des Rittmeisters von Krosigk 105:00 06.02.1966 Wolfgang Luderer 24 Pitaval des Kaiserreiches Der Prozeß gegen die Gräfin Kwilecki 104:00 06.03.1966 Wolfgang Luderer Familie Kwilecki 25 Pitaval des Kaiserreiches Die Synagoge brennt 77:00 10.04.1966 Wolfgang Luderer, Hans-Hartmut Krüger Neustettiner Synagogenbrand 26 Pitaval des Kaiserreiches Der Skandal um Herrn Leberecht von Kotze 64:00 15.05.1966 Wolfgang Luderer, Hans-Hartmut Krüger Kotze-Affäre 27 Pitaval des Kaiserreiches Justizmord in Elberfeld 85:00 19.06.1966 Wolfgang Luderer Albert Ziethen, zu Unrecht verurteilt 28 Fernsehpitaval Der Fall der Ulmer Reichswehroffiziere 96:00 26.11.1967 Wolfgang Luderer Ulmer Reichswehrprozess 29 Fernsehpitaval Sprechen Sie zur Sache, Angeklagte 83:00 27.03.1970 Wolfgang Luderer Prozess gegen Rosa Luxemburg, 1914 30 Fernsehpitaval Der Fall des Prinzen Arenberg 65:00 16.04.1972 Manfred Mosblech Prinz Karl Prosper von Arenberg beging 1899 einen Mord 31 Fernsehpitaval Der Fall Deckers 105:00 17.10.1972 Wolfgang Luderer 32 Fernsehpitaval Um den Tod eines Justizobersekretärs * 28.11.1972 Mord an Justizobersekretär Eduard Kleinschmidt im Rahmen des NS-Euthanasieprogramms 33 Fernsehpitaval Als entlastet eingestuft. Der Fall des Staatsanwalts Meerstrom 90:00 18.04.1973 Wolfgang Luderer 34 Fernsehpitaval Verein zur Vermögensumverteilung * 19.12.1973 35 Fernsehpitaval Das Geständnis 94:00 20.01.1974 Wolfgang Luderer 36 Fernsehpitaval Die Aktfotos 101:00 16.06.1974 Wolfgang Luderer Affäre Jaccoud 37 Fernsehpitaval Watergate (1): Der Einbruch beim Psychiater 50:26 14.01.1975 Wolfgang Luderer, Marika Weiße Watergate-Affäre 38 Fernsehpitaval Watergate (2): Die Lawine rollt 85:15 15.01.1975 Wolfgang Luderer, Marika Weiße 39 Fernsehpitaval Der Fall Berthold Jacob Salomon 75:34 18.03.1976 Ursula Bonhoff Berthold Jacob, Opfer des Nationalsozialismus 40 Fernsehpitaval Der Weg ins Nichts 91:00 21.11.1976 Hubert Hoelzke 41 Fernsehpitaval Der Ring 55:26 04.01.1977 Werner Roewekamp 42 Fernsehpitaval Mordsache Dora Lemke 76:11 04.06.1978 Werner Roewekamp * Ohne Filmüberlieferung im deutschen Rundfunkarchiv, nur Drehbuch vorhanden

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Hörfunkprogramme über den Fernsehpitaval bit – Das Wissenschaftsmagazin des Berliner Rundfunks (8 Min., 21. Oktober 1986) Berliner Pitaval (Dokumentation, 14. Mai 1987) von Wolfgang Schüler François Gayot de Pitaval: Martin Guerre – Die Wahrhaften Geschichten des alten Pitaval (28 Min.) 18. Januar 1989

Weblinks Fernsehpitaval – Eine Bestandsaufnahme. (PDF; 728 kB) DRA-Spezial, 9/2006 Fernsehpitaval 1957–1978 – Eine Bestandsübersicht. Mit einem Anhang „Pitaval im Hörfunk“, Deutsches Rundfunkarchiv Babelsberg (PDF; 348 kB)

Einzelnachweise

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